Skibbes Buchtipp

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Sabine Skibbe

Jeden Monat präsentiert wedel.de-Literaturfachfrau Sabine Skibbe ein neues Buch.

Benjamin Myers „Offene See“

Cover Rauhe See

Robert ist 16, es ist kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Norden Englands, und der Junge sieht seinen Weg im Bergbau vorgezeichnet. Wie Generationen vor ihm erwartet ihn ein Leben unter Tage. Aber Robert mag die Enge nicht. Er braucht Weite und vor allem möchte er das Meer sehen. Also macht er sich zu Fuß auf den Weg an die Küste. Er kann das Meer schon sehen, da gelangt er zum Cottage von Dulcie Piper in Yorkshire. Mit ihrem deutschen Schäferhund Butler lebt sie ziemlich unkonventionell in dem winzigen Häuschen. Sie kocht Robert Brennnesseltee mit Zitrone, dann bietet sie ihm Hummer zum Abendbrot, dann bleibt er über Nacht, senst die verwilderte Wiese, bessert Sachen im Haus aus und lernt eine Menge über das Leben. Dulcie bringt ihm vieles bei über Kunst und Künstler, über Literatur, die Deutschen und Hitler, über Freundschaft und Religion. Als Robert das alte Atelier aufräumt, fallen ihm Dinge in die Hand, die Dulcie wohl am liebsten für immer unter Verschluss gehalten hätte. Dieser Roman ist so fantastisch, poetisch und klug, dass man nur schwärmen kann und dem Autor Benjamin Myers ganz viele Leser wünscht. Ein großes Lob geht auch an die Übersetzer Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, denen es gelungen ist, mit ihrer Sprache Träume, Sehnsüchte und das Gefühl von Weite, Horizont und offener See einzufangen.

Benjamin Myers „Offene See“, Roman, Hardcover gebunden mit Lesebändchen, 270 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-8321-81192, DuMont Buchverlag Köln

Charlotte Wood „Ein Wochenende“

Cover Ein Wochenende

Ein Wochenende verbringen Jude, Wendy und Adele im Strandhaus ihrer verstorbenen Freundin Sylvie. Sylvies Lebensgefährtin hatte darum gebeten, dass die drei Freundinnen das Haus ausräumen, damit es verkauft werden kann. Dieser scheinbar einfache Auftrag wird zur Mammutaufgabe für die drei, denn es kommen jede Menge Verletzungen, Eifersüchteleien und unausgesprochene Wut hoch. Was hält diese Frauen eigentlich zusammen? War es nur Sylvies Anwesenheit? An diesem hochemotionalen Wochenende prallen die unterschiedlichen Lebensentwürfe mit Macht aufeinander. Die sanftmütige, etwas verschreckte Professorin Wendy hat ihren alten, dementen Hund mitgeschleppt, was die pingelige, verkrampfte Jude zur Weißglut treibt. Sie ist der Meinung, dass Finn eingeschläfert werden müsste, weil er sich nur noch quält und überall hinmacht. Jude wird beim Anblick des Hundes schier hysterisch, sagt aber nichts und frisst ihren Zorn in sich hinein. Auch Adele lässt die anderen nicht an ihrem Unglück teilhaben. Sie ist Schauspielerin und weiß ihre Emotionen gut zu verstecken. Nach außen fröhlich, ist sie aber ziemlich verzweifelt, weil es mit über 70 keine Rollenangebote mehr für sie gibt und ihre Freundin sie rausgeschmissen hat und sie nun nicht weiß, wo sie überhaupt wohnen und Miete zahlen soll. Leichthändig, mit viel Witz und Wiedererkennungswert erzählt Charlotte Wood in „Ein Wochenende“ von Freundschaft, Liebe, Unglück und Tod. Ein wundervoller Roman, sehr unterhaltsam, mit viel Feingefühl und schonungsloser Offenheit.

Charlotte Wood „Ein Wochenende“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 288 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-0369-58255, Verlag Kein & Aber Zürich

 

Kirsten Wulf „Signora Sommer tanzt den Blues“

„Laura hielt den Alltag der ‚normal glücklichen‘ Menschen kaum noch aus, vom mehr oder weniger perfekten Frühstücksei am Montagmorgen bis zum Tatort am Sonntagabend. Laura gehörte nicht mehr dazu“. In „Signora Sommer tanzt den Blues“ wagt sich die frühere Wedelerin Kirsten Wulf an die ganz großen Gefühle: große Liebe, große Trauer, Freundschaft. Laura Sommer kommt aus Buxtehude, ist geschieden, zwei erwachsene Kinder, sie arbeitet als Lehrerin. Dann lernt sie Fabio kennen und folgt ihm nach Rom, in eine wunderbar große Altbauwohnung im Stadtteil Trastevere. Sie findet eine Anstellung an einer deutschen Schule, das Glück ist (fast) perfekt. Die beiden, schon über 50, wollen ihre Liebe offiziell machen, schmieden Hochzeitspläne, doch einen Tag vor dem großen Ereignis bricht der Geliebte tot auf der Dachterrasse zusammen. Einfühlsam und präzise beschreibt Kirsten Wulf diese große Trauer, mit der Laura Sommer allein zurückbleibt in der großen Wohnung, diese Verzweiflung, die sie nichts mehr essen, nicht mehr am ganz normalen Leben teilnehmen lässt. Monatelang ist sie krankgeschrieben, vergräbt sich, hat nur Kontakt zu ihrer Schwiegermutter, bei der sie sonntags zum Essen eingeladen ist. Dies ist aber keinesfalls ein Roman über Tod und Trauer, sondern über das Leben, über Neuanfänge und innige, obwohl unverhoffte Freundschaften. Denn irgendwann platzen aus verschiedenen Gründen die verrückte Römerin Francesca, genannt Fra, und eine junge amerikanische Studentin in Lauras Leben und ihre Wohnung. Signora Sommer findet wider Willen ganz langsam zurück ins Leben und entdeckt den Blues. Denn Fra singt in einem Nachtclub, und ihre Freunde tanzen dort Blues. „Signora Sommer tanzt den Blues“ ist ein warmherziger, verrückter, melancholischer, lustiger Roman mit ganz viel Musik und Gefühl.

Kirsten Wulf „Signora Sommer tanzt den Blues“, Roman, Taschenbuch, 368 Seiten, 11 Euro, ISBN 978-3-462-051360, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln

Zehn Liebesgeschichten in "Schlafende Hunde" von Anja Rützel

Was für ein bezauberndes Buch! Anja Rützel beschreibt in zehn Geschichten das Verhältnis berühmter Menschen zu ihren Hunden. Anrührend, komisch und mit unbändigem Wortwitz wirft die Autorin auch einen durchaus kritischen Blick auf Herrchen und Frauchen. Pablo Picasso zum Beispiel erscheint einem gleich nicht mehr so sympathisch, wenn man erfährt, dass er seinen geliebten Dackel Lump, den er 1957 dem amerikanischen Fotografen David Douglas Duncan abgeschwatzt hatte und der ihm viele Jahre ein echter Freund war, in eine Tierklinik abgeschoben hat, als Lump an der gefürchteten Dackellähmung erkrankte. Anders Queen Elizabeth II., die seit ihrem siebten Lebensjahr nie ohne Corgi-Kumpel ist. Zweistellig ist die Zahl der treuen Begleiter eigentlich immer, Prinzessin Diana nannte sie einst „the moving carpet“, den Wanderteppich. Die Queen und ihre Corgis, dazwischen passt keine Wursthaut, notiert Anja Rützel, die auch schon als kleines Mädchen dringend einen Hund haben wollte und nicht durfte. Jetzt hat sie Juri, dem sie auch dieses schöne, kleine Büchlein gewidmet hat. Wir erfahren, dass Michel Houellebecq („Unterwerfung“, „Elementarteilchen“) mit Clémant praktisch eine Einheit bildete und der grantelnde Philosoph Arthur Schopenhauer, wenn er mit seinen wie eine Buchsbaumhecke modellierten Pudeln schimpfte, als gröbstes Wort „du Mensch!“ im Repertoire hatte. Einfach wundervoll und für jeden Hundefreund ein absolutes Muss! Anja Rützel „Schlafende Hunde“ – zehn Liebesgeschichten, gebunden, 272 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-462-052329, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln

Luca Ventura „Mitten im August“

Titel Liuca Ventura

Wenn wir in diesem Jahr schon nicht in den sonnigen Süden reisen dürfen, können wir uns wenigstens dorthin träumen. Capri, die felsige Schönheit im Golf von Neapel, ist für viele ein absoluter Sehnsuchtsort. Wo andere Urlaub machen, darf Enrico Rizzi arbeiten. Capri ist seine Heimat, er ist dort der Inselpolizist und hat es normalerweise mit kleinen Ganoven zu tun. Ihm bleibt also ausreichend Zeit, seinem Vater im Obst- und Gemüsegarten und bei den Weinstöcken zu helfen. Doch dann wird die Idylle auf der kleinen Insel mitten im August von einem Mordfall überschattet. In einem Fischerboot vor der Küste findet eine junge Frau beim Hundespaziergang einen Toten, ermordet mit fünf Messerstichen. Zunächst ist unklar, um wen es sich bei dem jungen Mann überhaupt handelt, doch schnell finden sich Zeugen und auch jede Menge Verdächtige. Alsbald wissen Rizzi und seine aus dem Norden strafversetzte Kollegin Antonia Cirillo, dass es ein Industriellensohn aus Turin ist, dass er mit seiner mittlerweile verschwundenen Freundin auf der Insel im Ferienhaus der Eltern war und dass die beiden sich für die Rettung der Meere eingesetzt haben. Doch ein Motiv bleibt erstmal im Dunkeln…Mit „Mitten im August“ hat Luca Ventura ein äußerst gelungenes Debüt vorgelegt, bei dem Capri die absolute Hauptrolle spielt. Die Figuren sind stimmig entwickelt, nichts ist hier kitschig, trotzdem scheint man den Duft der Pinien in der Nase und die warme Meeresluft auf der Haut zu haben. Luca Ventura ist ein Pseudonym. Der Autor lebt am Golf von Neapel, wo er gerade den zweiten Capri-Krimi schreibt. Darauf können wir uns jetzt schon freuen!

Luca Ventura „Mitten im August“ Roman, Paperback, 336 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-257-300765, Diogenes Verlag Zürich

Graham Norton „Ein irischer Dorfpolizist“

Graham Norton ist Großbritanniens bekanntester Talkmaster mit einer internationalen Fangemeinde. Geboren und aufgewachsen in Irland, lebt er heute in London. Jahrelang war es sein Traum, einen Roman zu schreiben. Mit „Ein irischer Dorfpolizist“ hat er das jetzt in die Tat umgesetzt. PJ Collins ist ein schwer übergewichtiger, 52 Jahre alter Sergeant in dem kleinen Dorf Duneen im Südosten Irlands. Patrick James, benannt nach dem Vater seiner Mutter und dem Schauspieler James Garner, ist allgemein beliebt und akzeptiert im Dorf. Trotzdem machen sich die Bewohner bisweilen Sorgen um ihre Sicherheit. Schließlich hängt die von einem Mann ab, dem schon beim Gang zur Kommunion der Schweiß ausbricht. Richtig ins Schwitzen kommt PJ allerdings, als auf der Burke-Farm bei Bauarbeiten Menschenknochen gefunden werden. Sollte es sich um den vor Jahrzehnten verschwundenen Tommy Burke handeln, der die Herzen von Brid Riordan und Evelyn Ross gebrochen hatte? Ein Dorf sucht einen Mörder. Alte Verletzungen und Lügen kommen ans Tageslicht. Wider Willen muss PJ dann auch noch mit einem Superintendent aus Cork zusammenarbeiten. Viel mehr als ein Krimi ist dieser Roman eine Liebesgeschichte, eine Geschichte über die Höhen und Tiefen des Lebens, das Glück und Unglück. Norton versteht es wunderbar, dieses Leben als langen, ruhigen Fluss darzustellen. Der Autor schafft es, auf dem schmalen Grat zwischen Humor und Düsternis immer die Balance zu halten.

Graham Norton „Ein irischer Dorfpolizist“ Roman, Taschenbuch, 334 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-499-291487, Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek bei Hamburg

 

J. L. Carr „Ein Monat auf dem Land“,

Cover ein Monat auf dem land

 

Nordostengland, 1920. Der 25 Jahre alte Kriegsveteran Tom Birkin soll in der Kirche von Oxgodby ein mittelalterliches Wandgemälde freilegen, weil das Vermächtnis einer alten Dame besagt, dass es nur dann 1000 Pfund für die Kirchenstiftung gibt. Und so verbringt Birkin „Einen Monat auf dem Land“, wie diese hübsche, kleine Novelle von J. L. Carr betitelt ist. Der Autor lässt seinen Protagonisten in der Rückschau erzählen. 50 Jahre später erinnert sich Birkin an einen schier endlosen, heißen Sommer, in dem er sich in die Frau des mürrischen Pfarrer verliebt, Bekanntschaft mit einer kecken, vorlauten 14-Jährigen macht und regelmäßig beim Stationsvorsteher Mr. Ellerbeck und seiner Familie zum sonntäglichen Essen eingeladen wird. „Ach, was für eine Zeit… Noch viele Jahre danach suchte mich das Glück jener Tage heim…Dieser lange Sommerausklang… Und jung zu sein. Hätte ich mir dieses Glück bewahren können, wäre ich dort geblieben? Nein, vermutlich nicht. Menschen ziehen weg, werden älter, sterben, und der hehre Glaube, dass erneut etwas Wunderbares hinter der nächsten Biegung auf einen wartet, verblasst allmählich.“ Diese wunderschöne, ruhige Geschichte aus einer anderen Zeit verdient unbedingt viele Leser. Obwohl sie in England schon 1980 erschienen ist, können die deutschen Leser erst seit kurzer Zeit in den Genuss kommen. Es lohnt sich!

J. L. Carr „Ein Monat auf dem Land“, Roman, Taschenbuch, 158 Seiten, 10 Euro, ISBN 978-3-832-164317, DuMont Buchverlag Köln

Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“

Buchtitel Leky Was ,ann sehen kann

 

Dieser Roman ist wirklich famos! In „Was man von hier aus sehen kann“ gelingt es Mariana Leky in einer bildgewaltigen Sprache, die großen Themen des Lebens – Liebe, Freundschaft, Sehnsucht, Tod, Heimat – in dem Mikrokosmos eines Dorfes im Westerwald abzubilden. Skurrile Figuren und fantastische Ideen inklusive. Die Geschichte spielt im Wesentlichen in den 80er und 90er Jahren. Die Ich-Erzählerin Luise verliebt sich in den buddhistischen Mönch Frederik, der dummerweise in Japan lebt, Luises Vater, der Dorfarzt, will unbedingt hinaus in die Welt, damit er „nicht vergammelt“. Also bereist er alle Kontinente, und wenn er bei seiner Tochter anruft, „ist die Verbindung schlecht“, was durchaus auch im übertragenen Sinn zu verstehen ist. Luises Mutter lässt sich unterdessen auf den italienischen Eisdielen-Besitzer ein. Großmutter Selma, die aussieht wie Rudi Carrell, träumt gelegentlich von einem Okapi – und dann stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Und dann ist da noch der Optiker, der seit eh und je die Witwe Selma liebt, sich aber nicht traut, es ihr zu sagen. Denn der Optiker wird von inneren Stimmen „angerempelt“, die ihm nichts zutrauen und ihn immer wieder von wichtigen Entscheidungen abhalten. Mariana Lekys Roman zeichnet sich durch lebenskluge Sätze ebenso aus wie durch einen ungeheuren Sprachwitz. Das macht viel Spaß und lässt den Leser auch darüber nachdenken, was es zu entscheiden gilt und wo Gelassenheit angesagt ist.

Mariana Leky „Was man von hier aus sehen kann“, Roman, Taschenbuch, 320 Seiten, türkisfarbener Buchschnitt, 12 Euro, ISBN 978-3-832-164577, DuMont Buchverlag Köln

Brigitte Glaser „Rheinblick“

Im November 1972 ist Bundeskanzler Willy Brandt gesundheitlich schwer angeschlagen. Nachdem er knapp das Misstrauensvotum überstanden hatte, muss er sich eine Geschwulst an den Stimmbändern entfernen lassen. Dadurch kann er eine Zeitlang nicht sprechen. In den Koalitionsverhandlungen mit der FDP nimmt ihm Helmut Schmidt das Zepter aus der Hand und setzt durch, dass Brandts Vertrauter Horst Ehmke nicht mehr länger Kanzleramtsminister ist. Um dieses Kapitel der deutschen Geschichte entwickelt die Schriftstellerin Brigitte Glaser einen spannenden Plot. „Rheinblick“ heißt ihr neuester Roman um Hilde Kessel, Wirtin der gleichnamigen Gaststätte gegenüber dem Bundestag in Bonn, und die Logopädin Sonja Engel, die dem Bundeskanzler in einer Klinik auf dem Venusberg wieder zur Stimme verhelfen soll. In Hildes „Rheinblick“ gehen die Abgeordneten ein und aus, hier wird Politik gemacht. Die Wirtin ist klug genug, sich aus allem rauszuhalten. Nur einmal lässt sie sich hinreißen und wird dadurch erpressbar. Auch Sonja Engel gerät mächtig unter Druck, weil sie niemand davon erzählen soll, dass sie den Bundeskanzler behandelt. Und doch schreibt sie es ihrer Cousine Sybille. So erfährt es denn auch der Cousin Erwin Tibulski, der seinerseits SPD-Abgeordneter ist und sein eigenes Süppchen kocht. Nach „Bühlerhöhe“, diesem packenden Roman um Adenauers geplante Reparationszahlungen an Israel, hat sich Brigitte Glaser erneut einem Stück deutscher Vergangenheit genähert. Sie versteht es gekonnt, Realität und Fiktion miteinander zu mischen. Toll recherchiert, mit Soundtrack, Literaturliste und Glossar.

Brigitte Glaser „Rheinblick“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 430 Seiten,20 Euro, ISBN 978-3-471-35180-2, Verlag List in den Ullstein Buchverlagen Berlin

Klaus Modick „Ins Blaue“

 Kurt hat zwar einen Doktortitel in Soziologie, aber er ist arbeitslos und bekommt nur etwas über 600 Mark Arbeitslosenhilfe. Seine Freundin Trudi, mit der er zusammen in Hamburg-Eimsbüttel wohnt, macht gerade ihr Referendariat als Lehrerin und bereitet sich auf ihr zweites Staatsexamen vor. Somit sieht es schlecht aus für den gemeinsamen Sommerurlaub nach Südfrankreich oder Marokko. Als Trudi zum Elternabend muss, geht Kurt in seine Stammkneipe, trinkt mit dem frankophilen Kneipenphilosophen Fred Steinmann, genannt Feuerstein, reichlich Rotwein und erzählt Feuerstein weinselig, dass er so gern nach Südfrankreich reisen möchte, das aber mangels Geld nicht geht. Nach dem Motto „Wer denkt, dichtet“ schlägt Feuerstein Kurt vor: „Schreib dir doch deine Urlaubsgeschichte.“ Und so setzt Kurt sich in seiner Hamburger Altbauwohnung an seine Schreibmaschine und erfindet eine Urlaubsreise nach Frankreich. In einem alten VW Bus geht es los. Erst nach Marseille und von dort rüber nach Marokko. Die Fähre ist schon gebucht, doch dann streikt das alte Auto irgendwo in einem kleinen Dorf in Südfrankreich. Und so geraten Kurt und Trudi in eine Landkommune mit zwei Autoschraubern und zwei hübschen jungen Französinnen, die eine Imkerei betreiben und auch ihr Honigbrot vermarkten. „Ins Blaue“ heißt dieser Debütroman des wunderbaren Klaus Modick. 1985 hat der Literaturprofessor („Konzert ohne Dichter“, „September Song“, „Sunset“) diese leichter Sommergeschichte bereits veröffentlicht. Jetzt wurde sie – zum Glück – wieder aufgelegt. Dieser Roman im Roman ist ein pfiffiges Konstrukt mit doppeltem Boden und vielen literarischen Zitaten und Anspielungen.  Modick nimmt nicht nur die Zeit der Wohngemeinschaften aufs Korn, sondern auch die damals propagierte freie Liebe und die Sehnsucht nach dem Süden und einem anderen Leben. Geschrieben mit locker-leichter Hand, hat die Geschichte dennoch viel Tiefgang.

 Klaus Modick „Ins Blaue“, Roman, Taschenbuch,  192 Seiten,10 Euro, ISBN 978-3-462-05296-1, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln

Matthias Brandt „Blackbird“

 Matthias Brandt ist einer der besten und bekanntesten Schauspieler Deutschlands. Was immer der jüngste Sohn des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt anfasst, gelingt ihm. Nach seinem Erzählband „Raumpatrouille“ 2016 hat Brandt nun seinen Debütroman vorgelegt.“Blackbird“ – dabei fällt einem in Zukunft nicht mehr nur der alte Beatles-Song von 1968 ein, sondern nun auch dieses Jugend-Drama aus den 70ern. Der Film „Bilitis“, David Bowies „Heroes“ und ein neueröffneter Laden, in dem man endlich die angesagten Schalplatten kaufen kann und stolz mit den Tüten durch die Gegend läuft in dieser namenlosen Kleinstadt. All das spielt eine Rolle für den 15-jährigen Morten Schumacher, den alle Motte nennen und dessen Eltern sich gerade trennen. Als wäre das für einen pubertären Jugendlichen nicht schon schlimm genug, bekommt Motte eines Tages einen Anruf von den Eltern seines besten Freundes Manfred, der Bogi genannt wird. Bogi liegt im Krankenhaus, hat ein Non-Hodgkin-Lymphom. Ein Lymphdrüsenkrebs mit ziemlich schlechter Prognose. Motte weiß nicht, was er tun soll und tut dann lieber nichts. Einmal besucht er Bogi, weiß aber nichts mit ihm zu erzählen. Ohnehin ist auch Jacqueline gerade wichtiger. Motte geht mit ihr ins Kino, sie gucken „Bilitis“. Das Unternehmen endet – zumindest für den jungen Mann – in einer mittleren Katastrophe. Das Drama des Erwachsenwerdens erzählt Matthias Brandt ganz wundervoll. Ist man selbst in den 1970er Jahren aufgewachsen, kommt einem absolut alles sehr bekannt vor. Und hat man heute pubertäre Söhne, erfährt man vielleicht aus diesem Buch, was die Jungs umtreibt. Denn die Sprachlosigkeit ist allgegenwärtig.

