Städte kämpfen gegen den Leerstand

In Uetersen, Wedel, Pinneberg und anderen Kommunen leiden Einzelhändler unter dem Internethandel. Sie fordern ein Umdenken der Bürger

in Wedel Marketing

Schrei vor Glück, mit solchen und ähnlichen Slogans werben Internethändler um Kunden. Die moderne Logistik macht den Internethandel möglich und sorgt dafür, dass rund um die Uhr im Internet gekauft wird. Was auf der einen Seite neue Unternehmen hervorruft, gefährdet auf der anderen Seite die Existenz von Einzelhändlern. Städte wie Uetersen und Pinneberg kämpfen mit zunehmenden Leerständen.

"Seit 2005 gibt es eine schleichende Entwicklung eines zunehmenden Leerstandes", sagt Meike Koschinski, Wirtschaftsförderin der Stadt Uetersen. Wenn sie aus ihrem Büro in Uetersen aus dem Fenster schaut, sieht sie gleich drei leer stehende Geschäfte. Wenige Meter weiter sind noch drei Schaufenster verödet oder verrammelt. "Zu vermieten" prangt in Uetersen seit 2005 zunehmend dort, wo einst ein Goldschmied, ein Telefonanbieter, ein Bäcker, ein Feinkostladen, ein Parfumgeschäft oder ein Stoffladen Kunden bedienten.

Im Vergleich zu anderen Städten sei Uetersen noch gut dran, sagt sie. In der Rosenstadt gebe es noch einen gesunden Grundstock an inhabergeführten Geschäften, einen brauchbaren Geschäftemix, und die Kaufmannschaft sei recht engagiert.

Dennoch: Das Thema Leerstand, es ist bei allen Gesprächsthema. In der Rosenstadt wird inzwischen in Workshops an Ideen gearbeitet, wie mit bestimmten Marketingaktionen und Umgestaltungen des Umfeldes, mit Barrierefreiheit und Fassadengestaltungen, mit Beratungskompetenz und Service die Kunden gehalten und vom Internetshopping abgehalten werden könnten.

Leerstand ist auch ein drängendes Problem in der Pinneberger Innenstadt. "Jeder Leerstand ist einer zu viel", sagt Wirtschaftsförderer Stefan Krappa. "Ich setze auf die Impulswirkung, die durch H&M ausgelöst wird, wenn die Modemarke im Herbst in die Pinneberger City kommt. Der neue Edeka-Frischemarkt und die Parkplatzbebauung der VR Bank steigern die Aufbruchsstimmung in der Stadt", sagt Krappa. Prinzipiell sei aber jeder Eigentümer gefordert, das Beste aus seinem Gebäude zu machen.

In der eigentlichen Pinneberger Fußgängerzone sind laut Krappa 19 Gebäude von Leerständen betroffen. Laut dem BBE-Einzelhandelsgutachten vom September 2013 betrage die Leerstandsquote 21 Prozent, allerdings seien auch die Randlagen wie Elmshorner Straße und Bahnhofstraße mitgerechnet. Die Stadt unterstütze gemeinsam mit dem Citymanagement die Eigentümer bei der Vermietung ihrer Ladenflächen. Krappa: "Wir sprechen auch selbst mit vielen Handelsfirmen." Zur Vermarktung gehöre auch der Aufbau eines internetgestützten Branchenatlas, der auch die verfügbaren Geschäftsflächen ausweist. Krappa: "Es muss aber nicht immer Einzelhandel sein. Wir beraten die Eigentümer auch in Richtung Wohnen und Dienstleistungen, wie zum Beispiel eine City-Kita für Berufstätige. Die Miethöhen können wir nicht beeinflussen, hier setzen wir auf die Vernunft der Eigentümer."

In Elmshorns Fußgängerzone, der Königstraße, stehen derzeit zwei Geschäfte leer, in denen vorher Drogerieketten untergebracht waren. Für die Räume, die von Budnikowsky vor dem Umzug in das ehemalige Hertie-Gebäude am Alten Markt genutzt wurden, wird es eine rasche Nachfolge geben, da ist sich Wirtschaftsförderer Thomas Becken sicher. Für die gegenüberliegende Ladenfläche, wo früher Rossmann ansässig war, sei die Lage schon schwieriger, weil die Räume zu einem Fonds gehören und sich die Kontaktpflege als schwierig erweist.

Auch die Immobilie an der Schulstraße, in der einst C&A untergebracht war, gehört einem Fonds. "Wir versuchen, die Ecke wieder mit Leben zu füllen", sagt Becken. Generell bemühe sich die Stadt, um einen gesunden Mix. "Wir stehen mit den Eigentümern in engem Kontakt, aber am Ende entscheiden sie, an wen sie vermieten", sagt er. Aber auch der Endverbraucher habe es in der Hand, ob sich ein Laden hält. "Alle Welt schreit nach besonderen Einzelhändlern, aber keiner geht hin", sagt Becken.

