Februar 1970 – Die Haschisch-Affäre am Johann-Rist-Gymnasium

[Stadt Wedel] Am Montag dem 2.Februar 1970 kamen zwei Kriminalbeamte aus Pinneberg ins Johann-Rist-Gymnasium und verlangten sechs Schüler der 8. Klasse zu verhören.

Der stellvertretende Schulleiter ließ die Schüler holen, organisierte zwei Zimmer und ging dann seiner Arbeit nach. Währenddessen wurden die Schüler unter Beobachtung des einen Polizeibeamten in einen Raum verbracht und ermahnt, dass sie untereinander nicht reden dürften. Der zweite Beamte führte im Nebenzimmer mit jedem der etwa 13 Jahre alten Kinder das Verhör durch. Die Eltern wurden nicht informiert.

Das war der Auftakt dessen, was als „Haschisch-Affäre von Wedel“ in die Chroniken einziehen sollte. Der Grund für diese ungewöhnliche Aktion der Kripo war der begründete Verdacht, im Wedeler Gymnasium würde mit Drogen gehandelt werden – weitere Details wurden erst im Laufe einer Untersuchung bekannt.

Dieser Vorfall spielte aber eigentlich nur eine untergeordnete Rolle in dem nun ausufernden Drama, das in Wedel anlief. Es begann damit, dass der Ratsherr Helmut Plüschau den Magistrat aufforderte, die Ablösung der Schulleitung zu verlangen. Seine Begründung: die Schulleitung hat geduldet, dass die Kinder, ohne die Eltern zu informieren, durch die Polizei verhört wurden. Darüber hinaus legte er den Fokus auf Schulverhältnisse, die er als unhaltbar empfand. So prangerte er an, dass die Schulleitung kritische Schüler öffentlich als „Pazifisten und Störenfriede“ brandmarken würde und zudem „mit allen Mitteln versucht, die sogenannte humanistische Ausbildung zu fördern, obwohl die Schulleitung wisse, dass sie damit die Ausbildungschancen der Kinder für später einenge“. Der Magistrat, der nicht Dienstvorgesetzer der Schulleitung war, konnte die Anfrage nur zur Kenntnis nehmen. Der Schulleiter Winfried Donnhauser beantragte beim Kultusminister die Durchführung eines Disziplinarverfahrens gegen sich, um die Sachlage zu klären. Dann trat das Schulkollegium des Gymnasiums auf den Plan. Die Lehrerschaft wehrte sich gegen die ihrer Meinung nach diffamierenden Anwürfe auf die pädagogische und fachliche Arbeit der Schule und drohte mit der Kündigung von 26 Lehrkräften. Rückendeckung erhielt die Schulleitung durch den Schul-Elternbeirat und durch die Schülervertretung.
Unter der Wedeler Bevölkerung brodelte es. Wochenlang lieferten sich beinahe täglich die Fürsprecher und Widersacher der pädagogischen Arbeit am Gymnasium mittels Leserbriefen in der Tagespresse Gefechte. Mittlerweile gab es eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag, die überregionale Presse wurde aufmerksam auf das Gymnasium und das Fernsehen berichtete.

Im März 1970 ließ das Interesse an der „Haschisch-Affäre“ langsam nach und das Kultusministerium gab die Ergebnisse der Ermittlungen bekannt. Das Ergebnis: Die Schulleitung hatte sich vollkommen korrekt verhalten. Die Befragung der Schüler während des Unterrichts war rechtens, und die sofortige Benachrichtigung der Eltern rechtlich nicht notwendig. Wie die Ermittlungen ergaben, erhielt die Kripo am 30.1.1970 den Anruf eines besorgten Vaters. Der teilte mit, dass mehrere Schüler aus der Klasse seiner Tochter bei einem unbekannten Mann aus Wedel Haschisch bestellt hätten, das am 2.2.1970 geliefert werden sollte. Die Polizei schickte den zuständigen Sachbearbeiter in die Schule, um die Kinder entsprechend zu befragen. Die Ermittlungen führten zur Sicherstellung der Drogen. Die angeprangerte pädagogische und fachliche Arbeit an der Schule untersuchte das Kultusministerium auch und teilte mit, dass die erhobenen Vorwürfe unzutreffend oder übertrieben gewesen wären. In der Schule kehrte wieder Routine ein, dem Ratsherrn Plüschau aber wurde ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Wedeler Krimiautor Hansjörg Martin, Vater eines Sohnes am Gymnasium, widmete ihm und weiteren „mutigen Müttern und Vätern aus W.“ den 1970 erschienenen Krimi „Blut ist dunkler als rote Tinte“. Die angestoßenen Diskussionen werden sicherlich zum Demokratisierungsprozess in der Schule beigetragen haben.

(Text: Stadtarchiv Wedel)

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