Matthias Brandt „Blackbird“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 288 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-462-05313-5, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln

Lucy Fricke "Töchter"

Grüner Hintergrund mit stilisierter Sonne oben und markierter Fahrbahn unten

Lucy Frickes neuer Roman heißt „Töchter“. Hört sich unspektakulär an, ist aber alles andere als das. Dieses Buch ist eine Offenbarung, ein Roadmovie der ganz besonderen Art. Zum Brüllen komisch, zum Heulen schön. Betty und Martha, zwei Freundinnen um die 40, leben in Berlin. Betty nimmt Tabletten gegen ihre Depressionen und versucht vergeblich, endlich wieder ein Buch zu schreiben. Martha fährt seit einem schweren Unfall kein Auto mehr, hat vor einem Jahr geheiratet und versucht seither, ein Kind zu bekommen. Mehrere Fehlgeburten trotz Hormontherapie machen sie allmählich mutlos. Beide Frauen haben praktisch keinen Kontakt zu ihren Vätern, obwohl Betty von der Sorte gleich drei hat. Der, der ihr am liebsten war, ein italienischer Posaunist, liegt begraben in einem kleinen Bergdorf in der Nähe von Rom. Seit zehn Jahren will Betty ihn dort besuchen... Und Martha hat Kurt. Der ist Mitte 70 und todkrank. Krebs. Er kann kaum noch aufrecht gehen, spuckt Blut und nimmt seit längerem Morphium. Kurt will nun zum Sterben in die Schweiz, und Martha soll ihn fahren. Die fährt ja aber nicht mehr, also kommt Betty mit. Und dann beginnt eine Reise voller Überraschungen, die durch Italien bis nach Griechenland führt. „Martha und ich entschieden uns fürs Durchbrettern. Vor uns hatten wir das Ziel, von hinten drängte das Unglück. Wir waren eingeklemmt zwischen Vätern, Erinnerungen und Tod, wir glaubten, wir könnten alles überwinden, indem wir schneller fuhren.“ Jeder Satz, den Lucy Fricke formuliert, sitzt. Unbedingt lesen!

Lucy Fricke „Töchter“, Roman, rororo Taschenbuch, 320 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-499-29015-2, Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg

Heike Denzau „Nordseenebel“

Raphael Freersen ist der Sohn vom Flensburger Kaffeekönig Hajo Freersen und soll sich eigentlich um die Londoner Filiale kümmern. Doch Raphael beschäftigt sich lieber mit Frauen und seinem Oldtimer. Als er dann auch noch viel zu spät zur Testamentseröffnung seines Onkels Schorsch erscheint, ist für den alten Freersen das Maß voll. Er schmeißt Raphael raus und dreht ihm den Geldhahn zu. Zum Glück hat der junge Mann von Onkel Schorsch eine Doppelhaushälfte auf Föhr geerbt. Raphael fährt also auf die Insel, um dort ein paar Tage zu wohnen und sich zu überlegen, wie es mit seinem Leben nun weitergehen kann. Aber weil der Onkel auf Föhr eine Detektei betrieben hat, soll nun Raphael einen schon begonnenen Fall zu Ende führen. Die Mutter einer jungen Asiatin sucht ihre Tochter und beauftragt Freersen herauszufinden, ob Dalika noch lebt oder womöglich ermordet wurde. Behilflich bei den Ermittlungen sind Onkel Schorschs ehemalige Mitarbeiterinnen Imme und Ava, die nun von Raphael übernommen werden sowie Raphaels kongenialer Zwillingsbruder, der Pastor Johannes. Spannung, typisch norddeutscher Humor und viel Lokalkolorit sind die Zutaten, mit denen die schleswig-holsteinische Autorin Heike Denzau ihren Küstenkrimi „Nordseenebel“ würzt. Und Raphael Freersen hat das Zeug, ein echter Kult-Ermittler zu werden. Bleibt zu hoffen, dass Heike Denzau ihren Privatdetektiv noch weitere Fälle auf Föhr lösen lässt.

Heike Denzau „Nordseenebel“ – Küsten Krimi, Broschur, 320 Seiten, 11,90 Euro, ISBN 978-3-7408-0501-2, Emons Verlag Köln

Stephan Christ „In 0,8 Sekunden um die Welt“

So muss ein Jugendbuch sein! Voller Abenteuer, Spannung und Witz. Der Bonner Fernsehredakteur und Autor Stephan Christ erzählt mit locker-leichter Hand die unglaubliche Geschichte von Kalle und seiner Tochter Lena. Kalle, der eigentlich Maler und Lackierer ist, hat nämlich das Kreuzern erfunden. Mit einem Laserpointer und einem Transponder kann er mit Lena an jeden beliebigen Ort auf der Welt reisen. Auf einem Foto oder in einem Buch ganz einfach mit dem Laserpointer ein Ziel markieren, ein bestimmtes Ritual absolvieren, und dann - schlonz - zum Tee mit der Queen, ans Rote Meer oder in die beste Gyrosbude der Welt in Athen. Das alles ist natürlich streng geheim, weil Lenas Mama sonst ausflippen würde. Doch dann geht im Himalaya etwas schief...

Das Buch „In 0,8 Sekunden um die Welt“ spielt in Hamburg-Ottensen, wo Christ in den 1990er Jahren eine zeitlang gelebt hat. Jetzt wohnt Kalle in der Altbauwohnung in der Zeißstraße, denn Lenas Eltern sind getrennt. Dadurch ist Lenas Leben eigentlich schon turbulent genug, aber das Kreuzern – das hat Kalle so genannt, weil die Familie Kreuzer mit Nachnamen heißt – ist für Lena der größte Spaß. Schon wenn sie in Kalles Wohnung kommt, ist es jedes Mal spannend. Denn gleich im Flur ist eine Wand, und die ist mit einem riesigen Foto beklebt – von den Garderobenhaken bis zum Schlafzimmer. Es ist ein Foto der Alpen, und das sieht jede Woche ein klein bisschen anders aus, denn Kalle sagt allen Besuchern, dass sie etwas auf das Alpenpanorama kleben sollen. Da springt ein Delfin durch die Luft, man sieht die Beatles, ein rotes Ufo, eine Schaukel und ein paar Mülltonnen. Und das Tollste an dem Foto ist, dass Kalle und Lena darin spazieren gehen können. Wie in jedem anderen Foto eben auch.

Stephan Christ „In 0,8 Sekunden um die Welt“, Jugendroman mit farbigen Illustrationen von Tim Köhler, Hardcover, 192 Seiten, 14,40 Euro,

ISBN 978-3-96177-039-7, WooW Books Kinderbuchverlag, Hamburg

Amy Bloom „Meine Zeit mit Eleanor“

Eleanor Roosevelt war eine außergewöhnliche Frau. Schon von Geburt an privilegiert – als Nichte des US-Präsidenten Theodore „Teddy“ Roosevelt – verliebt sie sich als junge Frau in ihren Cousin fünften Grades, Franklin D. Roosevelt, der Jahre später seinerseits US-Präsident wird. Doch die First Lady ruht sich nicht aus auf Ruhm und Geld. Sie kümmert sich nicht nur um ihre fünf Kinder und ihren im Alter von fast 40 Jahren an Kinderlähmung erkrankten Mann, sondern kämpfte für Frauenrechte und die Rechte von Homosexuellen. Als Franklin D. Roosevelt 1932 das Präsidentschaftsamt für die Demokraten gewinnt und die Familie ins Weiße Haus zieht, stellt die bedeutende Nachrichtenagentur AP die erfolgreiche Journalistin Lorena Hickok ab, über Franklin zu berichten. Hick, wie sie genannt wird, zieht mit ins Weiße Haus und beginnt eine enge Freundschaft mit Eleanor Roosevelt. Während sich Historiker darüber streiten, ob die beiden eine lesbische Beziehung miteinander hatten, schreibt die amerikanische Autorin Amy Bloom einen Roman über die romantische Liebesbeziehung der beiden Frauen. „Meine Zeit mit Eleanor“ ist vergnügliche, kurzweilige Lektüre und auch großes Gefühlskino, besonders zum Schluss, nachdem Eleanor 1962 gestorben war und Hick auf der Bank sitzt, auf der sie so oft mit ihrer Geliebten saß: „Du bist nicht nur mein Hafen in der Not, nach dem Frauen mittleren Alters angeblich Ausschau halten. Du bist das dunkle, funkelnde Meer und das Salz, das in der grellen, gleißenden Sonne auf meiner Haut verkrustet. (...) Du bist die Morgendämmerung, die das Dunkel zurückdrängt, bis der Strand glitzert...“

Amy Bloom „Meine Zeit mit Eleanor“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 20 Euro,
ISBN 978-3-455-00568-4, Atlantik Verlag bei Hoffmann und Campe, Hamburg

Meike Winnemuth „Bin im Garten – Ein Jahr wachsen und wachsen lassen“

Meike Winnemuth ist eine weitgereiste Journalistin und Autorin und preisgekrönte Bloggerin. Schon bevor sie bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ 500.000 Euro gewann und auf Weltreise ging, war sie bekannt für ihre Beziehungskolumnen damals noch gemeinsam mit Peter Praschl. Irgendwann hatte Winnemuth genug vom rastlosen Umherziehen und beschloss, endlich mal sesshaft zu werden. In einer mehr oder minder spontanen Aktion kaufte sie an der Ostsee eine kleine Holzhütte mit einem 800 Quadratmeter großen Garten. Ein Jahr lang führt sie Tagebuch darüber, was sie anpflanzt, was gedeiht, welche Pflanzen besonders häufig den Schnecken zum Opfer fallen und wie es sich anfühlt, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Mit ihrem Foxterrier „Fiete“ wohnt Winnemuth in der Hütte, die nur einen Ofen hat und erlebt, wie sich Heimat anfühlt. Plötzlich kennt sie ihre Nachbarn, man hilft sich gegenseitig, sie wird Schriftführerin im Verein der Siedlung. „Ich. In einem Verein. Meine Güte. Etwas für alle tun, Verein, Ehrenamt, das ist ganz neu in meinem Leben“, notiert die 1960 in Neumünster geborene Autorin. Sie zieht Tomaten, die alten Sorten, die tatsächlich noch nach Tomate schmecken, pflanzt die seltene Erdbeersorte „Mieze Schindler“ an und erntet ganz stolz im ersten Jahr sieben Früchte. Kartoffeln und Salat, Zwiebeln, Brokkoli, Bohnen, Erbsen, Himbeeren, Brombeeren – Meike Winnemuth verwirklicht ihren Plan, wenigstens eine zeitlang von eigener Ernte leben zu können. In ihrem Buch „Bin im Garten“ berichtet sie so herrlich erfrischend von ihrer Methode „Erstmal machen, dann mal sehen“, mit der sie auch gelegentlich gehörig auf die Nase fällt, dass man während der Lektüre gelegentlich laut loslachen muss. Dieses Buch ist kein Garten-Ratgeber, und trotzdem erfährt man viel Wissenswertes und auch Skurriles – zum Beispiel, dass Winnemuth Mitglied in der Royal Horticultural Society in England geworden ist, weil man dann leichter an die begehrten Karten für die großen englischen Gartenausstellungen kommt. Einfach herrlich! Und ein Muss für jeden Gartenfreund.

Meike Winnemuth „Bin im Garten – Ein Jahr wachsen und wachsen lassen“, Tagebuch mit Literaturempfehlungen, Bezugsquellen für Gemüse, Kräuter, Stauden und Sträucher sowie zahlreichen farbigen Abbildungen und Illustrationen, gebunden mit Schutzumschlag und gedruckt auf höchstem ökologischem Niveau, 320 Seiten, 22 Euro,
ISBN 978-3-328-60045-9, Penguin Verlag, München

Frank Goosen „Kein Wunder“

Fränge, der eigentlich Frank heißt, hat sich nach Berlin abgesetzt. Die offizielle Lesart lautet: er will nicht zur Bundeswehr. Dabei wäre dieser Schachzug gar nicht nötig gewesen, denn Fränge wurde ausgemustert. Untauglich klingt aber natürlich nicht so cool. Es ist Ende der 1980er Jahre, und der alte Schwerenöter Fränge hat sich eingerichtet mit seiner portugiesischen Freundin Marta in West-Berlin und der aufregenden Rosa im Osten. Ist ja auch alles kein Problem, Rosa kann ja nicht weg aus der DDR. Und die 25 Mark Zwangsumtausch investiert Fränge klug. Er kauft für kleines Geld Juwel-Campingkocher, die er dann für doppelt so viel im Westen wieder los wird. Dann rücken seine besten Freunde Förster und Brocki aus seiner Heimat Bochum an und schon gehen die Probleme los. Brocki hasst das System der DDR, was er bei jeder Gelegenheit mit markigen Sprüchen kundtut und was nicht unbedingt immer gut ankommt. Und der ernsthafte Förster hat ein Auge auf die Ost-Braut Rosa geworfen. Schon kompliziert genug. Aber dann kommt der 9. November 1989 und Fränge wird schlagartig klar, dass die Mauer auch Vorteile hatte. Zumindest für ihn. „Die ist doch nicht aus Jux und Dollerei gebaut worden! Wenn die offen bleibt, die Grenze, dann war es das mit dem Weltenwanderer der Liebe! Aber das interessiert ja mal wieder keinen!“, lamentiert er in einem Telefongespräch mit Förster und Brocki. „Kein Wunder“ heißt der neue Roman von Frank Goosen, und es ist eine herrliche Komödie und Zustandsbeschreibung. Wer in den 80er Jahren in Wohngemeinschaften in Berlin Freunde hatte, erlebt bei der Lektüre sein ganzes junges Erwachsensein noch einmal. Einfach wunderbar, wie Goosen über zwei Welten schreibt, die doch eigentlich ein Deutschland hätten sein sollen. Ein echtes Juwel (wie der Campingkocher)!

Frank Goosen „Kein Wunder“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 20 Euro,
ISBN 978-3-462-05254-1, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Wolf Haas „Junger Mann"

Schon mit vier Jahren, als sich der Ich-Erzähler in Wolf Haas’ neuem Roman „Junger Mann“ auf der von seinem älteren Bruder selbstgebauten Ski-Schanze zum ersten Mal das Bein brach, stellte er fest: „Rückwärts durch die Knie betrachtet, war die Welt immer am interessantesten.“ Aus dem kleinen Jungen, der sich noch öfter das Bein brechen sollte, wird ein Jugendlicher, der mit 13 ein bisschen zu dick ist und in den Ferien auf der Tankstelle jobbt. Dort erscheint ihm eines Tages die Elsa, und er ist zum ersten Mal so richtig verknallt. Dummerweise ist die Elsa deutlich älter und außerdem auch schwer verheiratet. Nämlich mit dem Tscho, der als Fernfahrer ständig nach Griechenland, Jugoslawien und Teheran fährt. Mit dem Tscho legt man sich besser nicht an. Um aber trotzdem die Elsa zu beeindrucken, beschließt der junge Mann abzunehmen. Fortan werden Kalorien gezählt. Um seinem Schwarm möglichst nah zu sein, gibt er der Elsa Englischunterricht. In den Sommerferien braucht der Tscho für eine Fahrt nach Thessaloniki einen Dolmetscher und beschließt, den Jugendlichen mitzunehmen. Im großen Lkw starten die zwei von Österreich aus über Jugoslawien bis nach Griechenland – der Junge, der noch nie das Meer gesehen und noch nie eine Pizza gegessen hat und der Tscho, der ein Geheimnis mit sich herumschleppt. Die Reise wird dann auch ganz anders, als es sich der junge Mann vorgestellt hat. In „Junger Mann“ beschreibt Wolf Haas, der mit seinen Krimis um den Privatdetektiv Simon Brenner große Bekanntheit erlangt hat, eine Jugend im Österreich der 70er Jahre. Der Roman hat durchaus autobiographische Züge, Haas erzählt mit lakonischem Witz und tollen Dialogen von der Teenager-Logik eines 13-Jährigen, von nie enden wollenden Sommerferien und der Sehnsucht der Protagonisten nach einem irgendwie besseren, aufregenderen Leben. „Junger Mann“ ist eine fröhliche, leichte Sommerkomödie, wunderbar geschrieben und absolut lesenswert!

Wolf Haas „Junger Mann“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten, 22 Euro,
ISBN 978-3-455-00388-8, Verlag Hoffmann und Campe Hamburg

Juli Zehn: „Unterleuten"

Unterleuten ist ein kleines Dorf in der brandenburgischen Prignitz. Fast alle Bewohner sind miteinander verwandt oder befreundet. Auf den ersten Blick scheint es die perfekte Dorfidylle zu sein. Die Zugezogenen allerdings wie der Vogelschützer Gerhard Fließ und die Pferde-Begeisterte Linda Franzen haben ihre ganz eigenen Interessen. Und um die durchzusetzen, ist besonders Linda Franzen nahezu jedes Mittel recht. Plötzlich brechen im Dorf die alten Konflikte auf, die zum Teil noch aus DDR-Zeiten schwelen. Hass und Missgunst brechen sich Bahn und führen unweigerlich zur Katastrophe. In „Unterleuten“ beschreibt die gefeierte Schriftstellerin Juli Zeh, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Im Mikrokosmos des Dorfes ist es nur sehr viel besser zu erkennen als in der großen Stadt. Zählt eigentlich Moral noch etwas heutzutage? Das ist die große Frage, die Juli Zeh in diesem gesellschaftskritischen Roman aufwirft. Aus unterschiedlichen Erzähl-Perspektiven beleuchtet sie, was wen antreibt, wer gegen wen intrigiert, welche Verletzungen es gibt und was bisher alles mühsam unter dem Deckel gehalten wurde und nun, da nicht nur die Neubürger die Dorfgemeinschaft aufmischen, sondern auch noch ein geplanter Windpark die verschiedenen Interessen aufeinander prallen lässt, zu brodeln beginnt und überkocht. Dieser dicke Wälzer lässt sich leichthändig und spannend wie ein Krimi lesen. Absolut empfehlenswert!

Juli Zehn „Unterleuten“, Roman, Taschenbuch, 656 Seiten, 12 Euro,
ISBN 978-3-442-71573-2, btb Verlag München

Jean-Philippe Blondel „Ein Winter in Paris“,

Ein Winter in Paris – allein der Titel lässt nicht nur Frankophile und Romantiker ins Träumen geraten. Paris, die Stadt der Liebe, ein Sehnsuchtsort für viele Menschen, hat für Victor allerdings ihren Zauber verloren. Der junge Literaturstudent freundet sich zaghaft an mit Mathieu, der eine Klasse unter ihm ist. In den Pausen rauchen sie zusammen und erzählen einander von sich. Victor nimmt sich vor, Mathieu zu seiner Geburtstagsfeier einzuladen, doch dann verschläft er an jenem verhängnisvollen Morgen und trifft Mathieu nicht. Das letzte, was er von ihm hört, sind ein gebrülltes „Idiot“!, Türenknallen, ein Schrei und dann der Aufprall. Mathieu hat sich in den Tod gestürzt. Für Victor beginnt damit eine Zeit der Orientierungslosigkeit, des Irrlichterns durch die Bars und Kneipen. Plötzlich ist er für die anderen Studenten interessant. Victor trifft sich mit Mathieus Vater, der Antworten sucht, die Victor nicht bieten kann. Doch ganz langsam findet Victor zu sich, erkennt seine Interessen und fängt an, sein eigenes Leben zu leben. Die fragilen Stimmungen und Gefühle, die das Erwachsenwerden mit sich bringt, beschreibt Jean-Philippe Blondel mit einer großartigen Intensität, seine Sprache ist zärtlich und kraftvoll zugleich. Schon nach den ersten paar Seiten kommt die Furcht, dieses schmale Büchlein könne allzu schnell zu Ende gelesen sein. „Es gibt niemanden, der die Verwirrung der Gefühle auch nur annähernd so beschreiben kann wie Jean-Philippe Blondel“, schreibt Le Figaro. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Jean-Philippe Blondel „Ein Winter in Paris“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 190 Seiten, 19 Euro,
ISBN 978-3-552-06377-8, Deuticke Verlag Wien

Claire Fuller „Eine englische Ehe“

Mit der großen Liebe fängt es an, und dann fächert Claire Fuller den ganzen Kanon menschlicher Beziehungen und Abgründe auf. Die junge, ursprünglich aus Norwegen stammende Studentin Ingrid mit dem weizenblonden Haar erregt das Interesse ihres alternden Literaturprofessors Gil Coleman. Die beiden verlieben sich stürmisch, und Ingrid gibt für den ruhmreichen Schriftsteller ihre Pläne und Träume auf und zieht mit ihm aus London weg in sein Haus an die englische Küste. Das Paar bekommt zwei Töchter, mit denen Ingrid überfordert ist, auch, weil sie immer öfter von Gil allein gelassen wird. Obwohl sie jung und schön ist, betrügt er sie ständig. Und dann verschwindet Ingrid spurlos... Weil sie eine leidenschaftliche Schwimmerin war, geht die Polizei davon aus, dass sie ertrunken ist. Das glaubt auch die ältere Tochter Nanette, während die jüngere Flora sich an die Hoffnung klammert, die Mutter könnte noch leben. Vor ihrem Verschwinden hat Ingrid im Juni 1992 22 Briefe an ihren Mann geschrieben und in den Büchern seiner riesigen Bibliothek in dem gemeinsamen Haus versteckt. Die Leser erfahren, wie Ingrid, zunächst liebevolle Ehefrau, zunehmend verzweifelter wird und der Ton in den Briefen rauer klingt. Mit „Eine englische Ehe“ ist Claire Fuller ein spannungs- und emotionsgeladener Roman gelungen, der viele Leserinnen und Leser verdient hat.

