Klimaschutzfonds löst sich auf

Vorstand zieht bittere Bilanz

in Leben in Wedel, Top-News

Eine siebenköpfige Gruppe von Männern und Frauen vor einem Bücherregal
Die letzten Aktiven des Klimaschutzfonds haben beschlossen, den Verein aufzulösen. Foto: KSF

Vor 25 Jahren, am 21. März 1996, hatte der Wedeler Rat beschlossen, einen Verein gründen zu lassen, der die Notwendigkeit von Klimaschutz in den Köpfen der Menschen verankern soll. Zur besonderen Unterstützung verpflichteten die Politik unsere Stadtwerke. Wenige Monate später, am 20. November 1996, wurde dann der Klimaschutzfonds gegründet. Seither hat der Verein vieles getan, um dem Satzungszweck nachzukommen und die
Menschen in unserer schönen Stadt für Klima und Klimaschutz zu sensibilisieren. Mit vielen Veranstaltungen und Aktionen wurde auf dieses Ziel hingearbeitet. Die „Wedeler Energietage“ wurden aus der Taufe gehoben und mehrfach mit großem Erfolg durchgeführt.

Nachdem diese Art der Veranstaltung dem Verein vom Finanzamt untersagt worden war, konnte in der Nachfolge die „UmweltWoche Wedel“ zwei Mal durchgeführt werden, weitere Aktionswochen wurden leider durch Corona ausgebremst. Es gab die „Wedeler Klimaschutz- und Energiespar-Treffs“ (später KliG = Klima-Gespräche) mit vielen namhaften Vortragenden und interessanten Themen: Prof. Hans von Storch (Uni Hamburg), TV-Wetterfrosch Meeno Schrader, Robert Habeck (damals Umweltminister SH) und viel andere waren auf Einladung des Vereins nach Wedel gekommen.

Der Klimaschutzfonds hatte sich stets zu aktuellen Themen in unserer Stadt positioniert, Politiker wurden vor Kommunal- Wahlen nach ihren Klimazielen befragt. Oft waren Mitglieder auch in Gremien präsent. (Kraftwerk, Wedel-Nord, Umweltbeirat, FFF-Demo). Die Zusammenarbeit und der Austausch mit dem Umweltbeirat war stets zielorientiert und gut.

Zur Klimabildung der Jüngsten hat der Verein viele Jahre lang den Schülern in Wedel Pixi-Bücher zum Thema überreicht (alle 4. Klassen) oder von Dr. Michael Vollmer Workshops an den weiterführenden Schulen (5./6. Klasse) durchführen lassen. Kurz vor der Pandemie hatte der Klimaschutzfonds im Wedeler Rat eine Resolution zum Klimanotstand eingereicht, die dort einstimmig angenommen wurde. In der Versammlung wiesen alle Fraktionen deutlich -und manche mit ausschweifenden Reden- darauf hin, dass diese Resolution nun von allen, Bürgern und Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft, mit Leben zu füllen sei.

Ab diesem Zeitpunkt haben sich fast alle Fraktionen / Parteien aus der Mitarbeit (im Beirat des Klimaschutzfonds) komplett zurückgezogen!
Weitere Aktivitäten des Klimaschutzfonds findet man (noch bis Dezember 2023) auf der Internetseite des Klimaschutzfonds.

In den vergangenen Monaten haben wir erleben müssen, was die Folgen des Klimawandels sein können: Mehr, früher und heftiger sind die Waldbrände in Südeuropa, selbst bei uns in der Bundesrepublik haben „festsitzende“ Tiefdruckgebiete zu verheerenden und tödlichen Überschwemmungen geführt. Der Sommer 2022 war wohl einer der heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, auch hier kam es zu Waldbränden – und Landwirte beklagten erhebliche Ernteeinbußen wegen fehlender Niederschläge.

Das alles hätte auch hier in Wedel dazu führen sollen, die Sensibilität zu verstärken und diesen Themenkreis viel mehr in den Fokus zu rücken. Leider ist es dem Klimaschutzfonds nicht gelungen, dies in aktive Unterstützung für den Verein umzusetzen. Wir hatten auch gehofft, dass die Stadtwerke sich wieder mehr engagieren und - wie seit der Gründung - den Schriftführer stellen: In den ersten zehn Jahren des Vereins hatte Geschäftsführer
Jochen Möller diese Aufgabe übernommen, die folgenden Jahre dann stand Wolfgang Heller dem Vereinsvorstand zuverlässig zur Verfügung. Aus persönlichen Gründen hatte er dann darum gebeten, nach fast 15 Jahren von den Aufgaben entbunden zu werden. Leider ist es auch nicht gelungen, im Hause der Stadtwerke einen Nachfolger zu akquirieren.