In Wedel ist Leerstand in der Einkaufsstraße aktuell nicht mehr das ganz große Thema. Nach aktuellen Zählungen des Vereins Wedel Marketing stehen von den dortigen 152 Geschäften 18 leer. Dabei fällt auf, dass allein sechs davon in der kleinen Passage Ecke Bahnhofstraße/Spitzerdorfstraße liegen, die zu einem ausländischen Fonds gehört. In den Welau Arcaden stehen zwar auch Flächen leer, allerdings sind die bereits reserviert. Volker Klein, Betreiber des angrenzenden Edeka-Marktes, plant die Filiale in den kommenden Monaten um 250 Quadratmeter zu vergrößern. "Im Moment sieht es sehr gut aus in der Bahnhofstraße", zieht Sandra Gürtler vom Verein Wedel Marketing eine positive Bilanz in Sachen Leerstand. Wedels Problem sei eher der Branchenmix, sagt Jan Lüchau. Der Vorsitzende der Innenstadtkaufleute weiß aber auch: "Andere Städte sehnen sich nach solchen Problemen."

In Wedels Stadtmitte tut sich dennoch etwas. Die rund um die Bahnhofstraße ansässigen Kaufleute treiben mit ihrem Verein Wedel Marketing die Verschönerung der Straße voran. Weil der geplante große Umbau der Straße aufgrund von leeren Kassen warten muss, setzen die Kauleute dabei auf Sponsoren und wirkungsvolle Aktionen, die für wenig Geld zu haben sind. Triste Beete, kaputte Sitzbänke, Müll, alte Stromkästen und defekte Lampen, Stolperfallen sollen weg. Nach einer Visite wurde ein Maßnahmenkatalog erstellt, der mit Hilfe des städtischen Bauhofs und mit Sponsoren bereits in Angriff genommen wurde. Unter anderem sollen bis zum verkaufsoffenen Sonntag am 27. April neue Bänke an 22 Standorten aufgestellt werden. Für die 14 Bänke, die pro Stück etwa 730 Euro kosten, gibt es bereits Sponsoren.

Zwei Uetersener Kaufleute hingegen plädieren gerade angesichts des zunehmenden Internet-Handels für Aufklärung über den Wert des Einzelhandels vor Ort "Wenn wir mit den Internethändlern mithalten wollen, müssen wir unsere Qualitäten rüberbringen", sagt Michael Bentien, Inhaber von Uhren-Bentien. Das Zauberwort heißt Kompetenz. "Es ist leicht, im Internet auf den Knopf zu klicken. Doch eine sinnvolle Beratung gibt es dort nicht", sagt der Uetersener. Die gebe es nur beim Handel vor Ort. Der einzelne Händler könne nämlich – anders als Internetfirmen – auf individuelle Wünsche und Anforderungen und auf Kritik der Kunden reagieren.

Kaufleute wollen mit Schulen und Medien Aufklärungsarbeit leisten

Frank Lexau vom Autohaus Uetersen sieht das ähnlich. Das Internetshopping sei bequem, einfach und verlockend, doch letztlich zerstöre es die Städte. Wer im Internet kaufe, vernichte langfristig Arbeitsplätze in seiner Stadt und damit auch Ausbildungsplätze für kommende Generationen. Lexau hofft, dass die Menschen eines Tages umdenken. Er selbst propagiert: "Kauft regional vor Ort." Wer das nicht mache, dürfe sich auch nicht über verödende Innenstädte und einen Mangel an Geschäftsvielfalt beklagen.

Bentien stimmt dem zu. Gerade jüngeren Menschen werde nicht vermittelt, welche Auswirkungen die Verlagerung des Handels in das Internet auf den regionalen Einzelhandel und damit auf ihre eigenen Wohnorte habe. "Hier müssen Kaufleute, Medien und Schulen gemeinsam handeln und aufklären", sagt er. Auch die soziale und kulturelle Bedeutung der Händler müsse verstärkt vermittelt werden. So würden zum Beispiel Stadtfeste und Konzerte oft von Geschäften gesponsert. Ohne einen intakten Einzelhandel gehe viel Lebensqualität vor Ort verloren. Die wollten aber die Bürger haben.

Wirtschaftsförderin Koschinski und Bentien glauben, dass ein besseres regionales Marketing ein Schlüssel zum Erfolg sein kann. Daran müssten Händler und Kommunen arbeiten, sowie an kundenbindenden Aktionen. Doch auch mehr Flexibilität vonseiten der Immobilienmakler sei, so Koschinski, wünschenswert. So könnten bespielsweise Leerstandsflächen umgewidmet werden, etwa für soziale Einrichtungen. Auch bei der Mietengestaltung sollte weniger starr gehandelt werden. "Eine flexible Mietgestaltung, angepasst an die Umsätze, ist ein sinnvolles Instrument", sagt die Wirtschaftsförderin. Es bringe nichts, einen Händler bluten zu lassen, sodass dieser irgendwann Insolvenz anmelden muss. Die Vermieter würden sich langfristig selbst schaden. "Eine vermietete Fläche", sagt Koschinski, "ist immer besser als eine leere."

Hamburger Abendblatt/Pinneberger Zeitung

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