Claire Fuller „Eine englische Ehe“, Roman, Taschenbuch, 368 Seiten, 11 Euro,
ISBN 978-3-492-31293-6, Piper Verlag München

Catherine Lowell „Die Kapitel meines Herzens“

Die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë gehören bis heute zu den meistgelesenen Autorinnen des 19. Jahrhunderts. Als Töchter eines englischen Pfarrers wuchsen sie in der Abgeschiedenheit eines abgelegenen Pfarrhauses in West Yorkshire auf. Emily Brontë liebte die Einsamkeit, das raue Klima, das ihrer Gesundheit so schlecht bekam. „Die Sturmhöhe“, eine dramatische Liebesgeschichte um Heathcliff und Catherine, ist bis heute eines der mitreißendsten Werke der englischen Literatur.

In ihrem nur sehr kurzen Leben haben die Schwestern Weltklassiker wie „Jane Eyre“, „Agnes Grey“ und „Die Herrin von Wildfell Hall“ geschaffen. Die Brontës, ihre Geschichten und Geheimnisse sind denn auch Dreh- und Angelpunkt in Catherine Lowells ganz wunderbarer Abenteuer- und Liebesgeschichte „Die Kapitel meines Herzens“. Leider ein wenig gelungener Titel (im Original heißt das Buch „The Madwoman upstairs“ – die Wahnsinnige auf dem Dachboden, was sich auf eine Figur in einem Brontë-Roman bezieht) für ein sehr gelungenes, sehr lesenswertes Debüt der Amerikanerin Lowell. Die junge, ungestüme Samantha Whipple ist die letzte lebende Nachfahrin der Brontë-Schwestern. Als ihr Vater, der berühmte Bestsellerautor Tristan Whipple, bei einem Feuer in seiner Bibliothek ums Leben kommt, tritt Samantha sein rätselhaftes Erbe an. Dazu verlässt sie Amerika und geht zum Literaturstudium nach Oxford, wo sie nicht nur überall auf Spuren der Brontës stößt, sondern auch in zahlreiche Konflikte mit ihrem stocksteifen, aber hoch attraktiven Professor gerät. Dieses Buch ist eine absolute Entdeckung!

Catherine Lowell „Die Kapitel meines Herzens“, Roman, Klappenbroschur, 352 Seiten, 15 Euro,
ISBN 978-3-455-65086-0, Atlantik im Hoffmann und Campe Verlag Hamburg

Bodo Kirchhoff „Widerfahrnis“,

„Und eigentlich wäre es die Stunde der kleinen, einander leise erzählten Geschichten von frühem Kummer und frühem Glück gewesen, einem Flüstern als Vorbereitung auf das Küssen, aber er, Reither, hatte versucht, diese Phase zu überspringen, und schon lag eine Hand auf seinem Mund – Gedulde dich noch, ich gedulde mich auch, ein erster Kuss gelingt nur, wenn man sich selbst übertrifft, so weit bin ich noch nicht.“ Eines Abends steht sie vor seiner Tür und will nur kurz etwas fragen. Fünf Minuten. Er bittet sie herein, und dann rauchen sie, trinken Rotwein aus Apulien, reden. Zwei Unbekannte, obwohl Nachbarn in derselben Appartementanlage. In dieser frostigen Aprilnacht in Süddeutschland beschließen Reither, der seinen Buchverlag aufgegeben hat, und Leonie Palm, die ihr Hutgeschäft verkauft hat und sich von dem Erlös ein altes Cabrio noch mit Kassettendeck leisten konnte, einen Ausflug zu machen. Mit dem Cabrio an den Achensee. Vielleicht schon in Vorahnung auf das, was kommt, trägt die Palm nur ein luftiges Sommerkleid und ist barfuß in einem Hauch von Sandalen. Sie müssen noch den Schnee vom Cabriodach fegen und die alte Kiste anschieben, aber dann schnurrt das Auto los. Immer Richtung Süden ans Meer. Der Achensee ist schnell vergessen. Ebenso wie die absolute Fremdheit. Ganz zaghaft stellt sich Annäherung ein, auch die großen und kleinen Verletzungen im Leben werden vorsichtig angesprochen. Gemeinsam in einem Hotel zu übernachten, erscheint Reither auf der Fahrt durch Italien zu intim, und so übernachten sie im Auto. Auf Sizilien sind sie dann schon so weit, sich ein kleines Appartement zu mieten, sie duzen sich und halten sich an den Händen. „Widerfahrnis“ von Bodo Kirchhoff ist ein kleines Meisterwerk. Die großen Themen des Lebens ganz klein und zart erzählt. Das Buch entwickelt eine enorme Sogkraft, die Sprache ist überwältigend, und die Novelle ist vollkommen zu Recht mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden.

Bodo Kirchhoff „Widerfahrnis“, Novelle, Taschenbuch, 224 Seiten, 10,90 Euro,
ISBN 978-3-423-14641-8, dtv Verlagsgesellschaft München

Antoine Laurain „Die Melodie meines Lebens“,

Anfang bis Mitte der 1980er Jahre schossen sie wie Pilze aus dem Boden: New Wave- und Cold-Wave-Bands. In Frankreich formierte sich seinerzeit eine Gruppe aus fünf jungen Männern um die schöne Sängerin Bérangère, nannte sich „The Hologrammes“ und schickte ihre Tapes an die Plattenfirmen. Doch keiner wollte „We are made the same stuff dreams are made of“ und andere vermeintliche Hits hören – bis nach 33 Jahren ein Brief von der Polydor bei Alain landet. So lange hatte die französische Post gebraucht, den Plattenvertrag zuzustellen. Was für eine verpasste Chance! Alain, mittlerweile über 50 und Arzt, macht sich daran, seine alten Bandkollegen aufzutreiben und trifft auf die unterschiedlichsten Gestalten.

Einer ist ein erfolgreicher Geschäftsmann und wird Präsidentschaftskandidat beinahe wider Willen, ein anderer ist ein Rechtspopulist geworden, der Schlagzeuger ist inzwischen aufstrebender Installationskünstler, der Pianist der „Hologrammes“ betreibt in Thailand ein Hotel. Nur die Sängerin findet Alain erstmal nicht. Eigentlich möchte er auch nur in Erfahrung bringen, ob jemand noch die Kassette mit den alten Aufnahmen hat. Antoine Laurain („Liebe mit zwei Unbekannten“) schreibt in seinem neuen Roman „Die Melodie meines Lebens“ von den vielen verpassten Chancen und unerfüllten Träumen, die eigentlich jeden von uns durchs Leben begleiten. Romantisch, komisch, anrührend – Laurain trifft jeden Nostalgiker mitten ins Herz. Wunderbar!

Antoine Laurain „Die Melodie meines Lebens“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 20 Euro,
ISBN 978-3-455-60052-0, Atlantik Verlag bei Hoffmann und Campe, Hamburg

Klaus Modick „Keyserlings Geheimnis“

Eduard Graf von Keyserling war ein deutscher Schriftsteller und Dramatiker. Er entstammte dem baltischen Zweig einer adligen Familie auf Schloss Paddern im heutigen Lettland. Eines seiner bekanntesten Werke heißt „Fräulein Rosa Herz“. In der Münchener Neuen Pinakothek hängt ein Porträt von Keyserling, das der Maler Lovis Corinth gemalt hat. Das Bild zeigt einen Mann von erstaunlicher Hässlichkeit, der schon von der Syphilis gezeichnet ist. „So möchte ich lieber nicht aussehen“, soll Keyserling das Porträt kommentiert haben. Das Schicksal Keyserlings im frühen 20. Jahrhundert hat den wunderbaren Klaus Modick zu seinem neuen Künstlerroman „Keyserlings Geheimnis“ inspiriert.

Virtuos bewegt sich der ehemalige Literaturprofessor zwischen Dichtung und Wahrheit und bedient sich einer Sprache, die so geschliffen und stilsicher ist, dass es ein Genuss ist, diesen Roman zu lesen. „Der wahre Sommer ist niemals der, den man gerade erlebt, sondern der andere, lichtdurchwobene, dufterfüllte, wundervolle, an den man sich eines Tages erinnert. Die heimatliche Sonne leuchtet heller in der Fremde, die Gärten der Kindheit duften stärker in der Erinnerung.“ Nach „Konzert ohne Dichter“ über die Worpsweder Künstlerszene um Rilke und Vogeler hat Klaus Modick abermals einen Roman über Liebe und Leidenschaft, Lüge und Verrat vorgelegt – voller Witz und Ironie.

Klaus Modick „Keyserlings Geheimnis“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten, 20 Euro,
ISBN 978-3-462-05156-8 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Valerie Jakob „Hotel Atlantique“

Die pensionierte Pariser Polizistin Delphine Gueron freut sich über ihren Ruhestand. Sie ist zurückgekehrt in ihren Heimatort an der südfranzösischen Atlantikküste und kümmert sich dort liebevoll um ihren Garten und um ihre alte Freundin Aurélie. Aurélie de Montvignon ist schon ziemlich betagt, aber von scharfem Verstand und einem bissigen Humor. Die beiden Frauen haben es sich zum Ritual gemacht, sich jeden Dienstag Nachmittag zur Teestunde im Hotel Atlantique in dem kleinen – fiktiven – Urlaubsort St. Julien-de-la-mer unweit des mondänen Biarritz zu treffen. In dem Hotel mit Blick aufs Meer hat Aurélie auch mit ihrem verstorbenen Mann Ernest eine Suite gemietet, in die sie sich von Zeit zu Zeit zurückzieht. Doch eines Dienstags kommt sie plötzlich nicht mehr zu der Verabredung mit Delphine. Weil sie nämlich vom Balkon ihrer Suite über das Geländer gestürzt und tödlich verunglückt ist. Ein Unfall? Alles deutet darauf hin, aber in Delphine erwacht die Kommissarin, und gemeinsam mit dem 15-jährigen Karim, der so dumm war, bei Delphine einzubrechen und sich von ihr erwischen zu lassen, übernimmt sie die Ermittlungen. Was sich zunächst anhört wie ein sommerleichter Krimi ist viel mehr als das. Denn Delphine und Karim stoßen auf ein düsteres Kapitel deutsch-französischer Geschichte und stellen fest, dass auch Aurélies Familie mit dem Schicksal der Wehrmachtskinder aus dem Zweiten Weltkrieg zu tun hatte. „Hotel Atlantique“ ist ein toller Debütroman der erfolgreichen Übersetzerin Valerie Jakob. Trotz des schweren Themas gelingt es ihr, auch die sommerliche Leichtigkeit und Urlaubsflair zu vermitteln. Dieses Buch gehört ins Urlaubsgepäck!

Valerie Jakob „Hotel Atlantique“, Roman, Taschenbuch, 478 Seiten, 9,99 Euro,
ISBN 978-3-499-29038-1

Gil Ribeiro „Lost in Fuseta – Spur der Schatten“

Über den Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt sagt der wunderbare Schauspieler Peter Prager: „Holger Karsten Schmidt gehört zu den Autoren, bei denen jedes Wort stimmt.“ Ein tolles Lob aus berufenem Munde. Jetzt hat sich Schmidt, der für seine Drehbücher schon zahlreiche Preise eingeheimst hat, das Pseudonym Gil Ribeiro zugelegt und schreibt unter diesem Namen Krimis, die an seinen Lieblingsorten an der portugiesischen Ost-Algarve spielen. „Lost in Fuseta“ und „Lost in Fuseta - Spur der Schatten“ sind Portugal-Krimis, in denen deutsche Korrektheit auf eine gewisse portugiesische Lässigkeit trifft. Im Rahmen eines Austauschprogramms landet nämlich der Hamburger Kriminalkommissar Leander Lost bei der Policia Judiciaria an der Algarve und fällt nicht nur durch seine ungewöhnliche Bekleidung auf, sondern auch dadurch, dass er brillant Portugiesisch spricht, aber keine Witze und keine Ironie versteht und außerdem nicht mal ein kleines bisschen schwindeln kann. Seine Kollegen Carlos Esteves und Graciana Rosado wollen Lost nach ein paar sehr ungewöhnlichen Aktionen gern wieder zurückschicken nach Hamburg, aber Gracianas Schwester Soraia findet heraus, dass Lost das Asperger-Syndrom, eine leichte Form von Autismus, hat. Und so arrangieren sich die portugiesischen Kommissare mit dem merkwürdigen Hamburger und profitieren bei ihren Ermittlungsarbeiten von seinem fotografischen Gedächtnis und seinem scharfen, analytischen Verstand. Zudem sind die verzwickten Fälle spannend geschrieben und haben beide auch einen politischen Hintergrund. Bei der Lektüre packt einen die Sehnsucht nach Sonne, gutem Essen und Atlantik und man möchte am liebsten die Koffer packen und an die Algarve reisen.

Gil Ribeiro „Lost in Fuseta“, ein Portugal-Krimi, Klappenbroschur, 400 Seiten, 14,99 Euro,
ISBN 978-3-462-04887-2

Gil Ribeiro „Lost in Fuseta – Spur der Schatten“, ein Portugal-Krimi, Klappenbroschur, 400 Seiten, 14,99 Euro,
ISBN 978-3-462-05124-7

Alexander Oetker „Chateau Mort - Luc Verlains neuer Fall“

Endlich ein neuer Fall für Luc Verlain! Nach seinem tollen Debüt „Retour“ im vorigen Jahr, hat Alexander Oetker jetzt nachgelegt. „Chateau Mort“ heißt der neue Krimi um den Pariser Kommissar Luc Verlain, der nach jahrelanger Tätigkeit als Leiter der zweiten Pariser Mordkommission in seine Heimat an der Atlantikküste rund um Bordeaux zurückgehrt, weil sein Vater schwer erkrankt und nicht klar ist, wie lange der alte Austernfischer noch zu leben hat. Verlain liebt die Frauen, aber er bleibt gern unverbindlich. Seine Affären genügen ihm, doch im Aquitaine begegnet ihm seine Kollegin Anouk, die ganz anders ist als die Pariserinnen und die sein Herz berührt. In „Retour“ muss Verlain ziemlich schnell den Mord an einem jungen Mädchen aufklären. Im neuen Krimi „Chateau Mort“ ermittelt Luc Verlain im Médoc, der berühmten Weinregion. Das Aquitaine wird kurz vor Ende der Sommersaison noch mal von einer Hitzewelle erfasst. Ausgerechnet jetzt findet der kuriose Marathon du Médoc statt, bei dem Tausende Läufer in Verkleidungen antreten. Und einer der Läufer, ein liebenswerter älterer Winzer kippt tot um. Ziemlich schnell wird klar, dass der Winzer vergifteten Wein getrunken haben muss und dass er kurz zuvor noch ein verfallenes Weingut kaufen wollte. Ausgerechnet bei einer kurzen Pause am Weinschloss von Luc Verlains bestem Freund Richard hat der ältere Herr den Giftwein zu sich genommen. Dass Verlain sich hartnäckig weigert, seinen Freund für einen Mörder zu halten, treibt schnell einen Keil zwischen ihn und Anouk, die nämlich fest davon überzeugt ist, dass Richard schuldig ist. Alexander Oetker hat vier Jahre in Frankreich gelebt und verfügt über profunde Kenntnisse der französischen Politik und Lebensweise. Seine Krimis bestechen durch viel Lokalkolorit, perfide ausgeklügelte Mordplänen, die Beschreibung von gutem Wein und gutem Essen sowie Meer und Landschaft zum Verlieben.

Alexander Oetker „Chateau Mort - Luc Verlains neuer Fall“, ein Aquitaine-Krimi, Klappenbroschur, 336 Seiten, 16 Euro,
ISBN 978-3-455-00076-4, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

Alexander Oetker „Retour – Luc Verlains erster Fall“, 288 Seiten, Klappenbroschur, 16 Euro, ISBN 978-3-455-00009-2

 

"Manchmal ist es federleicht" von Christine Westermann

Christine Westermann ist eine lebenskluge Frau. Unaufgeregt, niemals schrill, immer mit einem leichten Schmunzeln berichtet die Moderatorin, Journalistin, Buchautorin und Literaturkritikerin vom Alltäglichen, besonders gern von den Gemeinheiten des Älterwerdens und jetzt auch von den unvermeidlichen Abschieden, mit denen es jeder von uns zu tun hat und noch bekommt. 13 Jahre war Christine Westermann erst alt, als ihr geliebter Vater starb. Ein traumatisches und prägendes Erlebnis, das sie viele Jahre und Jahrzehnte glauben lässt, dass jeder Abschied eine solche Schwere hat. Dabei ist es manchmal federleicht, hat die 69-Jährige festgestellt. So hat sie denn auch ihr neuestes Buch überschrieben: „Manchmal ist es federleicht – von kleinen und großen Abschieden“. Darin beschreibt sie mit locker-leichter Hand den Abschied von der Jugend ebenso wie den von der Angst, es immer allen recht machen zu wollen, damit man bloß gemocht wird. 20 Jahre lang hat Christine Westermann gemeinsam mit Götz Alsmann die sehr ungewöhnliche WDR-Talkshow „Zimmer frei!“ moderiert. Als der WDR ankündigte, das Format im Sommer 2017 einzustellen, verkündete Christine Westermann: „Zur letzten Sendung komme ich nicht.“ Zu sehr fürchtete sie sich vor Tränen und Abschiedsschmerz. Sie ist dann doch gekommen und hat festgestellt, dass es gar nicht so schwer war. Mit Charme und Witz meistert Christine Westermann in ihrem Buch ein Thema, das für viele Menschen von Kindesbeinen an angstbesetzt ist und erzählt von der Kunst, Veränderungen anzunehmen.

Christine Westermann „Manchmal ist es federleicht – von kleinen und großen Abschieden“, gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten, 19 Euro,
ISBN 978-3-462-05050-9, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

"Bühlerhöhe" von Brigitte Glaser

Deutschland 1952. Kanzler Adenauer will ein Wiedergutmachungsgesetz durch den Bundestag bringen, doch erst reist er noch zur Sommerfrische auf die Bühlerhöhe, diese Nobelherberge an der Schwarzwaldhochstraße. Doch Adenauer ist in Gefahr. Radikale Israelis wollen kein Geld, an dem Blut klebt, kein Geld von Nazis. Gemäßigte Israelis, die der Ansicht sind, dass Israel das deutsche Geld dringend braucht, fürchten einen Anschlag auf Adenauer und schicken die junge Rosa Silbermann in geheimer Mission auf die Bühlerhöhe. Rosa soll gemeinsam mit dem erfahrenen Agenten Ari ein Ehepaar im Urlaub spielen. Ihr Auftrag ist es, Adenauer zu schützen. Doch Ari taucht zunächst nicht auf und Rosa ist auf sich allein gestellt. Zudem ist die strenge Hausdame Sophie Reisacher extrem misstrauisch und hintertreibt Rosa Silbermanns Pläne, ohne zu wissen, was die junge Frau aus Israel tatsächlich vorhat. „Bühlerhöhe“ ist eine gelungene Mischung aus Polit-Krimi und historischem Roman. Der Autorin Brigitte Glaser gelingt es großartig, die antiquierte Sprache der 50er Jahre wiederzugeben. Sie erzählt eine spannende Geschichte, die auf historischen Ereignissen beruht.

Brigitte Glaser „Bühlerhöhe“, Roman, Taschenbuch, 448 Seiten, 11 Euro,
ISBN 978-3-548-28982-3, Ullstein Taschenbuch Verlag Berlin

„Alles Licht, das wir nicht sehen“

Für seinen Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ ist Anthony Doerr mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet worden, und das völlig zu Recht. Seine eindringlichen Schilderungen, die wundervolle Sprache - dieses literarische Meisterwerk beschreibt die Geschichte zweier Jugendlicher im Zweiten Weltkrieg. Die blinde Marie-Laure flieht kurz bevor die Wehrmacht Paris besetzt mit ihrem Vater aus der Hauptstadt in die Bretagne, nach Saint-Malo zu ihrem mehr als schrulligen Großonkel Étienne, der sich vornehmlich in seinem Zimmer versteckt und erst nach und nach auftaut und dem Mädchen ein lange gehütetes Geheimnis anvertraut. Marie-Laure wird unterdessen liebevoll umsorgt von der Haushälterin des Onkels, hat aber große Sehnsucht nach ihrem Vater und wartet eigentlich immer nur darauf, dass sie endlich wieder zurück nach Paris kann. Der deutsche Waisenjunge Werner hat eine große technische Begabung und wird deshalb von den Nazis gefördert. Die stecken ihn in eine Wehrmachtseinheit, die nach Saint-Malo vordringt auf der Suche nach einem Peilsender, über den Marie-Laures Onkel die Widerstandskämpfer mit Daten versorgt. So kreuzen sich irgendwann die Wege der beiden Jugendlichen...

Anthony Doerr „Alles Licht, das wir nicht sehen“, Roman, Taschenbuch, 519 Seiten, 11 Euro,
ISBN 978-3-442-74985-0, btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House München

„Nora Webster“ von Colm Tóbín

Mit „Nora Webster“ zeichnet der irische Schriftsteller Colm Tóbín ein Sittengemälde der 1960er Jahre in Irland. Der Erfolgsautor von „Brooklyn“ setzt abermals auf eine starke Frau, die gegen alle Konventionen ihren eigenen Weg geht. Als ihr Mann viel zu früh stirbt, hat Nora Webster gar keine Zeit zu trauern, sie funktioniert nur noch. Und das muss sie auch, denn sie hat vier Kinder. Die beiden Jüngeren, zwei Söhne, sind nicht ganz unproblematisch. Der ältere wird in der Schule gehänselt, weil er nach dem Verlust des Vaters zu stottern beginnt. Er zieht sich zurück, redet nicht mehr und fängt an, alles zu fotografieren. Seine Welt spielt sich in der Dunkelkammer ab. Nora Webster, eine selbstbewusste, intelligente Frau in der katholischen Provinz, muss sich eine Arbeit suchen und hat dort ebenso Probleme wie mit Nachbarn und Freunden, die alle glauben zu wissen, was das Beste für sie ist. Ganz langsam kämpft Nora sich ins Leben zurück und kann die Dinge hinter sich lassen, die sie nicht mehr ändern kann.

