Sind Poesiealben wirklich von gestern?

Kreativkreis in der Kursana Residenz belebt alte Tradition mit frischem Schwung

in Leben in Wedel

1/2
Annemarie Meinhof (92) zeigt Annelise Harder (90), wie sie Blütengirlanden aus Papier schneidet.
2/2
Voller Eifer gestalten Bewohnerinnen der Kursana Residenz Wedel ein Poesiealbum. Fotos: Kursana

Immer wieder donnerstags bringt Annemarie Meinhof (92) noch mehr Farbe in das Leben der Senioren in der Kursana Residenz Wedel. Die ehemalige Grundschullehrerin leitet einen Kreativ-Kreis, der selbst völlig Ungeübte entdecken lässt, was an gestalterischer Kraft in ihnen schlummert, und der immer öfter auch zum Austausch über aktuelle Themen anregt.   

„Stellen Sie sich vor“, ruft Annemarie Meinhof mit klar akzentuierter Lehrerstimme und hält ein Buch hoch, „diese Bilder sind Bestandteil eines Poesiealbums“. Nur dass das Poesiealbum in seiner Entstehungszeit um 1500 noch Stammbuch hieß. Und dass darin nicht romantisch veranlagte junge Mädchen schrieben, sondern Männer, überwiegend von „Stamm“, also Adlige, so erzählt es die vitale Frau mit den blitzblauen Augen.

Um ihren Eintragungen Gewicht zu verleihen, beauftragten die Poesie-Schreiber gleich einen Künstler mit einer bildlichen Darstellung, sei es des Familienwappens, sei es einer repräsentativen Szene, so erfahren die erstaunten Kurs-Teilnehmerinnen. Annemarie Meinhof, die ihr Leben in Halle an der Saale und in Tübingen verbracht hat und erst seit drei Jahren in Hamburg wohnt, ist ein wandelndes Lexikon und sichtbar in ihrem Element.

Früher hat sie als Grundschulpädagogin Kindern beigebracht, aus Zeitungen ansehnliche Papierhäuser zu basteln, Tischkärtchen mit Spitzendekor zu gestalten oder zu malen. Heute steckt sie den Kreativkreis mit ihrer Begeisterung für schöne Dinge an. „Wollen wir nicht auch mal eine Seite im Poesiealbum gemeinsam anlegen?“, fragt sie. Und schon sind die Aufgaben verteilt: Blumendekore erblühen, Papiergirlanden ringeln sich und mit dem Pinsel bekommt die Seite bunte Tupfer. Kursana-Mitarbeiterin Sabina Schwendkowski (62) reicht das Handwerkszeug an. Sie kennt sich aus, denn „ich hatte früher selbst mal ein Atelier“, verrät sie.

Immer wieder geht die Tür auf und Neugierige schauen herein. „Anfangs gibt es Hemmungen,  aber wer einmal da war, kommt immer wieder“, ist die Erfahrung von Annemarie Meinhof.

Jüngstes Mitglied der Gruppe ist Irene Garms (78), die erst kommende Woche aus ihrer Wohnung in Rissen in die Kursana Residenz zieht, aber schon regelmäßig schnuppern darf. „Die Atmosphäre ist toll“, schwärmt sie, „jeder hilft jedem und wir kommen ins Gespräch.“

Zum Beispiel darüber, „dass Poesiealben heute Freundschaftsbücher heißen, meist schon vorgedruckten Inhalt haben und von Schülern geführt werden, die noch kaum schreiben können“, hat Irene Garms beobachtet. „Die Eltern haben eben zu wenig Zeit, ihren Kindern zu helfen“, weiß Annemarie Meinhof. „Aber mit Freundschaftsbüchern bleibt von der schönen Album-Tradition doch auch ein Stück erhalten“, tröstet sie sich. (Kursana, 12.8.2013)

Mehr Informationen zur Kursana Residenz

Mit freundlicher Unterstützung von...