Das alte Wedeler Rathaus

Das alte Wedeler Rathaus

Direkt im Zentrum der Stadt, genau gegenüber dem Bahnhof und dem Tor zur Einkaufsstraße steht das Rathaus der Rolandstadt Wedel. Das alte Rathaus, dass flankiert wird von dem im Jahre 1980 erstellten Neubau wurde 1937 erbaut.

Es ist schade, dass die Rathausmauern nicht sprechen können und ihre eigene Geschichte erzählen. Es gibt sicherlich einiges zu berichten aus den vielen Jahren, die das alte Rathaus in Wedel nun steht. Von all den Bürgermeistern und Beschäftigten, die in ihm gearbeitet haben, und von all den Sitzungen, die dort stattgefunden haben. Doch zunächst zu den Anfängen. Auf dem Gelände auf dem das Rathaus entstehen sollte, stand der Städtische Gasthof, ehemals Petersens Gasthof, der an den Wirt Rösicke verpachtet war. 1934 beschreibt der damalige Bürgermeister Wedels Dr. Harald Ladwig es als ein unschönes, in vielen Teilen bereits baufälliges Gebäude. Dieses wurde im Dezember 1934 durch die Firma Hatje mit Hilfe von Erwerbslosen, die als Entschädigung einen Teil des Abbruchmaterials bekamen, abgerissen. Hinzu kam weiteres Gelände, das von der Firma J. D. Möller gegen Grundbesitz am Voßhagen eingetauscht wurde.

Die Absicht, auf diesem Areal das Rathaus zu errichten, forcierte der Bürgermeister Dr. Ladwig 1934, nachdem bereits sein Amtsvorgänger Friedrich Eggers im Jahre 1927 in einem „Ideenwettbewerb zum Platz am Rosengarten“ diese Möglichkeit einräumte. Der Wunsch Dr. Ladwigs war es, aus dem Bahnhofsvorplatz, der am 20.04.1933 in Adolf-Hitler-Platz benannt worden ist, eine „ansprechende Visitenkarte Wedels“ zu machen. Zum einen wäre ein Rathaus an dieser exponierten Stelle sehr repräsentativ im Stadtbild, und zum anderen war das Rathausgebäude an der Austraße für die 25 Verwaltungsmitarbeiter völlig unzureichend und wurde teilweise sogar den gesundheitlichen Anforderungen nicht mehr gerecht. Auch das 1926 erbaute Gebäude der Sparkasse am Rathausplatz, in dem Teile der Verwaltung untergebracht waren, platzte aus allen Nähten.

Dr. Ladwig holte die generelle Zustimmung der Kreisleitung Pinneberg der NSDAP ein und ging an die Planung. Zuständig beim Kreis Pinneberg war der Kreisbaurat Fröhlich, welcher zunächst die aus Wedel eingereichten Pläne als „kaum brauchbar“ bezeichnete. Auch mahnte er den Bürgermeister Dr. Ladwig an, einen Architektenwettbewerb durchzuführen. Diese Forderung stieß auf wenig Zustimmung, der Bürgermeister setzte sich darüber hinweg und reichte seine Raumplanung beim Kreisbauamt ein. Er gab an, folgenden Bedarf zu haben: Räume für Bürgermeister, Vorzimmer, Standesamt, zwei Räume für das Stadtbauamt, ein Steuerbüro, zwei Büros für das Meldeamt, drei Büros für die Finanzverwaltung, ein Büro für das Ordnungsamt, welches auch Seemannsamt war, und ein Arbeitsbeschaffungsbüro. Hinzu kamen ein Sitzungssaal für bis zu 40 Personen und eine Polizeiwache mit zwei Räumen und zwei bis drei Zellen nebst Sanitäranlagen. Außerdem Aktenräume, Luftschutzraum, ein Ratskeller und eine große Wohnung.

Die Fortschritte an der Planung verzögerten sich, weil die örtliche Parteileitung, der Wedeler Ortsgruppenleiter der NSDAP, anders als der Kreisgruppenleiter, Schwierigkeiten in der Durchführung sah. Man sah die Notwendigkeit für eine Raumerweiterung des Rathauses ein, und Anbauten erschienen hier als eine kostspielige Notlösung, so dass nur ein Neubau im Hinblick auf das Wachstum der Stadt sinnvoll erschien. Allerdings sahen sie die Finanzierung als schwierig und die Kosten eines Neubaus als unabsehbar an. Bei einer erneuten Aussprache mit den Ratsherren legte der Bürgermeister eine Kostengegenüberstellung vor. Der Ortsgruppenleiter und Beigeordnete ließ sich noch folgende Punkte schriftlich bestätigen:

  • dass die Kosten des Anbaus nicht über 140.000 Reichsmark betragen würden,
  • dass der Neubau des Rathauses auf absehbare Zeit allen Anforderungen genüge,
  • dass die durch den Neubau des Rathauses entstehenden laufenden Mehrkosten ohne Schwierigkeiten von der Stadt getragen werden können,
  • dass die durch den Neubau eines Rathauses in dem Gebäude Austraße 5 freiwerdenden Räume ggf. Parteizwecken zur Verfügung gestellt würden.

