Der Marketing-Macher dankt ab

in Wedel Marketing

WEDEL. Er hat bei Wedels 800-Jahr-Feier wesentliche Akzente gesetzt und ist der Macher und Strippenzieher des Vereins. Wedel Marketing ohne Martin Schumacher - nicht vorstellbar? Man wird sich an diesen Gedanken gewöhnen müssen. Zumindest für einen Vorstandsposten stellt sich Schumacher bei der Wahl während der heutigen Jahreshauptversammlung (19 Uhr im Theater Wedel) nicht mehr zur Verfügung. Im Gespräch mit Tageblatt-Redakteur Oliver Gabriel zieht er Bilanz - die insbesondere bezogen auf die jüngste Zeit nicht immer positiv ausfällt.

Herr Schumacher, Sie waren von Beginn vor knapp zehn Jahren an Motor im Vorstand von Wedel Marketing. Warum werden Sie bei der Wahl heute nicht mehr kandidieren.
Martin Schumacher: Ich werde jetzt 67, Stadtmarketing ist eine relativ junge Angelegenheit. Da muss die nächste Generation mal ran. Es gibt den schönen Spruch, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Und wir haben im Auftrag der Stadt in diesem Jubiläumsjahr eine einzigartige Konzentration unserer Aufgaben gehabt. Wir haben eine Reihe von Projekten umgesetzt, zum ersten Mal Kulturnacht und Hafenfest in einem Jahr gehabt, wir haben das Landestrachtenfest geholt, haben dazu beigetragen, mit Pianos an der Elbe eine sehr schöne Kulturveranstaltung nach Wedel zu holen. Und wir haben nicht nur die Besucher in Wedel glücklich gemacht, sondern in Zusammenarbeit mit NDR 1 Welle Nord, N-Joy und NDR Kultur dafür gesorgt, dass Hunderttausende Menschen im Norden erfahren haben, was in Wedel passiert und wie attraktiv die Stadt ist, welches ihre Werte, ihre Ziele sind. Etwas besseres kann Marketingleuten überhaupt nicht passieren. Das wird im nächsten und übernächsten Jahr bestimmt nicht übertroffen werden. Deshalb ist es ein guter Zeitpunkt aufzuhören.

Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Geld- und Auftraggeber des Vereins - die ja in der Person des Bürgermeisters Niels Schmidt in den letzten Jahren auch Ihr Vorgesetzter war. War diese Konstellation förderlich oder hinderlich für Ihre Geschäfte und die Umsetzung Ihrer Vorstellungen von Marketing-Arbeit? 
Über viele Jahre ist das sehr gut gelaufen. Ich akzeptiere Niels Schmidt, der ist ein toller Bürgermeister, und ich habe mich in dieser Rolle, ihm zuzuarbeiten, immer wohlgefühlt. Das hat sich im Jubiläumsjahr allerdings etwas geändert.

Inwiefern? 
Wir sind als Verein immer Berater der Verwaltung in Marketingfragen. Und es ist das Wesen des Beraters, dass er keinen Anspruch hat, dass sein Rat angenommen wird. Der, der ihn beauftragt, kann den Rat annehmen oder nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren häufig das Gefühl gehabt, dass unser Rat angenommen worden ist. Im Jubiläumsjahr häufig nicht.

Das klingt nun allerdings nicht nach dem Zeitpunkt, wo es am schönsten ist … Ok, lassen Sie es mich so umformulieren: Das letzte Jahr war nicht schön, aber erfolgreich. Also: Man soll gehen, wenn die Erfolge am größten sind.


Auf Deutsch gesagt: Schnauze voll ist der andere Grund für Sie, zu gehen. Ja. Wenn ein Berater merkt, dass über lange Zeit sein Rat nicht mehr gesucht, geschweige denn umgesetzt wird, gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: dass er nach Hause geht. Es macht keinen Sinn, jetzt über Details wie Lebkuchenherzen, Reklame fahnen, den Wert von Logos, den Umgang mit Sponsoren, Partnern und Presse in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Ich bin nicht für die Kontrolle der Verwaltung zuständig, unser Verein ist es auch nicht. Dafür sorgen der Bürgermeister und insbesondere die Politik. Und weil aus deren Sicht offenbar alles prima ist und ich mich nicht als Geisterfahrer eigne, höre ich eben auf.

Hängt dieser Dissens aus Ihrer Sicht an der Person Niels Schmidt oder an der Verwaltung als Apparat? 
Eher an der Verwaltung. Übrigens wird Niels Schmidt auch nicht mehr kandidieren. Ich glaube, er hat auch gemerkt, dass es schwer ist, die Verwaltung auf der einen Seite und gleichzeitig einen Verein zu vertreten, der im Auftrag der Verwaltung etwas tut. Und auch Spannungen auszuhalten, die da entstehen.

Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihnen vorwerfen, Wedel Marketing tritt vor allem als eine Art Veranstaltungsagentur in Erscheinung. Ist das genug für einen Stadtmarketing-Verein? 
Dieser Vorwurf trifft nicht zu. Wer sich das Jubiläumsjahr anschaut, weiß, dass die Stadt ihre Veranstaltungen selbst macht. Zum Beispiel den Neujahrsempfang, den hat sie ohne uns gemacht. Unabhängig davon haben wir uns schon sehr früh, vor acht oder neun Jahren, darauf verständigt, dass eine Aktivität von Wedel Marketing sein wird, die Stadt in überregionale Medien zu bringen. Das geht am allerbesten, indem man Ereignisse erfindet oder so gestaltet, dass sich große Medien dafür interessieren. Ein positives Bild von Wedel in Millionen Köpfe reinzubringen, das schafft kein anderes Medium, das schaffen nur Radio und Fernsehen. Und die kommen nur, wenn hier was los ist. Die meiste Zeit verwenden wir nicht für Veranstaltungen, sondern für die Beantwortung touristischer Anfragen. Wir geben Broschüren raus und so weiter.

Gibt es blinde Flecken? Bereiche, die man noch beherzter hätte anpacken müssen? 
Ich finde, Wedel vernachlässigt sich selbst dort, wo Signale ausgestrahlt werden an Leute, die neu nach Wedel kommen. An den Bundesstraßen sagt keiner: "Lieber Gast, schön, dass du da bist, wenn du Lust hast, zu bleiben, schau dir mal an, was du alles machen kannst. Herzlich willkommen." Stattdessen lässt man die Leute durchrauschen. Noch signifikanter ist es bei den Radfahrern. Wedel hat noch nicht begriffen, dass es an Deutschlands seit Jahren bestbewerteten Radwander- und Radfernreiserouten liegt. Wenn ich mit dem Fahrrad ankomme, sagt mir auch keiner: "Du bist in Wedel, hier bekommst du dies und das, und dort passiert heute jenes." Wedel signalisiert vielmehr: "Ihr interessiert uns nicht." Da fehlt ein bisschen die Sensibilität für den großen Standort-Vorteil, den Wedel hat.

Welche Errungenschaften von Ihnen beziehungsweise von Wedel Marketing sind aus ihrer Sicht besonders erwähnenswerte Erfolge? 
Ich finde die Kulturbühne auf dem Hafenfest schön, weil Sie etwas Komplementäres ist. Ich finde die Kulturnacht traumhaft - und vielleicht gibt es da ja noch Möglichkeiten, noch mehr Leidenschaften zu entfachen. Ich bin total begeistert von Pianos an der Elbe. Wenn wir so was wieder hinkriegen, ist das eine Veranstaltung mit großer Strahlkraft weit über Wedel hinaus.

Bislang ist Marketing in Wedel zum größten Teil Ehrenamtsarbeit. Ist das Konstrukt gut oder müsste man das stärker professionalisieren? 
Ich würde es begrüßen. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass die Stadt nach einem Tourismusbericht, den Wedel Marketing 2013 vorlegen wird, darüber nachdenkt, wie man den Bereich Tourismus stärker professionalisieren kann. Etwa, indem man im Hafenbereich eine Einrichtung schafft, wo zumindest im Sommer ein Ansprechpartner für die vielen Besucher und Radfahrer ist. Zum Beispiel im Hafentor, wenn es mal kommt, oder in den Kasematten direkt am Hafen. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich daneben etwa ein Existenzgründer ansiedelt, der etwa Liegen, Liegestühle, Boote vermietet.

Ich frage das nicht von ungefähr, sondern auch, weil sie ihren Job als Marketing-Motor mit einem Einsatz ehrenamtlich betrieben haben, den man bei vielen Hauptamtlern nicht findet. Es dürfte schwer werden, diese Stelle neu zu besetzen. 
Wenn man denn nicht einen findet, der das Glück hatte, das er das, was er jetzt ehrenamtlich tut, früher beruflich getan hat, dann muss man den Job auf zwei oder drei Schultern verteilen. Es gibt genügend Menschen in Wedel, die Lust haben, etwas für ihre Stadt zu tun, weil sie die Stadt lieben.

War das der Grund, warum Sie es gemacht haben? 
Ja. Aber für mich hatte der Job auch so etwas wie eine therapeutische Funktion. Ich bin aus vollem NDR-Betrieb ausgestiegen als Chef der Öffentlichkeitsarbeit und hab mir überlegt: Was machst du eigentlich mit dem, was du da gelernt hast. Das hat mir dann geholfen, nicht in dieses tiefe Altersteilzeit-Loch zu fallen. In Wirklichkeit ist es die große NDR-Geschichte runtergebrochen auf Wedel. Das passte ideal. Abgesehen davon hat es mir Spaß gemacht.

Werden Sie nun gar nicht mehr im Marketing-Verein aktiv sein? 
Ich hab Lust, im Verein weiter mitzumischen, an Ständen zu stehen, Dienst in der Geschäftsstelle zu machen, wenn der neue Vorstand das möchte. Nur ich möchte unter dieser Konstellation und vor dem Hintergrund der 800-Jahr-Feier nicht mehr verantwortlich im Vorstand arbeiten.

Mit freundlicher Unterstützung von..