Hintergrund: Elbfindlinge in Wedel

Die Steine im Findlingsgarten am Johann-Rist-Weg sind mindestens 1,4 Milliarden Jahre alt. Johann Rist beschreibt im 17. Jahrhundert einen weiteren großen Findling in Wedel.

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In Wedel sind zahlreiche Elbfindlinge zu sehen. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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In Wedel sind zahlreiche Elbfindlinge zu sehen. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Im Findlingsgarten an der Schulauer Straße gibt es zahlreiche Informationen zu den ausgestellten Steinen. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Im Findlingsgarten an der Schulauer Straße gibt es zahlreiche Informationen zu den ausgestellten Steinen. Foto: Stadt…
Im Findlingsgarten an der Schulauer Straße gibt es zahlreiche Informationen zu den ausgestellten Steinen. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Im Findlingsgarten an der Schulauer Straße gibt es zahlreiche Informationen zu den ausgestellten Steinen. Foto: Stadt…
Der Wedeler Stadtmuseumsleiter Holger Junker vor dem Findling am Strand. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Der Wedeler Stadtmuseumsleiter Holger Junker vor dem Findling am Strand. Foto: Stadt Wedel/Kamin
Der Wedeler Pastor und dichter Johann Rist (1607–1667; hier das Denkmal vor der Immanuelkirche am Roland beschrieb einen Findling in der Nähe des heutigen Steinbergs. Foto: Stadt Wedel/Kamin
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Der Wedeler Pastor und dichter Johann Rist (1607–1667; hier das Denkmal vor der Immanuelkirche am Roland beschrieb einen…

Die Bergung des Großfindlings am Wedeler Elbstrand hat der Stadt Wedel eine neue Attraktion am Elbstrand beschert. Aber der 60 Tonnen schwere Riese ist längst nicht der einzige Elb-Findling in Wedel. An der Schulauer Straße im „Findlings-Garten“ sind einige Exemplare ausgestellt, die wie der Neuankömmling am Strand von einer Eiszeit nach Wedel in die Elbe transportiert worden sind. Genau wie in einer ersten Einschätzung durch Holger Junker, den Leiter des Wedeler Stadtmuseums, für den Großfindling am Strand gehen Experten auch für die Findlinge an der Schulauer Straße von einem Transport nach Wedel durch die vorletzte Eiszeit (300.000 bis 130.000 Jahre vor Christus) aus.

Für die Findlinge an der Schulauer Straße liegt eine genaue Analyse durch Prof. Dr. Roland Vinx vom Mineralogisch-Petrographischen Institut der Universität Hamburg aus dem Jahr 2007 vor, die dort auch an der Schautafel neben vielen anderen spannenden Informationen zur Wedeler Entstehungsgeschichte zu lesen ist. Auch Johann Rist berichtet in einem seiner Texte von einem großen Findling am Riesenkamp, der zu Lebzeiten Rists im 17. Jahrhundert noch als Opferstein bekannt gewesen sein muss. Die Analyse und den ungleich blutigeren Bericht Johann Rists stellen wir hier vor.

 

Hier der Text der Analyse

Grundlage der nachfolgenden Angaben sind makroskopische Untersuchungen sowie die mikroskopische Auswertung von sechs Gesteinsdünnschliffen und zwei Röntgenfluoreszenzanalysen (RFA) zur Absicherung der Befunde.  Röntgenfluoreszenzanalytik ist das Standardverfahren zur Ermittlung der chemischen Zusammensetzung von Gesteinen (ca. 30 Elemente).

Allgemeines

Die Findlinge stammen z.T. mit Sicherheit, sonst mit großer Wahrscheinlichkeit aus Ostschweden. Findling 4 ist in Ostsmåland beheimatet. Eine für Findling 10 nach äußeren Merkmalen zunächst in Betracht gezogene mögliche Herkunft von Bornholm hat sich aufgrund einer Röntgenfluoreszenzanalyse als unzutreffend erwiesen. Die Findlingsgesteine haben mit großer Wahrscheinlichkeit Alter zwischen 1,7 und knapp über 1,8 Milliarden Jahren.   