Sodann waren die Zweifel ausgeräumt und dem Neubau zugestimmt. Für die Finanzierung wurde festgelegt, die Kosten in Höhe von 140.000 Reichsmark mit 50.000 Reichsmark aus dem Arbeitsbeschaffungsfonds und mit 90.000 Reichsmark aus dem Erlös des Verkaufs des bisherigen an der Austraße gelegenen Rathauses an die Sparkasse zu sichern. Seltsam nur, dass das Finanzierungskonzept nie so umgesetzt wurde, da das Grundstück an der Austraße noch lange in städtischem Besitz war. Dort befand sich einige Jahrzehntelang das städtische Alters- und Pflegeheim „Heinrich-Gau-Heim“. Die tatsächliche Finanzierung ist aus unbekannten Gründen verschleiert.

Als nächstes wurde im Juni 1936 nun doch ein Ideenwettbewerb der Gestaltung des Neubaus ausgelobt. Gewünscht wurden Bleistiftzeichnungen mit Ansicht und Grundriss und eine Aufstellung des umbauten Raumes. Als Prämie wurden drei Preise mit 200, 100 und 50 Reichsmark angesetzt. Dies aber rief Bedenken des Kreisbauamtes erneut hervor, die Herr Baurat Fröhlich in der gemeinsamen Sitzung am 27.04.1937 vor Baubeirat und Ratsherren Er sah in den Entwurfszeichnungen die städtebaulichen Belange und die künftigen Verkehrsentwicklungen nicht genügend berücksichtigt. Er empfahl, zunächst einen „tüchtigen Architekten“ anzustellen und diesen mit der Planung des Wettbewerbs zu betrauen. Außerdem müsse der Kreis der Wettbewerbsteilnehmer ausgeweitet werden, so dass auch Architekten aus Altona und dem gesamten Kreis Pinneberg teilnehmen könnten. Der Bürgermeister erklärte, dass er diesem Vorschlag so folgen wolle, hielt aber weiterhin an seinem Plan fest, nur Wedeler Architekten und den Stadtbaumeister Heinrich Diercks an dem Projekt arbeiten zu lassen. Der nächste, der Beschwerde gegen die Planungen führte, war der Landespräsident der Reichskammer der bildenden Künste in Hamburg. Er schrieb, dass es ihm unverständlich sei, dass die Stadt Wedel gedenke, die Richtlinien des BDA (Bund Deutscher Architekten) zu missachten und keinen richtigen Architektenwettbewerb, welcher viel höhere Preisgelder hätte, durchführen wollte. Ebenso kritisch äußerte sich erneut Herr Fröhlich und warnte davor, dass die Vernachlässigung von ordnungsgemäßen Voraussetzungen zu einem „nicht wieder gut zu machenden Fiasko führen werde“. Der Bürgermeister setzte sich über diese Bedenken hinweg und lud zur Sitzung am 24. Juli 1936 einen der Architekten aus dem kleinen Wettbewerb, Herrn Ludwig, ein, und die Ratsherren ließen sich das Projekt erläutern. Obwohl dieser einen guten Eindruck hinterließ, bestanden die Ratsherren darauf, dass Wedeler Architekten ihre Planungen vortragen und diese bei gleicher Leistung bevorzugt werden sollten. In der darauf folgenden Sitzung stellten sich drei Wedeler Bauunternehmer bzw. Architekten vor. Dies waren der Stadtbaumeister Heinrich Diercks, der Architekt Herrmann Pikull und der Bauunternehmer Herrmann Seebeck, die neben ihren Entwürfen auch ihre Honorarvorstellungen den Ratsherren unterbreiteten. Herr Seebeck nahm im Laufe des Gesprächs seine Bewerbung zurück, weil eine der Voraussetzungen für die Berücksichtigung war, selbst nicht als Handwerker aufzutreten. Man entschied sich für den Architekten Hermann Pikull. Den Ausschlag gab sicherlich seine Honorarforderung. Er erwähnte, dass er bei dem gemeinnützigen Zwecke nur ein Honorar von 1.000 Reichsmark verlangen wolle, und im Übrigen wolle er den Bau als Wedeler Bürger kostenlos ausführen. Merkwürdig nur, dass die darauf folgende Auftragsvergabe am 15.08.1936 an das Duo H. Pikull und Walter Breckwoldt ging und dass sich die Forderungen im September 1936 nunmehr auf 4.000 Reichsmark erhöhten.

