Hebamme: Zwischen Traumberuf und sozialem Abstieg

wedel.de hat zum Internationalen Tag der Hebammen eine von wenigen Wedeler Geburtshelferinnen besucht

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Die Wedeler Hebamme Kirsti Jensen mit ihrem "Dienstfahrzeug" auf dem Weg zu ihren Frauen und Babys in Wedel, Holm und Heist.
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Die Wedeler Hebamme Kirsti Jensen mit ihrem "Dienstfahrzeug" auf dem Weg zu ihren Frauen und Babys in Wedel, Holm und Heist.
Zur Betreuung der Säuglinge gehört auch das regelmäßige Wiegen.
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Zur Betreuung der Säuglinge gehört auch das regelmäßige Wiegen.

Der 5. Mai ist seit 1991 der internationale Hebammentag. Es ist somit auch der Tag von Kirsti Mariella Jensen, die in Wedel diesen Beruf ausübt. Unter dem Motto "Die Daten sprechen für sich, investieren sie in Hebammen" soll der Aktionstag, der 1990 durch den Internationalen Hebammenkongress ausgerufen wurde, den Blick auf die unzureichende Versorgung mit Hebammen und deren Hilfen weltweit richten. Doch obwohl selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2020 zum Jahr der Hebammen erklärte, sind viele Probleme des Berufstandes nicht gelöst, sondern scheinen sogar zu wachsen

Kirsti Mariella Jensen arbeitet seit 17 Jahren in Wedel und ist somit eine von rund 670 Hebammen im Kreis Pinneberg . Zu dem Beruf ist sie durch einen Zufall gekommen. Eine Freundin sollte vor ungefähr 25 Jahren ihr Kind bekommen, aber da der Vater des Kindes kein Blut sehen konnte, wurde sie um Begleitung gebeten. Dieses Erlebnis machte ihr so eine Freude, dass sie damit auch ihren Beruf gefunden hatte.

Nach einer dreijährigen klassischen Ausbildung bestand sie die Hebammenprüfung. Ursprünglich wollte sie dann in Wedel in der Klinik arbeiten. Jedoch wurde gleichzeitig die Geburtsstation in der Rolandstadt geschlossen, und die damals dort tätigen Hebammen verteilten sich auf die Kliniken in Pinneberg, Hamburg-Altona und dem Albertinen-Krankenhaus. Kirsti Jensen entschloss sich daraufhin, freiberuflich durchzustarten.

In ihren Anfangsjahren arbeitete sie noch in der Geburtshilfe. Sie entschloss sich aus finanziellen Gründen dazu damit aufzuhören, da die Haftpflichtversicherungspauschalen für die Geburtshilfe sehr hoch sind und sie somit finanziell unter dem Mindestlohn bleiben würde. Das heißt auch, dass die Einzahlung in die gesetzliche Versicherung sehr niedrig wäre und sie fürs Alter keine Rücklagen bilden kann. Für einen Geburtsvorbereitungskursus in der Gruppe erhält die Hebamme 7,96 pro Frau und Zeitstunde. Für Hausbesuche bekommt die Hebamme ein Wegegeld von 0,81 Euro pro Kilometer bei einer Entfernung von mehr als zwei Kilometern zwischen der Praxis und der Stelle der Leistung, wie es offiziell heißt. Für den Hausbesuch selbst erhält die Hebamme 38,46 Euro wochentags, sowie an Sonn- und Feiertagen 46,15 Euro pro Besuch. Angesichts dieser Zahlen scheint es verständlich, wenn bei allem Idealismus für diesen wichtigen Beruf heutzutage nur wenige Frauen ihn ergreifen wollen.

Zunächst schien es, dass mit der Akademisierung des Berufes im Januar 2020 unter anderem eine Aufwertung im Ansehen erreicht werden würde. Seidem gilt: Wer Hebamme werden will, muss ein dreijähriges Bachelorstudium absolvieren. Angehende Hebammen werden in einem dualen Studium ausgebildet und können dadurch ein wissenschaftliches Studium mit einer beruflichen Ausbildung verbinden.

Doch laut Anke Bertram, der Vorsitzenden des Deutschen Hebammen Verbandes Schleswig-Holstein (DHV), hat sich besonders in der Pandemie gezeigt, wie wenig Hebammen zum Beispiel in der Politik und der Gesetzgebung als systemrelevant öffentlich wahrgenommen werden. "Wir mussten immer wieder nachfragen, ob die Verordnungen und Erlasse auch für uns gelten, da wir nicht genannt werden", erklärt die Hebamme. Diese  Nichtwahrnehmung der Bedeutung von Hebammen verdeutlicht laut Verband noch einmal die Schieflage.

