Die Geschichte einzelner politischer Plakate aus dem Stadtarchiv Wedel

Der Historiker Thies Bitterling stellt Ihnen einzelne Plakate aus der Sammlung des Stadtarchivs vor: 18.08.1910 - Wilhelmine Kähler - Eine mitreißende Frau

Es schien eine uninteressante Veranstaltung der Wedeler SPD zu werden, die der Arbeiter Paul Herrmann am 18. August 1910 bei der hiesigen Polizeibehörde anmeldete, um ihre Genehmigung bat und auch erhielt. Das angekündigte Vortragsthema wirkte staubtrocken. Es ging um den allgemeinen Unmut über die Nachricht, dass der Reichstag die „Zivilliste“, d. h. die Gelder für die staatliche und politische Repräsentation des Kaisers aus Steuermitteln des Reiches erhöht hatte.

Man musste das Flugblatt schon sorgfältig lesen, um seine verborgenen Sprengminen zu entdecken, als da waren der Name der Referentin, Wilhelmine Kähler, die Möglichkeit der freien Diskussion mit der Referentin und die besondere Einladung an die Frauen Wedels, diesen Vortrag zu besuchen. Mit Wilhelmine Kähler hatte die Wedeler SPD eine damals bereits sehr bekannte Multiplikatorin der sozialdemokratischen Öffentlichkeitsarbeit als Referentin gewonnen, die sich als politische Autorin schon längst einen Namen gemacht hatte. Ihr proletarischer Lebenslauf war lupenrein. 1864 in Kellinghusen geboren, ging sie in eine Schneiderinnenlehre und arbeitete auch als Hauswirtschafterin. Sie trat aus der evangelischen Kirche aus, heiratete einen Zigarrenarbeiter in Altona und lebte mit ihm in Ottensen und Wandsbek. Noch vor 1890 trat sie in die SPD ein. In der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ setzte sie sich vor allem dafür ein, dass alle Gewerkschaften sich für die Mitgliedschaft von Frauen und ihre Gleichberechtigung in ihnen öffneten. Es war schon etwas Besonderes, dass diese emanzipierte Frau damals im Tanzsaal des Struckmeierschen Lokals in der Mühlenstraße 22 zu Wedeler Zuhörern sprach. Der Polizeisergeant Niemann war von Bürgermeister Eggers beauftragt, die Versammlung zu überwachen und über ihren Ablauf zu berichten. Am 20. August 1910 lag der Bericht dem Bürgermeister vor. Wegen der langen Arbeitszeit der Werktätigen konnte die Veranstaltung erst um 20/30 Uhr beginnen und dauerte bis etwa 22:00 Uhr. Rund einhundertvierzig Personen beiderlei Geschlechts waren zusammengekommen, und das Echo der Versammelten auf die Worte der Referentin muss so lebhaft gewesen sein, dass Polizeisergeant Niemann missmutig in seinem Bericht vermerkt, dass die Versammlung „lediglich zu Agitationszwecken zusammenberufen war“. Diese Agitation muss aber mitreißend gewesen sein, weil am Schluss der Veranstaltung laut Polizeibericht „achtundzwanzig Mitglieder in die Arbeiterorganisation neu aufgenommen“ wurden.)

Text: Thies Bitterling - für das Stadtarchiv Wedel

Mit freundlicher Unterstützung von...