Folge 8 der Serie "Wedels Denkmäler" - Eine Spurensuche von Dr. Thies Bitterling

Das Mahnmal "Deutscher Osten" am Hans-Böckler-Platz vom Bildhauer Fritz Düring
Das Mahnmal "Deutscher Osten" am Hans-Böckler-Platz vom Bildhauer Fritz Düring

Zwei Schiller-Steine, nie gebaute Ehrenmale, vergessene Gedenkplätze: Dr. Thies Bitterling erforschte die Geschichte der jüngeren Denkmäler in Wedel. Heute: Das Vertriebenen-Denkmal am Hans-Böckler-Platz

Der 22. September 1957, der "Tag der deutschen Heimat", an dem das Wedeler Vertriebenenmahnmal eingeweiht wurde, war kein sonniger Spätsommertag, sondern regnerisch, nasskalt und neblig. Wedel litt unter den Ausläufern eines Tiefs, das zwei Tage vorher im Atlantik das deutsche Segelschulschiff Pamir kentern ließ. Das ungewisse Schicksal der Besatzung und der Seekadetten beschäftigte damals ganz Deutschland. So kamen auch nur etwa tausend Menschen auf dem Hans-Böckler-Platz zusammen, um die Einweihung des Denkmals mitzuerleben.
Dieser Platz war nicht ohne Grund für das Denkmal gewählt worden, stand es doch mitten im größten Neubauprojekt Wedels, der Gartenstadt, mit dem das Elbhochufer vom Schulauer Fährhaus bis zum HEW-Kraftwerk erstmals geschlossen überbaut wurde. Als Bewohner hatte man vornehmlich an Flüchtlinge und Vertriebene, an Ausgebombte und Spätheimkehrer gedacht. Von 1954 bis 1957 hatte der Aufbau dieses Stadtteils gedauert, ein Hochhaus bildete den markanten Mittelpunkt der Siedlung. Die Benennung der neuen Straßen nach ostdeutschen Städten sollte bewusst an die Veranlassung dieses Projektes erinnern. Mit der Fertigstellung der Gartenstadt war die Wohnungsknappheit in Wedel noch keineswegs beseitigt.
Erst 1966 wurde die letzte Wohnbaracke im Stadtgebiet abgerissen. Wedel verwirklichte mit der Gartenstadt eine politische Absicht, die von der Bundesregierung gefördert wurde. Galt es doch, durch die Ermöglichung einer beruflichen Existenz und die Bereitstellung menschenwürdigen Wohnraums nicht provisorisch, sondern auf Dauer aus Millionen Ostdeutscher Millionen Westdeutsche zu machen. Andererseits pochte die Bundesregierung darauf, dass die Oder-Neiße-Grenze durch keinen gültigen Friedensvertrag abgesichert war, also eine Rückkehr der Flüchtlinge theoretisch immer noch gefordert werden konnte. Ein Faktum, das die Vertriebenenverbände immer wieder betonten. In diesem unklaren Zwischenraum zwischen politischer Wirklichkeit und historischem Anspruch steht dieses Denkmal, und man sieht es ihm an. Finanziert wurde das Denkmal durch die an der Gartenstadt beteiligten Wohnungsbaugenossenschaft, durch Spenden der Wedeler Geldinstitute und Betriebe, aber auch aus Spenden der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge.
Das Mahnmal wird beherrscht von der hochgereckten Jünglingsfigur des Rissener Bildhauers Hans Twesten, der eine Taube aus seiner Hand nach Osten entlässt. Eine Heimat kundige Brieftaube? Eine Friedenstaube? Die Gestalt flankiert von zwei niedrigen Sandsteinmauern, die selben Namen von Landschaften, Städten und Provinzen jenseits der Oder und Neiße auf ihrer Vorderseite tragen: Ostpreußen, Westpreußen, Danzig, Pommern, Wartheland, Schlesien, Sudetenland. Unter dem Jüngling steht das Bekenntnis: "Heimat, wir bleiben Dir treu!" Wie soll man das verstehen? Heimat, wir vergessen Dich nicht? Heimat, wir kommen wieder? Wenn man die sieben geographischen Namen wirklich ernst nimmt, stellt dieses Denkmal die territorialen Verlusten von zwei Weltkriegen in Frage, nicht nur die Ergebnisse von 1945.
Böser Wille kann eine aggressive Tendenz hineininterpretieren, besonders, wenn in der Einweihungsfeier ein Wedeler Stadtrat erklärte, dass die Kinder der Ostdeutschen Ostdeutsche bleiben würden, selbst wenn sie in Westfalen geboren seien. Mit ihnen gemeinsam würden die Söhne der Franken, Schwaben und die Jugend anderer deutscher Gaue wieder die deutschen Ostgebiete besiedeln. Nach jedem Ende hat es einen Neuanfang gegeben.
Den geschichtlichen Neuanfang haben aber die Anerkennung der bestehenden Grenzen, die deutsche Wiedervereinigung und die Aufnahme Polens in die EU gegeben. Die Generation der Vertriebenen ist mit ihren Schmerzen sehr alt geworden oder bereits verstorben, aber die Grenzen sind in ungeahnter Weise wieder offen. Wer es will, kann die Schönheiten der alten, ostdeutschen Gebiete bereisen, so oft er möchte. Russische und polnische Namen bereichern das Musikleben Wedels, Wedeler Klassen besuchen polnische Partnerklassen in Ostpreußen, polnische Schüler aus Masuren verbringen erlebnisreiche Tage in Wedel.
Der Jüngling des Denkmals sollte seine Taube gar nicht erst fliegen lassen, denn die neue Heimat von Deutschen und Polen heißt heute Europa.

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