Bitte Durchlassen - hier kommt Jule!

Blindenführhunde sind treue Begleiter, die eine normale Teilhabe von Menschen ohne Sehvermögen am Alltagsleben erst erlauben.

in Leben in Wedel, Top-News

Jule ist stressresistent und kennt über 50 Befehle und akustische Signale.
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Jule ist stressresistent und kennt über 50 Befehle und akustische Signale.
Jule zeigt, wo es langgeht und findet jede Haltestelle und zeigt das ihrem Frauchen an, indem sie daran hochspringt.
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Jule zeigt, wo es langgeht und findet jede Haltestelle und zeigt das ihrem Frauchen an, indem sie daran hochspringt.
Die vierjährige Labradorhündin hat auch gelernt, am Bordstein zu halten und erst dann die Straße zu queren, wenn sie frei ist.
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Die vierjährige Labradorhündin hat auch gelernt, am Bordstein zu halten und erst dann die Straße zu queren, wenn sie frei…

Am 29.Januar 1929, also vor genau 92 Jahren, eröffnete mit "The Seeing Eye" in New Jersey die erste Blindenführhundschule in den USA. Diese Gründung wird als Anlass genommen jedes Jahr an diesem Datum den internationalen Tag des Blindenführhundes weltweit zu feiern.

Was damals eine Sensation war, ist heutzutage selbstverständlich. Rund 3000 Blindenhunde begleiten in Deutschland Nicht-Sehende durch den Alltag. Einer von diesen treuen Weggefährten ist Jule, eine vierjährige schwarze Labradorhündin, die oft in Wedel unterwegs ist. Sie gehört Renate Kokartis.

Jule ist zunächst als Welpe in einer Patenfamilie aufgewachsen und hat dabei Gehorsamkeit und sich in einem Haushalt zurechtzufinden gelernt. Dann wurde sie im Alter von zwölf Monaten von einer Führhundschule in die Ausbildung genommen. Sie musste einen Wesenstest mitmachen, in dem unter anderem geprüft wurde, wie Stressresistent sie ist und ob sie ihren Jagdinstinkt unterdrücken kann. Nach einem Gesundheitscheck und der Ausbildung zum Führhund durch einen professionellen Trainer, zog sie dann vor zwei Jahren bei Renate Kokartis in Hetlingen ein.

Die heute 77-jährige ehemalige Steno- und Phonotypistin hat viele Jahre in der Krankenhausverwaltung in Wedel gearbeitet. Sie bekam schon in jungen Jahren die Augenkrankheit der grüne Star und erblindete. Um weiter selbstständig zu sein und aktiv ihren Tag auch unabhängig von Familie und Freunden gestalten zu können, schaffte sie sich dann 1980 ihren ersten Blindenführhund an. Jule ist mittlerweile schon ihr achter vierbeiniger Wegbegleiter.

Wenn Jule im Dienst ist und Renate Kokartis zum Beispiel durch Wedel begleitet, gibt es so manches Hindernis. Obwohl die Labradorhündin ihr weißes Geschirr mit einem Griff mit einem Symbol mit der Aufschrift Blindenführhund um hat, gibt es immer wieder Alltagssituationen, in denen der Hund sich konzentrieren soll, Passanten aber ohne zu fragen die Labradorhündin streicheln oder den Weg für das Gespann nicht freimachen.