Die Findlinge sind mit kaltzeitlichem Inlandeis in das Gebiet gelangt, wo heute vor Wedel die Elbe verläuft. Das Spektrum der ursprünglich insgesamt beim Wasser- und Schiffahrtsamt gelagerten ca. 120 Elbfindlinge weist auf einen Antransport während der Saale-Kaltzeit hin. Dies bedeutet eine Transportzeit zwischen 170.000 – 200.000 Jahren.

Die Findlinge

Findling 1:    grauer Gneis (Orthogneis, durch Metamorphose aus Granit entstanden)

Findling 2:    rötlicher Gneis (Orthogneis, durch Metamorphose aus Granit entstanden)

Findling 3:    Quarzmonzonit bis Granodiorit (inhomogen, niedriggradig metamorph überprägt)

Findling 4:    rötlicher Småland-Granit (Växjö-Typ, viele dunkle Xenolithe, blauer Quarz), Herkunft: südliches Ostsmåland

Findling 5:    rötlicher Granit mit grobkörnigem (pegmatitischem) Anteil an der Ostseite

Findling 6:    Mikro-Hornblendegranodiorit

Findling 7:    rötlichgelber Gneis (Orthogneis mit starker Deformation)

Findling 8:    Amphibolit (metamorphes Gestein, mit stark deformierten Schlieren)

Findling 9:    Granit bis Mikrogranit

Findling 10:  rötlicher Granit

Findling 11:  vergneister Pegmatit

Findling 12:  basaltischer Grünstein, z.T. als Mandelstein ausgebildet

 

 

Johann Rist über einen inzwischen verschollenen Findling in Wedel:

In: Die alleredelste Zeit-Verkürtzung der Gantzen Welt, 1667

Hinter meinem Norder-Garten liegt ein kleines Hölzlein, der Wyde, geheißen. Hinter diesem Wäldlein war noch vor etlichen Jahren ein ziemlich großer, runder Platz, der Riesenkamp genannt, wobei zu merken, dass ein Kamp soviel als ein mit Hecken und Steinen oder Bäumen umgebener oder befreiter Acker heißt. Dieser Riesenkamp war rund umher mit großen Steinen besetzt, welche wie eine starke Mauer anzusehen waren. Zwischen den Steinen standen sehr große, schöne und hohe Eichbäume, so ordentlich gepflanzt, dass man es recht spüren konnte, dass sie mit Fleiß dahingesetzt waren, was alles das Auge sehr belustigte.

Fast in der Mitte dieses Riesenkampes lag ein überaus großer Stein, fast wie ein kleines Haus; er lag aber mehr nach dem Niedergang, als nach dem Aufgang der Sonne. Dieser schrecklich große Stein hatte vier Absätze oder Stiegen, die zwar nur grob ausgehauen waren; man nannte ihn des Riesen Opferstein, und ganz oben, woselbst ohne Zweifel der Opferplatz gewesen, sah er nicht anders aus, als wenn er mit Blut und Gehirn durch einander bestrichen oder besprengt worden wäre.

Dieweil dieses eine so treffliche Antiquität war, habe ich mit den Meinigen in Sommerzeiten manche Abendmahlzeit auf diesem heidnischen Altar gehalten, wobei denn meine höchstgeehrte Frau Nachbarin und Gevatterin, die selige hochedle Frau Drostin von Bardeleben nebst ihrer damaligen Jungfer Tochter, nunmehr der noch lebenden Frauen von Weihe, und andern guten Freunden mir vielmals Gesellschaft geleistet haben. Nach vollbrachter Mahlzeit haben wir dann auf diesem heidnischen Altar (wo unsere Vorfahren dem leidigen Teufel gedient und geopfert, ja wohl Menschen geschlachtet), mit schönen, geistreichen Liedern und Lobgesängen den wahren Gott und einzigen Schöpfer Himmels und der Erden herzlichst zu preisen gepflegt. (...)         

