November 1918 – Zwischen Kriegsanleihen und Soldatenräten

Ehrenpforte 1918

Das Ende des Ersten Weltkrieges traf die „Heimatfront“ sehr überraschend.

Während noch wenige Tage zuvor die 9. Kriegsanleihe offensiv beworben wurde und im März noch ein Siegfrieden mit Russland erreicht worden war, brachen im November 1918 gleich zwei einschneidende Veränderung über das Reich herein: Der Waffenstillstand von Compiègne beendete die Kampfhandlungen, und das Kaiserreich wurde durch die Novemberrevolution und die Abdankung Wilhelms II. gestürzt. Die Kampflinien waren zwar weit weg und die Entente-Mächte verzichteten weitestgehend auf eine Besetzung Deutschlands. Allein die politischen Umbrüche schlugen sich aber auch im Kreis Pinneberg und auf die damals knapp 6000 Wedeler, darunter etwa 50 evakuierte Helgoländer, nieder. Nachdem noch am 10. Oktober das hiesige Stadtverordnetenkollegium eine Zeichnung der 9. Kriegsanleihe in Höhe von 100.000 Mark protokollierte, waren einen Monat später schon Arbeiter- und Soldatenräte gegründet. Ein Matrosenrat bildete sich aus der Besatzung zweier in Schulau eingelaufener Kriegsschiffe, so schreibt Bürgermeister Eggers in den Verwaltungsberichten, obwohl dies von dem übergeordneten Rat in Hamburg nicht für notwendig erachtet wurde. Ein einheitlicher Arbeiter- und Soldatenrat trat bald zusammen und kooperierte auch auf Anweisung der Reichsregierung mit den städtischen Gremien, bis er 1920 wieder aufgelöst wurde. Bindeglied war der Stadtverordnete Heinrich Kleinikauf, der auch den Vorsitz des Arbeiter- und Soldatenrates übernommen hatte. Ein großes Problem der Kleinstadt Wedel in diesen Tagen war die Lebensmittelversorgung.

Heinrich Oelrich

Schon im Oktober musste das freie Essen für Bedürftige in der Volksküche eingestellt werden. Unmittelbar nach Kriegsende wurde zur Vermeidung von Unruhen auch die Errichtung von Bauernräten propagiert, um die landwirtschaftliche Produktivität aufrecht zu erhalten. Fehlende Liquidität im Kreis – die Kriegsanleihen werden ihren Anteil dazu beigetragen haben – machte es notwendig, dass in anderen Landesteilen gedrucktes Notgeld auch hier akzeptiert werden musste. Die Bevölkerung war angehalten kein Geld zu horten. Eine weitere Herausforderung war die Rückführung der Truppen in ihre Heimat, wo jedoch die auf den Krieg umgestellte Wirtschaft keine Beschäftigungskapazitäten mehr bot. Aus diesem Grunde beschloss das Stadtverordnetenkollegium die erwerbslosen Veteranen mit Aufforstungs- sowie Ausbesserungsarbeiten an Wegen und Straßen zu beschäftigen. Auch an Wohnungen mangelte es. Da die Bautätigkeit im Krieg still stand, wurden Hausbesitzer zur Instandsetzung leer stehender Wohnungen verpflichtet. Den Plan, die Liegenschaften der stillgelegten Schulauer Pulverfabrik in Wohnraum umzuwandeln, ließen die Stadtväter jedoch bald wie der fallen. Um Seuchen vorzubeugen, durften Soldaten, die nicht definitiv ungezieferfrei waren, nicht einquartiert werden. Deshalb verfügte der Kreis Pinneberg, dass auch private Badeanstalten und Werksbäder zur Entlausung benutzt werden mussten. Längst nicht alle Soldaten kehrten von den Fronten zurück. Unter den 200 Kriegstoten war auch der Stadtverordnete Heinrich Oelrich, der noch nach Kriegsende im Feldlazarett einer schweren Erkrankung erlag. Den heimkehrenden „Helden“ wurde ein festlicher Empfang bereitet. Eine der letzten Amtshandlungen der 1914 eingerichteten städtischen Kriegsfürsorge-Kommission war die Aufstellung einer Ehrenpforte am Rosengarten. Für die gefallenen Kämpfer wurden weitere Ehrenmale errichtet: Die Rolandkirche richtete eine „Gedächtnishalle“ ein, die Sportvereine ehrten ihre gefallenen Kameraden mit Denkmälern und ein allgemeiner „Heldenhain“ an der Schwartau’schen Klintweide (heutiges Schrebergartengebiet am Autal) war geplant, aber nicht verwirklicht. Erstaunlicherweise fanden die städtischen Gremien in diesen Tagen auch die Zeit, ausführlich über einen Anschluss Wedels an Altona bzw. Hamburg zu beraten. Auch wenn sich die Stadtverordneten und die Ratsmitglieder dafür aussprachen, machte der preußische Regierungspräsident diesen Plan zunichte.

(Text: J. L. für Stadtarchiv Wedel)

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