Colm Tóbín „Nora Webster“ , Roman gebunden mit Schutzumschlag, 384 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-446-25063-5, Carl Hanser Verlag München

„Bretonisches Leuchten“ - Jean-Luc Bannalec

Jean-Luc Bannalec ist ein Garant für Spannung, Humor, Wissenswertes und eine gehörige Portion Urlaubsstimmung. „Bretonisches Leuchten“ ist jetzt der sechste Fall für den eigenwilligen Kommissar George Dupin, der aus Paris in den westlichsten Zipfel Frankreichs versetzt wurde und sich nur sehr langsam an die schrulligen, wortkargen, aber sehr herzlichen Menschen gewöhnen konnte. Inzwischen aber ist er in der Ecke heimisch geworden und ermittelt mit Leidenschaft und einem untrüglichen Gespür. Diesmal aber macht Dupin mit seiner Liebsten Urlaub an der berühmten Rosa Granitküste im Norden der Bretagne – die Krimis spielen übrigens jedes Mal in einer anderen Gegend, so dass man immer etwas Neues erfährt. Zwei Wochen soll der gestresste Kommissar sich erholen. Für ihn die Hölle, nichts hasst er mehr als Müßiggang, aber alle um ihn herum legen größten Wert darauf, dass Dupin wirklich Urlaub macht. Für ihn scheint Erholung aber nur möglich zu sein, wenn er einen kniffligen Fall lösen kann. Und so muss er, als in seinem Urlaubsort eine Frau verschwindet und eine andere tot am Strand gefunden wird, sozusagen undercover ermitteln. Denn seine Freundin Claire und auch seine ungewöhnliche, charakterstarke Sekretärin Nolwenn in seinem Büro in Concarneau, passen genau auf, dass Dupin das süße Leben am Strand genießt. Wer die Bannalec-Krimis liest, kann förmlich die salzige Luft des Atlantiks riechen und möchte am liebsten sofort die Koffer packen und aufbrechen in die Bretagne. Die Eigenarten der Bretonen, Wein und wunderbares Essen, traumhafte Strände und bizarre Felslandschaften spielen hier eine fast ebenso große Rolle wieder der Kriminalfall an sich.

Jean-Luc Bannalec „Bretonisches Leuchten“- Kommissar Dupins sechster Fall, Kriminalroman, Taschenbuch Klappenbroschur, 320 Seiten, 14,99 Euro,
ISBN 978-3-462-05056-1, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

„Beton Rouge“ von Simone Buchholz

Dieses Buch kann man eigentlich nicht mehr aus der Hand legen, so faszinierend und atmosphärisch dicht hat Simone Buchholz ihren neuesten Kriminalroman komponiert. „Beton Rouge“ spielt natürlich in Hamburg, und zwar im Verlagswesen. Vor einem großen Verlagshaus an der Elbe, das doch sehr stark an das Gebäude von Gruner & Jahr erinnert, werden hochrangige Manager nackt in Käfige gesperrt. Was zunächst wie ein Racheakt der Mitarbeiter aussieht, entpuppt sich als Gespenst aus der Vergangenheit der drei Opfer. Und Staatsanwältin Chastity Riley hat einen neuen Kollegen, den etwas merkwürdigen Stepanovic. Nicht Dragoslav, wie der frühere Fußballtrainer von Eintracht Frankfurt, sondern Ivo, aber immerhin mit hessischem Akzent. Augenzwinkernd benennt Fußballfan Simone Buchholz ihre Figuren nach ehemaligen Spielern. Für den neuen Fall muss Staatsanwältin Riley sogar vorübergehend ihr geliebtes St. Pauli verlassen und mit Stepanovic in Bayern ermitteln.

Simone Buchholz „Beton Rouge“, Kriminalroman, Taschenbuch Klappenbroschur, 227 Seiten, 14,95 Euro,
ISBN 978-3-518-46785-5, Suhrkamp Verlag Berlin

„Sommer unseres Lebens“ von Kirsten Wulf

Nach 25 Jahren reisen drei Freundinnen wieder nach Portugal, um gemeinsam ihren 50. Geburtstag zu feiern und das alte Versprechen von damals, aus dem Sommer ihres Lebens, einzulösen. Hanne, Claude und Miriam hatten sich auf einer Urlaubsreise in Portugal kennengelernt und dann eine tolle gemeinsame Zeit verbracht. Tage und Wochen am Meer mit Rotwein, Zigaretten, schicken Männern und berauschenden Sonnenuntergängen – was will man mehr mit 25? An ihrem letzten gemeinsamen Abend versprachen sich die drei, sich zum 50. Geburtstag wieder in Portugal zu treffen, egal, was passiert. Aber in 25 Jahren passiert so einiges. Ehemänner, Kinder, Jobs. Die Karrierefrau Miriam zum Beispiel hat gar keine Lust, das alte Versprechen einzulösen, aber Yogalehrerin Hanne besteht auf ein Wiedersehen, und so brechen die drei auf zur Revivaltour an den Atlantik. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt, und so sehen sich die drei Frauen plötzlich mit Schwierigkeiten und auch Erinnerungen konfrontiert, die sie mehr als zwei Jahrzehnte sorgsam zu hüten wussten. Mit „Sommer unseres Lebens“ ist der früheren Wedelerin Kirsten Wulf ein sommerleichter Roman gelungen, der einen sofort gedanklich unter südliche Sonne katapultiert und auch Erinnerungen an die eigene unbeschwerte Zeit wachruft. Ab ins Urlaubsgepäck mit dem Roman und dann ans Meer.

Kirsten Wulf „Sommer unseres Lebens“, Roman, Taschenbuch, 368 Seiten, 9,99 Euro,
ISBN 978-3-462-04889-6 Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln

„Konzert ohne Dichter“ von Klaus Modick

„Konzert ohne Dichter“ klingt irgendwie spitzbübisch. Und sicherlich hat der wunderbare Klaus Modick diesen Titel auch mit einem kleinen Augenzwinkern ausgesucht. Sein Roman „Konzert ohne Dichter“ bezieht sich auf das großformatige Gemälde „Sommerabend“, das auch „Das Konzert“ genannt wird. Der Worpsweder Jugendstil-Maler Heinrich Vogeler hat es 1905 geschaffen. Vogeler gehörte zur ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede. Sein Wohnhaus, der Barkenhoff, war Anfang der 1900er Jahre Treffpunkt und Mittelpunkt der künstlerischen Bewegung um Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker, Clara Westhoff, Fritz Mackensen und Rainer Maria Rilke. Letzterer ist der Dichter, der auf dem Gemälde „Das Konzert“ fehlt. Mit diesem Bild, das ein Konzert auf der Terrasse des Barkenhoff zeigt, hat Vogeler den Bruch zwischen Rilke und ihm dargestellt. Diese Freundschaft zwischen „Seelenverwandten“, die im Laufe der Zeit zerbricht, beschreibt Klaus Modick in seinem Roman. Wie schon bei „Sunset“ über die Freundschaft zwischen Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger schafft es Modick auch beim „Konzert ohne Dichter“ meisterhaft, Wahrheit und Fiktion miteinander zu vermischen. In einer atemberaubend schönen Sprache versetzt der Schriftsteller die Leser in die Welt der Künstler und Schöngeiste zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Meisterlich!

Klaus Modick „Konzert ohne Dichter“, Roman, Taschenbuch, 240 Seiten, 9,99 Euro,
ISBN 978-3-462-04990-9 Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln

Édouard Louis: „Das Ende von Eddy“,

Gerade hat der Deutsche Bundestag die Ehe für alle beschlossen. In Frankreich gibt es diese Regelung schon seit 2013, aber grau ist alle Theorie. Wer „Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis liest, bekommt eine Ahnung davon, wie grausam das Leben als Schwuler auf dem Dorf sein muss. Inspiriert von seiner eigenen Geschichte, beschreibt der Shootingstar der französischen Literaturszene in seinem Debütroman die Drangsalierungen, die Eddy in der Schule aushalten muss, die Enttäuschung seines Vaters darüber, dass der Sohn gar kein richtiger Mann zu sein scheint, die verzweifelten Versuche von Eddy, mit Mädchen anzubandeln, seine hohe Stimme zu kontrollieren, das wilde Gefuchtel seiner Hände im Zaum zu halten. In dem Dorf in der nordfranzösischen Picardie, in dem Eddy aufwächst, arbeiten die Männer in der dort ansässigen Fabrik, später verdienen auch ihre Söhne dort das Geld. Wer irgendwie vom Schema abweicht, ist Opfer von Hohn, Spott und Schlägen. Wie es Eddy gelingt, sich aus den prekären Verhältnissen seines Elternhauses zu befreien und auf einem Theatergymnasium sein Glück zu finden, beschreibt der erst 25 Jahre junge Édouard Louis in kraftvollen Bildern und einer wunderbaren Sprache. Dieser Roman ist eine echte Entdeckung!

Édouard Louis „Das Ende von Eddy“, Roman, Taschenbuch, 206 Seiten, 9,99 Euro,
ISBN 978-3-596-03243-3 Fischer Taschenbuchverlag Frankfurt am Main

Jean-Philippe Toussaint „Fußball“

Was stellt man sich vor, wenn ein Buch „Fußball“ heißt? Vermutlich eine Geschichte über Pelé, Gerd Müller, Oliver Kahn und Co. Davon ist allerdings der kleine Erzählband von Jean-Philippe Toussaint weit entfernt. Toussaint beschreibt, was Fußball in ihm auslöst, wie es sich anfühlt, wenn während des Elfmeterschießens zwischen den Niederlanden und Argentinien bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien wegen eines Gewitters plötzlich der Strom ausfällt und er ein altes Transistorradio einschaltet und versucht, der Reportage eines italienischen Senders zu folgen. Der Autor interessiert sich nicht für Fußball in seiner symbolischen Bedeutung für die Globalisierung oder als Metapher für die Gesellschaft. Vielmehr kann Toussaint Fußball nicht von seinen Träumen und seiner Kindheit trennen, wie er es beschreibt. „Nichts kann uns geschehen, während wir ein Fußballspiel betrachten: gleichsam wie in wohltuender nächster Nähe des Geschlechts einer Frau bei bestimmten Stellungen des Liebesaktes, die augenblicklich jede Angst vor dem Tod verfliegen lässt, sie betäubt wird und in die Feuchte und Süße der Umarmung schmelzen lässt, so hält der Fußball, während wir ihn betrachten, uns radikal auf Distanz zum Tod. Ich tue so, als schriebe ich über Fußball, aber ich schreibe, wie immer, über die Zeit, die verrinnt.“ Jean-Philippe Toussaint („Der Photoapparat“, „Die Wahrheit über Marie“) zählt zu den wichtigsten Autoren französischer Sprache. Er lebt in Brüssel und auf Korsika. Über „Fußball“ schreibt die linksliberale französische Tageszeitung „Libération“ sehr knapp und treffen: „Proust im Stadion“. Unbedingt lesen – schon wegen der wunderbaren Sprache!

Jean-Philippe Toussaint „Fußball“, gebunden mit Schutzumschlag, 126 Seiten, 20,00 Euro,
ISBN 978-3-455-40559-0 Verlag Hoffmann und Campe Hamburg

Naomi Wood „Als Hemingway mich liebte“

Ernest Hemingway, einer der berühmtesten Schriftsteller seiner Zeit. Immer wieder scheitert er an sich selbst und an der Liebe. Vier Ehefrauen hat er und kann doch immer nur kurzzeitig glücklich sein. Von Selbstzweifeln zerfressen, von einer Schreibblockade und massiven Depressionen geplagt, nimmt er sich schließlich 1961, kurz vor seinem 62. Geburtstag, das Leben. Die britische Schriftstellerin Naomi Wood skizziert anhand der vier Ehefrauen das Leben der Legende Hemingway, Reporter, Kriegsberichterstatter, Schriftsteller, Pulitzer-Preis- und Literaturnobelpreis-Träger. Im Roman „Als Hemingway mich liebte“ beginnt die Geschichte 1926, als der Schriftsteller mit seiner ersten Frau Hadley und dem gemeinsamen Sohn von Paris nach Südfrankreich, nach Antibes, reist, um dort den Sommer zu verbringen. Bridge, Drinks, Feste mit den berühmten Nachbarn, Schwimmen und lässiges Nichtstun unter südlicher Sonne bestimmen die Tage. Aber Hadley hat noch eine Freundin eingeladen, die wohlhabende Moderedakteurin Pauline Pfeiffer, genannt Fife. Hadley weiß, dass Fife schon in Paris eine Affäre mit Hemingway begonnen hatte und fordert nun das Schicksal heraus – und verliert. Hemingway trennt sich und heiratet Fife. Aber auch sie kann den berühmten Mann an ihrer Seite nicht halten. Naomi Wood zeichnet ein wunderbares Sittengemälde der 20er bis 60er Jahre, das ganz besondere Lebensgefühl in den Kreisen der Bohème. Die Geschichte ist tragisch, und sie ist großartig erzählt.

Naomi Wood „Als Hemingway mich liebte“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 368 Seiten, 20,00 Euro,
ISBN 978-3-455-40559-0 Verlag Hoffmann und Campe Hamburg

Lorraine Fouchet „Ein geschenkter Anfang“

Was für ein Roman! Voller Gefühl und Sehnsucht, Liebe, Witz und – Meer. Die Ile de Groix, ein Sehnsuchtsort vor der bretonischen Küste, ist Schauplatz von „Ein geschenkter Anfang“ von Lorraine Fouchet. Auf der kleinen Insel im Atlantik lebt der Kardiologe Jo mit seiner Frau Lou. Die Ex-Schwiegertochter und Enkeltochter Pomme sind auch noch da, die gemeinsamen Kinder Sarah und Cyrian sind schon lange weggezogen. Doch dann stirbt Lou mit nur 56 Jahren an einer Form von Demenz. Sie hat selbst entscheiden, ins Pflegeheim zu ziehen und hinterlässt ein Testament, das bei den Kindern schwere Zweifel aufkommen lässt. Zunächst erfährt nur Jo, was Lou wirklich wollte. Er soll nämlich das zerrüttete Verhältnis zu den Kindern wieder kitten. Erst wenn er es geschafft hat, die beiden glücklich zu machen, darf er ihren letzten Brief lesen. Den hat Lou in einer Champagnerflasche versiegelt. Lorraine Fouchet, die als Notärztin gearbeitet hat, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, beschreibt hier eine wundervolle Ehefrau, Mutter und Großmutter, die zwar auf der ganzen Insel berüchtigt ist für ihre miserablen Kochkünste, die aber jedes Gericht mit ganz viel Liebe zubereitet, die am liebsten Champagner trinkt und das Leben von der leichten Seite nimmt. Eine zweite Hauptrolle spielt das Meer. Man hört es förmlich rauschen, spürt den Wind und das Salz auf der Haut. Ein Buch zum Wohlfühlen!

Lorraine Fouchet „Ein geschenkter Anfang“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 368 Seiten, 20,00 Euro,
ISBN 978-3-455-60056-8, Atlantik Verlag bei Hoffmann und Campe Hamburg

Simone Buchholz "Blaue Nacht"

Kneipen, Cafés, Hafenatmosphäre, nebelfeuchte Nächte – und schon sind wir mitten drin im neuen St.-Pauli-Krimi von Simone Buchholz. Staatsanwältin Chastity Riley wurde kaltgestellt, nachdem sie einen Vorgesetzten der Korruption überführt hat, jetzt ist die rauchende und Astra trinkende Halbamerikanerin Opferschutzbeauftragte. Da trifft es sich beinahe günstig, dass im Krankenhaus einer liegt, dem sie alle Knochen gebrochen haben, der seinen Namen nicht sagen und auch sonst nicht reden will, durch den Chas aber doch einer ganz großen Sache auf die Spur kommt. Es geht um organisierte Drogenkriminalität, und die Spur führt nach Leipzig. Die lässige, fast schon schnoddrige Sprache, jede Menge Lokalkolorit und Figuren, die fast alle Namen von Fußballern tragen (gern Ehemalige vom FC St. Pauli), lassen die Buchholz-Krimis herausragen aus den vielen anderen. Für dieses sechste Werk um Chas Riley, ihren pensionierten Kollegen Faller, den Calabretta, Brux und Tschauner hat Simone Buchholz gerade den Crime Cologne Award 2016 erhalten. „Simone Buchholz findet die perfekte Balance zwischen Coolness, Humor und Melancholie“, heißt es in der Begründung der Jury. Außerdem wurde sie im Januar mit dem Deutschen Krimipreis 2017 ausgezeichnet. Die Autorin wurde 1972 in Hanau geboren, ist aber 1996 nach Hamburg gezogen – „wegen des Wetters“. Sie lebt mit Mann und Sohn auf St. Pauli.

Simone Buchholz „Blaue Nacht“, Kriminalroman, Taschenbuch Klappenbroschur, 235 Seiten, 14,99 Euro,
ISBN 978-3-518-46662-9, Suhrkamp Verlag Berlin

Helene Hanff „84, Charing Cross Road“

Die New Yorker Bühnenschriftstellerin Helene Hanff ist ein Büchernarr. Besonders antiquarische Exemplare haben es ihr angetan. Weil sie aber auch sehr anspruchsvoll ist, wird sie in Amerika nicht so richtig fündig. Dort gibt es nur sehr teure, seltene oder schmuddelige Ausgaben, die Helene Hanff sich nicht leisten kann. Durch eine Anzeige in einem Literatur-Magazin wird sie 1949 auf ein Antiquariat in London in der Charing Cross Road 84 aufmerksam. Hoffnungsfroh schickt sie eine Liste mit ihren dringendsten „Problemen“ und verbindet ihren Brief an die Buchhandlung Marks & Co. mit dem Wunsch, dass pro Buch nicht mehr als fünf Dollar fällig werden mögen. Die Engländer sind entzückt von der jungen Amerikanerin und geben sich alle Mühe, stets die gewünschten Bücher aufzutreiben. Über zwei Jahrzehnte entsteht so eine wunderbare Brieffreundschaft, die schon bald viel mehr bedeutet als das Besorgen und Verkaufen von antiquarischen Büchern. Über zwei Jahrzehnte nimmt Helene Hanff Anteil am Leben der liebenswerten Marks-Angestellten und deren Familien, teilt Sorgen und Glück, „erlebt“ die Kinder beim Aufwachsen, schickt Seidenstrümpfe, Eier und Schinken über den großen Teich und wünscht sich sehnlichst, endlich nach England zu reisen, um die ganzen lieben Menschen und die Buchhandlung persönlich kennenzulernen. Leider aber ist sie nur eine arme Schriftstellerin und kann sich eine Reise nach London nicht leisten. 1969 endet der Briefwechsel, weil die Hauptperson in dem Antiquariat stirbt, ohne die New Yorker Freundin je gesehen zu haben. Helene Hanff ist traurig und entschließt sich, die Briefe zu ordnen und einer Zeitschrift anzubieten. Schließlich interessiert sich ein Buchverlag für das schmale Bändchen, und so erscheint 1970 in New York die erste Ausgabe von „84, Charing Cross Road“. Ein Jahr später erscheint das englische Pendant, und Helene Hanff reist erstmals nach London zur Präsentation ihres Buches. Dabei lernt sie endlich die Menschen aus dem Antiquariat kennen. Dieser wunderbare Briefwechsel, der so viel Liebe zu Büchern und zum Lesen vermittelt, hat im weiteren Verlauf einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Es gab Bearbeitungen für die Bühnen und sogar 1987 einen Kinofilm mit Anne Bancroft und Anthony Hopkins. Dieses schmale Büchlein ist ein echter Schatz!

Helene Hanff „84, Charing Cross Road“, Eine Freundschaft in Briefen, Taschenbuch, 160 Seiten, 9,99 Euro, Atlantik Verlag bei Hoffmann und Campe Hamburg, ISBN 978-3-455-65074-7

Alex Capus "Das Leben ist gut"

Von Alex Capus ist eigentlich alles gut. So auch der neuste Roman des französischen, schon sehr lange in der Schweiz lebenden Bestsellerautors („Leon und Louise“) „Das Leben ist gut“. Max ist Schriftsteller, betreibt aber hauptsächlich eine Bar in dem Städtchen, in dem er aufgewachsen ist. Nach 25 Jahren, die sie fast jede Nacht im selben Bett verbracht haben, muss seine Frau beruflich nach Paris. Für ein Jahr hat sie eine Gastprofessur für internationales Strafrecht. Max bleibt zurück, kümmert sich um seine Sevilla Bar und die drei gemeinsamen Söhne. Und sinniert über das Leben, Freundschaften, Vertrauen, die Gäste in seiner Kneipe und über die große Liebe. Die zu seiner Frau nämlich. Zweifel hegt er allerdings, was das Bücherschreiben betrifft. „Muss das wirklich sein? Noch mal und noch mal? Es gibt doch schon so viele Bücher, auch sehr viele sehr gute; viel mehr jedenfalls, als ein Mensch in seiner Lebenszeit lesen kann.“ „Das Leben ist gut“ ist ein sehr schönes und sehr leises Buch mit feinsinnigen Beobachtungen und einer Sprache, die irgendwie glücklich macht.

Alex Capus „Das Leben ist gut“, Roman gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten, 20 Euro, Carl Hanser Verlag München, ISBN 978-3-446-25267-7

Matthias Brandt „Raumpatrouille"

Weil ich bei dem missglückten Zauberkunststück mein Kinderzimmer in Flammen hatte aufgehen lassen, wurde es renoviert. Währenddessen wurde ich ausquartiert und kehrte nach Abschluss der Arbeiten statt in die gewohnte Unordnung in ein aufgeräumtes, von meiner Mutter mithilfe eines Innendekorateurs gestaltetes, sogenanntes Jugendzimmer zurück. Es war jetzt, als sei ich bei mir selbst zu Besuch. Meine Mutter war beleidigt, weil ich mich nicht freute. Dabei wusste ich nur nicht, wer hier wohnte. Ich jedenfalls nicht.“ Szenen einer Kindheit in den 70er Jahren, ein kleiner Junge, der mit seinem Hund „Gabor“ spielt und gern so toll sein möchte wie Wolfgang Kleff, Torwart bei Borussia Mönchengladbach. Nur dass dieser Junge streng bewacht wird, denn er ist der jüngste Sohn vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt. Matthias Brandt, einer der bekanntesten deutschen Schauspieler, wirft in 14 kleinen Geschichten einen Blick auf seine Kindheit und gibt auch Einblicke in das Leben mit dem bewunderten, aber meistens fernen Vater. Rührend, lustig, unterhaltsam, warmherzig beschreibt Matthias Brandt Begegnungen mit Herbert Wehner und Heinrich Lübke, einem seltsamen Postboten, dem Chauffeur und natürlich dem besten Schulfreund. „Raumpatrouille“ ist Brandts erstes Buch und er versteht es als Projekt, denn es ist gemeinsam mit seinem Bühnenpartner, dem Musiker Jens Thomas, entstanden. Viele von den Geschichten im Buch korrespondieren mit Songs auf Thomas’ neuem Album „Memory Boy“.

