"Die Begeisterung in Wedel ist ansteckend"

Grigory Gruzman, gern gesehener Dauergast der Wedeler Musiktage, im Interview mit wedel.de-Mitarbeiter Christoph Forsthoff

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Seit Jahren bringt er Talente zu den Musiktagen, die das Publikum begeistern: der international erfolgreiche Pianist Grigory Gruzman. Foto: Susanne Diesner
Seit Jahren bringt er Talente zu den Musiktagen, die das Publikum begeistern: der international erfolgreiche Pianist Grigory Gruzman. Foto: Susanne Diesner

Grigory Gruzman hat im Laufe seiner Pianisten-Karriere auf Konzertbühnen in aller Welt gastiert. Ebenso erfolgreich ist der 1956 in Leningrad geborene und 1972 aus der Sowjetunion ausgewanderte Künstler indes seit mehr als vier Jahrzehnten als Lehrer: Seine Professuren führten ihn von Freiburg über Darmstadt und Hamburg nach Weimar, wo der temperamentvolle kleine Mann inzwischen auch Hochbegabte unterrichtet. Und sich dabei immer wieder als pianistisches „Trüffelschwein“ erweist, wie die Wedeler seit einigen Jahren erleben dürfen: Präsentiert Gruzman doch bei den hiesigen Musiktagen die „Junge Elite“. Stars von morgen wie nun an diesem Sonnabend die 20-jährige Pianistin Yumeka Nakagawa, die 2021 mit dem Schweizer Clara-Haskil-Wettbewerb eine der international bedeutendsten Klavierkonkurrenzen gewann, und den gleichaltrigen Max Mostovetski. Vor ihrem Konzert hat Christoph Forsthoff mit Gruzman gesprochen.

Wie gelingt es Ihnen immer wieder, die Stars von morgen nach Wedel zu holen?
Gruzman: In der Tat machen manche bereits international Karriere, obwohl sie noch Studierende in meiner Klasse sind – trotzdem sind sie schon Weltstars. Manchmal muss ich sie ein klein wenig überreden und sage dann: Schau, ich spiele da auch jedes Jahr und empfinde das als eine Ehre für mich, vor solch einem Publikum aufzutreten – es ist einfach eine Örtlichkeit, wo es sich zu spielen lohnt. Das genügt schon an Überredungskunst.

So wie nun bei Yukema Nakagawa – was zeichnet sie als Pianistin aus?
Auf den ersten Blick wirkt sie noch wie ein Schulmädchen – doch sie ist bereits eine großartige Künstlerin, ungeheuer vielfältig und in jeder Stilepoche zu Hause. Auch beim Clara-Haskil-Wettbewerb musste sie dies unter Beweis stellen, denn in jeder der vier Ausscheidungsrunden standen zwei, drei andere große Komponisten auf dem Programm – und Yumeka hat diese Herausforderung glänzend bestanden. Denn dieses kleine, niedliche Mädchen legt auf der Bühne mit einem geradezu übermächtigen Tonschwall los – und beweist im nächsten Moment die Lyrik einer großen Liebhaberin.

Und was zeichnet Max Mostovetski aus?
Der ist körperlich das Gegenteil – da kommt ein gut gewachsener Basketballspieler auf die Bühne, dessen Beine kaum Platz unter der Tastatur finden. Doch irgendwie reiht sich dann alles ein, und er spielt in jeder Aussage ungeheuer persönlich. Max vereinnahmt die Musik geradezu – im guten Sinne des Wortes – und entlockt dem Flügel in seiner sehr subjektiven Art der Interpretation jedes Mal aufs Neue ganz besondere Klänge. Womit er vergangenes Jahr den zweiten Preis beim internationalen Carl Maria von Weber-Wettbewerb gewonnen hat.

 Sie präsentieren ja nun schon seit Jahren in Wedel die junge Tasten-Elite – wie ist bei Ihnen seinerzeit der Kontakt zu den Musiktagen entstanden?
Das geschah vor bald zehn Jahren auf Vermittlung meines Konzertagenten, der mich mit dem damaligen künstlerischen Leiter Matthias Kosel bekannt machte. Ein großartiger Musiker, Komponist und Dirigent – wir haben dann auch gemeinsam gespielt, vierhändig auf zwei Flügeln. Zumal man mit ihm ebenfalls wunderbar jazzen und improvisieren kann.

Nun leben Sie ja weit entfernt von hier in Hessen – was lässt Sie dennoch die Treue zu den Wedeler Musiktagen halten?
Das ist relativ – in meiner Karriere habe ich so viele Reisen unternommen, bin oft heute nach Asien und morgen in die USA geflogen, da sind Reisen innerhalb Europas im Grunde Kleinkram. Und die Fahrt nach Hamburg habe ich ja jahrelang geübt während meiner Professur an der Musikhochschule – die wurde irgendwann zur lieben Gewohnheit. Außerdem nimmt man diese leichten Strapazen für diese besondere Örtlichkeit und dieses Publikum gern auf sich: Denn die Begeisterung, die in Wedel zu spüren ist, dieser Funke der gegenseitigen Freude ist einfach ansteckend und lohnt sich.

Mit Matthias Dworzack haben die Wedeler Musiktage nun seit 2020 einen neuen künstlerischen Leiter, der in diesem Jahr erstmals ohne Einschränkungen seine Ideen umsetzen kann – was zeichnet ihn und seine dramaturgische Handschrift aus?
Man darf sich als Künstler dort ausleben und gehen lassen im guten Sinne des Wortes, und das wird begeistert beklatscht! Matthias Dworzack legt Wert auf programmatische Vielfalt und achtet darauf, dass alles auf hohem künstlerischen Niveau stattfindet, mit Würde und Leidenschaft über die Bühne geht – und diese Begeisterung ist für alle und überall spürbar.

Der Autor: Christoph Forsthoff war Ressortleiter, Textchef und Blattmacher, unter anderem bei der Financial Times Deutschland. Als Kulturjournalist arbeitet er für Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz - mit den Schwerpunkten Klassik und Jazz.

Die Gruzman-Termine:
24. September Rist Forum, 15.30 Uhr: „Professor Gruzmans Pianoparty“ – Eintritt frei

24.September, Rist Forum, 19.30 Uhr: „Gruzman und die Junge Elite“ – Karten (23 Euro): www.wedeler-musiktage.de und Buchhaus Steyer: 04103/919370

 

 

Letzte Änderung: 21.09.2022

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