Wie der kleine Ali vom großen Ali lernt

Sein großes Vorbild ist der frühere Boxweltmeister Muhammad Ali. Sein Name ist ebenfalls Ali. Sein nächstes Ziel ist es, Deutscher Meister zu werden.

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Ali Baycuman, Jahrgang 2001, boxte sich auf Platz drei bei den Deutschen Meisterschaften der Kadettenklasse mit einem Gewicht…
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Bora Stancic, 53, ehemaliger serbischer und Vize-Europameister, schult den talentierten Jungen Fotos: Rahn/kommunikateam

Ali Baycuman ist viel Bewegung, am besten jeden Morgen, jeden Abend, sieben Tage die Woche. Früher hätte man ihn Zappelphilipp genannt, heute würden Ärzte ein Aufmerksamkeitsdefizit mit Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, diagnostizieren. Doch der Junge kämpft im wahrsten Sinne des Wortes gegen dieses Handicap an: mit Boxen.

Ali muss sich auspowern. Dann wird er insgesamt ruhiger, weiß auch Vater Niyazi Baycuman, 46. Zuerst versuchte es der Junge mit Fußball. "Aber ich war damals zu faul zum Laufen", gesteht der Junge. Das änderte sich schlagartig. Nachdem der damals Zehnjährige auf dem Schulhof Prügel eines älteren Jugendlichen bezog hatte, war das Ziel klar: "Ich will stärker werden."

Doch wie und wo? "Mein Herz schlägt fürs Boxen", erzählt der Vater. Deshalb brachte er seinen Sohn in die Boxsportabteilung des Wedeler TSV. Aber ohne sich anzustrengen, bekommt niemand Kraft. "Ali hatte körperliche Defizite, schwache Beine", berichtet der Vater. Der Junge musste sich anfangs erheblich quälen, um voranzukommen. Mit Gewichten an den Füßen trainierte er die Beinmuskulatur. Unter Tränen biss er sich durch das harte Übungsprogramm.

Schnell stand außer Wedels Boxtrainer Thomas Müller auch ein Freund der Familie dem Jungen zur Seite: Bora Stancic, neunfacher serbischer und Vize-Europameister. "Drei Tugenden gehšren zum Boxen", sagt der heute 53-Jährige. "Das sind Ausdauer, Talent und Mut." Oft fehle Sportlern heutzutage eine dieser Eigenschaften. Aber Ali vereint sie alle, und muss trotzdem noch viel trainieren, um seinen Traum zu erfüllen: "Ich will deutscher Meister werden", sagt er selbstbewusst.

Die Bronzemedaille hat er sich im vorigen Jahr bei den deutschen Titelkämpfen bereits erarbeitet. Vielleicht wäre in der Kadetten-Klasse (bis 54 kg) noch mehr drin gewesen. Doch im Halbfinale verfiel er in alte Schwäche, konnte sich nicht mehr ausreichend konzentrieren und verlor. "Mental muss ich noch besser werden", meint der Junge. "Ich denke oft zu negativ."

Doch dieses Selbstbewusstsein, etwas Großes zu schaffen, wächst mit jedem Sieg, mit jeder Medaille. Und die beiden erfahrenen Trainer, Müller und Stancic stehen ihm dabei zur Seite. Auch Herbert Offermanns, Leiter der legendären Boxsportabteilung des TSV, hält große Stücke auf den Jungen. "Ali kann das packen, der zeigt Kämpferherz."

Damit tritt der Youngster in die Fußstapfen so bekannter Wedeler Kämpfer wie Hansi Pillarz, der dreimal deutscher Vizemeister im Bantamgewicht wurde, sowie Reinhard Eichberger. Beide Sportler traten in der Nationalstaffel bei den Europameisterschaften 1969 in Bukarest an. Peter Hester, Jürgen Lehmann, Peter Paffen, Ernst Kappelmann und Helmut Saß zählten damals ebenfalls zu den stärksten Sportlern in (Nord-)Deutschland. Ein weiterer Wedeler wurde sogar deutscher Meister: Roland Gier. Allerdings trat er für den BC Sportmann an und nicht mehr für den Wedeler Club, in dem er in der Jugend gelernt hatte.

Auch Herbert Offermanns und Cheftrainer Thomas Müller erinnern sich noch gern daran, wie es war, vor vielen hundert Zuschauern in der ehemaligen Turnhalle am Rosengarten zu boxen. Beide sind bis heute dabei. Müller, fünffacher Hamburger Vizemeister in der Jugend und bei den Erwachsenen, leitet das Jugendtraining beim TSV seit 1989.

Der Zuspruch der Boxabteilung wächst, seit Ali Baycuman, Muhammed Kaya (Jahrgang 1994), Hamed Karimi, Jahrgang 1995, und Co. bei den Titelkämpfen in der Metropolregion Hamburg wieder ein Wörtchen mitreden. Allein fünf Neue meldeten sich bei Spartenleiter Offermanns in jüngster Zeit. Damit zählen 80 Aktive zur Abteilung, die jeden Montag und Donnerstag um 17.30 Uhr in der Sporthalle Schulauer Stra§e trainiert.

Wer ehrgeizig genug ist, darf den Übungsraum der Boxer auch häufiger nutzen. Ali und sein Vater haben einen Schlüssel, sodass das Box-Talent auch in den Ferien zweimal täglich trainieren darf: Morgens zwei Stunden und abends zwei Stunden. Aber am liebsten boxt der Junge gegen die Pratze, die Trainer Bora ihm entgegenhält: Ein großer Handschuh mit Polster, um die richtigen Schläge zu üben.

Noch lieber misst sich Ali Baycuman mit anderen Fightern. Darum reist er mit Trainer und Vater durch Norddeutschland, trainiert in Lurup, Elmshorn, Lübeck, Schwerin. "Ich habe zu viel Energie", glaubt Ali Baycuman und macht in der Ruhepause zwischen dem Training mit der Pratze und dem Punch einfach mal ein paar Klimmzüge. Nur nach dem Sondertraining nach kubanischem Vorbild, bei dem er mit einer zehn Kilogramm schweren Eisenstange auf einen Lkw-Reifen einschlägt, atmet er wirklich neu tief durch - für den nächsten Punch und hoffentlich einen großen Titelkampf im Boxring wie seine Vorbilder es schafften: Muhammad Ali (dreimaliger Weltmeister in den 1960er- und 1970er Jahren) und Floyd Mayweather, amerikanischer Boxprofi der Neuzeit. (Michael Rahn, kommunikateam, 1.3.2015)

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