Matthias Brandt „Raumpatrouille“, Geschichten, gebunden mit Schutzumschlag, 176 Seiten, 18 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04567-3

„Couchsurfing im Iran – meine Reise hinter verschlossene Türen“ von Stephan Orth

Der iranische Staat missachtet Menschenrechte, seine Kontrolle auf religiöse und ideologische Konformität durchdringt das Leben aller Bürger und beschneidet die Freiheit des Einzelnen. Es gibt im Iran keine Presse- oder Meinungsfreiheit. Seit der Islamischen Revolution haben sich die guten Beziehungen zu westlichen Staaten in eine offene Feindschaft gewandelt, die vor allem bezüglich der ehemals befreundeten USA und Israel auch fest in der Staatsideologie verankert ist. Der Iran ist außenpolitisch relativ isoliert.“ So heißt es bei Wikipedia über den Islamischen Gottesstaat in Vorderasien. In der öffentlichen Wahrnehmung findet das frühere Persien nur als Schurkenstaat statt. Die Menschen, die dort leben, haben aber wie alle anderen auch Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte, mögen Modern Talking, kaufen Wodka in der Apotheke und betrinken sich mit Rotwein. Der Journalist Stephan Orth ist wochenlang kreuz und quer durch den Iran gereist – als sogenannter Couchsurfer. Das ist natürlich offiziell verboten, aber die Iraner hat der Autor als sehr gastfreundliche, fröhliche Menschen erlebt. So hat Orth das Land von einer ganz privaten Seite erlebt, hat auf Perserteppichen geschlafen, musste einmal auch vorgeben, mit seiner Begleiterin verheiratet zu sein und hat sich Sorgen gemacht, als er nur 500 Meter von einem Atomkraftwerk einquartiert wurde. „Couchsurfing im Iran – meine Reise hinter verschlossene Türen“ heißt sein Bestseller, und die Leser erfahren hier vieles, was so gar nicht in das Bild passt, das die westliche Presse transportiert. Auf die Frage, ob man in ein Land reisen darf, mit dessen politischer Führung man nicht einverstanden ist, hat Orth eine eindeutige Antwort gefunden: „Es gibt keine schlechten Orte, wenn du reist, um Menschen zu treffen“. Absolut empfehlenswert!

 

Stephan Orth „Couchsurfing im Iran – meine Reise hinter verschlossene Türen“, Sachbuch, Paperback Klappenbroschur mit 48 Farbfotos, 30 Schwarz-Weiß-Abbildungen und einer Karte, 240 Seiten, 14,99 Euro, Malik im Piper Verlag München/Berlin, ISBN 978-3-89029-454-4

"Bretonische Flut" von Jean-Luc Bannalec

Mit „Bretonische Flut“ hat Jean-Luc Bannalec den fünften Fall für seinen Kommissar George Dupin vorgelegt. Zwei jungen Frauen – einer Fischerin und einer Delfinforscherin – sowie einem alten Professor werden auf der eigentlich beschaulichen Ile de Sein vor der bretonischen Südküste die Kehlen durchgeschnitten. Dupin und seine Assistenten Riwal und Kadeg sind ratlos. Es ist kein Motiv erkennbar, keiner der infrage kommenden Verdächtigen hat ein wasserfestes Alibi. Der aus Paris zugereiste Kommissar Dupin kann zudem mit den Sagen und Mythen der Bretonen wenig anfangen. Plötzlich kommt nämlich die Vermutung auf, dass sich der Fall um einen bedeutenden architektonischen Fund aus der untergegangenen Stadt Ys drehen könnte. Oder um die alten Schmugglerrouten auf dem Atlantik. Noch viel wunderbarer als der Kriminalfall sind wieder einmal Bannalecs detailverliebte Beschreibungen der Betagne, ihrer Bewohner und der Hotels und Restaurants, in denen sich Kommissar Dupin von den Strapazen der Ermittlungen ausruht. Allerdings haben sich seit Erscheinen des ersten Bannalec-Krimis „Bretonische Verhältnisse“ Heerscharen von Touristen in die vom Autor beschriebenen Orte und Restaurants aufgemacht – zunächst zur großen Verwunderung der Franzosen. Denn die ersten beiden Bannalec-Krimis waren nur auf Deutsch erschienen, so dass sich die Bretonen den plötzlichen Ansturm nicht erklären konnten.

Jean-Luc Bannalec „Bretonische Flut – Kommissar Dupins fünfter Fall“, Kriminalroman, Klappenbroschur, 448 Seiten, 14,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04937-4

„Sirius“ von Jonathan Crown

Der Foxterrier Sirius wird in Berlin kurz vor dem Zweiten Weltkrieg als Levi geboren und wächst auf bei der jüdischen Familie Liliencron. Liliencron ist Professor und forscht über Plankton. Alles, was größer ist als vier Tausendstel Millimeter, interessiert ihn nicht. Auch Adolf Hitler und Politik sind ihm herzlich egal. Aber als Juden nicht mehr wohlgelitten sind in Deutschland, tauft er zunächst mal den Hund um. Der kleine Terrier heißt fortan Sirius. Benannt nach dem Sternbild, das „Großer Hund“ bedeutet. Liliencrons Frau bringt Sirius Kunststücke bei, unter anderem lernt der Hund, sich auf die Hinterbeine zu stellen und die rechte Pfote zum Hitlergruß zu recken. Beinahe wäre es ihm damit gelungen, die Nazis zu täuschen und seine Familie vor der Vertreibung zu retten. Aber auch nur beinahe. Und so muss die Familie flüchten, gelangt durch gute Kontakte nach Hollywood, und hier beginnt Sirius’ großes Abenteuer. Der Foxterrier wird erst zum Filmstar, dann eine Attraktion im Zirkus und zum Schluss Hitlers Hund. Mit locker leichter Hand erzählt Jonathan Crown die eigentlich tragische Geschichte eines kleinen Hundes und seiner ihn innig liebenden Familie vor dem Hintergrund der Naziherrschaft. Es ist ein großes Vergnügen, dieses Buch zu lesen.

Jonathan Crown „Sirius“, Roman, Taschenbuch, 304 Seiten, 9,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04858-2

"Provenzalische Intrige – Ein Fall für Pierre Durand“ von Sophie Bonnet

Südfrankreich, Provence, Sehnsuchtsorte am Meer, Marseille und Bouillabaisse – vor traumhafter Kulisse spinnt Sophie Bonnet eine mörderische Intrige. Es geht um die Seifenfabrikantin Paulette Simonet, die in ihrem Kosmetikkonzern Mer des Fleurs nachhaltig produziert und sich mit ihren Marseiller Kollegen ebenso anlegt wie mit einer Supermarktkette, die die Simonet-Produkte in China fälschen lässt. Und dann wird Paulette Simonet tot in einem ihrer Seifenkessel gefunden. Pierre Durand, Chef de Police von Sainte-Valérie, nimmt die Ermittlungen auf. „Provenzalische Intrige“ ist der dritte Krimi, in dem Sophie Bonnet ihren Ermittler Pierre Durand in der Provence auf Spurensuche schickt. Besonders gelungen sind die Rezepte für typisch südfranzösische Spezialitäten am Ende des Buches. Diesmal darf man Pissaladière, die typisch französische Zwiebelpizza, die berühmte Marseiller Fischsuppe Bouillabaisse nachkochen und sich am Nachtisch Bavarois aux fleurs de cerises, also Bayerischer Creme mit Kirschblütensirup, versuchen. Sophie Bonnet ist übrigens das Pseudonym einer deutschen Autorin, die mit ihrer Familie in Hamburg lebt.

Sophie Bonnet „Provenzalische Intrige – Ein Fall für Pierre Durand“, Roman, Paperback Klappenbroschur, gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 14,99 Euro, Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House München, ISBN 978-3-7645-0555-4

Erinnerungen an die Familienreise zum Teutonengrill

Wer erinnert sich noch an seine erste Italienreise mit den Eltern an die Adriaküste? An den Teutonengrill von Rimini, Cattolica und Jeslo? Der vielbeschäftigte Marketingstratege Alexander Klein plant Sommerurlaub mit Frau und Kindern. Diesmal kommen allerdings auch seine Eltern und seine Schwester mit. Am Abend vor der Abreise geht Alexander durchs Haus und kontrolliert, ob alle Elektrogeräte vom Strom getrennt sind. In seinem Arbeitszimmer fällt ihm ein Fotoalbum vom Italienurlaub mit Eltern und Schwester in die Hände. Beim Durchblättern nickt er ein – und findet sich wieder als pickliger, pubertierender Jüngling in seinem 80er-Jahre-Kinderzimmer kurz vor der Abreise in den Familienurlaub nach Italien. Alexander ist plötzlich wieder 15 und sitzt im Ford Sierra auf der Rückbank neben Oma und Schwester. Alles hat die Familie von zu Hause mitgeschleppt, inklusive Gulasch und Kohlrouladen – weil man den Italienern ja nicht trauen kann. „Ich mach uns was, das uns an zu Hause erinnert: Gulasch mit Reis und Kohlrabi“, freut sich die Mutter, und Alexander denkt: „Meine Eltern fuhren offensichtlich nur ins Ausland, weil man von da aus die Heimat viel besser vermissen konnte.“ Der Junge langweilt sich und entdeckt eine Bude am Strand, in der es echtes italienisches Essen gibt. Nur kommt da keiner hin, weil es ja nicht deutsch ist. Jetzt schlägt die Stunde von Alexander. Er will die marode Imbissbude mit damals noch gar nicht erfundenen Marketingmethoden nach vorn bringen. Nach dem Motto „Teutonengrill trifft dolce vita“. Volker Klüpfel und Michael Kobr sind eigentlich für ihre Kluftinger-Krimis bekannt. Mit der wunderbaren Sommergeschichte „In der ersten Reihe sieht man Meer“ haben sich die beiden Schulfreunde nun auf anderes Terrain gewagt – und gewonnen. Der Roman ist so herrlich erfrischend, witzig und voller Erinnerungen, dass er unbedingt ins Urlaubsgepäck sollte.

Volker Klüpfel, Michael Kobr „In der ersten Reihe sieht man Meer“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 19,99 Euro, Droemer Verlag München, ISBN 978-3-426-19940-4

Letzter Bus nach Coffeeville von J.Paul Anderson

Gene und Nancy lernen sich in den 60er Jahren kennen, und schon in der ersten Liebesnacht, die die zwei miteinander verbringen, nimmt Nancy Gene ein Versprechen ab. Ihre Mutter hatte Alzheimer, und Nancy fürchtet sich davor, ebenfalls die „Krankheit des Vergessens“ zu bekommen. Sollte das irgendwann passieren, soll Gene ihr helfen und sie zurück in ihre Heimat in Mississippi bringen. Gene sagt zu, und dann verschwindet Nancy überraschend aus seinem Leben. 45 Jahre später klingelt bei ihm das Telefon, und Nancy sagt: „Es ist so weit, Gene“. Der mittlerweile 72-jährige Arzt im Ruhestand bricht sofort auf, um sich mit seiner großen Liebe zu treffen und mit ihr alle Einzelheiten zu besprechen. Gene holt noch seinen Patensohn Jack mit ins Boot, ebenso den alten Kumpel von damals, Bob. Und dann beginnt ein echter Roadtrip durch die USA. In einem alten, klapprigen Tourbus fahren die Freunde so langsam runter in den Süden. Nicht, ohne jede Menge Verrücktheiten und Abenteuer zu erleben. „Letzter Bus nach Coffeeville“ ist eine mitreißende, warmherzige Geschichte über echte Freundschaft, wahre Liebe und eine heimtückische Krankheit. Und sie ist das Romandebüt des schon 68 Jahre alten J. Paul Henderson, der bei seiner Mutter miterlebt hat, was Alzheimer aus einem Menschen macht.

J. Paul Henderson „Letzter Bus nach Coffeeville“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 528 Seiten, 24,00 Euro, Diogenes Verlag Zürich, ISBN 978-3-257-06959-4

„This is not a love song“ von Jean-Philippe Blondel

Vincent stammt aus der französischen Provinz und galt gemeinhin als Loser. Auch bei den Eltern ist der zielstrebige Bruder deutlich besser angesehen. Vincent haust mit seinem besten Freund Étienne in einer kalten Bude und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Und dann lernt er Susan kennen. Die junge Engländerin aus gutem Hause ist seine letzte Chance. Vincent geht mit Susan nach England und lässt sein altes Leben zurück. Er wird ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann mit Ehefrau und zwei kleinen Töchtern und hat kaum Kontakt zu Eltern und alten Freunden. Dann möchte Susan gern eine Woche mit den Mädchen zu ihren Eltern fahren und sich verwöhnen lassen und schlägt Vincent vor, doch seinerseits nach Frankreich zu seinen Eltern zu fahren. Vincent hat überhaupt keine Lust, fährt aber trotzdem und begegnet überall den Gespenstern der Vergangenheit. Die alten Freunde sind spießig geworden, Étienne ist verschwunden, mit den Eltern weiß er nichts zu erzählen und der Bruder geht ihm total auf die Nerven. Dann trifft Vincent beim Einkaufen seine Schwägerin, die er noch nie mochte, und sie konfrontiert ihn mit der Wahrheit... „This is not a love song“ von Jean-Philippe Blondel ist nicht nur eine Reise in die Vergangenheit in der französischen Provinz im Sommer, es ist vor allem ein unglaublich intensives Stück über Freundschaft und die eigene Jugend. Blondel hat eine ungeheure Erzählkraft, mit einer Wucht treffen einen die Worte mitten ins Herz. Dabei ist seine Sprache leicht, leise, beinahe spielerisch. Dieser Roman entwickelt eine solche Sogkraft, dass man das Buch gar nicht aus der Hand legen mag. Ganz großes Kino und ein echtes Highlight im Bücher-Dschungel.

Jean-Philippe Blondel „This is not a love song“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten, 17,90 Euro, Deuticke Verlag Wien in den Hanser Literaturverlagen, ISBN 978-3-552-06293-1

„Der Pfau“ von Isabel Bogdan

Zu einem Teambuilding-Wochenende hat sich eine Gruppe überspannter Investment-Banker aus London auf einem alten Anwesen in den schottischen Highlands eingemietet. Ausgerechnet im November. Der Westflügel des Hauses, in dem die Großstädter untergebracht sind, ist kalt und heruntergekommen, der Lord und die Lady sind furchtbar nett und hilfsbereit, kommen aber aus Alters- und Geldgründen mit dem riesigen Anwesen auch nicht mehr so richtig zurecht. Ebenso wenig mit einem der Pfauen, die sie halten. Der spielt nämlich verrückt und fällt über alles her, was blau ist. So beschädigt er gleich zu Beginn das Auto der Chefin der Gruppe, was diese aber zunächst nicht bemerkt. Der Lord beschließt, dass der Pfau verschwinden muss und lockt ihn in den Wald, um ihn zu erschießen. Der Hund der Chefin schleppt das Tier an und alle glauben, er habe den Pfau gerissen, was nun wiederum dazu führt, dass der Vogel verschwinden muss. Die Turbulenzen nehmen ihren Lauf und gipfeln darin, dass die Gruppe komplett einschneit und dann auch noch eine der uralten Sicherungen durchbrennt und Strom und Heizung ausfallen. Und eine „neue“ Sicherung gibt es nicht... Isabel Bogdan, die bisher als großartige Übersetzerin aufgefallen ist, hat mit „Der Pfau“ eine herrlich skurrile Komödie geschrieben, die es zu Recht schon auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft hat. Very british und ein großer Spaß.

Isabel Bogdan „Der Pfau“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 18,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04800-1

„Special Deluxe – eine Auto-Biographie“ von Neil Young

„Crazy Horse kehrte nach L. A. zurück, während Ben und ich im metallicblauen 1959er Cadillac Eldorado Biarritz Convertible den Highway runter nach Süden fuhren, relaxt in ein paar ledernen Schalensitzen, während die Welt vorbeiflog, Nashville und dem Rest meines neuen Lebens entgegen. Dies war das Auto, von dem ich geträumt hatte und das ich immer hatte haben wollen, seit Highschool-Tagen in Winnipeg, seit dem Flamingo-Club, seit schon immer.“ Der großartige, wunderbare Neil Young hat mit „Special Deluxe“ eine Auto-Biographie vorgelegt, die ihren Namen tatsächlich verdient. Er schreibt nämlich über Autos – zunächst über die chromblitzenden Schlitten seines Vaters in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, dann über seine eigenen. Buick. Continental, Packard, Monarch, Mercury, Lincoln, Dodge – die Liste der Oldtimer, die den großen kanadischen Rock-, Country- und Grunge-Musiker durch sein Leben begleitet haben, ist lang. In „Special Deluxe“ erzählt Neil Young von seiner Kindheit in Kanada, von den vielen Umzügen, von der Zeit, als sein Vater die Familie verließ, als Young Kinderlähmung bekam, weshalb er auch heute noch, mit 70 Jahren, etwas hinkt, und natürlich von seinem Leben mit der Musik. „Die Musik steht immer an erster Stelle“, lässt er seine Leser wissen. Und so ist dieses Buch auch gespickt mit Songtexten und – überraschenderweise – mit vielen Zeichnungen, die Neil Young von seinen Auto-Lieblingen angefertigt hat. Auch wenn er sich heute dafür einsetzt, dass umweltfreundliche Autos, am besten ganz ohne Emissionen, gebaut werden, hat er seine alten Wagen geliebt. „Sie fühlten sich einfach richtig an. Es gab keinen Grund, einen neuen Wagen zu kaufen, obwohl ich es mir hätte leisten können. Ich fand es großartig, mit diesen alten Autos, von denen jedes eine eigene Geschichte hatte, auf Nebenstraßen durch die Redwood-Wälder der Santa Cruz Mountains zu fahren.“ Wer sich auf den Roadtrip mit Neil Young begeben will, braucht bloß einzusteigen und hört tolle Geschichten über alte Autos, Musik und das Leben.

Neil Young „Special Deluxe – eine Auto-Biographie“, gebunden mit Schutzumschlag, 416 Seiten, 26,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04757-8

Nina Blazon "Liebten wir"

Moira, genannt Mo, ist Fotografin und versteht es meisterhaft, nicht nur den perfekten Moment zu sehen und einzufangen, sondern auch sich selbst zu verstecken hinter ihrem Objektiv. Während einer Feier bei der Familie ihres russischstämmigen Freundes Leon fällt aber plötzlich so manche Maske und Mo verlässt fluchtartig das Haus. Sie will nur noch weg, sieht sich aber plötzlich Leons gehbehinderter Großmutter Aino gegenüber, die sie zwingt, mit ihr in ihre Heimat Finnland abzuhauen. Was dann folgt, ist ein herrliches Roadmovie, in dem eine extrem störrische Alte und eine zutiefst verletzte junge Frau sich zusammenraufen müssen und sich, jede für sich und doch irgendwie gemeinsam, auf Spurensuche begeben. Ainos Vergangenheit und ihre Erlebnisse im Krieg in Finnland blättern sich ebenso auf wie die Gründe für Mos gestörtes Verhältnis zu ihrer Schwester und ihrem Vater. „Familie und andere Katastrophen“ könnte man diesen wunderbaren Roman von Nina Blazon auch überschreiben. Tatsächlich heißt er „Liebten wir“, ist ein bisschen Krimi, ein bisschen Liebesgeschichte und viel Helsinki. Und dann gibt es da auch noch einen jungen Finnen zum Verlieben... Diese Geschichte dürfte auch gern immer weiter gehen. Klasse!

Nina Blazon „Liebten wir“, Roman, Taschenbuch Klappenbroschur, 560 Seiten, 9,99 Euro, Ullstein Buchverlage Berlin, ISBN 978-3-548-28577-1

Dörte Hansen „Altes Land“

Fluss und Land an der Kandare, eine Landschaft wie am Zügel, Vera schien perfekt in dieses Land zu passen. Anne sah die großen Bauernhäuser, Schmuckgiebel mit makellosem Fachwerk, die blühenden Vorgärten, jedes Beet durchdacht, durchgejätet, alle Rasenkanten sauber abgestochen, jeder Hof gefegt, und fragte sich, warum das Haus von Vera Eckhoff nicht so aussah. Warum ein Mensch, der seine Welt am kurzen Zügel hielt, sein Haus und seinen Hof dem Chaos überließ.“ Diese wenigen Sätze charakterisieren sehr präzise die Stimmung, die Dörte Hansen meisterhaft eingefangen hat in ihrem Debütroman „Altes Land“. Die promovierte Lingustikerin aus Husum, die einige Jahre als NDR-Redakteurin gearbeitet hat und in der Nähe von Hamburg lebt, kennt sich aus mit der norddeutschen Landschaft und den bisweilen etwas knarzigen Querköpfen, die hier leben. In ihrem hochgelobten Roman, der seit Monaten auf den Bestsellerlisten ganz oben steht, erzählt Dörte Hansen von Vera Eckhoff, die als Flüchtlingskind mit ihrer adligen Mutter aus Ostpreußen kommt und einquartiert wird in das große, kalte Bauernhaus im Alten Land. Die beiden sind der alten Bäuerin Ida Eckhoff gar nicht willkommen. Sie will „die Polacken“ nicht und teilt gleich mal mit „von mi gifft dat nix“. Irgendwann jedoch heiratet Veras Mutter den im Krieg verwundeten Sohn von Ida Eckhoff, Karl. Und noch später verlässt sie Karl und auch ihre Tochter, um nach Hamburg zu ziehen, einen anderen zu heiraten und noch eine Tochter zu bekommen. Vera macht ein Einser-Abitur, studiert Zahnmedizin und bleibt mit Karl, der immer wunderlicher wird, allein auf dem großen Hof. Sie ist schroff und abweisend, ihre großen Jagdhunde verschrecken so manchen. Und dann kommt Anne. Veras Nichte, Tochter ihrer Halbschwester, wurde vom Mann verlassen. Mit ihrem kleinen Sohn Leon will Anne nur noch weg aus Hamburg-Ottensen, will sich nicht versöhnen mit der neuen Frau ihres Mannes, mit dem neuen Kind. Die verstörte Anne und die verschlossene Vera, die die schrecklichen Erinnerungen an Krieg und Flucht in den Nächten heimsuchen, lernen plötzlich so etwas wie Familie kennen. Ein wunderbares Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen mag.

