„Dat qualmt 'n beten und denn knallt dat“

Tagsüber arbeitet Jan Ladiges als Landschaftsgärtner. Abends beteiligt er sich an Poetry-Slams. Mit plattdeutschen Beiträgen errang der 53-Jährige schon viele Siege. Zum Reimen kam er durch einen unangenehmen Umstand.

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Jan Ladiges erobert mit plattdeutschen Reimen die Bühnen der jungen Dichtkunst. Foto: Frank/kommunikateam
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Jan Ladiges erobert mit plattdeutschen Reimen die Bühnen der jungen Dichtkunst. Foto: Frank/kommunikateam
Jan Ladiges steht vor seinem Radlader. Manche Ideen kommen ihm während der Arbeit. Er hält sie gern sofort fest. Foto: Frank/kommunikateam
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Jan Ladiges steht vor seinem Radlader. Manche Ideen kommen ihm während der Arbeit. Er hält sie gern sofort fest. Foto:…
Seit 35 Jahren arbeitet Jan Ladiges als Landschaftsgärtner, seit 29 Jahren alt Meister. Das Dichten entdeckte er vor drei Jahren. Foto: Frank/kommunikateam
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Seit 35 Jahren arbeitet Jan Ladiges als Landschaftsgärtner, seit 29 Jahren alt Meister. Das Dichten entdeckte er vor drei…

Für einen Moment nimmt seine leise Stimme Fahrt auf. „Man hat ja noch ein bisschen Platz im Kopf beim Rasenmähen“, sagt Jan Ladiges. Seine Augen blicken über die schmalen Ränder seiner Brille hinweg und lachen das Gegenüber offen an.

Der 53-Jährige sitzt neben einem rustikalen Holztisch in der geräumigen Wohnküche seines Hauses am südlichen Dorfrand von Holm. Es ist Feierabend. Rasenmäher, Radlader und Spaten stehen ordentlich in der Garage. Der Gärtnermeister nippt an einem noch halb mit schwarzem Tee gefüllten Becher.

Manchmal kommt Jan Ladiges Stimme für länger als einen Moment in Fahrt. Im Herbst brachte er etwa 400 junge Besucher der Büdelsdorfer Thormannhalle zum Johlen. Bei einem Dichterwettbewerb unter dem Motto Poetry-Slam-op-Platt warf er den bekannten Moderator, Schauspieler, Unterhalter und Sänger Yared Dibaba aus dem Rennen. „Rauswerfen klingt so hart. Sagen wir: Er hat den Kürzeren gezogen“, sagt der Gärtnermeister leise und nippt an seinem Teebecher.

Er findet beim Rasenmähen immer noch einen Platz in seinem Kopf für einen Reim, einen rhythmischen Satz, eine plattdeutsche Beobachtung der modernen Gesellschaft, eine lustige Alltagsgeschichte mit biografischen Zutaten. Meistens entdeckt der selbstständige Garten- und Landschaftsbauer dann auch einen Zettel und einen Stift, um die Einfälle festzuhalten. Das Stück „De Minibagger“ zum Beispiel scheint auf eben diesem Gerät entstanden zu sein:

Ik sett mi rop und schalt wat,
dat qualmt 'n beten und denn knallt dat.

Der Platz im Kopf entstand nicht von selbst. Bis vor drei Jahren führte Jan Ladiges eine Garten- und Landschaftsbau-Firma mit mehreren Mitarbeitern. „Ich war beruflich voll eingespannt“, berichtet er. Doch dann erlitt er einen Bandscheibenvorfall, zog die Reißleine und verkleinerte den Betrieb. „Da merkte ich, dass es mir zufällt, Reime zu machen“, sagt er.

Kurz darauf platzte er zufällig in den ersten Wedel-Schaedel-Poetry-Slam im Bier- und Wein-Comptoir Wedel hinein. Der Veranstalter Sven Kamin ermutigte ihn aufzutreten. Jan Ladiges trug nur ein einziges Gedicht bei sich. „Wer eine Runde weiterkommt, muss noch einen zweiten Text vortragen. Den hätte ich gar nicht gehabt“, berichtet er. Ein Jahr später gewannen Kamin und Ladiges gemeinsam den dritten NDR-Wettbewerb „Poetry op Platt“. Aus der nächsten Runde im April 2014 ging Ladiges bereits als alleiniger Sieger hervor.

Er ist nicht der einzige plattdeutsche Poetry-Slammer. „Aber ich bin wohl der einzige, der auf hochdeutschen Poetry-Slam-Veranstaltungen mit plattdeutschen Texten auftritt“, sagt er.

Die Wettbewerbe sind spannend. „Das geht nach Applaus, gnadenlos. Aber es kann sein, dass der literarisch Wertvollere sich gegen den Publikumsgeschmack nicht durchsetzen kann“, so Ladiges.

Seine Beiträge heben sich ab. „Mir geht es darum, das Plattdeutsche präsent zu halten und vielleicht den einen oder anderen dafür einzunehmen“, erläutert er. Mit den plattdeutschen Schwänken, die landauf, landab aufgeführt werden, will er aber nichts zu tun haben. Jan Ladiges rappt über die Schlange an der Discounterkasse („Lidl“), über das Dichten („Rampensau“), das nächtliches Grübeln („Niech mien Dag“) und „De Minibagger“. Am Ende dieses Stückes heißt es:

Genau nommen bün ik Dichter
un ik bün viellicht 'n beten schlichter,
aber Riemels to fin'n fallt mi lichter
ans de meisten annern Gesichter.

Jan Ladiges ist der Mann mit dem harten Kern in der weichen Schale. Auf einem Schild in seiner Küche steht: „Gott gibt die Nüsse, aber er beißt sie nicht auf.“ Jan Ladiges hat Biss.

Wer ihn live hören will, sollte den Poetry-Slam an jedem dritten Donnerstag eines Monats ab 20 Uhr im Bier- und Wein-Comptoir Wedel, Mühlenstraße 2, besuchen. Oft tritt Ladiges dort auf. Am Sonnabend, 25. April, steht er im Zuge des Wedeler Ochsenmarkts ab 19 Uhr bei der „Nacht der Ochsenfreunde“ auf der Bühne. Am Mittwoch, 28. August ringt er beim NDR-Poetry-Slam-op-Platt in Büdelsdorf um den Sieg.

Seine erste CD veröffentlichte Jan Ladiges im Herbst 2014. Sie trägt den Titel „Rap-Snuten. Poetry Slam op Platt“. Stephan Hentschel produzierte sie in seinem downstairs-Studio in Wedel. Zu beziehen ist der Silberling im Internet unter www.jan-ladiges-plattdeutsch.de. Ein Gedichtband ist in Planung. [Jan-Hendrik Frank/kommunikateam, 1.4.2015]

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