Folge 5 der Serie "Wedels Denkmäler" - Eine Spurensuche von Dr. Thies Bitterling

Schillerstein in Schulau
Schillerstein in Schulau
Schillerstein in Wedel
Schillerstein in Wedel

Zwei Schiller-Steine, nie gebaute Ehrenmale, vergessene Gedenkplätze: Dr. Thies Bitterling erforschte die Geschichte der jüngeren Denkmäler in Wedel. Heute: Zwei Gedenksteine für den Dichter Friedrich Schiller

1905 wurde Schillers hundertster Todestag in ganz Deutschland mit großem öffentlichen Aufwand gedacht. Anders als der Kosmopolit Goethe galt Schiller als nationaler Dichter, sein sprachliches Pathos berührte unmittelbar. Sein Gedicht "Die Glocke", sein Drama "Wilhelm Tell" gehörten zur unausweichlichen Schullektüre.
Auch Wedel verschloss sich dieser Begeisterung nicht und errichtete an der Südseite der Rolandkirche durch die Aufstellung eines großen Findlings ein Schillerdenkmal, das in einem Bronzerelief das Profil des Dichters zeigt und die Widmung trägt: "Dem Andenken Friedrich v. Schillers 1805 -1905". Leider finden sich im Wedeler Stadtarchiv keine Unterlagen über den Stifter des Steines und der Linde, die ihn überschattet, auch nicht über die Einzelheiten der Einweihungsfeierlichkeiten. Die damalig noch selbstständige Gemeinde Schulau war gleichfalls festen Willens, die Schiller-Ehrung nicht allein Wedel zu überlassen, sondern ein eigenes Denkmal zu errichten. Dieses ist im Wedeler Stadtarchiv reich dokumentiert. Schon Monate vorher trat ein Komitee zusammen und beriet das Festprogramm für den 9. Mai 1905. Man muss anerkennen, die Schulauer planten wirklich großzügig, und der Gemeinsinn der Bürger war beeindruckend. Als Ort des Denkmals wurde der kleine Platz zwischen der heutigen Passage und der Kaland-Drogerie gewählt, wo das Denkmal noch heute steht. Als Leitgedanke setzte man an den Fuß des Denkmals den Vers aus "Wilhelm Tell", der dem Hochgefühl des deutschen Bürgertums, in einem einigen Reich zu leben, voll entsprach: "Seid einig, einig, einig!"

Die Einzelheiten der Denkmalseinweihung sind in der Wedeler Chronik von Dr. Carsten Dürkob ausführlich und fesselnd erzählt. Einige Besonderheiten sollten noch erwähnt werden: Nicht nur die Schillerlinde hinter dem Denkmal, auch das Denkmal selbst und sein eisernes Ziergitter wurden von Bürgern gestiftet. Der Veranstaltungssaal in "Köhlers Gasthof", wo heute das Spitzerdorfer Hochhaus steht, war so verschwenderisch mit Blumen geschmückt, dass sein Besitzer von diesem Anblick tausend Ansichtskarten als Werbematerial herstellen ließ. Der Festablauf ist im Stadtarchiv in allen Einzelheiten nachzulesen. Es war eine erhebende Feier, die den Schulauern noch Jahrzehnte im Gedächtnis blieb. Am folgenreichsten aber erwies sich ein Spendenaufruf für diese Feier, der die Summe von 400 Goldmark erbrachte. Sie bildete das Grundkapital für die Schulauer Schiller-Stiftung, die vorsah, dass jedes Jahr zum 9. Mai aus den Zinsen dieses Kapitals die zwei besten Abgänger der Schulauer Volksschule einen Buchpreis mit persönlicher Widmung des Gemeindevorstehers und dem Siegel der Gemeinde erhalten sollten. Selbst als Wedel und Schulau ab 1909 eine Gemeinde bildeten, blieben dies Buchpreise nur Kindern aus der Schulauer Volksschule vorbehalten.
Die Inflation 1923 ließ die 400 Goldmark zu mikroskopischer Winzigkeit schwinden. Als die Rentenmark sich 1924 als stabil erwies, erneuerte nun die Stadt Wedel die Schiller-Stiftung mit einem Grundkapital von 300 Reichsmark. Jett gingen aber die Buchpreise auch leistungsstarken Abgängern der Wedeler Volksschule und der Katholischen Schule zu. Die Buchpreise wurden jährlich noch bis in den Zweiten Weltkrieg vergeben, erst im Jahr 1944 konnte man keine angemessenen Bücher mehr für die Abschlussfeier erstehen. Durch die Währungsreform 1948 schmolzen die 300 Reichsmark Grundkapital auf 42 Mark zusammen. Dies veranlasste die Stadt 1952, die Schiller-Stiftung aufzulösen und die Buchpreise an leistungsstarke Schüler aller Wedeler Schularten auf eigene Kosten fortzusetzen. Eine gute Tradition wurde weitergeführt, aber eine liebenswerte Erinnerung an die hochherzige Bürgerinitiative von 1905 ging endgültig verloren.
Beide Schillerdenkmale haben die letzten hundert Jahre, den Krieg und die Bombennacht überstanden. Sie befinden sich an ihren alten Plätzen, die Schillerlinden in Wedel und Schulau sind kräftig und von gutem Wuchs. Die Gedenksteine sind gepflegt und mit Blumenbeeten geschmackvoll umgeben. Wer sie sieht und ihre Geschichte kennt, kann sich an ihrem Zustand nur erfreuen.

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