Tschüß, Jürgen Wendt!

Wedeler Foto-Reporter starb im Alter von 76 Jahren

in Leben in Wedel

Kein Kind von Traurigkeit und immer Vollgas: Jürgen Wendt.
Kein Kind von Traurigkeit und immer Vollgas: Jürgen Wendt., Kein Kind von Traurigkeit und immer Vollgas: Jürgen Wendt.

Wedel ist am 19. November ein bisschen langweiliger, ein bisschen trüber geworden. Denn an diesem Tag starb Jürgen Wendt. "Reporter des Grauens", "Bunter Hund", guter Kumpel, Kamerad, Freund - viele, viele Wedelerinnen und Wedeler verbanden wenigstens einen dieser Begriffe mit dem Mann, der in vielen seiner 76 Lebensjahre manchmal ganz schöne Turbulenzen in die Szenenerie der Stadt brachte.

Nach ein bisschen Seefahrt in Jugendzeiten arbeitete er Jahrzehnte lang beim Wedel-Schulauer Tageblatt und tauchte tief ins Geschehen in der Stadt und im Kreis Pinneberg ein. Er erlebte zig Geschichten, hörte von hunderten - und hatte deshalb immer etwas zu erzählen. Später wechselte er zur Deutschen Presseagentur, wuselte als Fotoreporter durch die große, weite Welt - und brachte sie mit seinem Schnack auf die Straße, auf Feste, zu Freunden und in Kneipen in das teilweise noch ein bisschen piefige Wedel der Vor-Internetzeit.

Er kannte mehr als die halbe Stadt und ihre Geschichten und Geschichtchen; die netten ebenso wie die traurigen, die peinlichen, die atemberaubenden und alle anderen kannte er auch. Mit Jürgen war es nie langweilig. Er trug das Herz am rechten Fleck und oft auch auf der Zunge. Er war geradeheraus. Manchem passte das nicht, aber man konnte ihm nie lange böse sein.

Gleich nach der Grenzöffnung beispielsweise fuhr Jürgen Wendt mit dem Autor nach Wolgast, wo der damalige Bürgermeister Jörg Balack samt Stadtrat Klaus Neumann-Silkow und einer kleinen Delegation eine Städtpartnerschaft sondierte. Sie taten es diplomatisch, höflich, politisch korrekt . "Durchs graue Land" beschrieb hingegen Jürgen die Tour durch die marode DDR mit ihren traurig guckenden Bewohnern. Die offenen Münder, schreckgeweiteten Augen und stammelnden Reaktionen der schockierten SED-Bonzen auf so manche Bemerkung aus Jürgens "großer Klappe" bringen Zeitzeugen auch jetzt noch, Jahrzehnte später, zum Schenkelklopfen. Wer zum Lachen in den Keller geht, hatte es mit Jürgen nicht einfach.

Nach Feierabend bei der dpa hörte sein Wissendurst nicht auf. Kein Platz in Wedel, an dem sich Menschen treffen, war ihm fremd und unzählige aufgeschnappte Geschichten machten das Tageblatt und auch wedel.de spannend zu lesen. Irgendwie bekam er immer mit, wann und wo Polizei und Feuerwehr zu Einsätzen ausrückten. Und dabei sein Reporter-Kollege zu sein, hieß nur allzuoft, mit ihm Hase und Igel zu spielen: Wenn man am Tatort eintraf, war er meist schon da und sonnte sich im flackernden Blaulicht. Dann griente er, zeigte auf seine Kamera und kommentierte seinen Sieg im Reporter-Rennen: "Lieber tot als Bronze." Jürgen lebte Vollgas.

Aber er griff auch selbst ins Geschehen ein, packte als Feuerwehrmann unter anderem bei der Katastrophen-Flut 1962 mit an, um zu retten, was zu retten war - und schwelgte später in seinen Einsatzerinnerungen, erzählte ausgewählten Reporter-Kollegen Döntjes von wilden Aktionen in einer beschaulichen Kleinstadt, die aus Rücksicht auf noch lebende Zeitgenossen hier besser unerwähnt bleiben.

Privat hatte er eine Reihe von Schicksalsschlägen abzuwettern, aber auch das gehört nicht hierher. In seiner zweiten Frau Hanne fand er einen Ruhepol. Gemeinsam genossen sie seinen Lebensherbst sehr, sehr oft auf Helgoland. Er wurde schwächer, hasste es aber, seine wie festgewachsene Kamera gegen einen Rollator zu tauschen. Jetzt machte das Herz nicht mehr mit. Die Trauerfeier hat im kleinsten Kreise stattgefunden. Tschüß, Jürgen. (Jörg Frenzel/kommunikateam GmbH, 1.12.2017)

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