Dörte Hansen „Altes Land“, gebunden mit Schutzumschlag, 288 Seiten, 19,99 Euro, Albrecht Knaus Verlag München, ISBN 978-3-8135-0647-1

Andreas Izquierdo: "Der Club der Traumtänzer"

Gabor Schoening ist ein Mistkerl, wie er im Buche steht. Überaus erfolgreicher Unternehmensberater, der sich nimmt, was er will und sowohl beruflich wie privat über Leichen geht. Er ist aalglatt, zynisch, emotionslos. Dumm nur, dass er eines Abends bei einem Techtelmechtel im noblen Firmen-Porsche einen Unfall verursacht. Ausgerechnet die etwas schrullige Leiterin einer Förderschule befördert er ins Krankenhaus. Und diese Frau findet raus, wer Gabor ist und mit wem er am Unfallabend unterwegs war. Dass Gabors Gespielin ausgerechnet die Ehefrau von seinem Chef war, macht sich die Rektorin zunutze, indem sie Gabor für ihr Schweigen etwas abverlangt. Er soll einigen ihrer lernbehinderten Schüler Tanzunterricht erteilen. Selbstverständlich zu Schulzeiten. Da muss Gabor aber natürlich auch im Büro sitzen. Er ist in der Zwickmühle und zunächst mal geht auch alles schief. Gabor fürchtet um seine Karriere, weil sein ärgster Konkurrent in der Firma ihn schon mächtig auf dem Kieker hat. Doch als eins der Kinder ernstlich krank wird, verändert sich Gabors Leben. Aus dem ekelhaften Karrieristen wird plötzlich ein sympathischer Mensch voller Empathie. Das hört sich schmalzig an, ist es aber nicht. „Der Club der Traumtänzer“ von Andreas Izquierdo ist ein höchst unterhaltsames, streckenweise urkomisches Buch, das nicht nur die Schicksale von Gabors Schützlingen aufblättert, sondern auch Einblicke gewährt in Gabors eigene Geschichte.

Andreas Izquierdo „der Club der Traumtänzer“, Roman, Taschenbuch, 448 Seiten, 9,99 Euro, DuMont Buchverlag Köln, ISBN 978-3-8321-6263-4

Matthias Zschokke „Die strengen Frauen von Rosa Salva“,

Cover Tschoke
Cover Tschoke

Was für eine literarische Kraft, was für eine Entdeckung! Dabei ist Matthias Zschokke schon seit Jahrzehnten ein Schriftsteller von besonderer Qualität. Mit Preisen überhäuft, ist er dennoch bisher nicht aus der Geheimtipp-Ecke herausgekommen. Sein Oeuvre ist stattlich, seine geschliffene Sprache und seine Ideen sind heute sehr selten im Literaturbetrieb. Zschokke, gerade Ende Oktober 61 geworden, hat schon 1982 für seinen Debütroman „Max“ den Robert-Walser-Preis erhalten. Sein neuestes Werk heißt „Die strengen Frauen von Rosa Salva“. Es ist ein Venedig-Buch und doch kein Reiseführer sondern ein literarisches Ereignis. Und das, obwohl das über 400 Seiten starke Werk aus Mails an Freunde, Kollegen, Verwandte, den Verleger besteht. Eine Kulturstiftung hatte den Schweizer Schriftsteller und Filmemacher Zschokke, der schon seit 1980 in Berlin lebt, für ein halbes Jahr als „poet in residence“ nach Venedig eingeladen. Dort bewohnt er mit seiner Lebensgefährtin eine Etagenwohnung in einem alten Palazzo, berauscht sich an dieser Stadt, die ihm keine Zeit lässt, Museen und Kirchen zu besuchen. „Weil ein Flügel im Salon steht“, plant Zschokke ein Hauskonzert, die Massen an Touristen betrachtet er wohlwollend, bezeichnet sie als „das Lametta auf dem Weihnachtsbaum Venedig“. An seinen Freund in Köln, den Publizisten Niels Höpfner, notiert Zschokke: „Ich will alles sehen, alles hören, alles riechen, alles essen, trinken – und jeden Tag verpasse ich 999 Promille und sinke untröstlich in gehetzten Schlaf“. Die FAZ schrieb über sein neuestes Werk „Matthias Zschokkes Mails machen süchtig“. Wie wahr!

Matthias Zschokke „Die strengen Frauen von Rosa Salva“, gebunden mit Schutzumschlag, 414 Seiten, 22,90 Euro, Wallstein Verlag Göttingen, ISBN 978-3-8353-1511-2

Michele Serra: "Die Liegenden"

Cover Die Liegenden
Cover Die Liegenden

Wer Söhne hat, dürfte mit diesem Phänomen vertraut sein: Irgendwann in der Pubertät hat man das Gefühl, mit einem Phantom zusammen zu wohnen. Zwar sind die Jugendlichen körperlich anwesend – meistens jedenfalls – aber ansonsten entziehen sie sich komplett dem normalen Leben. Eltern stören irgendwie bei der Kommunikation mit virtuellen Freunden, beim Musikhören über Kopfhörer, beim Spielen am Computer und der Playstation. In dem Buch „Die Liegenden“ beschreibt der italienische Autor Michele Serra einen Vater, der versucht, mit seinem 18-jährigen Sohn in Kontakt zu treten. Aber der hat sich auf dem Sofa häuslich eingerichtet mit Kopfhörern, Handy, Laptop und Fernbedienung für den Fernseher.  Ein Liegender eben. Der Vater setzt sich zu ihm, versucht zu begreifen, was im Kopf dieses Jungen vor sich geht, wie er ihn erreichen kann. Beinahe täglich schlägt der Vater eine Bergwanderung vor. Reaktion: keinen Bock! Dann kommt der Junge gemeinsam mit seinem Kumpel mit zu Freunden des Vaters zur Weinlese, aber der morgendliche Einsatz wird verschlafen. Der Vater schwankt zwischen Zorn und Verzweiflung

und denkt schon Sätze wie „Man bräuchte alle zwei Generationen einen schönen Krieg, um euch den Kopf geradezurücken.“ Michele Serra, gebürtiger Römer, lebt mit seiner Frau, einer Tochter und drei Söhnen in Mailand und man merkt, dass er genau weiß, wovon er schreibt, wenn er von endlosen Duschorgie und schmutzigen Socken im Regal erzählt. Dennoch lässt er den Vater nicht aufgeben in dem Versuch, den Sohn zu erreichen. Dieses Buch ist wunderbar, weil es trotz allen Unverständnisses einen liebevollen Blick wirft auf jene Jugendlichen, die so ganz anders sind als alle Generationen zuvor.

Michele Serra „Die Liegenden“, Roman Hardcover Leinen mit Schutzumschlag, 160 Seiten, 16,90 Euro, Diogenes Verlag Zürich, ISBN 978-3-257-069105

Sophie Bassignac: „Bewegte bis stürmische See

Sophie Bassignac: „Bewegte bis stürmische See
Sophie Bassignac: „Bewegte bis stürmische See

Maryline ist gebürtige Bretonin, hat aber viele Jahre als Super-Model in New York verbracht. Nun ist sie zurückgekehrt, gemeinsam mit ihrem Mann William Halloway, einem ehemaligen Rockstar, dessen Poster in den Jugendzimmern von den Freundinnen der pubertären Tochter Georgia hängen. Aber Halloway, der guitar hero, hatte zu sehr mit Drogenproblemen zu kämpfen. Also beschloss Maryline, aus ihrem Elternhaus in der Bretagne eine kleine Pension zu machen, das „Ker Annette“. In dem kleinen Küstenort lebt die Familie abseits des Starrummels. Doch dann entdeckt ein Pensionsgast eines Morgens in der kleinen Bucht unterhalb des „Ker Annette“ eine Frauenleiche. Maryline bekommt augenblicklich Angst, dass William und seine dubiosen Freunde etwas mit dem Tod der jungen Frau zu tun haben könnten. Und dann muss sie auch noch feststellen, dass ihre Jugendliebe Simon, den sie vor 20 Jahren schnöde verlassen hatte, der ermittelnde Polizist ist...

„Ein Roman wie Sommerwetter in der Bretagne: voller Überraschungen“ hat „Le Monde“ Sophie Bassignacs Krimi „Bewegte bis stürmische See“ genannt. Und tatsächlich gerät der Krimi hier weitgehend zur Nebensache, vielmehr fühlt man sich beim Lesen sofort wie im Urlaub mit Salz auf der Haut, nassen, vom Wind zerzausten Haaren nach langen Spaziergängen am Atlantik. Sophie Bassignac, deren Romane in Frankreich Bestseller sind, versteht es meisterlich, die wundervolle Stimmung am Meer einzufangen. Schade nur, dass die Übersetzung bisweilen grammatisch etwas zu wünschen übrig lässt. Zu viele Relativsätze, die die Handlung fortsetzen, lassen manches etwas holprig erscheinen.

Sophie Bassignac „Bewegte bis stürmische See“, Roman, Klappenbroschur, 208 Seiten, 12,99 Euro, Atlantik Verlag im Verlag Hoffmann und Campe Hamburg, ISBN 978-3-455-65000-6

"Das große Steampanoptikum"

Cover "Das große Steampanoptikum"
Cover "Das große Steampanoptikum"

Steampunk ist ein Trend, der zur Zeit Jung und Alt begeistert. Ob Musik, Mode, Filme, Literatur oder Handwerk – alles ist geprägt von Nostalgie, von Erinnerungen an eine Zeit, in der vermeintlich alles besser war. Das viktorianische Zeitalter hat es den Steampunkern angetan. Sie bewundern Jules Verne und begeistern sich für Wissenschaft, Romantik und Abenteuer. Steampunk ist Genre und Subkultur. „Es fügt sich zusammen, was sonst so nicht zusammen gehört“ ist beispielsweise das Motto des Hetlinger Steampunk-Künstlers Aeon Junophor, der im echten Leben Fritz Eckert heißt und aus Wedel stammt. In dem üppig bebilderten Buch „Das große Steam Panoptikum – Eine fantastische Reise durch die Welt des deutschen Steampunks“ präsentiert Eckert sich und seine Werke auf einer Doppelseite. Und mehr noch als die Mode sind die Bastler und Erfinder das Aushängeschild des Steampunk. Sie erwecken die viktorianische Zeit wieder zum Leben, verbinden klassisches Heimwerken mit Elektronik und moderner Prozessortechnologie. Da wird aus einer alten Weinkiste ein Flugapparat gebaut, aus einem Telefonhörer und Lampenteilen ein Leuchtkunstobjekt. In dem „Steampanoptikum“ stellen Clara Lina Wirz und Alex Jahnke die vielen Variationen des deutschsprachigen Steampunk und die Künstler dahinter vor. Sachtexte werden mit Prosa, Poetik und Bildern vereint. Von literarischen Reisen über wahnsinnige Erfindungen bis hin zu musikalischen Ausflügen in das viktorianische Zeitalter werden in diesem Buch die vielen Facetten des Genres präsentiert. Der großformatige Band bietet nicht nur ein kurzweiliges Lesevergnügen, sondern ist für Steampunk-Fans auch ein absolutes Muss!

Alex Jahnke und Clara Lina Wirz „Das große Steampanoptikum – eine fantastische Reise durch die Welt des deutschen Steampunks“, Hardcover, Großformat 21 x 29,5 Zentimeter, 176 Seiten, durchgehend farbig bebildert, 20 Euro, Edition Roter Drache in Remda-Teichel, ISBN 978-3-939459-88-0

„Umweg nach Hause“ von Jonathan Evison

Cover
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 „Wer will denn in einer Welt leben, in der das Leid das einzig Beständige ist, einem Ort, wo einem alles, was einem jemals wirklich wichtig war, in einem Augenblick genommen werden kann? Und es wird einem genommen, da braucht man sich gar nichts vorzumachen. Wenn man Glück hat, verschleißt das Leben langsam, wird vom Zahn der Zeit zernagt oder erodiert wie ein Gletscher, und dann bleibt man allein übrig und sortiert die Trümmer. Wenn man Pech hat, wird das Leben einem plötzlich unter den Füßen weggezogen wie ein Teppich, und dann kann man nirgends mehr stehen und hat nichts mehr, auf dem man stehen könnte. So oder so, man ist am Arsch.“

So wie Ben, der nach einer schrecklichen familiären Katastrophe von seiner Frau verlassen wird und nun quasi vor ihr auf der Flucht ist, weil er die Scheidungspapiere nicht unterzeichnen will. Ben ist 40 und arbeitet als Krankenpfleger für den 19-Jährigen Trevor, der aufgrund einer Muskeldystrophie im Rollstuhl sitzt. Trev hat sich in den Kopf gesetzt, seinen Vater zu besuchen, und dafür müssen Ben und er mit einem Rollstuhl geeigneten Van von Seattle nach Salt Lake City fahren. Kapp 850 Meilen von der Westküste im US-Staat Washington über Oregon und Idaho bis nach Utah. Unterwegs sammeln die Beiden noch die rebellische Jugendliche Dot, die hochschwangere Peaches und ihren kleinkriminellen Freund Elton ein. Dieser wunderbare Road-Trip erzählt von Liebe und Trauer, von Verzeihen und Verstehen, vom großen Glück und den schlimmsten Katastrophen. Und für Ben wird die Flucht aus seinem traurigen Leben irgendwann zur Heimreise, hin zu einem Neustart.

Umweg nach Hause“ von Jonathan Evison ist einfach großartig. Kraftvoll, gefühlvoll, lustig, traurig – in diese Geschichte wird man förmlich hineingezogen und kann das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Wunderbar!

Jonathan Evison „Umweg nach Hause“ Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 384 Seiten, 19,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04659-5

 

„Tanz der Tarantel“ von Kirsten Wulf

Buchtipp
Ein Apulien-Krimi, Buchtipp
Autorin Kirsten Wulf

An ihrem Geburtstag entdeckt die Hamburger Journalistin Elena Eschenburg, dass ihr Mann sie betrügt und flüchtet mit ihrem kleinen Sohn nach Apulien. Dort, aus dem tiefsten Süden Italiens, stammt ihre Mutter, Elena selbst hat dort ihre Kindheit verbracht und ihr schwuler Onkel Gigi lebt in dem kleinen Städtchen Lecce. Hier lässt Elena sich mit dem Sohn nieder („Aller Anfang ist Apulien“ heißt der Auftakt zu einer stimmungsvollen Reihe, die im Salento spielt). Im zweiten Roman der Autorin Kirsten Wulf gerät Elena unverhofft in einen Mordfall, wird von einem übereifrigen Polizisten sogar zunächst als Verdächtige festgenommen. Bis Commissario Cozzoli aus Mailand zurückkehrt und gemeinsam mit Elena den Tod des jungen, hoffnungsvollen Pizzica-Musikers Nicola Capone untersucht. „Tanz der Tarantel“ ist der erste Fall für Commissario Cozzoli und Elena Eschenburg, in zwei Wochen erscheint mit „Vino mortale“ schon der zweite Apulien-Krimi der ehemaligen Wedelerin Kirsten Wulf. Wenn die frühere AJC-Aktivistin, die in Wedel besser als „Motte“ bekannt war, aus dem Salento erzählt, spürt man die Wärme, sieht die Farben an Italiens Stiefelabsatz förmlich vor sich, hat den Duft von Oleander in der Nase und träumt sich am liebsten mit einem Glas Rotwein unter südliche Sonne. Bei allem Summerfeeling bleibt „Tanz der Tarantel“ aber bis zum Schluss spannend. Die Autorin hat einen klassischen Whodunit-Krimi komponiert mit einem Ermittler-Duo, von dem man gern mehr lesen möchte.

Kirsten Wulf, Jahrgang 1963, kam Mitte der 60er Jahre mit ihren Eltern aus Blankenese nach Wedel in die Moorwegsiedlung. Als Kind ist sie mit ihrem Dackel „Norbert“ über die Felder und durch den Forst Klövensteen gestromert – für sie ein großartiger Abenteuerspielplatz direkt vor der Haustür. Viele Jahre war sie aktiv in der Aktion Jugendclub (AJC), die zunächst im ehemaligen Spritzenhaus an der Pinneberger Straße untergebracht war, später dann das Jugendzentrum in der Villa am Bahnhof als selbstverwaltetes Haus betrieb. „Die AJC hat mich und meine Sicht auf die Welt geprägt“, sagt Kirsten Wulf im Gespräch mit wedel.de. Später wurde sie in Hamburg Journalistin, hat dann in Mittel- und Südamerika, Portugal und Israel gearbeitet. Seit 2003 lebt und arbeitet sie in Italien, nach einer Zeit in Apulien wohnt sie mit ihrem Mann, einem Hamburger Nano-Physiker, und den zwei Söhnen in Genua.

Kirsten Wulf „Tanz der Tarantel“ – ein Apulien-Krimi, Roman, Taschenbuch, 368 Seiten, 9,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04644-1

 

" Der Allesforscher" von Heinrich Steinfest

Der Allesforscher
Der Allesforscher

Sixten Braun ist Manager und für seine Kölner Firma gerade in Taiwan, als er von einem explodierenden, 17 Meter langen Pottwal beinahe erschlagen wird. Er liegt zwei Tage im Koma, und dann bringt die deutsche Ärztin Lana Senft seine ohnehin durcheinander geratenen Gehirnzellen noch weiter in Bewegung. Er schreitet direkt zur Tat, lädt sie zum Essen ein und landet dann später mit ihr im Hotelzimmer. Sixten ist schwer verliebt, die Frau Doktor auch, aber sie hält es für besser, wenn beide wieder in ihre gewohnte Umgebung zurückkehren. Auf der Heimreise stürzt das Flugzeug ab, aber Sixten Braun überlebt auch das. Seiner Firma ist das Risiko zu groß und sie versetzt ihn in den Innendienst, was Sixten aber gar nicht gefällt. Also wird er Bademeister, und später dann auch Vater. Weil nämlich das Jugendamt ihn ausfindig macht, als Dr. Senft stirbt und einen kleinen Jungen zurück lässt. In der Annahme, es sei sein Sohn, erklärt sich Sixten bereit, den jungen Simon einfliegen zu lassen. Als das Kind dann da ist, hat es Schlitzaugen und kann unmöglich Sixtens leiblicher Sohn sein. Trotzdem entscheidet sich der Bademeister und Ex-Manager für ein Leben mit dem Kind und gleich auch noch mit der Frau vom Jugendamt.

Heinrich Steinfest, der Erfinder des einarmigen Detektiv Cheng, überbietet sich in seinem neuesten Roman beinahe selbst. „Der Allesforscher“ strotzt vor skurrilen Ideen und verrückten Fantasien. Wortgewaltig, präzise und mit viel Sinn für Situationskomik schildert Steinfest eine fast unglaubliche Geschichte.

Heinrich Steinfest „Der Allesforscher“ Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 19,99 Euro, Piper Verlag München, ISBN 978-3-492-054089

 

"Glaubst du , dass es Liebe war" von Alex Capus

Buch April
Buch April

Ein Hallodri, Aufschneider, Drückeberger, Lügner und Betrüger – der Fahrradmechaniker Harry Widmer junior vereint viele schlechte Eigenschaften auf sich. Auch die schöne, geheimnisvolle Nancy mit den Mandelaugen und dem glänzend schwarzen Haar aus der Piano-Bar in Widmer juniors Heimatstädtchen kann den Weiberheld nicht an sich binden. Als sie ungewollt schwanger wird, überdenkt er seine Lage, vertauscht dann kurzerhand den Schwangerschaftstest, verkauft alle seine Fahrräder, verschließt das Geschäft und macht sich aus dem Staub. Und zwar ganz gründlich. Er verschwindet nach Mexiko ohne irgend jemand Bescheid zu sagen. Schließlich hat er auch noch reichlich Schulden bei allen möglichen Honoratioren der Stadt. Doch mehr als sechs Jahre Faulenzen am Strand von Mexiko lassen Harry eine erstaunliche Wandlung durchmachen. Plötzlich will er Nancy wiedersehen und auch sein Kind... Und dafür lernt er sogar erstmal ein Jahr lang jeden Tag Thailändisch, bevor er ins Flugzeug steigt und die Heimreise antritt.

Alex Capus („Leon und Louise“) erzählt hier eine wunderbare Geschichte vom Glücklichsein und –werden, von der Liebe und den Widrigkeiten, die das Leben für einen bereithält. In „Glaubst du, dass es Liebe war“ lässt Capus wieder einmal seiner überbordenden Fantasie freien Lauf und erfreut die Leser mit einem hinreißenden kleinen Büchlein.

Alex Capus „Glaubst du, dass es Liebe war“ Roman, Taschenbuch, 144 Seiten, 8,90 Euro, Deutscher Taschenbuch Verlag München, ISBN 978-3-423-13295-4

"Miss Blackpool" von Nick Hornby

Cover Miss Blackpool
Cover Miss Blackpool

Eine Zeitreise zurück in die 60er Jahre beschert uns Englands Erfolgsautor Nick Hornby („High Fidelity“, „About a boy“) mit seinem neuesten Roman „Miss Blackpool“. Die junge Barbara gewinnt in ihrer Heimat, dem nordenglischen Seebad Blackpool, einen Schönheitswettbewerb, flüchtet aber noch vor der Siegerehrung, weil sie nicht noch ein weiteres Jahr in diesem Ort verbringen möchte. Sie will nach London, Komikerin werden. Ihr großes Vorbild ist Lucille Ball, eine der beliebtesten Fernsehkomikerinnen Amerikas. Aber Swinging London ist nicht nur Vergnügen, denn Barbara muss zunächst in einem Kaufhaus arbeiten und mit einer Kollegin zusammen wohnen, denn das Geld ist knapp. Doch dann findet sie einen Agenten und bekommt tatsächlich die Hauptrolle in einer Fernsehserie. Das Publikum liebt sie, ebenso ihre Mitspieler, Drehbuchautoren und der Regisseur. Barbara, die sich jetzt Sophie nennt, ist in ihrem Element, bezaubert mit ihrer erfrischenden Art alle. Ihre Kollegen sind ihre Familie. Aber nichts bleibt jemals wie es ist, und so erzählt Hornby nicht nur von Erfolg, Glück und Liebe, sondern auch vom Älterwerden und dem Ausbleiben der Rollen. Wie immer bewegen sich seine Plots zwischen Euphorie und Melancholie. „Miss Blackpool“ ist nicht nur eine tolle Story über Glanz und Ruhm, sondern auch ein Sittengemälde der 60er Jahre im prüden England.