Nach Informationen des Statistischen Bundesamtes wurden seit 1991 ungefähr 40 Prozent der Geburtsstationen geschlossen, da sie sich für die Kliniken nicht rentieren. Es konnten, einer Experten-Studie des Bundesgesundheitsamtes von 2019 folgend, viele Hebammenstellen nicht besetzt werden, da die Vergütung zu niedrig und die Arbeitsbelastung zu hoch ist. So müssen in Deutschland im Schichtdienst durchschnittlich drei Frauen von Hebammen gleichzeitig im Kreißsaal betreut werden. Während in vielen anderen Ländern in Europa fast eine 1:1-Betreuung möglich ist.

Die Schließungen der Geburtsstationen und regionalen Kliniken führe in Schleswig-Holstein zum Teil zu grotesken und gefährlichen Situationen. "So haben wir schon Frauen gehabt, die zum Beispiel auf einem Seenotrettungskreuzer oder im Rettungswagen ihr Kind bekommen haben, da in der Umgebung keine Entbindungsstation war", erläutert Anke Bertram.

Die Wedeler Hebamme Kirsti Jensen arbeitet in Vollzeit mit 50-Stunden-Woche. Sie berät angehende Mütter, übernimmt Schwangerenvorsorge und betreut die Frauen im Wochenbett. Durch Weiterbildungen hat sie versucht, für sich weitere Bereiche rund um die Betreuung der schwangeren Frauen und Mütter zu erschließen. Sie hilft mit Akupunktur und lehrt Yoga, Entspannung und Bauchtanz.

Ihr Ziel ist es, die Frauen intensiv betreuen zu können, da Schwangerschaft und Geburt oft ein tiefer Einschnitt in das Leben der Frauen und der Familie sind. "Viele Frauen haben Ängste. Das ist nicht nur die Angst vor der Geburt mit den Schmerzen, sondern auch die Angst, dass das Kind nicht gesund ist. Aber es kommen auch ganz andere Fragen und Zweifel auf. Wie geht es zum Beispiel mit dem eigenen Beruf und der Partnerschaft weiter?", erläutert Kirsti Jensen.

Der Arbeitsalltag beginnt um 8 Uhr. Die Hebamme führt Telefonate, legt eine Route fest und macht sich dann meistens mit ihrem Fahrrad auf den Weg zu den Frauen, die sie in Heist, Holm und Wedel betreut. An drei Nachmittagen arbeitet sie in zwei gynäkologischen Praxen. Sie übernimmt dort eigenverantwortlich Schwangerenvorsorgen, Beratungen und Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden. In der Schwangerenvorsorge baut sie bereits Vertrauen zu den Schwangeren und deren Bezugspersonen auf. Das macht die Betreuung im Wochenbett, im heimischen Umfeld angenehmer und sicherer.

Nicht zu vergessen, dass es um sehr intime Untersuchungen geht, die sie ausschließlich mit ihren Händen ohne große technische Hilfsmittel ausführt. Sie fühlt und ertastet das Kind und die Lage, gibt Hinweise zur Ernährung, zum Tagesablauf, und wenn der Säugling dann da ist, kümmert sie sich um beide, Mutter und Kind. Egal in welches kulturelle Umfeld sie kommt, sie versucht alle Mitglieder der Familie mit einzubeziehen. Das ist mehr als nur eine medizinische Betreuung. Es erfordert psychologisches Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz. "Eigentlich, wenn ich es rein finanziell nach der Gebührenordnung gehen würde, dürfte ich nur 20 Minuten bleiben, alles danach ist sozusagen ehrenamtlich", erklärt sie. In der Realität bleibt sie viel länger bei den Familien.

Gefragt nach ihren Wünschen zum internationalen Hebammentag, sprudelt es nur so aus ihr heraus: „Mein größter Wunsch ist, dass die Politik uns aktiv unterstützt, da wir durch die Entlassung in die Selbstverwaltung und den Gebührenverhandlungen mit den Krankenkassen komplett auf uns allein gestellt sind, sinngemäß ist es wie der Kampf David gegen Goliath. Weiterhin wünsche ich mir, dass es wieder mehr Geburtsstationen gibt und wir besser für unsere hochverantwortungsvolle Arbeit bezahlt und somit auch mehr geachtet werden." (Wolf-Robert Danehl, kommunikateam, 5.5.2021)

 

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