Sehr komplex stellte sich in den vergangenen 16-18 Jahren die „Zusammenarbeit“ mit der Stadtverwaltung dar. Oft hatten aktive Mitglieder das Empfinden, es fehle massiv an Unterstützung seitens Wedels Offizieller, auch an Wertschätzung. Es fiel Mitgliedern oft nicht einfach, ihre ehrenamtliche Aufgabe mit Freunde wahrzunehmen: Selbst als der Klimaschutzfonds Geld für die Klimamanagerin sammelte, gab es keine Unterstützung aus der Verwaltung. Trotzdem waren ca. 9.000 Euro zusammengekommen, der Rest der Fördersumme wurde aus dem Vereinsvermögen beigesteuert.

Bei der (nachmittags!) vom JRG organisierten „Friday for Future“- Demo mit Teilnehmern aus vielen Schulen (und sogar einer KiTa!) auf dem Platz vor dem Rathaus ließ sich weder ein Politiker blicken, noch Fachmitarbeiter aus der Verwaltung oder gar Bürgermeister Schmidt. Selbst bei unserer Solaranlage auf dem Rathausdach und der Anzeige im Foyer erhielt der Verein wenig offizielle Unterstützung. Dank gilt hingegen den Hausmeistern, die den Klimaschutzfonds immer sehr hilfsbereit unterstützten!

Oft in den vergangenen Jahren hatte der Verein immer wieder überlegt, in Wedel Bäume zu pflanzen. Weil es keine Grundstücke gäbe, wurden sogar die vom Klimaschutzfonds der GHS gespendeten Bäume entlang der LSE in Pinneberg gesetzt. Die (nach Schädlingsbefall vor mehreren Jahren!) vorgeschriebene Ersatz-Bepflanzung eines Grundstücks am Bullenseedamm wurde jedoch nicht dem Klimaschutzfonds angetragen, sondern einem
damals noch zu gründenden Ableger des sich damals selbst gerade in Gründung befindlichen Vereins „Citizens Forrest“.

Beim neue Klimamanager Peter Germann fiel mehrfach auf, dass er bei allen (geplanten) Aktivitäten den Klimaschutzfonds explizit nicht einbezog, sondern als Kooperationspartner eher Hamburger und Elmshorner Institutionen vorstellt. Vieles bei all den Schwierigkeiten und Problemen mag auch daran liegen, dass handelnde Personen keinen „guten Draht“ zueinander gefunden haben. In dem Fall allerdings wäre es erwartbar und wünschenswert gewesen, wenn dies aus Politik, Verwaltung, Bevölkerung oder dem Kreis der Mitglieder angesprochen worden wäre. Dann hätte schnell jemand gefunden werden können, der die Arbeit im Vorstand des Klimaschutzfonds Wedel vorantreibt und weiterführt.

Selbst Stadtpräsident Michael Schernikau hatte über viele Monate hinweg sehr viele Gespräche geführt mit derzeitigen und potentiellen Vorstandsmitgliedern. Doch er musste schlussendlich konstatieren, dass die vielen, sehr engagierten Wedeler nicht noch eine weitere Aufgabe wahrnehmen wollen und können - und andere sich nicht finden ließen. Für seine intensiven Bemühungen dankt der Klimaschutzfonds Herrn Schernikau!

Um zu ergründen, welche Themen Menschen zur Mitarbeit animieren könnten, sollte unter fachkundiger Leitung von Katrin Fahrenkrug (Institut Raum & Energie, Wedel) ein Workshop durchgeführt werden. Leider konnte schon dieser mangels interessierter Mitmacher nicht stattfinden.

Es scheint, als sei das Format eines kleinen lokalen Vereines nicht mehr geeignet, Menschen zu interessieren oder zu erreichen. Vielleicht ist die Klimakrise zu groß für die lokal begrenzte Aktivitäten? Oder wäre es effektiver, die bisherigen Aktivitäten auf mehrere, spezialisierte Träger zu verteilen (WiW, Citizens Forrest, Klimamanagement)? Vielleicht haben Menschen auch das Gefühl, dass Klimaschutz keinen unmittelbaren Nutzen für sie persönlich bringt, so wie z.B. in einem Sportverein (Fitness), im Billard-Club (Spaß) oder als Kaninchenzüchter (niedliche Streicheltiere)?

Mit Sicht auf die vielen guten Projekt-bezogenen Aktivitäten junger Menschen (nicht nur in Wedel) mag es auch sein, dass das Konstrukt „Verein“ inzwischen überkommen ist und zum Auslaufmodell wird. Vielleicht ist längerfristiges Engagement, wie es für einen Verein nötig ist, heute nicht mehr zeitgemäß, ggf. müssen auch vereinsrechtliche Vorschriften auf eher projektbezogene Arbeit angepasst werden?