Nick Hornby „Miss Blackpool“ Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 432 Seiten, 19,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04690-8

"Poesie der Primzahlen" von Daniel Tammet

Cover Poesie der primzahlen
Cover Poesie der primzahlen

Hätte mir vor drei Wochen jemand erzählt, dass ich mit Begeisterung ein Buch lesen würde, das sich mit Zahlen und Mathematik beschäftigt, hätte ich mir wohl mit dem Zeigefinger an die Stirn getippt. Doch der Brite Daniel Tammet versteht es meisterlich, ganz außergewöhnliche und auch ganz einfach Geschichten über Zahlen zu erzählen. Er beschreibt die unendlichen Facetten von Schneekristallen ebenso wie den Zusammenhang zwischen Sprichwörtern und dem Einmaleins, erzählt von seinen Erfahrungen als Nachhilfelehrer, von Shakespeares universellem Nichts und von dem Volk im Amazonas Regenwald, das gar keine Zahlen kennt. Zwar können die Eltern ihre Kinder namentlich aufführen, wissen aber nicht, wie viele es sind. Auf Island und in China gibt es Zahlwörter im Überfluss. Hat ein Chinese vier Schafe, ist das Wort für vier ein anderes als bei vier Pferden. Und auf Island darf man seinem Kind sogar den Vornamen „Vier“ geben. Für Tammet ist Mathematik bunt und lebendig, Zahlen haben Farben und Formen. Tammet weist nach, dass sie im Leben und in der Literatur eine große Rolle spielen. Ein faszinierendes Buch, das ganz neue Einblicke in die vermeintlich so trockene Mathematik gibt.

Daniel Tammet „Die Poesie der Primzahlen“, gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 19,90 Euro, Carl Hanser Verlag München, ISBN 978-3-446-43877-4

„Im Café der verlorenen Jugend“ von Patrick Mondiano

„Im Café der verlorenen Jugend“
„Im Café der verlorenen Jugend“

Dieser Roman ist wie ein Lied von Edith Piaf: Flirrend französisch und doch voller Melancholie. Im „Café der verlorenen Jugend“ geht es um die Liebe im weitesten Sinne, auch um die Liebe zu einem Paris der 60er Jahre. Patrick Modiano, Literaturnobelpreisträger 2014, nimmt die Leser mit in die Cafés, Bars, die Avenues und Arrondissements der französischen Metropole und lässt die Millionenstadt irgendwie vertraut und beschaulich wirken. Vier verschiedene Stimmen erzählen vom Leben und Lieben der jungen Louki, die eigentlich Jacqueline heißt und irgendwann im Café Condé auftaucht, „vom Herbst an regelmäßig“ wie einer der Erzähler notiert und dann ein Loblied auf den Oktober anstimmt: „Die Luft ist elektrisch aufgeladen in Paris, an Oktoberabenden, wenn die Nacht herabsinkt. Sogar bei Regenwetter. Ich bin nie trübselig um diese Stunde, leide auch nicht unter der flüchtigen Zeit.“ Tolle, sehr literarische Sprache, einfach ein hinreißendes Buch! (Sabine Skibbe/kommunikateam)

Patrick Modiano „Im Café der verlorenen Jugend“, Roman, Taschenbuch, 160 Seiten, 8,90 Euro, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv München, ISBN 978-3-423-14274-8

"Bretonisches Gold" von Jean-Luc Bannalec

Bretonisches Gold
Bretonisches Gold

„Bretonisches Gold“ heißt der dritte Fall für Kommissar Dupin, und der eigenwillige Ermittler, der aus Paris in die Bretagne versetzt wurde, soll diesmal den Zusammenhang zwischen einem Mord und den Machenschaften in den berühmten Salzgärten aufklären. Das Fleur de Sel, die kostbare Salzblüte, gilt nur als echt, wenn es am Atlantik gewonnen wird. Aber um die Salinen ist unter den Salzbauern ein regelrechter Kampf entbrannt. Und in den wird auch gleich zu Beginn Dupin verwickelt. Als er sich in den Salzgärten nach ein paar blauen Fässern umsieht, auf die ihn eine befreundete Journalistin aufmerksam gemacht hatte, wird auf ihn geschossen...Am malerischen Golf du Morbihan und auf der Guérande-Halbinsel darf Dupin aber eigentlich gar nicht ermitteln. Sehr zur Verärgerung der energischen Kommissarin Rose, die für den Fall zuständig ist, ordnet der Polizeipräfekt aber an, dass Dupin ebenfalls tätig werden soll. Für Frankreich-Freunde dürfte dieser Krimi wieder ein wahres Vergnügen sein, beschreibt der Autor Jean-Luc Bannalec doch in unvergleichlicher Weise Land und Leute. Die herbe Schönheit der Bretagne fängt er in tollen Bildern ein und weckt die Sehnsucht nach diesem Landstrich. Woher Bannalec allerdings seine detailreichen Kenntnisse bezieht, bleibt weiterhin ein Rätsel, denn der Name ist ein Pseudonym. Unbestätigten Meldungen zufolge soll es sich bei dem Autor um den einflussreichen Programmgeschäftsführer der S. Fischer Verlage, Jörg Bong, handeln. Bong hat dies bisher weder dementiert noch bestätigt.

Jean-Luc Bannalec „Bretonisches Gold – Kommissar Dupins dritter Fall“, Kriminalroman, Klappenbroschur, 352 Seiten, 14,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04622-9

Ostende 1936 - Sommer der Freundschaft

Buchtitel
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Stefan Zweig und Joseph Roth, zwei berühmte österreichische Journalisten und Schriftsteller, Juden, gehen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ins Exil. Ihre Bücher werden in Deutschland verboten. Zweig, der reiche Schriftsteller aus großbürgerlichem Haus, lässt sich in London nieder, Roth geht nach Paris. Roth leidet darunter, dass seine Frau den Verstand verliert, flüchtet sich in Alkohol. Zweig, der Freund, macht sich Sorgen. Im Sommer 1936 unternimmt er einen Versuch, Roth vom Alkohol zu kurieren, lädt ihn nach Ostende ein. In dem belgischen Badeort verbringt Stefan Zweig Ferien mit seiner Geliebten Lotte. Roth reist an und verliebt sich in die junge Schriftstellerin Irmgard Keun.Täglich sitzen sie im Café Flore und schreiben, diskutieren, lachen, genießen Sonne und Meer. Auch andere Schriftsteller reisen in diesem Sommer nach Ostende, zum Beispiel Egon Erwin Kisch. Doch bei aller Lust und allem Vergnügen eint sie eine große Sorge. Sie können nicht in ihre Heimat zurück, weil sich die politische Lage dramatisch zuspitzt und ihnen geht das Geld aus. Dieses kleine, biografische Büchlein von Volker Weidermann ist ein eindrucksvolles Stück Geschichte. Weidermann, Feuilletonchef bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, erzählt leise und präzise, beleuchtet die Freundschaft zwischen Zweig und Roth und lässt trotz der schrecklichen Geschichte eine sommerliche Atmosphäre an der belgischen Küste entstehen.

Volker Weidermann „Ostende – 1936, Sommer der Freundschaft“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten, 17,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04600-7

Mit Zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung

Buchtipp
Buchtipp

„Wenn es um Alfredo ging, war es so, als würde mich die Wahrheit mit aller Gewalt suchen und mir Unbekanntes zeigen, Verborgenes, und die wichtigste Beziehung in Frage stellen, die ich hatte. Er gab mir das Gefühl, machtlos zu sein. Und das war das schlimmste Gefühl auf der Welt.“ Beatrice wächst auf in einer „Festung“, einem Viertel von Rom, in das sich nicht mal die Polizei traut. Auch Alfredo lebt dort. Sein Vater ist meistens besoffen, prügelt den Jungen halb tot. Deshalb wohnt Alfredo meistens eine Etage tiefer bei Beatrice und ihrer Familie. Beatrice und er sind gleichaltrig, im Viertel heißen sie irgendwann nur noch „die Zwillinge“. Sie lieben sich und hassen sich und schlagen sich und können doch nicht ohne einander zurechtkommen. Aber dann muss Beatrice doch endgültig Abschied nehmen von Alfredo. Als sie 20 ist, stirbt er. Den Weg dort hin zeichnet die junge italienische Autorin Valentina d’Urbano in eindrucksvollen Bildern und bedrückender Stimmung nach. Hoffnungslosigkeit mischt sich hier mit ganz starken Gefühlen wie Liebe, Wut, Hass und Trauer. Wer sich nicht abschrecken lässt von dem etwas bescheuerten Titel „Mit Zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung“ kann hier ein ungeschliffenes Juwel entdecken, eine bisweilen schroffe und dann wieder zärtliche Sprache, Melancholie und Verzweiflung und gleichzeitig einen fast ungezähmten Lebensmut.

Valentina d’Urbano „Mit Zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung“,  Roman, Taschenbuch, 240 Seiten, 14,90 Euro, Deutscher Taschenbuch Verlag München, ISBN 978-3-423-24999-7

 

„Die Bank der kleinen Wunder“

Gricksch
Gricksch

Mit seinen Romanen „Die denkwürdige Geschichte der Kirschkernspuckerbande“ und „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ hat sich der Hamburger Schriftsteller und frühere Autor der Filmzeitschrift „Cinema“, Gernot Gricksch, ganz nach oben katapultiert. Seine tragikomischen Geschichten finden stets ein Millionenpublikum. „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ wurde 2008 unter dem gleichnamigen Titel von Leander Haußmann verfilmt. Gricksch schrieb das Drehbuch und bekam dafür den Norddeutschen Filmpreis. Für das Buch selbst wurde er mit einem Literaturpreis ausgezeichnet.

Jetzt hat er ein leises, nachdenkliches Buch aufgelegt. „Die Bank der kleinen Wunder“ heißt es und erzählt in vielen kleinen Geschichten von Menschen, die alle für einen kurzen Moment, ein paar Minuten, einige Stunden, eine Nacht auf einer Parkbank an der Alster verweilen, dort interessante Begegnungen machen oder auch ihr ganzes Leben verändern. Da sind das Topmodell Oleanna, das eigentlich Sabine heißt und aus der schleswig-holsteinischen Provinz kommt, die junge Journalistin, die sich mit einer alten, nervtötenden Leserbriefschreiberin trifft und dabei zu interessanten Erkenntnissen kommt, ein Obdachloser, der einen kleinen Jungen rettet und ein alter Mann, der seiner Nachbarin nach 50 Jahren seine Liebe gesteht. Gricksch erzählt viele verschiedene Lebensgeschichten und schafft es ganz vorsichtig, sie alle zu einem Roman zu verweben. Ein bisschen melancholisch, aber ungemein lebensklug erzählt uns der Autor von den Menschen auf der Parkbank.

Gernot Gricksch „Die Bank der kleinen Wunder“, Roman, Taschenbuch, 240 Seiten, 7,99 Euro, Knaur Taschenbuch Verlag München, ISBN 978-3-426-50329-4

 

 

"Vogelweide"

Buchtipp Vogelweide
Buchtipp Vogelweide

Eschenbach lebt als Vogelwart auf Scharhörn, dieser Hamburger Vogelschutzinsel vor Neuwerk in der Helgoländer Bucht. Ganz allein ist er dort, kommt zur Ruhe in der Einsamkeit. Doch dann kündigt Anna ihren Besuch an. Eben jene Anna, deretwegen er sein ganzes Leben über den Haufen geworfen hat. Er hat seine Firma verloren, seine Wohnung, seine Lebensgefährtin Selma – weil er außerstande war, seine Leidenschaft im Zaum zu halten. Ausgerechnet Anna, die vor sechs Jahren vor ihm nach New York geflohen war. Er überlegt, ob er ihr absagen soll, entscheidet sich dagegen, aber während der Wartezeit auf sie tauchen die Geister der Vergangenheit wieder auf. Selma und Eschenbach, Ewald und Anna – zwei Paare, die glücklich miteinander waren, bis Eschenbach bei einem Vortrag Anna begegnet. Dann sieht er sie zufällig wieder, verabredet sich mit ihr. Die kleinen Lügen beginnen und enden schließlich in der großen, menschlichen Katastrophe.

In „Vogelweide“ beschreibt Uwe Timm in einer wunderbaren, fast schwebenden Sprache die Macht des Begehrens. Eindringlich und vielschichtig ist dieser Roman über Partnerwahl, Wertvorstellungen und die geheimnisvollen Spielregeln des Lebens.

Uwe Timm „Vogelweide“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 336 Seiten, 19,99 Euro, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, ISBN 978-3-462-04571-0

 

 

"Noch ein Tag und eine Nacht"

Das Cover mit Titel und Autor prägt ein buntes Herz, das sich aus den Buchstaben I love NY und kleinen Zeichnungen aus der amerikanischen Metropole zusammensetzt.
Cover

Dieses Buch sollte unbedingt ins Urlaubsgepäck. So sommerlich leicht und doch vielschichtig, tiefgründig, sexy und erotisch hat schon lange niemand mehr über die Liebe erzählt wie Fabio Volo in seiner Sommerromanze „Noch ein Tag und eine Nacht“. Giacomo ist 35 Jahre alt, lebt in einer italienischen Großstadt, hat die üblichen Bettgeschichten, geht ins Kino, zum Essen, ins Fitnessstudio und natürlich ins Büro. Er fährt immer mit der Straßenbahn. Eines Tages fällt ihm eine Frau auf, die er über Monate beobachtet. Sie sitzt jeden Morgen in der Straßenbahn und schreibt in ein kleines Büchlein. Er ist fasziniert von ihr, malt sich aus, wie sie ist, wie ihr Leben verläuft, aber er traut sich nicht, sie anzusprechen. Eines Tages ergreift sie die Initiative, spricht ihn an, lädt ihn ein zum Kaffee. Und dann eröffnet sie ihm, dass sie am nächsten Tag weggehen wird, beruflich nach New York. Giacomo ist enttäuscht, trifft sich mit anderen Frauen, aber er kann Michela aus der Straßenbahn nicht vergessen. Er packt seine Sachen und reist ihr hinterher. Und dann beginnt eine ganz besondere Liebesgeschichte vor der traumhaften Kulisse von Manhattan.

Fabio Volo „Noch ein Tag und eine Nacht“, Roman, Taschenbuch, 304 Seiten, 9,90 Euro, detebe Diogenes Verlag AG Zürich, ISBN 978-3-257-24090-0

Die hellen Tage

Cover helle Tage
Cover helle Tage

Wir hätten uns aus den Augen verlieren können, wie sich viele in dieser Zeit aus den Augen verlieren, die uns erwachsen werden lässt. Aber wir blieben einander nah, wir lösten unsere Bande nicht, und es gab nichts, das uns zu anderen hätten hinziehen und voneinander entfernen können. Vielleicht war es der Schatten, mit dem jeder von uns lebte, vielleicht hielt uns das zusammen... So wie Aja nie an das Schicksal glaubte und Karl nur an den Zufall, wusste ich, wir drei hatten uns gefunden, weil wir zusammenfinden mussten, schon weil die Zumutungen, die das Leben für uns bereithielt, so besser auszuhalten waren.“ Seri, Aja und Karl wachsen – scheinbar unbeschwert – in einem kleinen Dorf nahe Heidelberg auf. Doch der Schein trügt, die Welt der Kinder hat einen unsichtbaren Sprung. Seri muss ohne Vater leben, Ajas Eltern sind Zirkusleute und der Vater ist immer Monate lang weg, so dass Aja mit ihrer ungarischen Mutter Évi allein zurück bleibt in einem notdürftig zusammengezimmerten, windschiefen Häuschen, in dem es im Herbst und Winter immer klamm ist, das aber einen Garten hat, den die Kinder lieben, in dem sie in einer Hängematte schlafen, unter Birnbäumen spielen, durchs hohe Gras laufen. Und Karls Bruder Ben verschwindet nach einem schönen Sommertag am See spurlos und stürzt die Familie in Trauer und Sprachlosigkeit.

Dieses Buch ist wie ein ganzes Leben. Man taucht ein und riecht den Sommer, spürt den Schnee fallen, fühlt die Freude und die Verzweiflung und verliebt sich in diese schwebende, wunderbare Sprache mit der die Autorin Zsuzsa Bánk die Leser einhüllt. Genau wie Ajas Eltern stammen auch die Eltern von Zsuzsa Bánk aus Ungarn, sind 1956 während des Volksaufstands in den Westen geflohen.

Zsuzsa Bánk „Die hellen Tage“, Roman, Taschenbuch, 544 Seiten, 9,99 Euro, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, ISBN 978-3-596-18437-8

 

"Die Insel der letzten Wahrheit"

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„Die Insel der letzten Wahrheit“ ist ein schmales Büchlein, nur 160 Seiten, aber diese Seiten haben es in sich. Flavia Company, 1963 in Argentinien geboren und seit mehreren Jahrzehnten in Barcelona lebend, zeichnet hier das Psychogramm zweier Männer, eines Schiffbrüchigen und eines Piraten, auf einer einsamen Insel. Spannend wie ein Krimi ist dieser Roman erzählt.

Matthew Prendel arbeitete zunächst als Chirurg, später als Professor an der Columbia University, aber seine wahre Leidenschaft galt dem Meer. Er überredet seine beiden besten Freunde Katy und Frank zu einem Segeltörn auf seiner Yacht. 800 Seemeilen vor der westafrikanischen Küste wird das Schiff von Piraten überfallen, Frank und Katy gehen über Bord und Prendel verliert seine einzigen Freunde. Tagelang treibt er auf dem Meer, fast verdurstet, dann verliert er die Besinnung und kommt an einem Strand wieder zu sich. Allerdings ist auch einer der Piraten dort. Und der fängt auf dieser einsamen Insel ein perfides Spiel mit Prendel an.

Flavia Company „Die Insel der letzten Wahrheit“, Roman, Taschenbuch, 160 Seiten, 8,95 Euro, Bloomsbury Verlag GmbH Berlin, ISBN 978-3-8333-0820-8

"Bonita Avenue"

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Avenue

„Bonita Avenue“ ist auf den ersten Blick ein Familienroman – zugegeben über eine Familie der schwierigeren Sorte, aber je weiter es geht, je tiefer man eindringt in die Materie, desto erschütternder und böser wird das Szenario. Das fragile Gebilde Patchworkfamilie bekommt an einer Stelle einen Riss und in kürzester Zeit stürzt das ganze Gebäude ein.

Der international anerkannte Mathematiker und Hochschulleiter Siem Sigerius liebt seine beiden wohlgeratenen Stieftöchter und hat es bisher sorgsam verborgen, dass sein Sohn Wilbert aus erster Ehe ein Mörder ist. Doch als Wilbert unerwartet aus der Haft entlassen wird und Sigerius dann auch noch seiner Stieftochter Joni und deren Freund Aaron nachschnüffelt und auf Internet-Pornoseiten dem zweifelhaften Geschäft der beiden auf die Schliche kommt, explodiert im niederländischen Enschede nicht nur eine Feuerwerksfabrik sondern zeitgleich auch die Welt von Siem Sigerius. Der so starke, bodenständige ehemalige Judomeister verliert total den Halt und stürzt die ganze Familie ins Verderben.

Peter Buwalda, gebürtiger Belgier mit Wahlheimat Niederlande, hat mit „Bonita Avenue“ einen fulminanten Erstlingsroman vorgelegt. Auf 640 Seiten entwickelt er Psychogramme, seziert seine Protagonisten förmlich, treibt sie vor sich her in atemberaubendem Tempo. Dieser Roman ist ein Meisterwerk zeitgenössischer Literatur, kann sich mit den ganz Großen messen lassen.

