Realitätsnahe Atemschutzausbildung

Tanzende Engel, Bleistiftmethode und hydraulische Ventilation: "Heiße" Ausbildung im Brandübungscontainer in Brokdorf

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Gleich wird's heiß: Ein Atemschutztrupp bereitet sich auf den Löschangriff vor
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Gleich wird's heiß: Ein Atemschutztrupp bereitet sich auf den Löschangriff vor
Nullsicht und Hitze: Die Übungsbedingungen sind sehr realitätsnah
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Nullsicht und Hitze: Die Übungsbedingungen sind sehr realitätsnah
Oberstes Gebot: Viel trinken, um den enormen Flüssigkeitsverlust auszugleichen
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Oberstes Gebot: Viel trinken, um den enormen Flüssigkeitsverlust auszugleichen
Immer wieder muss die Anlage neu befeuert werden
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Immer wieder muss die Anlage neu befeuert werden
(Unvollständiges) Gruppenbild der Wedeler Lehrgangsteilnehmer
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(Unvollständiges) Gruppenbild der Wedeler Lehrgangsteilnehmer
Dem Autor dieses Beitrags ist die Anstrengung ins Gesicht geschrieben
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Dem Autor dieses Beitrags ist die Anstrengung ins Gesicht geschrieben
Nachbesprechung eines erfolgreichen Ausbildungstages
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Nachbesprechung eines erfolgreichen Ausbildungstages

Zu Beginn fühlt es sich an wie ein gemütlicher Kaminabend: Das Holz knistert und knackt. Im Unterschied zum Kamin sammelt sich im Brandübungscontainer auf dem Gelände des Kernkraftwerks Brokdorf der Brandrauch an der Decke. Ausbilder Michael weist uns auf die dunkel pulsierende Rauchschicht hin, die immer dicker wird. Wie gut, dass uns die Atemschutzgeräte vor dem giftigen Brandrauch schützen. Unsere Einsatzschutzkleidung schirmt die Hitze ab, die trotzdem spürbar zunimmt. Immer mehr Rauch füllt den Raum, die Sicht wird schlechter. Auf Michaels Befehl strömt Luft in den Container. Sauerstoff mischt sich mit den brennbaren Gasen in der Rauchschicht. Und da sind sie: die ersten "dancing angels" – diffuse Flammen, die wie Irrlichter durch die Rauchschicht wandern. Sie kündigen eine Rauchgasdurchzündung an, die kurze Zeit später die verrauchte Decke des Containers feuerrot färbt. Mittlerweile spüre ich die Hitze an den Schienbeinen und den Knien. Jetzt bloß nicht aufstehen – in Stehhöhe betragen die Temperaturen 600 Grad Celsius. Im Vergleich dazu sind die ca. 150 Grad, die auf meinen Körper wirken, ein kühles Lüftchen. Trotzdem bin ich froh, als es heißt: "Alle raus!"

Kaum habe ich meinen Helm, die Flammschutzhaube und die Atemschutzmaske abgenommen, trinke ich einen Liter Mineralwasser fast in einem Zug aus. Weitere Liter werden an diesem Tag folgen. Jetzt muss ich wieder aufpassen, denn Michael ruft zum Strahlrohrtraining. Erst die Theorie, dann die Praxis – wieder im Container. In Dreiertrupps gegen wir gegen das Feuer vor. Kurze Sprühstöße im Vollstrahl direkt in die Brandkammer: Diese so genannte "Bleistifttechnik" ist sehr effektiv und zugleich effizient – aber leider kein Patentrezept, sagt Michael. Wir müssen lernen, das Feuer zu "lesen" und unser Repertoire an Löschvarianten sinnvoll zu nutzen.

