Ihre Stimme für den Frieden schweigt für immer

Im Alter von 92 Jahren ist in Wedel die Friedenaktivistin und Trägerin der Ehrennadel der Stadt, Erica Warncke, gestorben

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Eine Dame mit halblangem gewellten Haar spielt auf einer akustischen Gitarre.en Gitarre
So liebten ihre Familie, ihre Freunde und Freundinnen sie: Erica Warncke an der Gitarre. Foto: Familie Warncke

"Leben wie ein Baum, einzeln und frei, doch brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht" - mit dieser Lyrik des türkischen Dichters Nazim Hikmet (1902-1963) verabschiedet sich die Familie in ihrer Traueranzeige von ihrer Mutter, Schwiegermutter, Großmutter und Urgroßmutter. Die Friedenstaube steht dazu als Symbol für den unermüdlichen Einsatz einer Frau gegen den Krieg, die als Kind und Jugendliche die brutale Herrschaft des Nazi-Regimes miterleben musste.

Der menschenverachtende Euthanasie-Erlass der Nazis war das Todesurteil für ihren Vater, der im Ersten Weltkrieg in Verdun verschüttet und gesundheitlich erheblich beeinträchtigt war. Ihr geliebter Bruder Max starb kurz vor Kriegsende. Sie selbst hat als Kind im Luftschutzbunker gesessen und Angst um ihr Leben gehabt. Sie hat als 15-Jährige erlebt, wie das eigene Haus und große Teile der Stadt mitsamt Kirchturm nach dem schweren Luftangriff am 3. März 1943 brannten. Sie hat beobachtet und nicht weggeschaut, wie hinterm Stacheldraht im Wedeler Außenlager des Vernichtungslagers Neuengamme Menschen geschunden wurden.

Mit diesem Wissen gab es für Erica Warncke, geborene Kuphal, eine große Leitlinie: "Nie wieder Krieg!" Dafür stritt sie erst allein und später Seite an Seite mit ihrem Mann Rolf. Sie war gebildet, mutig, kämpferisch und selbstbewusst. "Wer mit ihr streiten wollte, benötigte gute Argumente und durfte nicht ängstlich sein", erzählt ein Freund.

Erica Warncke war genau wie ihr Mann überzeugte Kommunistin. Sie glaubte fest an eine sozialistische Zukunft in einem vereinigten Deutschland. Das Ehepaar ließ sich auch durch Parteiverbote, eine Gefängnisstrafe für ihren Mann und durch Hausdurchsuchungen nicht vom Weg abbringen.

Erica und Rolf Warncke gehörten zu denen, die sich Ende der 50er-Jahre in der Bewegung "Kampf dem Atomtod" engagierten und die ersten Oster-Friedensmärsche mitmachten - damals noch durch Wald und Flur, damit die Gruppe nicht zu stark auffallen sollte.

Doch neben der politisch intensiven Arbeit der Frau, die hauptberuflich lange für einen Hamburger Verlag arbeitete, gab es auch die fröhliche Frau, die mit der Gitarre Familienfeiern, Freundeskreise, große Zeltlager, Demonstrationen mit einem großen Repertoire unterhalten konnte. Erica Warncke tanzte gern, feierte gern, liebte das Leben.

Die Ehrennadel der Stadt Wedel erhielt sie im Jahr 2002 für ihren Einsatz im Arbeitskreis gegen Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit, mit dem Wedel 1990 seinen Titel als weltoffene Gemeinde untermauerte. Außerdem baute sie in den 90er-Jahren die Hausaufgabenhilfe "Mole" für Flüchtlingskinder mit auf. Sie engagierte sich intensiv in der Friedenswerkstatt, in der Gewerkschaft und in Solidaritätskomitees unter anderem für Chile, Nicaragua, Kuba. Erica Warncke unterstützte zudem ihren Mann bei der Arbeit für den Mieterverein, der zu einem der größten nichtsportlichen Institutionen Wedels wurde. Trotz alledem nahm sie sich immer Zeit für die Familie, für ihre drei Kinder, die drei Enkel und fünf Urenkel.

Sie alle müssen jetzt ohne Erica Warnckes Stimme und ihr Wissen weiterleben. Sie alle kennen und schätzen das geistige Erbe und das Ziel: Nie wieder Krieg. Auch in Wedel wird die mahnende Zeitzeugin fehlen, die dank ihrer Beharrlichkeit viel in dieser Stadt bewegt hat.

Erica Warncke lebte zuletzt - wie schon vorher ihr 2018 verstorbener Mann Rolf - wohl umsorgt, wie die Familie erzählt, in der Seniorenanlage Heinrich-Gau. Die Trauerfeier ist wegen der Pandemie-Auflagen nur im kleinen Kreis möglich. Zur Urnenbeisetzung am Donnerstag, 8. Juli, auf dem Friedhof am Egenbüttelweg - Treffpunkt ist an der Kapelle um 13.50 Uhr - sind alle willkommen, die Abschied nehmen wollen von einer starken Frau. (Michael Rahn, 30. Juni 2021)

 

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