Erst zur letzten Mitgliederversammlung im August 2022 kamen junge Leute auf den Verein zu, die bereits in der SV des JRG, im Jugendbeirat und bei FFF engagiert sind. Auch Menschen aus der KSFW-Arbeitsgruppe „Wedel im Wandel“ und Mitglieder externer Vereine (ADFC, GWÖ) hätten sich eine Mitarbeit in engen Grenzen vorstellen können. Doch niemand war bereit und in der Lage, den (mindestens dreiköpfigen) Vereinsvorstand zu bilden.

Und so kam es auf der Fortsetzung der Mitgliederversammlung am 27. Oktober 2022 zu dem bedauerlichen Beschluss, den Verein zu liquidieren – fast genau 26 Jahre nach der Gründung! Im Rückblick muss man wahrscheinlich auch konstatieren, dass der Klimaschutzfonds - ebenso wie alle anderen „Bemühungen“ im „global North“- nur mäßig erfolgreich gewesen sind.

So zeigt DeStatis, dass seit 1990 die CO2-Emissionen aus dem Verkehr EU-weit um 29% gestiegen, im Bereich Wohnen seit 2000 um 14% gesunken sind. Jeder Deutsche stößt im Schnitt 7,7 Tonnen CO2 im Jahr aus (EU: 5,9 to, beides 2020). Das globale Klima hat sich bisher um 1,2 Grad erwärmt, wobei Europa auch hier eine unrühmliche Ausnahme macht, hier liegt der Anstieg mit 0,5 Grad pro Jahrzehnt doppelt so hoch!

Das 1,5-Grad-Ziel ist nicht mehr erreichbar, wie aus der aktuellen Klimakonferenz COP27 im ägyptischen Sharm-el-Scheich verlautete. Auch in Wedel-Nord wird immer noch mit mehr Stellplätzen geplant, als gut wäre. Eine Bahnhofstraße ohne Autos ist für viele immer noch nicht vorstellbar (obwohl es Städte gibt, die bewiesen haben, dass verkehrsfreie Innenstädte sogar den Geschäften zusätzliche Kunden bringen – Bsp. Lüneburg)
Klimaschutzfonds Wedel e.V.

Und so ist die Auflösung des Vereins unausweichlich, die nächsten Schritte bei der Liquidation des Klimaschutzfonds werden nun sein:
1. Entscheidung über den Status der Solaranlage auf dem Rathausdach, ca. 2/3 der Anlage sind nach mehr als 20 Jahren ausgefördert, das verbleibende Dritte erhält noch 10 Jahre Förderung.
2. Beschluss über Verteilung des voraussichtliche Restvermögen von geschätzt ca. 21.000€ am Ende 2023
a. 500€ an Streuobstwiese Wedel e.V. für Klima-Aktionen mit Kitas
b. 500€ an die Vogelstation in der Wedeler Marsch
c. 1.500€ an Förderverein für die Stadtbücherei Wedel e.V. zur Beschaffung von Klima-Literatur
d. Je 2.000€ an die Schulvereine der (vier) Grundschulen in Wedel und Holm für Klima-Aktionen
e. Der nach Liquidation und Kontoauslösung verbleibende Restbetrag soll zu gleichen Anteilen unter den Schulvereinen der drei weiterführenden Schulen in Wedel verteilt werden mit der dringenden Bitte, davon weiterhin Klima-Workshops durch Dr. M. Vollmer durchführen zu lassen und/oder Vorträge zur Gemeinwohl-Ökonomie durch Diego Weiland.
3. Die Liquidation muss der Öffentlichkeit (Presse) und mit der Hilfe eines Notars dem Vereinsregister am Amtsgericht Pinneberg bekannt gegeben werden.
4. Möglicherweise bestehende Forderungen können innerhalb eines Jahres an den Verein gerichtet werden.
5. Das verbleibende Vereinsvermögen wird unmittelbar vor Jahresende 2023 entsprechend der Beschlüsse verteilt, das Vereinskonto aufgelöst.
6. Zum Jahresende 2023 wird der Verein aus dem Register gelöscht.
7. Es bleibt zu hoffen, dass die umfangreichen Sammlungen (Handys, Korken, PVC-Deckel, Kronkorken) in der Stadtbücherei danach von der Leitstelle Umweltschutz fortgeführt werden. (13.11.2022, Klimaschutzfonds Wedel e.V. (i.L.), Michael Koehn (ehem. Vorsitzender und Liquidator, Valerie Wilms (ehem. Kassenwartin und Liquidatorin))

Letzte Änderung: 02.12.2022

Mit freundlicher Unterstützung von...