Bei der Abschlussübung unserer heutigen Ausbildung gehen wir in Dreiertrupps ins Feuer. Dazu haben Michael und Kevin im Container Sessel und anderes Mobiliar verteilt. Ein kurzer gegenseitiger Check, dann geht es los. Ich öffne kurz die Tür zum Container. Matthias schaut hinein. Tür wieder zu. Matthias berichtet Philip und mir, was er gesehen hat. Viel ist es nicht, denn der Container ist komplett verraucht. Matthias geht als Strahlrohrführer voran, Philip und ich bleiben auf Tuchfühlung. Würde ich auch nur einen halben Meter Abstand zu Matthias lassen, könnte ich nicht mehr sehen, wohin er sich bewegt. Also: dran bleiben und kommunizieren. Wir informieren uns über alles, was wir ertasten, räumen gemeinsam Hindernisse beiseite und entscheiden den nächsten Schritt. Die Hitze nimmt zu. Haben wir bei den vorangegangenen Übungen lediglich im Brandcontainer gesessen oder gekniet, müssen wir uns jetzt kriechend voran kämpfen und dabei noch den schweren Schlauch nachziehen. Das ist schon unter Normalbedingungen schweißtreibend. Bei Temperaturen wie im Backofen verlangt es uns die letzten Kräfte ab.

Dann wird es plötzlich heller. Ein Blick rechts um die Ecke bestätigt: Wir haben das Feuer erreicht. Kurze Beratung, dann der Entschluss, die gerade erlernte Bleistifttechnik anzuwenden. Matthias schickt in hoher Frequenz Wassergranaten in den Brandraum. Philip und ich beobachten die Wirkung unseres Löschangriffs. Nach kurzer Zeit haben wir es geschafft: Das Feuer ist aus. Fertig sind wir aber noch nicht, denn wir müssen wieder raus aus dem Container – auf demselben Weg, wie wir hereingekommen sind. Wir tasten uns an unserer Schlauchleitung entlang. Der führt uns sicher in Richtung Ausgang – denken wir, bis wir plötzlich feststecken. Was ist passiert? Nachdem ich die Umgebung abgetastet habe, stelle ich fest, dass wir hinter einer verschlossenen Tür gefangen sind. Also einen Meter zurück, Tür öffnen – weiter geht's! Im Rücken ist es immer noch mächtig heiß. Erschöpft, aber zufrieden klettern wir aus dem Container.

Zum Abschluss probieren einige Kameraden noch die hydraulische Ventilation aus. "Funktioniert, wird aber ganz schön heiß am Rücken", bilanziert Jens der bei dieser Ventilationstechnik zwangsläufig vom heißen Brandrauch umströmt wird.

Nachdem alles wieder aufgeräumt ist, gibt es noch eine Wurst vom Grill. Dann verabschieden sich die zwölf Wedeler Feuerwehrleute und ihr Organisator und Kamerad Kevin Evers mit einem dicken Dankeschön von Michael und treten den Heimweg nach Wedel an. Erst jetzt spüre ich die Anstrengungen des Tages. Außerdem fehlt mir eine Stunde Schlaf – in der vergangenen Nacht sind wir um 1.56 Uhr zu einem Containerbrand gerufen worden. So ist das bei der Feuerwehr: Übungen wie die im Brandübungscontainer im Brokdorf lassen sich planen, die Einsätze hingegen nicht. (Holger Koschek/Feuerwehr Wedel/23.8.20; Fotos: Jens Benölken, Holger Koschek, Björn Sommer/Feuerwehr Wedel)

Nachtrag

Bei der Feuerwehr gilt Corona-bedingt eine Beschränkung von vier Personen pro Fahrzeug. Mit jedem Feuerwehrfahrzeug rückt derzeit ein Mannschaftstransportwagen im Tandem aus. Weil wir aus diesem Grund nur eingeschränkt auf die Mannschaftstransportwagen der Feuerwehr zurückgreifen konnten, bedanken uns ganz herzlich beim Autohaus Fricke, das uns unkompliziert und unentgeltlich einen Minivan zur Verfügung gestellt hat.

Mit freundlicher Unterstützung von...