"Junge Wilde" im Ernst-Barlach-Museum

Expressive Malerei im Berlin der 80er-Jahre ab Sonntag, 23. Oktober, im Geburtshaus an der Mühlenstraße

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"Dreaming" heißt dieses Bid von K. H. Hödicke, aus dem Jahr 1989, Kunstharz auf Leinwand. Foto: pr
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"Dreaming" heißt dieses Bild von K. H. Hödicke aus dem Jahr 1989, Kunstharz auf Leinwand. Foto: pr
Dieser Siebdruck von Luciano Castelli aus 1985 trägt keinen Titel.
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Dieser Siebdruck von Luciano Castelli aus 1985 trägt keinen Titel.

Zu Beginn der 1980er-Jahre etabliert sich eine neue Generation junger Malerinnen und Maler. Ihr Auftreten ist spektakulär, radikal, direkt. Sie setzen sich mithilfe von Gemeinschafts- und Einzelausstellungen, Publikationen und Interviews ins Licht der Öffentlichkeit. Wild, heftig, punkig, frech, aggressiv, hässlich lauten die Charakterisierungen ihrer Bilder. Eine Auswahl ist im Ernst-Barlach-Museum zu sehen; und zwar vom 23. Oktober bis zum 26. März 2023.

Die „Jungen Wilden“ verursachen eine regelrechte Explosion der Malerei. Heute gelten sie als eine der letzten großen künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Die Erfolgsgeschichte der jungen deutschen Künstlergeneration ist inzwischen international zum kunsthistorischen Mythos geworden. Die „Jungen Wilden“ werfen die minimalistischen, kargen und abstrakten Stile der Vergangenheit über Bord und ersetzen sie durch einen Überfluss an Bildlichkeit, Erzählung, Materialien, Farben und Emotionen. Es ist ein Aufbruch zu spüren, als wäre eine neue, körperliche und dynamische Welt freigesetzt worden, die sich endlich gelöst hat von den repressiven Zwängen der Rationalität.

Die„Jungen Wilden“ sind in lockeren Gruppen zusammengeschlossen. Ein Zentrum ist West-Berlin mit den Hauptvertretern Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer, die 1977 die Selbsthilfegalerie am Moritzplatz gründen. Formal verbindet die „Moritz Boys“ eine spontan-expressive Bildsprache, sodass ihnen schnell auch das Etikett Neoexpressionisten anhaftet. Thematisch lassen sie sich vom Geist der Mauerstadt anregen, die Berliner Subkultur, die Punkszene und die New-Wave-Kultur stehen im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Programmatik. Einem objektiven Blick setzen sie eine zutiefst subjektive Haltung und eine radikale Ausschöpfung malerischer Mittel entgegen, die sich einer verknappten Gegenständlichkeit und aggressiver Farbigkeit bedienen. Persönliche Obsessionen und sexuelle Neigungen wie bei Salomé oder auch das Motiv der Stadtlandschaft bei Bernd Zimmer und Rainer Fetting sind wichtige Motivgruppen.

Die Berliner Wilden betreiben eine extrem heftige Malerei, die durch ihre impulsive Sinnlichkeit noch heute überrascht. Die repräsentative, zugleich aber auch persönlich bewegende Auswahl aus den Sammlungsbeständen der Kunstsammlung der Berliner Volksbank und aus Leihgaben einzelner Künstler*innen zeigt 40 Jahre nach der legendären „ZEITGEIST“-Ausstellung im Martin Gropius Bau heute, wie eng künstlerische Bewegungen mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen verbunden sind. Tatsächlich sind die 1980er-Jahre geprägt von Individualisierung, neuem Umweltbewusstsein und gewaltigen Umbrüchen der internationalen Politik. Angst vor dem Atomtod, die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, das Waldsterben oder die damals neue Krankheit Aids prägen dieses Jahrzehnt, an dessen Ende der Mauerfall und die Auflösung der Sowjetunion stehen.

Die Ausstellung „Junge Wilde“ präsentiert eine kunsthistorische Dekade, deren Einfluss auf den internationalen Kunstbetrieb bis heute andauert. Zugleich untersucht sie die Relevanz von Kunst als Zeitzeugenschaft. Schließlich zeigt sie, wie antizipativ Kunst als gesellschaftliches Psychogramm die Ängste und Visionen einer Gesellschaft abbildet, die sich über Jahrzehnte bewahrheiten können und gegenwärtig eine neue und beklemmende Aktualität besitzen.

Die Öffnungszeiten: täglich von Dienstag bis  Sonntags jeweils von  11 bis 18 Uhr. Für angemeldete Gruppen und Schulklassen können Sonderöffnungszeiten vereinbart werden. Eintrittspreise: 10 Euro, ermäßigt für Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten sowie Auszubildende und Gruppen ab zehn Personen 8 Euro pro Person. Führungen für Gruppen bis maximal 20 Personen 120 Euro zuzüglich ermäßigter Eintritt. (Jürgen Doppelstein/Ernst-Barlach-Museum, 17.10.2022)

Letzte Änderung: 17.10.2022

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