Neben den Honorarforderungen waren aber auch die Entwürfe der Architekten Pikull und Breckwoldt für die Ratsherren interessant. Die Planungen der Architekten waren ein typisches Beispiel der zeitgemäßen Backstein-Architektur der 30er Jahre in Norddeutschland. So zeigt der Bau fast spätexpressionistische Firststufen der beiden Staffelgiebel und eine etwas zu klobige Pfeiler-Vorhalle. Die Bauausführung ging erstaunlich flott voran. Am 14.10.1936 reichte man die Bauanträge ein, und am 16.10.1936 führten die Mitarbeiter der Stadtverwaltung, angeführt von Dr. Harald Ladwig, die ersten Spatenstiche aus. Einen Monat später, am 16.11.1936, wurde der Grundstein gelegt und eine Feier in Heinsohns Villenrestaurant am Schulauer Hafen ausgerichtet. Die Baupläne waren, verglichen mit den ursprünglichen Raumplanungen, verändert. So waren Büros für die NSDAP, die Ortskrankenkasse und für das Sippenamt hinzugekommen. Außerdem sind dem neu gegründeten Stadtgartenamt unter der Leitung des Gartenbaumeisters Friedrich Jüttemeier Büros gegeben worden, wohingegen es keinen Raum für den Arbeitsbeschaffungsnachweis gab und die Idee zum Ratskeller nicht weiter verfolgt wurde. Auch wurde das Dachgeschoß nicht ausgebaut und somit keine Dienstwohnung für den Bürgermeister eingerichtet.

Die Auftragsvergabe an den Bildhauer Hans Lissow zur Anfertigung einer Giebelfigur „Der Wappenträger“ aus Obernkirchner Sandstein erfolgte bald darauf. Um sich weitere Anregungen für die künstlerische Ausgestaltung geben zu lassen, fuhren die Ratsherren am 26. Januar 1937 für einen Besuch in die gerade fertig gestellte Neulandhalle in den Adolf-Hitler-Koog (heute Dieksander Koog), die als Muster des zeitgemäßen Bauens gelten konnte. Es fanden sich auch Sponsoren für den Neubau, die Firma J. D. Möller spendete 4.000 Reichsmark. Ab Januar 1937 gaben die Architekten zu verstehen, dass die Honorare erhöht werden müssen. Die Ratsherren lehnten dies kategorisch ab und bestanden auf vollständiger Erfüllung des Vertrages und der daraus resultierenden Forderungen, nötigenfalls sollten Zwangsmittel angewendet werden. Offensichtlich gefiel das den Architekten nicht. In einer dringlichen Sitzung der Ratsherren vom 30.03.1937 wurden Fälle von übler Nachrede durch den Architekten Breckwoldt bekannt. Dieser hatte den Ersten Beigeordneten Julius Timmermann wegen Sabotage des Vier-Jahres-Planes angezeigt, weil dieser seine Forderung nicht durchsetzte, und hatte über den Bürgermeister Dr. Ladwig herabsetzende Äußerungen gemacht. Die Ratsherren sahen nunmehr eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Architekten Breckwoldt gestört und kündigten diesem fristlos. Dieser reichte Klage dagegen ein. Der Architekt Pikull hingegen legte den Ratsherren am 28. Juli 1937 seine Abrechnung des Neubaus vor. Die Ratsherren zeigten sich höchst zufrieden und gewährten diesem eine Sonderanerkennung in Höhe von 1.000 Reichsmark. Natürlich war die erwünschte Bausumme überschritten worden. Die Baukosten beliefen sich auf genau 163.458,21 Reichsmark, das waren etwa 17% mehr, als eingeplant. Hinzu kamen noch die Kosten für die Inneneinrichtung in Höhe von 11.371 Reichsmark, dies war allerdings nur knapp über der eingeplanten Summe. Die an dem Bau beteiligten Wedeler Firmen waren: Peter Höpermann, Fuhrunternehmen Otto Dörner, Fuhrunternehmen, Friedrich Stolze, Maurer August Ohle, Baugeschäft, Lüdemann, Klempner, Franz Biesterfeld, Klempner, Julius Timmermann, Klempner, J. Bartels, Tischler, Heinrich Schümann, Tischler, Wilhelm Böger, Tischler, Hinrich Meyer, Elektroarbeiten, Wilhelm Goerges, Installationen, Oskar Löhnig, Schlosser, Willi Ahrens, Maler.

