Tastenkönige wirbeln in der Wedeler Bootshalle

1100 Zuhörer feiern Mathias Kosel und Kolleginnen bei "Pianos an der Elbe". Publikum erlebte eine Reise durch die internationale Musikgeschichte.

in Wedel Marketing

Wedel. Sie erhoben sich von den Stühlen, sie klatschten, sie strahlten. In der ausverkauften Bootshalle des Segelvereins Wedel-Schulau (SVWS) feierten 1100 Zuschauer ein ungewöhnliches Konzertexperiment und die fünf Musiker um den Pianisten, Arrangeur und Komponisten Mathias Christian Kosel. Sie hatten eine originelle Idee in eine mitreißende Tastenparty verwandelt.

Bei der Premiere von "Pianos an der Elbe" bewiesen die beiden Klavierduos Yukari Ito und Mari Inoue sowie Karolin und Friederike Stegmann unter Führung von Bühnen-Routinier Kosel, dass klassische Musik selbst in der unberechenbaren Akustik einer Bootshalle ihren Zauber entfalten kann. Zwar ging vor allem die notwendige elektronische Verstärkung auf Kosten der feinen Zwischentöne und zarten Nuancen. Daran änderte selbst das sauber gestimmte Handwerkszeug aus der Hamburger Steinway-Filiale nichts. Immerhin schimmerten auf dem Podest unter anderem Lang Langs Original-Lieblingsflügel mit dem des Kollegen Alfred Brendel um die Wette.

Vor allem in der ersten Hälfte klangen viele helle Passagen arg scharfkantig, das pegelten die Techniker nach der Pause Trommelfell-freundlicher ein.

Doch wenn man wie Spiritus Rector Kosel klassische Welthits wie Ravels "Boléro" mit Scott Joplins "Entertainer" mixt, das Ganze pfiffig für ungewöhnliche Klavierbesetzungen arrangiert und in ein ansprechendes Showkostüm voller kleiner Überraschungen verpackt, überzeugt das Ergebnis allemal. Zumal Kosel ausdrücklich nicht kopflastige Edelklassik für elitäre Spezialisten, sondern hochkarätige Unterhaltung für ein breites Publikum angepeilt hatte. Das ist ihm und den Veranstaltern um "Elbe 1"-Chef Daniel Frigoni und Martin Schumacher von Wedel Marketing auf ganzer Linie gelungen.

Satte drei Stunden lang entführten Kosel und Konsorten ihre Zuhörer auf eine Reise quer durch die internationale Musikgeschichte der Neuzeit. Von François Couperins barocker Cembalo-Etüde "Le Tic-Toc-Choc" bis zu den komplexen "Carmen"-Bearbeitungen von Mack Wilberg (Jahrgang 1955), vom habsburgischen K.u.K-Klaviergott Franz Liszt bis zum 2002 verstorbenen Japaner Toshinao Sato.

Die schrägen Töne brachten Schwung ins Programm und ins Publikum

Das Konzert bestach durch das konzentrierte Spiel der Pianistinnen und die vielen musikalischen Überraschungen, mit denen Kosel das Programm gespickt hatte. Natürlich waren die üblichen Verdächtigen des Klavierolymps mit an Bord. Chopin, Liszt, Gershwin, Dvoøàk. Und die virtuosen Musikerinnen ließen jeweils im Duett "Slawischen Tanz", "Rondo" und die zweite "Ungarische Rhapsodie" formvollendet fließen.

Doch es waren die schrägen Töne der Fundstücke abseits des Mainstream, die Schwung ins Programm und ins Publikum brachten. So sprühte ein skurriler Ragtime aus der Feder von Über-Pianist Horowitz vor Witz und Temperament. Unter den Zauberhänden der Japanerinnen Ito und Inoue entfaltete der technisch enorm anspruchsvolle "Dance Song" von Sato koboldhaftes Leben. Ebenso kunstvoll gestalteten die beiden Maurice Ravels "Rapsodie espagnole". Traumwandlerisch sicher zelebrierten sie den subtilen Hispanismus des modernen Meisterwerks. Zart gesetzte Akzente, federleichte Melancholie. Eben alles andere als das Sangria-satte "Eviva España".

Ob die Veranstalter das Klavierspektakel zu einem ganzen Tastenwochenende in der Bootshalle ausbauen werden, steht laut Schumacher noch in den Sternen. Sicher ist, dass die Bootshalle sich am 17. August erneut in einen Konzertsaal verwandelt. Dann spielen Posaunist Nils Landgren und die NDR Bigband mit dem chinesischen Erhu-Virtuosen Ma Xiaohui beim Schleswig-Holstein Musik Festivals am Elbufer.

Hamburger Abendblatt/Pinneberger Zeitung

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