Gedenktag: Beeindruckendes Signal für Demokratie und Toleranz

Zahlreiche Wedelerinnen und Wedeler besuchen die beiden zentralen Veranstaltungen der Stadt Wedel. Das Programm bewegte.

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Zeitzeugin Marianne Wilke sprach über ihre Schulzeit als so genannte "Halbjüdin" im NS Staat. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Zeitzeugin Marianne Wilke sprach über ihre Schulzeit als so genannte "Halbjüdin" im NS Staat. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Die "Elbsound 5" starteten ein frappierendes Experiment. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Die "Elbsound 5" starteten ein frappierendes Experiment. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Organisatorin Irmgard Jasker freute sich über die überwältigende Besucherzahl. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Organisatorin Irmgard Jasker freute sich über die überwältigende Besucherzahl. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Stadtpräsident Michael Schernikau sprach beim ebenfalls gut besuchten Gedenken am KZ-Mahnmal. Foto: Stadt Wedel/Strecker
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Stadtpräsident Michael Schernikau sprach beim ebenfalls gut besuchten Gedenken am KZ-Mahnmal. Foto: Stadt Wedel/Strecker
Schülerinnen der Ernst-Barlach-Gemeinschaftsschule zeigten ihren Dokumentarspiel-Film. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Schülerinnen der Ernst-Barlach-Gemeinschaftsschule zeigten ihren Dokumentarspiel-Film. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Die ehemalige Stadtpräsidentin Sabine Lüchau sprach für die Amschler-Stiftung. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Die ehemalige Stadtpräsidentin Sabine Lüchau sprach für die Amschler-Stiftung. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Der Besucherandrang war riesig. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Der Besucherandrang war riesig. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Humboldts Helfer von der GHS mit Zeitzeugin Helga Tandrup. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Humboldts Helfer von der GHS mit Zeitzeugin Helga Tandrup. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Wolfgang Kahle sprach als DGB-Ortsvorsitzender zu den Gästen. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Wolfgang Kahle sprach als DGB-Ortsvorsitzender zu den Gästen. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Ayşen Ciker mahnte als stellvertretende Stadtpräsidentin Wachsamkeit gegen rechtes Erstarken an. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Ayşen Ciker mahnte als stellvertretende Stadtpräsidentin Wachsamkeit gegen rechtes Erstarken an. Foto: Stadt Wedel/Kamin

Wedelerinnen und Wedeler haben ein beeindruckendes Signal für Demokratie und Toleranz gesetzt. Bei zwei Veranstaltungen zum 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, zeigte eine Rekordzahl an Besucherinnen und Besuchern aus allen Teilen der Gesellschaft, dass die Rolandstadt im Kampf gegen neu aufflammende rechtsradikale Tendenzen fest zusammensteht und bereit ist, ihre Freiheit zu verteidigen.

Denn wie eine unfreie Gesellschaft aussieht, in der Menschen bestimmter Glaubensrichtungen oder mit einem bestimmten Musikgeschmack um ihr Leben fürchten müssen, das weiß auch Wedel seit der Zeit des Dritten Reiches. Wie das Regime von 1933 bis 1945 sein menschenverachtendes Weltbild in alle Lebensbereiche verbreitete, daran erinnerten Lesungen, Zeitzeugenberichte, Musik und ein Schülerfilm. Am späten Nachmittag hatten zunächst rund 50 Menschen am Gedenkstein an der Rissener Straße bei Lesungen mit Windlichtern und Laternen der Toten und Gequälten des Wedeler Außenlagers des KZ Neuengamme gedacht. Hier sprach neben anderen auch der Wedeler Stadtpräsident Michael Schernikau zu den Teilnehmenden.

Bei der zentralen Gedenkveranstaltung in der Stadtbücherei Wedel, wollte der Besucherstrom dann kaum versiegen – so dass es am Ende wohl eine der größten Veranstaltungen war, die die Stadtbücherei neben den Lesungen von Starautoren oder Kulturnächten je ausgerichtet hatte. Von Schülerinnen und Schülern bis hin zu Zeitzeugen waren alle Generationen und gesellschaftlichen Bereiche vertreten. Eingeladen zu beiden Veranstaltungen hatte der „Arbeitskreis der Stadt Wedel gegen Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit“, die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten“ (VVN-BdA) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). „Jugend im NS-Staat“ lautete das Thema des Abends, der zeigte, wie die so genannte arische Jugend in allen Lebensbereichen vom System vereinnahmt wurde.

Neben Organisatorin Irmgard Jasker mahnten Ayşen Ciker als stellvertretende Stadtpräsidentin, Sabine Lüchau als Vorsitzende der Amschlerstiftung und Wolfgang Kahle als DGB-Ortsvorsitzender Wachsamkeit an, rechtsradikalen Umtrieben noch entschlossener entgegenzutreten, da die Anzeichen für ein neues Erstarken rechter Ideologien in Deutschland nicht mehr zu übersehen sei. Wohin totalitäres Gedankengut am Ende führen kann, zeigten die Erinnerungen von Zeitzeugin Marianne Wilke, die als so genannte „Halbjüdin“ in Hamburg Ausgrenzung und Verfolgung erleben musste und nur durch mutige Mitmenschen geschützt werden konnte. Auch Schülerinnen aus der neunten Klasse von Lehrerin Dana Gora von der Ernst-Barlach-Gemeinschaftsschule (EBG) zeigten in einem beeindruckenden selbstgedrehten Film auf Basis von Zeitzeugengesprächen, wie der Riss zwischen glühenden Verehrern des Nazi-Regimes und Gegnern auch durch einzelne Familien ging.  Darüber hinaus lasen „Humboldts Helfer“ - Schülerinnen der Gebrüder-Humboldt-Schule (GHS) unter Leitung von Lehrerin Sonja Strecker – aus dem Buch „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ von Hans Jürgen Massaquoi, das autobiographisch über das Leben als dunkelhäutiges Kind im Dritten Reich berichtet. „Humboldts Helfer“ stellten auch ihr Projekt Stolperschwelle vor, das sie zusammen mit dem Stolperstein-Künstler Gunter Demnig in der Nähe des KZ-Gedenksteins realisieren wollen und für das sie derzeit Spenden sammeln.

Einen ganz frappierenden Weckruf lieferte das Jazz-Quintett „Elbsound 5“ mit einem musikalischen Experiment. Zusammen mit dem Publikum stellten sie einen als Gesangsabend getarntes Swing-Konzert nach, bei dem alle Besucherinnen und Besucher nach einem Pfiff eines Schmiere stehenden Helfers bei der Gefahr der Entdeckung sofort in das klassische Volkslied „Kein schöner Land“ einstimmten und später wieder in die Jazz-Version des Volksliedes überwechselten. Was so banal wirkte, zeigte auf bestürzende Weise, wie ein Leben ohne Freiheit in einem System, in dem andere Haltungen, Meinungen und Religionen mit dem Tode bedroht sind, ganz konkret jeden einzelnen Tag aussehen würde.

Ein Abend, der noch lange nachhallen wird.

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