 

Hintergrund Opferstein am Riesenkamp:

Das Stadtarchiv Wedel schreibt dazu:

Wo der Opferstein von Johann Rist war, liegt im Dunkel der Geschichte, dass es ihn in Wedel gab, ist außer Zweifel.

Hinter dem Norder-Garten des Pastorats von Johann Rist lag ein kleines Wäldchen, das Wyde hieß. Hinter diesem Wäldchen war ein ziemlich großer Platz, der Riesen-Kampf genannt wurde. Johann Rist beschreibt diesen Stein in seinem sechsten Monatsgespräch sehr anschaulich. Der Platz sei mit Hecken oder Steinen umstanden. Zwischen diesen ragten hohe Eichbäume empor und in der Mitte des Platzes lag ein überaus großer Stein, den er Opfer-Stein nannte. Der Stein hatte vier Absätze und war rot marmoriert. Er soll bereits zu Lebzeiten Johann Rists eingegraben worden sein und die Bäume seien abgeholzt worden um sie nach Holland zu verkaufen.

In einigen Heimatbüchern hat der Stein Erwähnung gefunden. Im Jahr 1907, so steht in dem Buch „Vor den Toren der Großstadt“, soll man bei einer Grabung auf einen auffällig großen Stein gestoßen sein, doch wurde die Grube wieder eingeebnet. In dem Wedeler Heimatbuch von 1962 wird berichtet, das 1906 der damalige Altonaer Museumsdirektor die Stätte untersucht hätte und er die Schilderungen Rists als blühende Phantasie abtat. Im Buch von Claus Ahrens „Vorgeschichte des Kreises Pinneberg und der Insel Helgoland“ von 1966 wird der Standort des als Steingrab bezeichneten archäologischen Denkmals in der Wiedestraße angegeben.

 Sollte das hier zutreffen, so hat man in Erinnerung an den Stein eine falsche Straße in Wedel Riesenkamp genannt. Aber stand er wirklich dort oder ist er vielleicht woanders zu suchen?

Beginnen wir die Suche zunächst nach dem Nordergarten von Johann Rist. Er soll sich in fußläufiger Entfernung zum Pastoratsgebäude befunden haben. Und müsste dem Namen nach im Norden gelegen haben. Eine weitere von Rist selbst aufgeschriebene Ortsbezeichnung lautet Wyde. Nun gibt es auf alten Flurkarten Wedels keine Wyde, sondern nur Wieden, eine Flurbezeichnung die gleich mehrfach genannt wird und nach Wolfgang Schmidt „Die Flurnamen der Gemarkung Wedel, ihre Lage und ihre Bedeutung“ von 1987 als Wald zu deuten ist. Das Gebiet mit den Nennungen Wieden liegt etwa zwischen den Straßen Gärtnerstraße/ Steinberg und Pinneberger Straße, nördlich vom „Redder“, auf dem heute das Gymnasium steht. Neben diesen Flurbezeichnungen aus Karten und Erdbüchern von 1790 und 1815 gab es noch einen „verdächtigen“ Flurnamen, nämlich „Auffm Langen Stein“. Diese Bezeichnung, die auf ein Steingrab hinweisen könnte, wurde schon 1597 erwähnt, findet sich aber nach 1702 nicht mehr in den Unterlagen. Sie ist nicht konkret lokalisierbar. Schmidt vermutete sie aber auch an der Wiedestraße, etwa neben der heutigen Steinberghalle. Auch hier lässt der Flurname Steenbarg, oder Steinberg auf viele Steine schließen.

Sicherlich gibt es den Opferstein von Johann Rist heute nicht mehr, aber es könnte ihn gegeben haben. Vielleicht erinnern sich noch Wedeler Einwohner an gruselige Geschichten über den großen Stein und verraten den Platz wo der Stein denn sein könnte.

Am 7. Marz 2020 von 11 bis 17 Uhr ist Tag der Archive mit großem Programm im Wedeler Rathaus.

Mit freundlicher Unterstützung von..