Die Verwaltung zog am 02.08.1937 in das neue Rathaus ein; der Sitzungssaal wurde am 27.09.1937 mit einer Ratssitzung eingeweiht. Als Wandschmuck für den großen Sitzungssaal erwarb die Stadt vom Rissener Maler H. Porwoll ein Gemälde des Ochsenmarktes, das noch heute den Magistratsraum schmückt, und als künstlerische Ausschmückung des Bauwerkes sind zu nennen die Giebelfigur „Der Wappenträger“ von Hans Lissow und die Wappenfenster im Treppenhaus. Die Wappen der zunächst 12 Fenster waren Stiftungen der Wappen tragenden Gemeinden, Städte und Gebietskörperschaften. Die launige Geschichte, warum das Hamburger Wappen zunächst leer blieb, erzählt der Bürgermeister Dr. Ladwig selbst in einem Aufsatz im Heimatbuch von 1939. Wann es dann aber doch eingesetzt wurde, liegt im Dunkeln. Das heutige Bild, welches sich dem Betrachter bietet, ist durch mehrere Bauphasen so entstanden. Nach Einbau des rückwärtigen Eingangs ordnete man die Wappenfenster neu und baute die unteren Fenster an den inneren Seiten des Treppenaufgangs ein. Der ehemals vorhandene Fensterflügel mit dem Hoheitssymbol der Ortspolizeibehörde nebst Hakenkreuz wurde selbstverständlich nicht wieder eingehängt.

Während des Krieges hatte das Rathaus zum Glück nur leichtere Zerstörung erlitten. In der schlimmsten Bombennacht, der Nacht vom 03. auf den 04. März 1943, sind die Fenster im Obergeschoß zersplittert, und das Dach wurde abgedeckt. Es waren also nur geringere Schäden festzustellen, das Rathaus war noch einmal glimpflich davongekommen.

Mit den Jahren reichte der Platz im Rathaus, der 1937 für eine Anzahl von insgesamt 49 städtischen Mitarbeitern ausgelegt war – die aber nicht alle im Rathaus beschäftigt waren – nicht mehr aus. Zunächst wich man in das Dachgeschoß aus und baute die Wohnung des Hausmeisters, die etwa 1942 dort eingerichtet wurde, zu Büroraum für die Kämmerei um. Außerdem begann man in den 60er Jahren mit der Ausgliederung einzelner Ämter und Abteilungen in andere Gebäude, schließlich hatte sich die Anzahl der städtischen Mitarbeiter erheblich vergrößert. Diese Raumnot und die bis dahin teilweise unzureichende Unterbringung an diversen Standorten Wedels hatte erst ein Ende, als 1980 der Rathaus-Erweiterungsbau fertig gestellt wurde und der Rathaus-Altbau, wie er nun genannt wird, grundlegend saniert und umgebaut wurde.

Glücklicherweise ereilte ihn nicht dasselbe Schicksal wie das 1926 erbaute Gebäude der Sparkasse, das neben dem Rathaus stand und zuletzt als Dienstgebäude des Bauamtes genutzt wurde. Es wurde 1979 für den Erweiterungsbau abgebrochen. Nach Fertigstellung des Rathaus-Erweiterungsbaus sind in dem Gebäude die Kämmerei, das Standesamt, wo nun die Traureden im eindrucksvoll eingerichteten alten Sitzungssaal gehalten werden können, die Stadtkasse, das Rechnungsprüfungsamt und die EDV-Abteilung untergebracht. Außerdem gibt es zwei Wohnungen der Hausmeister und Beratungsräume von Vereinen und Verbänden.

Von Interesse ist noch die Raumfrage der Polizei. Zunächst war die Polizei, damals noch Ortspolizeibehörde, deren Dienstherr auch der Bürgermeister war, mit einem separaten Eingang im Keller des Rathauses untergebracht. In diesem Gebäudetrakt gab es neben einer Wachstube und einem Büro für den Wachleiter auch zwei Zellen. Für die noch nicht motorisierten Beamten gab es einen Polizeiräderkeller. Hier taten 1937 elf Polizeibeamte ihren Dienst. Erst als im Juli 1960 die Räumlichkeiten im Rathaus gar zu eng wurden, zog die Polizeiwache ein Gebäude weiter, nämlich in die Villa Am Rosengarten 4, die von der Stadt Wedel angemietet wurde. Doch schon 1964 zog man von dort weg in das alte Postgebäude am Rathausplatz und nach dem Auszug des Amtsgerichtes 1978 in das freie Gebäude an der Gorch-Fock-Straße.

(Text: Stadtarchiv Wedel)

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