Peter Buwalda „Bonita Avenue“ Roman gebunden mit Schutzumschlag, 640 Seiten, 24,95, Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg, ISBN 978-3-498-00672-3  

Drei Frauen im R4

Buchtipp
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Achtung! Dieses Buch ist nur für Frauen, die in den 80er-Jahren mit lila Latzhosen und hennaroten Haaren herumgelaufen sind. Oder wenigstens für solche, die sich noch daran erinnern können, dass die „Ente“ und der R4 eine sogenannte Revolverschaltung hatten. „Drei Frauen im R4“ erzählt die Geschichte von Trudi, Nele und Renate, die von ihren Töchtern zum 50. Geburtstag eine Reise geschenkt bekommen. Allerdings geht es nicht entspannt zum Wellness-Urlaub, sondern die Mädels schicken ihre Mütter auf eine Revival-Tour. Trudi, Nele und Renate sollen ihre geplatzte Italienreise von 1981 nachholen. Und zwar stilecht. Die Töchter organisieren einen alten R4, ein paar Kassetten mit Musik von Hermann van Veen und ähnlichen Vertretern der 80er Jahre, es gibt wallende Kleider und Latzhosen und nur eine sehr mickrige Urlaubskasse. Die drei Freundinnen müssen zudem ihre Handys und Kreditkarten abgeben. Da kommt zunächst mal nicht so richtig Freude auf. Sie können sich kein Hotel leisten und bleiben dann auch noch mit Zelt und Iso-Matten mehrere Tage im strömenden Regen auf einem Campingplatz in der Schweiz hängen. Bella Italia ist erstmal gar nicht in Sicht. Doch die schlechte Laune vom Anfang löst sich immer mehr auf und die Freundinnen rücken emotional wieder enger zusammen. Christine Weiner hat einen sehr lustigen und manchmal auch nachdenklichen Freundinnen-Roman geschrieben. Und sie hat gekonnt das Lebensgefühl einer ganzen Generation eingefangen. Wer sich noch gut erinnern kann an die Zeiten von Wohngemeinschaften, „Atomkraft? – nein danke“-Aufklebern, Stufenröcken im Hippie-Look und Hermann-Kuchen, sollte diese vergnügliche Lektüre nicht verpassen. (Sabine Skibbe/kommunikateam)

  Christine Weiner „Drei Frauen im R4“, Roman Hardcover Klappenbroschur, 288 Seiten, 14,99 Euro, Verlag Marion von Schröder Berlin, ISBN 9783547711943

Das Rosie-Projekt

rosie-projekt
rosie-projekt

Don ist Genetikprofessor und extrem zwanghaft. Das ist sicherlich auch der Grund, warum er immer noch keine Frau hat. Gemeinsam mit seinem umtriebigen, dem schwachen Geschlecht sehr zugeneigten Freund Gene und dessen Frau Claudia entwickelt Don das „Ehefrauprojekt“. Er entwirft einen Fragebogen und stellt eine Vielzahl von Kriterien auf, die die ideale Partnerin erfüllen muss. Auf keinen Fall darf sie rauchen, trinken, unpünktlich sein... Aber dann platzt Rosie in Dons Leben. Gene hat sie ihm geschickt. Rosie kellnert in einer Schwulenbar, sie raucht, ist chaotisch und unpünktlich – und sie wirbelt Dons Leben erheblich durcheinander. Rosie ist auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater. Ihre Mutter ist vor einiger Zeit gestorben und hat das Geheimnis mit ins Grab genommen. Nur ein paar Andeutungen, wer alles in Frage kommt, sind Rosie geblieben. Aber bei dem Genetikprofessor ist sie an der richtigen Adresse. Und so wird aus dem Ehefrauprojekt vorübergehend das „Vaterprojekt“, in dessen Verlauf es nicht nur gelegentlich ziemlich chaotisch zugeht, sondern sich auch Don und Rosie etwas näher kommen. Der Autor, der Australier Graeme Simsion, ist ein international erfolgreicher IT-Berater. Von dieser Spezies Mensch erwartet man ja für gewöhnlich nicht viel Romantik, aber das Rosie-Projekt ist definitiv romantisch, witzig, ungewöhnlich. Gerade kurz nach Weihnachten erschienen, dürfte der Roman schon jetzt als einer der Bestseller des Jahres 2014 gelten.

Graeme Simsion „Das Rosie-Projekt“, Roman gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 978-3-8105-1951-1
Verlag Fischer Krüger Frankfurt/Main

"Wovon wir träumten" von Julie Otsuka

Cover "Wovon wir träumten"
Cover "Wovon wir träumten"

„Wovon wir träumten“ ist ein schmales Büchlein, gerade mal 160 Seiten, aber von einer solchen Anmut und Zauberkraft, dass es einem mitten ins Herz geht. Julie Otsuka schreibt sprachgewaltig und doch zurückhaltend. Ihr Erzählstil ist so ungewöhnlich, dass Elke Heidenreich ihn als atemberaubend bezeichnet und das Buch ein Wunder nennt. „Wovon wir träumten“ erzählt von jungen Japanerinnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Heimat verlassen und per Schiff nach Amerika reisen, um dort japanische Einwanderer zu heiraten. Sie kennen ihre zukünftigen Männer allerdings nur von schönen Fotos der Heiratsvermittler. In Kalifornien angekommen, schlagen die jungen Mädchen dann hart auf dem Boden der Realität auf. Sie müssen hart arbeiten, vermissen ihre Mütter, ihre Heimat, und die Ehemänner halten meistens nicht, was die Fotos versprochen haben. Voller Poesie beschreibt Julie Otsuka den harten Alltag, die ersten Nächte als Ehefrauen, die Arbeit in den Haushalten weißer Amerikaner, den Kampf mit fremder Sprache und Kultur. Und nach dem Angriff auf Pearl Harbor verlieren sie nicht nur ihre Männer, sondern werden erneut zu Außenseiterinnen. Dieser Roman ist zu Recht ausgezeichnet mit dem PEN/Faulkner Award!

Julie Otsuka „Wovon wir träumten“ Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 160 Seiten, 18,00 Euro ISBN: 978-3-86648-179-4
mareverlag Hamburg

 

"Fische füttern" von Fabio Genovesi

Cover Fische füttern
Cover Fische füttern

Junge Männer zwischen Baum und Borke, eine über Dreißigjährige, die auch noch nicht weiß, was sie vom Leben erwarten soll, Heavy-Metal-Musik und Radrennfahrten – das sind die Zutaten für Fabio Genovesis wunderbaren Roman „Fische füttern“. Fiorenzo ist 19, und als seine Mutter mit Anfang 40 plötzlich stirbt, gerät sein Leben etwas aus den Fugen.  Hinzu kommt noch, dass er sich mit 14 mit Feuerwerkskörpern die rechte Hand weggesprengt hat und sein Vater, ein ehemaliger Radrennprofi, seine großen Hoffnungen in den Sohn fahren lassen muss. Der Vater wendet sich einem kleinen, sehr talentierten Jungen zu und beachtet den eigenen Sohn praktisch nicht mehr. Fiorenzo, ein eigentlich guter Schüler, schwänzt nun häufiger mal und gefährdet sein Abitur. Außerdem interessiert ihn auch die Musik sehr stark, er möchte gern mit seiner Band berühmt werden. Als Tiziana ihm über den Weg läuft, verliebt er sich in die viel Ältere. Tiziana ist schon 32, hat im Ausland studiert und ist in das kleine Dorf in der Toskana zurückgekehrt. Sie leitet das Jugendhaus, aber dort machen immer nur die alten Opis Halt... Der Mikrokosmos toskanische Provinz wird hier zum Sinnbild einer Generation. Dabei erzählt Fabio Genovesi so humorvoll und mit leichter Hand von Liebe, Enttäuschung, Freundschaft, Radsport und Musik, dass es einem ganz warm wird ums Herz. „Fische füttern“ ist eine beeindruckende, originelle Geschichte.

Fabio Genovesi „Fische füttern“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 430 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-7857-2445-3
Verlag Lübbe Hardcover im Bastei Lübbe Verlag Köln

"Wunder"

welt der wunder
welt der wunder

Dieses Buch ist ein Wunder! Ein wunderbares Lehrstück über Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Andersartigkeit. Der zehnjährige August Pullman ist aufgrund eines Gendefekts mit einem völlig deformierten Gesicht auf die Welt gekommen. Trotz zahlreicher Operationen, die er schon als kleiner Junge über sich ergehen lassen musste, sitzt nichts an der richtigen Stelle. „Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer“, heißt es in dem Debütroman von Raquel J. Palacio. August ist noch nie zu einer regulären Schule gegangen, stets hat seine Mutter ihn zu Hause unterrichtet. Aber nun wird er in die fünfte Klasse einer Mittelschule gehen und muss sich mit seinen Mitschülern arrangieren, von denen er weiß, dass sie ihn heimlich anstarren und über ihn tuscheln. Auggie ist witzig und klug, er hat ganz viel Kraft und Mut, ist aber leider manchmal auch ziemlich verzweifelt. Denn er möchte so gern ein ganz normaler Junge sein und nicht auffallen. Doch nach und nach merkt er, dass er an der Schule echte Freunde gewonnen hat und nicht nur welche, die Mitleid mit ihm haben.

„Wunder“ ist ein Buch für jedes Alter, es nimmt einen mit auf eine Achterbahn der Gefühle, rührt einen zu Tränen und hält einem auch den Spiegel vor.

Raquel J. Palacio „Wunder“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 384 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 9783446241756, Carl Hanser Verlag München, www.hanser-literaturverlage.de

 

 

Streng vertraulich

Buchtitel
Buchtitel

Als im September 1929 der Neffe des äthiopischen Kaisers Haile Selassie nach Sizilien reist, um dort an der dortigen Bergbauschule einen dreijährigen Lehrgang zu absolvieren, wittert Mussolini seine Chance. Weil er gerade dabei ist, seine Kolonien in Afrika noch auszuweiten, hofft der Duce, dass der Kaiserneffe ein Fürsprecher sein könnte für das prachtvolle, faschistische Italien. Doch der junge Mann entpuppt sich als Schürzenjäger und Hallodri, der sowohl Polizei wie öffentliche Ämter auf Trab und auch zum Narren hält. Noch dazu ist der Kaiserneffe ständig in Geldnöten, und die sizilianischen Behörden streiten darum, wer zuständig ist, dem Neger seinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Unterdessen schäumt Mussolini vor Wut, weil er die zuständigen Stellen angewiesen hat, der hohe Gast möge einen kleinen Brief an seinen Onkel schreiben, in dem er die Vorzüge des Faschismus lobt. Aber der Neffe hat anderes im Sinn als Briefe zu schreiben. Andrea Camilleri, einer der meistgelesenen Autoren Italiens, hat mit seinem Roman „Streng vertraulich“ eine wahre Begebenheit aufgegriffen, mischt gekonnt Wahrheit und Fiktion und beschreibt auf höchst amüsante Weise, wie der Frauenverführer eine ganze Bürokratie austrickst. Camilleri selbst beschreibt das Klima von einst als eines „echter, allgemeiner Dummheit, die - halb Farce, halb Tragödie - jene Zeit geprägt hat“.

Andrea Camilleri „Streng vertraulich“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-312-00468-3
Verlag Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag München    

„Nächsten Sommer“

Buch Rai
Buch Rai

Warum müssen bloß die schönen Bücher immer so schnell zu Ende gehen! Im Aufbau Verlag Berlin ist ein wunderbares Taschenbuch mit dem verheißungsvollen Titel „Nächsten Sommer“ erschienen. Die 236 Seiten dieses Roadmovie vergehen wie im Flug und man wünscht sich, dass dem Autor Edgar Rai immer noch mehr einfallen möge. Drei Männer, drei Frauen, alle Mitte, Ende Zwanzig, auf dem Weg nach Südfrankreich. Felix, ein verschlossener Zahlenakrobat, der in Berlin in einem Bauwagen lebt, erbt von seinem Onkel Hugo ein Haus in La Ciotat, nahe Marseille. Seine Freunde Bernhard, ein ewiger Bedenkenträger, der verträumte Musiker und Frauenversteher Marc und die unglücklich verliebte Zoe überreden Felix, einfach loszufahren in das Haus am Meer. Im klapprigen VW-Bus machen sich die vier auf den Weg, unterwegs lesen sie an einer Raststätte die hübsche Lilith auf, später stößt auch noch die Französin Jeanne dazu. Nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ geht es auf der Reise um die wichtigen Themen des Lebens, um Liebe, Freundschaft, Freiheit und Tod.

Edgar Rai „Nächsten Sommer“, Roman, Broschur, 236 Seiten, 8,95 Euro, ISBN      978-3-7466-2732-8, Aufbau Taschenbuch Berlin

Ein ganzes halbes Jahr

Cover Ein ganzes halbes Jahr
Cover Ein ganzes halbes Jahr

Louisa Clark kommt aus einfachen Verhältnissen, ist schon 27, lebt aber immer noch bei ihren Eltern, weil ihr Verdienst gebraucht wird, damit die Familie klar kommt. Deshalb trifft es besonders hart, als Lou ihren Job in einem Café verliert. Im Jobcenter wird ihr die Pflege eines Tetraplegikers (eine Form der Querschnittslähmung, bei der Arme und Beine betroffen sind) angeboten. Zwar nur für ein halbes Jahr, aber die Bezahlung ist gut. Louisa beschließt, die Stelle anzunehmen – nicht ahnend, dass sie sich um einen gutaussehenden, übellaunigen, sarkastischen Mittdreißiger kümmern soll. Will Traynor ist ein arrogantes Ekelpaket, der nichts unversucht lässt, die junge Pflegerin wieder zu vergraulen. Aber seine Mutter hat Louisa eingestellt und lässt nicht mit sich verhandeln. Und so versucht Lou alles Erdenkliche, um dem einst so erfolgreichen, sportlichen, dynamischen jungen Mann das Leben trotz des Rollstuhls wieder lebenswert erscheinen zu lassen. Tatsächlich zeigen sich irgendwann kleine Erfolge, und ganz langsam entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen den beiden – aber Will hat ein Geheimnis...

Die Britin Jojo Moyes hat mit ihrem Roman „Ein ganzes halbes Jahr“ einen Sensationserfolg gelandet und befindet sich zur Zeit in der Spiegel-Bestsellerliste für Paperback-Bücher auf Platz 1. Und das ist nicht verwunderlich, denn dieses Buch hat alles, was man sich wünschen kann: Dramatik, Witz, Liebe. Es ist eine herzzerreißende Geschichte, mal zum Lachen, mal zum Weinen. Und sie bietet genug Diskussionsstoff, zum Beispiel über das Recht auf einen selbstbestimmten Tod, über die Frage, wie man sich verhält, wenn man ein Leben leben muss, das nichts mehr mit dem zu tun hat, was man sich ausgesucht hätte, über den Kampf gegen Schmerzen, Infektionen und psychische Tiefs.

Jojo Moyes „Ein ganzes halbes Jahr“, Roman, Paperback, 256 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-446-23895-4
Hanser Verlag München                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  

Pampa Blues

Buchtitel Pampa Blues
Buchtitel Pampa Blues

„Ich habe mitgelitten, mitgeliebt und vor allem mitgelebt“, notiert der Schauspieler Robert Stadlober über den Jugendroman „Pampa Blues“ von Rolf Lappert. Der 17-jährige Ben lebt in dem Dorf Wingroden, in dem es nur ein paar Einwohner, eine Tankstelle und den Friseursalon gibt, der gleichzeitig Lebensmittelladen und Poststelle ist. Hier arbeitet die schöne Anna als Friseurin. Ben lebt bei seinem dementen Großvater Karl, bei dem er noch vor kurzer Zeit in die Gärtnerlehre gehen durfte. Bens Mutter ist Jazzsängerin, reist durch die Weltgeschichte und hat ihren Sohn nach dem Tod von Bens Vater beim Opa „geparkt“. Ben ist maximal genervt und hasst sein Leben. „Wer behauptet, man könne über sein Leben selber bestimmen, hat keine Ahnung. Und bestimmt keinen senilen Opa, um den er sich kümmern muss“, ist der Jugendliche überzeugt. Er will weg aus dem verdammten Kaff. Nach Wingroden kommt kein Schwein, nicht einmal ein Einbrecher. Und wenn man die Buchstaben des Ortsnamens durcheinander würfelt, ergibt es „Nirgendwo“. Aber dann versucht Maslow, der Besitzer des Ladens und der Tankstelle, Wingroden zu einer Touristenattraktion zu machen. Er behauptet, ein Raumschiff sei in dem Dorf gestrandet und bastelt an einem Ufo. Das wird aber leider in den Nachbarort abgetrieben. Trotzdem kommt noch Leben in den Zwölf-Seelen-Ort, als die Polizei auftaucht und in einer vermeintlichen Mordsache ermittelt und die junge Lena erscheint, in die Ben sich verliebt.

Ein bisschen erinnert die Geschichte an das großartige „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. „Pampa Blues“ ist eine wundervolle Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Leben in der Provinz und von der Liebe. Auch meinem 15-jährigen Sohn hat der Roman sehr gefallen. Das Buch ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 nominiert.

Rolf Lappert „Pampa Blues“ Roman, Paperback, 256 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-446-23895-4
 Hanser Verlag, München                                                                                                                                                                                                               

"Sunset"

„Liebe Helli! Heute hat mich die Nachricht vom Tode Brechts erreicht. Es wird mir sehr schwerfallen, mich zurechtzufinden in einer Welt ohne ihn. Wenn ich an eine Rückkehr nach Europa dachte, dachte ich immer zuerst an Brecht...“ Der linksintellektuelle, jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger ist vom Tod seines Freundes Bertolt Brecht tief erschüttert und unternimmt mehrere Versuche, einen Brief an Brechts Witwe Helene Weigel zu schreiben. In „Sunset“ von Klaus Modick vermischen sich Fiktion und Realität auf so gekonnte Weise, dass es einen ganz gefangen nimmt. Feuchtwanger lebte von 1941 an bis zu seinem Krebstod Ende 1958 im Exil in Kalifornien. Auch Brecht war ein paar Jahre dort in der Nähe seines älteren Freundes, geriet dann aber zunehmend in die Fänge der McCarthy-Schergen, galt in den USA als feindlicher Ausländer und reiste 1947 wieder aus, zunächst nach Paris, dann in die Schweiz. Als Brecht 1956 in Ost-Berlin stirbt, sitzt Feuchtwanger in seinem Haus in Pacific Palisades und lässt die Freundschaft mit dem deutlich Jüngeren Revue passieren. Klaus Modick erzählt mit großer Herzenswärme von einer Freundschaft und erteilt wie nebenbei ein wenig Geschichtsunterricht. Ein tolles, ein beeindruckendes Buch.

Klaus Modick „Sunset“, Roman, Taschenbuch, 192 Seiten, 8,99 Euro, ISBN:         978-3-492-27418-0, Piper Verlag München                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  

Lily Brett

Titel Liliy Bret
Buchtitel

Lily Brett ist Jüdin, und das ist auch immer wieder Thema in ihren Büchern. Allerdings: Von Betroffenheitsliteratur keine Spur! Stattdessen schreibt die inzwischen 66 Jahre alte, australisch-amerikanische Schriftstellerin Romane, die nur so strotzen vor Witz und Originalität. Und trotzdem gibt sie uns immer wie zufällig ein paar Dinge mit auf den Weg, die man wissen sollte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, aus einer Zeit, als Juden in Lager gesperrt und schlechter behandelt wurden als Tiere. In ihrem neuesten Werk geht es um „Lola Bensky“, eine junge Frau, die in den 60er Jahren für ein australisches Rockmagazin in New York und London aufstrebende Stars interviewt. Lola Bensky ist Lily Bretts Alter Ego. Brett, 1946 in Bayern in einem Lager für „Displaced Persons“ geboren,  ist in Australien aufgewachsen und hat ihre Karriere genauso begonnen wie ihre Protagonistin. In den wilden Sixties hat sie als blutjunge, leicht übergewichtige Frau Gespräche geführt mit Mick Jagger, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Pete Townshend und Keith Moon von The Who, mit Linda Eastman, der talentierten Fotografin, die später Paul McCartney geheiratet hat, mit den Bee Gees, Cat Stevens und Cher. Lola Bensky hat großen Spaß an ihrem Job, aber leider plagt sie ein enorm schlechtes Gewissen, weil sie nicht Anwältin werden will und weil sie zu fett ist. Lola ist ständig auf Diät, denn „meine Mutter glaubt an nichts so sehr wie an Schlankheit“. „Lola Bensky“ ist ein wunderbarer, komischer, verrückter Roman. Und vor allem ein Roman voller Musik.

Lily Brett „Lola Bensky“, Roman, gebunden, 302 Seiten, 19,95 Euro,

ISBN: 978-3-518-42330-1, Suhrkamp Verlag Berlin

Extrem laut und unglaublich nah

Er schreibt Briefe an den Astrophysiker Stephen Hawking und möchte ein Empfehlungsschreiben von der Verhaltensforscherin Jane Goodall haben, er diskutiert hoch philosophische Themen und verteilt Visitenkarten, auf denen er sich als Erfinder ausweist. Oskar Schell ist aber erst neun Jahre alt, dafür aber besonders altklug und besonders begabt. Allerdings ist Oskar auch total verzweifelt und traurig, weil sein geliebter Vater bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben gekommen ist.

Nun versucht der Junge herauszubekommen, warum sich Thomas Schell ausgerechnet an diesem 11. September in dem Gebäude befand, obwohl er eigentlich in Midtown arbeitete und sein Kind ihn deshalb in Sicherheit wähnte. Oskars Leben gerät komplett aus den Fugen und er marschiert kreuz und quer durch New York, klingelt an Haustüren, befragt zahlreiche Personen, ob sie seinen Vater kannten und ist doch unglaublich ohnmächtig in seinem Schmerz.

„Extrem laut und unglaublich nah“ ist der zweite Roman des literarischen Wunderkinds Jonathan Safran Foer („Alles ist erleuchtet“), und das Buch ist einfach großartig. Gefühlvoll und witzig beschreibt der Autor den kleinen Naseweis Oskar, bringt seine Leser zum Lachen und zum Weinen. Was braucht es mehr für eine tollen Roman!

Jonathan Safran Foer Extrem laut und unglaublich nah, Roman, Taschenbuch, 437 Seiten, 9,95 Euro, ISBN: 978-3-596-16922-1, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

„Onno Viets und der Irre vom Kiez“

Öff, öff – njorp! und das in Norddeutschland immer gern als Füllwort benutzte „sozusagen“ – in der Schnellsprecher-Variante auch als „zagen“ zu hören – gehören zum Standard-Vokabular von Onno Viets. Onno ist schon über 50, lebt von Hartz IV, nachdem er mit zahllosen Ausbildungen, Studiengängen und Erwerbstätigkeiten gescheitert war, hat das Finanzamt im Nacken und überlegt sich nun, Privatdetektiv zu werden. Das teilt er seinen Tischtennis-Kumpel beim Training in der Sporthalle Hamburg-Eppendorf mit. Und die Jungs sind wenig begeistert, denn Onno kann einfach nichts so richtig – außer ein paar Primzahlen und Kartoffeln schälen. Doch dann kommt tatsächlich ein Auftrag vom Popmagnaten Nick Dolan, der befürchtet, dass seine aktuelle Flamme ihm untreu sein könnte. Und Onno legt sich auf die Lauer. Schon bald entdeckt er den Nebenbuhler, der aber dummerweise ein unberechenbarer Zwei-Meter-Mann ist und als rechte Hand einer gefürchteten Kiez-Größe agiert. Das Unheil nimmt seinen Lauf. „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ zeugt von der überbordenden Fantasie des Hamburger Autors Frank Schulz. Grotesker Humor und aberwitzige Dialoge bestimmen die Handlung. Anhänger der Neuen Frankfurter Schule, zu der so geniale Autoren wie Eckart Henscheid, Robert Gernhardt und F. K. Waechter gehören, kommen hier voll auf ihre Kosten.

Frank Schulz „Onno Viets und der Irre vom Kiez“, Roman, gebunden mit Schutzumschlag, 368 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-86971-038-9, Galiani Verlag Berlin

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