Folge 4 der Serie "Wedels Denkmäler" - Eine Spurensuche von Dr. Thies Bitterling

Transport des Findlings
Transport des Findlings
Friedrich-Ebert-Stein 1949
Friedrich-Ebert-Stein 1949
Friedrich-Ebert-Stein 1988
Friedrich-Ebert-Stein 1988

Zwei Schiller-Steine, nie gebaute Ehrenmale, vergessene Gedenkplätze: Dr. Thies Bitterling erforschte die Geschichte der jüngeren Denkmäler in Wedel. Heute: Der Friedrich-Ebert-Stein - von der SA demoliert, vergraben und 1947 wieder aufgestellt.

Im Zuge der Bauarbeiten an der Theodor-Johannsen-Siedlung zwischen 1930 und 1933 wurde ein riesiger Findling ausgegraben. Wedeler SPD-Mitglieder, Angehörige der „Eisernen Front“ zum Schutz der Weimarer Republik, zogen mit eigener Kraft den gewaltigen Block auf das Gelände des ATSV in der Bergstraße, um aus ihm einen Gedenkstein für den wenige Jahre vorher verstorbenen ersten deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert, zu gestalten. In diesen Monaten wachsender Radikalisierung von Rechts und Links war dieser Plan ein deutliches Bekenntnis zur demokratischen Republik. Der Bildhauer Hans Lissow wurde mit der Ausgestaltung betraut. Er meißelte das Profil Eberts in den Stein und darunter die Inschrift: „Unserem großen Toten 1871-1925“.
Die politische Stimmungslage war 1932/1933 auch in Wedel so brisant, dass Mitglieder der „Eisernen Front“ die Unversehrtheit des Steines schon vor Hitlers Machtübernahme Tag und Nacht kontrollierten.
Im Mai 1933 wurde nach der Auflösung der Gewerkschaften auch das Zentrum der Wedeler Arbeiterbewegung, das Sportgelände an der Bergstraße, beschlagnahmt. Den Sportlern wurde das Betreten verboten, Wedeler SA bewachte das Gelände rund um die Uhr.
In der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1933 gegen 23.45 Uhr (laut Wedeler Polizeibericht) wurden mehrere Anwohner der Bergstraße Augen- und Ohrenzeugen, wie Mitglieder der SA-Wache den Ebert-Stein demolierten. Auch die im Sockel eingemauerten Dokumente wurden gestohlen und verschwanden bis heute spurlos. Diese Tat löste in Wedels Bevölkerung unerwartete Betroffenheit aus. Wedel war eine kleine Stadt, die Tat war beobachtet und gehört worden. Es wurden Namen genannt, nicht nur leise. Ein Wedeler erstattete Anzeige beim Bürgermeister. Ladwig (NSDAP) ging der Sache recht lässig nach, kein Täter wurde zur Rechenschaft gezogen. Aber von einer empörten Wedelerin waren Fotos des beschädigten Steins gemacht worden. Dieser Film wurde von der Wedeler Polizei beschlagnahmt.
Was sollte nun mit dem Stein geschehen? Zunächst wurde er verhüllt und streng bewacht. Mehrere Vorschläge wurden 1933 und 1934 erörtert, verworfen oder nicht weiter aufgegriffen.
Die vorgeschlagene Sprengung oder Zertrümmerung des Steines ging nicht, weil Findlinge dieser Größe unter Naturschutz standen. Den Stein ohne Ebertprofil am Strandbad aufzustellen, fand allgemeine Ablehnung, der Vorschlag, das Profil Eberts durch das Gesicht Theodor Johannsens zu ersetzen und den Stein an der Theodor-Johannsen-Straße aufzustellen, wo er ja einmal entdeckt worden war, wurde fallen gelassen. Schließlich erhielt ein Wedeler Tiefbauunternehmen von der Stadt Wedel den Auftrag, den „Stein des Anstoßes“ zu entfernen. Der Tiefbauunternehmer rettete den Stein durch den Vorschlag, ihn in der Bergstraße im Boden zu versenken. So geschah es dann auch.
Bis 1945 trugen viele alte Wedeler SPD-Genossen das Schicksal des Ebertsteines stumm und verbissen mit sich herum, vergessen wurde der Stein und sein Begräbnisplatz aber nicht. Schon im Oktober 1946 stellte die Wedeler SPD den Antrag, den Ebertstein wieder auszugraben und ihm eine ehrenvollere Aufstellung auf dem Rathausplatz zu geben. Egon Lissow, der Sohn des gefallenen Hans Lissow, wurde beauftragt, das Ebert-Profil und die Inschrift neu zu gestalten. Aber wer sollte die Kosten tragen? Ende 1946 fanden auf dem Wedeler Rathaus mehrere Vernehmungen überlebender Zeugen und Tatverdächtiger jener Juninacht von 1933 statt.
Sie und andere, ehemals führende Wedeler Nationalsozialisten sollten zumindest die Transportkosten bezahlen. Aber die Vernehmungen stießen auf eine Mauer von „nicht mehr wissen“ und glatter Ableugnung jeder Tatbeteiligung. So musste die Stadt Wedel die Transportkosten des Ebertsteines zum Rathausplatz übernehmen. Am 14. Dezember 1947 wurde der von Egon Lissow wiederhergestellte Gedenkstein auf dem Rathausplatz feierlich eingeweiht.
Dort steht er nun in einer nüchternen, schmuckarmen Umgebung. Er trägt eine veränderte Inschrift: „Friedrich Ebert, erster Reichspräsident 1919 – 1925“. Eine Steinplatte zu Füßen des Findlings erzählte seine bewegte, aber auch bewegende Geschichte.

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