"Wenn ich Jule den Befehl such Ampel gebe, dann habe ich es schon öfter erlebt das Passanten ohne Absicht den Weg zur Signalanlage versperren. Aber dann kann sie nicht daran hochspringen, was ihre Aufgabe ist, damit ich weiß, wo die Ampel sich befindet. Anschließend wird sie dann in der Regel von mir gelobt und belohnt, was ein wichtiges Erziehungsmittel ist. Eine andere Schwierigkeit liegt in einer fehlenden Bordsteinkante bei einer Straßenüberquerung, die abgesenkt wurde, zum Beispiel in der Wedeler Bahnhofstraße. Hier müsste es für mich und Jule spürbare Aufmerksamkeitsfelder geben, damit wir uns gefahrlos orientieren können", stellt sie fest.
Ein Vorteil für Jule ist es, dass sie Renate Kokartis fast überall hin begleiten darf, da sie von Vorschriften gegen die Anwesenheit von Tieren im öffentlichen Raum ausgenommen ist. So begleitet sie ihre Besitzerin auch in verschiedene Praxen und die meisten Angestellten begegnen ihr dabei freundlich und aufgeschlossen.
Wenn Jule Zuhause ankommt, wird nicht nur das Geschirr abgelegt, sondern sie erhält auch ihre Ruhepausen und Spieleinlagen mit ihrer Schmusedecke. Dann darf sie einfach nur ein Hund sein, bevor es dann wieder mit ihrem liebevollen Frauchen losgeht und sie Renate Kokartis als lebendiges und fühlendes Navigationssystem und Freundin mit all ihren Sinnesorganen hilft, den Alltag zu bewältigen.

Bevor die beiden aber ein richtiges Team werden konnten, mussten sie sich erst einmal aneinander gewöhnen und miteinander arbeiten. Denn es ist nicht so einfach, eine blinde Person mit dem geeigneten Hund zusammenzubringen.

Potentielle Halter müssen formal ein Sehvermögen unter fünf Prozent haben und fit sein. Sie werden zur Mobilität in ihrem Alltag und dem Lebensstil befragt, damit der optimale Blindenhund gefunden wird.
Rund 40 verschiedene akustische Signale und Befehle, wie zum Beispiel Fuß, Platz, voran, rechts, links, such Bank, such Eingang kann ein vierpfötiger Begleiter im Durchschnitt lernen. Blindenhunde müssen gelehrig und trainierbar sein, eine Schulterhöhe zwischen 50 und 65 Zentimeter und dürfen nicht zu viel Temperament haben. Heute werden bestimmte Rassen, wie Golden Retriever, Labradore, Schäferhunde, Pudel und verschiedene Kreuzungen dieser Rassen bevorzugt verwendet.
Laut dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband ist ein Blindenhund formal rechtlich gesehen ein Hilfsmittel. Jemand der einen Blindenhund beantragen möchte, braucht zunächst eine Verschreibung vom Augenarzt und holt sich dann einen Kostenvoranschlag von einer der bundesweit, laut dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV), 47 genannten Führhundschulen seiner Wahl und reicht beides dann bei der Krankenkasse ein.
Renate Kokartis kann mittlerweile auf vierzig Jahre mit verschiedenen Blindenhunden zurückblicken und kennt sich auch mit den Formalitäten gut aus.
"In der Regel übernehmen die Krankenkassen die Kosten. Sowohl die Anschaffungs- als auch die Ausbildungskosten von den Führhundschulen werden übernommen und das sind ungefähr 360 bis 420 Ausbildungsstunden und noch einmal 60 Stunden für die Einweisung mit mir", erläutert sie.

Jules Frauchen engagierte sich zudem über 30 Jahre ehrenamtlich, davon 18 Jahre als Bundessprecherin des Arbeitskreises Führhundhalter im DBSV. Befragt, was man beachten sollte, wenn man darüber nachdenkt einen Blindenführhund anzuschaffen, wird sie ernst.

"Jeder sollte sich genau überlegen, ob man bereit ist, die Verantwortung für einen Hund zu übernehmen. Ein Führhund braucht Aufmerksamkeit und Pflege sowie Zuwendung und Liebe wie ein Kleinkind. Nicht zu unterschätzen ist ebenfalls, dass mit einem Hund mehr Putzaufwand verbunden ist", erläutert sie.
Zudem beträgt die reguläre Arbeitszeit eines Blindenhundes ungefähr 7 bis 10 Jahre. Dann wird er in der Regel von einer neuen Familie adoptiert, um seinen Lebensabend zu genießen. Es ist für viele Menschen nicht einfach, Abschied zu nehmen, da sich ein ganz enges Verhältnis aufgebaut hat, aber es ist dann notwendig, dass ein junger Hund die durchaus schwere Aufgabe der Führung eines Blinden übernimmt.
. (Wolf Danehl/kommunikateam GmbH, 29. 1.2021)

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