Folge 7 der Serie "Wedels Denkmäler" - Eine Spurensuche von Dr. Thies Bitterling

Gedenkplakette im RathausErinnerung an die Kriegsgefangenen im Rathaus
Erinnerung an die Kriegsgefangenen im Rathaus

Zwei Schiller-Steine, nie gebaute Ehrenmale, vergessene Gedenkplätze: Dr. Thies Bitterling erforschte die Geschichte der jüngeren Denkmäler in Wedel. Heute: Das Heimkehrer-Denkmal aus dem Jahr 1952

Bis zum Jahr 1950 hatten die Siegermächte die Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen offiziell abgeschlossen. In Wirklichkeit aber saßen noch rund 750 abgeurteilte Deutsche in westeuropäischen Strafanstalten. Und auf dem Gebiet der Ostblockstaaten, besonders der Sowjetunion, vermutete man noch rund hunderttausend Kriegsgefangene und etwa 170 660 Zivilgefangene. Wie viele Wedeler Familien noch 1950 über das Schicksal von Angehörigen im Unklaren waren, ist nicht bekannt. Aber der Kreis Pinneberg allein nannte 1950 die Zahl von 8400 Vermissten. Die Gründung der Montanunion hatte die Souveränitätsrechte der Bundesrepublik erheblich erweitert. Aus diesem gestärkten Selbstbewusstsein heraus plante der Bundesverband der Heimkehrer einen Appell an alle Siegermächte, nun auch ihrerseits das Menschenrecht auf persönliche Freiheit an allen noch gefangenen Deutschen zu verwirklichen. Es wurde eine Kriegsgefangenen-Gedenkwoche vom 20. bis zum 26. Oktober 1952 vorgesehen.
Die Gestaltung der Woche war den Ortsverbänden überlassen. Es gab vielfältige Vorschläge: Mahnfeuer, Mahntafeln, Kundgebungen, Verkehrsstille nach Sirenenton, Glockengeläut der Kirchen, Erwähnung der Kriegsgefangenen im Fürbittengebet, Schweigemärsche und Beflaggung der öffentlichen Gebäude auf halbmast. Die Ortsverbände konnten einen Tag dieser Woche als besonderen "Tag der Treue" hervorheben. Wedel bestimmte dafür Donnerstag, 23. Oktober 1952, den Tag der Einweihung des Heimkehrerdenkmals.
Schon im Mai 1952 trat der Ortsverband Wedel des Heimkehrerverbandes an die Stadt heran, eine Mahntafel am Rathaus anzubringen mit den Namen der noch vermissten Wedelern unter der Zeile "Wir warten auf Euch". Vom Juli an befasste sich der Magistrat mit diesem Vorschlag. Es war natürlich auch eine Frage der Kosten. Insgesamt standen aus drei verschiedenen Quellen 500 Mark zur Verfügung.
Von den vier Vorschlägen bekam Egon Lissow am 30. September 1952 den Zuschlag. Er berechnete nur die Materialkosten, den Handwerkerlohn und die Transportkosten der Gedenktafel, stellte aber seine künstlerische Ausgestaltung nicht in Rechnung. So konnte der Rahmen von 500 Mark eingehalten werden. Nun drängte die Zeit, waren es doch nur noch knapp drei Wochen bis zur Gedenkwoche. Am 22. Oktober wurde abends die noch verhüllte Gedenktafel links neben dem Rathausportal angebracht, knapp 24 Stunden vor der Einweihung. Wedels Stadtverwaltung hatte schnell gearbeitet, um eine eindrucksvolle Einweihung am 23. Oktober zu gewährleisten. Um 19 Uhr begann diese auf dem Rathausplatz unter großer Beteiligung der Bevölkerung. Von Ferne läuteten die Glocken, Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr hielten die Ehrenwache, Fackelträger flankierten die Gedenktafel, in den Schalen zweier Pylone brannten Mahnfeuer, die Flaggen vor dem Rathaus wehten auf halbmast. Bürgervorsteher und Bürgermeister hielten Ansprachen. Dann wurde das Denkmal enthüllt. Es zeigte im Sandsteinrelief zwei Gefangene hinter Stacheldraht, die auf einander zugehen. Darunter stand die Inschrift "Kriegsgefangene in ihrer Not rufen Euch, 1952".
Die Einweihungsfeier beschloss der Spitzerdorfer-Schulauer Männerchor mit dem Lied "Die Himmelrühmen des Ewigen Ehre". Dann formierte sich die Menge zu einem Schweigemarsch vom Rathausplatz durch die Straßen des Zentrums zu Köhlers Gasthof, wo die Abschlusskundgebung stattfand. Von Fackelträgern flankiert und unter dem dumpfen Trommelwirbel und Paukenschlag des TSV-Spielmannzugs zog der Schweigemarsch durch die Straßen. In Köhlers Gasthof eröffnete ein Collegium Musicum die Veranstaltung mit Beethovens Egmont-Ouvertüre, das Hauptreferat hielt der Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete Fritz Krieger über das Thema "Gebt Kriegsgefangene frei!" Am Schluss sang die Versammlung die dritte Strophe des Deutschlandliedes.
Die Stadt Wedel und der Heimkehrer-Ortsverband hatten einen eindrucksvollen "Tag der Treue" gestaltet. Fünf Zeitungen des Hamburger Raumes und der NDR waren zur Berichterstattung geladen worden. In den folgenden Jahren verloren die Kriegsgefangenen-Gedenkwochen in der Bevölkerung an Resonanz. Als 1955 Konrad Adenauer in persönlichen Verhandlungen mit der Sowjetregierung die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen durchgesetzt hatte, verlor die Woche ihre gedankliche Substanz und wurde nicht wiederholt.

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