"Solarnova" wird liquidiert

Der Wedeler Photovoltaik-Hersteller stellt zum Jahresende sein Geschäft ein - Zukunft liegt vielleicht in Mexiko

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Zum Jahresende geht hier das letzte Licht aus: die Betriebsstätte von "solarnova" am Marienhof.Ein Bild aus glücklichen Tagen: Oft besuchten Politiker das Wedeler Unternehmen, um sich über Photovoltaik-Innovationen zu informieren, hier ist es Sigmar Gabriel zu seiner Zeit als Umweltminister.
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Zum Jahresende geht hier das letzte Licht aus: die Betriebsstätte von "solarnova" am Marienhof., Zum Jahresende geht hier das…
Auch Bügrmermeister Niels Schmidt und Wirtschaftsförderer Manuel Baehr erkundigten sich oft bei Brokurist Bernd Woderich über das Unternehmen.
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Ein Bild aus glücklichen Tagen: Oft besuchten Politiker das Wedeler Unternehmen, um sich über Photovoltaik-Innovationen zu…
Eindrucksvolle Referenz: Die ewe-Arena ist eines von diversen Bauwerken, das mit Solartechnik aus wedel ausgerüstet wurde.
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Auch Bügrmermeister Niels Schmidt und Wirtschaftsförderer Manuel Baehr erkundigten sich oft bei Brokurist Bernd Woderich über…
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Eindrucksvolle Referenz: Die ewe-Arena ist eines von diversen Bauwerken, das mit Solartechnik aus wedel ausgerüstet wurde.

Es war eine bewegende Geschichte mit vielen Aufs und Abs: Abgeordnete engagierten sich bei der Gründung des Unternehmens und später gaben sich Politikerinnen und Politiker - insbesondere in Wahlkampfzeiten - die Klinke in die Hand, um Solarenergie zu loben und ihren Faible für innovative Klimaschutz-Technologie zu zeigen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickelten engagiert neue Technik und packten bei der Fertigung kräftig zu. Aber die Kräfte des Marktes sind unerbittlich. Zum Jahresende ist die Liquidation von Solarnova beschlossene Sache, im kommenden Jahr wird der Betrieb, der in den 90er-Jahren so viel Hoffnung auf einen High-Tech-Standort Wedel machte, abgewickelt.

Bernd Woderich, Prokurist der Firma, bestätigte diese Entwicklung auf Anfrage von wedel.de. Er und sein Team und Investor John von Franzius hatten mit viel Energie und finanziellem Einsatz immer wieder versucht, mit der Produktion von speziellen Solarmodulen zu prosperieren. Aber viele Faktoren waren nun für das Ende ausschlaggebend. Das Grundproblem: Viele reden vom Klimaschutz, setzen ihre Worte aber nicht in konkretes Handeln um, weil es eben doch zusätzliches Geld kostet.

"Seit 2010 gilt eine europäische Energierichtlienie, die sehr energieeffiziente Gebäude vorschreibt. Photovoltaik kann dazu auch beitragen. Die Umsetzung in den Mitgliedsländer sollte ab 2019 beginnen, die Richtlinie wird aber nur schleppend umgesetzt", so Woderich. Von Photovoltaik-Modulen für Gebäude-Fassaden habe man sich sehr viel versprochen. Es ist ja sehr einleuchtend, dass eine Fassade nicht nur Wand mit Fenstern sein muss, sondern gleichzeitig auch noch Strom erzeugen kann, der die Betriebskosten senkt. Dieser Gedankengang setzte sich laut Woderich bei Investoren aber bislang nicht richtig durch. Diverse Leuchtturm-Projekte wurden erstellt - die Masse jedoch fehlte.

Bei der Produktion von Standardmodulen konnte Solarnova wie andere deutsche Firmen auch schon lange nicht mehr mithalte. Die Erzeugnisse aus Fernost und hier besonders aus China sind unschlagbar günstig. Bernd Woderich erklärte: "In unserer Fertigung am Marienhof können wir pro Jahr Module mit einer Leistung von 60 Megawatt herstellen  - in China gibt es Fabriken, die auf 6000 bis sogar 10.000 Megawatt im Jahr kommen."

Dieser Kampf ist offenbar nicht mehr zu gewinnen, was sich auch daran zeigt, dass viele andere PV-Produzenten und Zulieferer vom Markt verschwunden sind. Zum Ende arbeiten in Wedel noch rund zehn Personen, für viele konnte nach Angaben des Prokuristen neue Jobs gefunden werden. Und vielleicht wird "solarnova"-Knowhow irgendwann noch einmal unter anderer Flagge auftauchen. Ein mexikanischer Produzent von Gläser für die Bauindustie hat Interesse an den Produktionsmaschinen für die Herstellung von Solarmodulen für die Integration in Gebäuden. Neben dem vorhandenen Marktzugang des Interessenten lassen sich die Solarelemente in Mexiko auch günstiger prodzieren.

Damit wird wohl eine ereignisreiche Geschichte beendet. Ihre Wurzeln liegen im früheren, jetzt auch nicht mehr bestehenden AEG-Konzern. Deren Solaranlagen gehörten in den 80er Jahren zum Feinsten auf dem Weltmarkt. Sogar Raumstationenen beziehungsweise Satelliten waren mit Anlagen aus Wedel versehen. AEG wurde dann zunächst von Daimler-Benz übernommen, dann war die Deutsche Aerospace (DASA) und später die A.S.E. (Angewandte Solarenergie, ein Gemeinschaftsunternehmen von DASA und RWE) für das Geschäft mit der Sonnenenergie verantwortlich. Die Umsiedlung der A.S.E. nach Alzenau nehmen einige Mitarbeiter mit Schlüsselpositionen bei AEG-Solartechnik, DASA und A.S.E. zum Anlass, das Know-how aus 25 Jahren Solarmodultechnik am bewährten Standort zu bündeln und zu sichern. Das Credo: solarnova – ein junges Unternehmen mit jahrzehntelanger Erfahrung. Auch die A.S.E. ist mittlerweile Geschichte...

Vier ehemalige Manager wagten den Sprung in die Selbstständigkeit - was zunächst auch gut funktionierte, doch Änderungen in den Förderungsbedingungen und der langsam erwachende Gigant China machten es solarnova immer schwerer, so sehr sich das Team auch abstrampelte. 2013 ging die Firma in Insolvenz, aber schon wenige Monate später keimte mit dem Einstieg des Unternehmers John von Franzius neue Hoffnung auf. Der Betrieb lief weiter und selbst bei dünner Auftragslage schickte er seine Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit, weil das für gewerbliche Kräfte zum Leben zu wenig gewesen wäre. Doch der Betrieb entpuppte sich als Fass ohne Boden. Um ihn zukunftsorientiert weiterzuführen, wären jetzt Investitionen von mehr als einer Million Euro nötig gewesen - das war nicht mehr darstellbar. Das Ende ist die Liquidation.

Bürgermeister Niels Schmidt bedauert diese Entwicklung sehr: "Wir als Stadt haben das Unternehmen unterstützt, wo wir konnten. Dass die Unternehmensgeschichte so endet, ist sehr schade."(Jörg Frenzel/kommunikateam GmbH, 20.12.2019)

 

 

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