Geschichte[n] zu Gaststätten und Kinos

Kino in Wedel – eine Geschichte ohne Happy End

Köhlers Gasthof Spitzerdorfstraße

Der von den Brüdern Lumière erfundene Kinematograph machte es ab 1895 möglich, bewegte Bilder als Filme auf eine Leinwand zu projizieren. Diese neue Möglichkeit der Unterhaltung fand schnell weltweit Verbreitung und drang nachweislich spätestens im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auch nach Wedel vor. Lesen Sie hier die Geschichte der Kinos in Wedel zusammengestellt von Andreas Müller.

Allerdings ging es zunächst nur darum, die auf dem Markt erhältlichen Filmproduktionen in bereits vorhandenen Räumlichkeiten vorzuführen. Das waren vorzugsweise Tanz- und Veranstaltungssäle. Aus einer Mitteilung der Stadt Wedel an die Polizeiverwaltung in Elmshorn vom November 1913 geht hervor, dass zwei „Tanzsalons“ zum Zweck der Filmvorführung genutzt wurden und den polizeilichen Anforderungen entsprachen. „Die Stühle und Bänke für die Zuschauer sind auf dem Fußboden unverrückbar so befestigt, daß sie nach der Vorstellung wieder entfernt werden können. […] Die Vorführungsapparate sind außerhalb des Lokals in einem besonderen Gebäude untergebracht.“

Solche „besonderen Gebäude“ für die Vorführungsapparate waren die erste bauliche Maßnahme im Zusammenhang mit dem beginnenden Siegeszug des Kinos. So erteilte die Polizeiverwaltung am 2.2.1915 dem Gastwirt W. Köhler die Erlaubnis für den „Anbau eines Apparateraums für Kinematographie-Vorführungen“. Dafür war eine Gebühr von 3 Mark fällig.

Vorführverbote nach Kriegsausbruch 1914

Was für Filme gab es in dieser frühen Phase in Wedel zu sehen? Natürlich Stummfilme, denn der Tonfilm war noch nicht erfunden. Genau welche Stummfilme in Wedel zu sehen waren, ist jedoch schwer zu rekonstruieren. Dagegen gibt es Indizien aus dem Jahr 1914 über Filme, die in der Rolandstadt NICHT gezeigt wurden. Der Grund: Es waren Filme von dem französischen Verleih Pathé Frères. Gegen Frankreich führte Deutschland seit dem 1. August Krieg.

Es liegen zwei Schreiben der Hamburger Filiale von Pathé Frères vor, in denen über Filmvorführverbote geklagt wird. Das erste Schreiben an die Polizeiverwaltung ist vom 23. Oktober 1914 datiert und berichtet, dass sich der Kinobesitzer Möhl weigere, für das ihm zugesandte Programm bestehend unter anderem aus den Filmen „Regimentsfest“, „John als Fremdenführer“, „Moritz M.d.R.“, „Feierlichkeiten in Deutschland“ zu bezahlen. Möhls Begründung: „… die […] Polizeibehörde habe ihm die Vorführung untersagt“. Weiter heißt es: „Wir ersuchen um gefl. Mitteilung, ob dies auf Tatsache beruht und, falls dies der Fall ist, um gefl. Angabe der Gründe, die das Verbot veranlaßten.“

Als die Behörde nicht antwortet, wird ein Schreiben von Pathé Frères Hamburg vom 3. Dezember 1914 zu demselben Vorgang noch deutlicher. Da das Unternehmen jetzt unter Reichsaufsicht stehe und keine Auszahlungen nach Frankreich mehr möglich seien, drohe die Einstellung des Betriebs. Derartige Verbote verstießen gegen das Interesse des Reiches, „da sie unseren Betrieb lahm legen und die Entlassung unserer Angestellten zu Folge haben werden, die ausnahmslos deutsche sind.“   

Ob neben dem französischen Filmverleih auch das Filmprogramm selbst bei den Behörden Anstoß erregte, ist hier nicht erkennbar. Über den Stummfilm „Das Regimentsfest“ von 1914 erfährt man auf einer Datenbank zum frühen Kino folgende Handlung: „Bursch entdeckt Flirt zwischen seinem Leutnant und seiner Braut und fährt sie in den Tod.“ Ein Fall von Wehrkraftzersetzung, während die deutschen Truppen an der Westfront im Stellungskrieg mit den Franzosen lagen?

Kinobau und Tonfilm in den 1920er und 1930er Jahren

Als der Krieg vorbei war, ging es mit dem Kino in Wedel richtig los. Wilhelm Köhler, der bereits Tanzsalons für Kinematographie-Vorführungen genutzt hatte, beantragte und erhielt am 4. Januar 1919 nun die Genehmigung zum „Neubau eines Vorführungsraumes für Kino“ in der Spitzerdorfstraße. In der Bahnhofstraße 27 errichtete der Dentist Gustav Möhl 1928 ein Wohn- und Lichtspielhaus, das als „Schauburg“ bis in die 1960er Jahre Wedelern die neuesten Filme zeigte.

 

Kinoprogramm zwischen harmlos und Hitler

Ein anderer Star desselben Kinojahres ist angeblich sogar persönlich in Wedel erschienen: Jolanthe. Unter der Überschrift „‚Jolanthe‘ in Wedel“ berichteten die Norddeutschen Nachrichten am 13. November 1934: „Wie wir von zuständiger Stelle erfahren haben, hat die Jolanthe im ‚Holsteinischen Haus‘ Quartier genommen. Die Dame ist zu sprechen von morgens 10 bis nachmittags 5 Uhr und gibt auch Autogramme. Abends von 8.15 Uhr ist sie in der Schauburg Wedel anwesend bis Donnerstag.“

Jolanthe war die preisgekrönte Sau des Bauern Lampken in der Filmkomödie „Krach um Jolanthe“. Die Handlung: Bauer Lampken will seine Steuerschulden nicht bezahlen, woraufhin seine Zuchtsau Jolanthe gepfändet werden soll. Doch er will Jolanthe lieber schlachten, als sie dem Finanzamt zu überlassen.  Nach allerlei Verwicklungen gibt es am Ende ein Festessen mit Doppelverlobung – mit einer quicklebendigen Jolanthe. Mysteriös bleibt, was man unter Jolanthes Autogrammstunden bei ihrem Wedel-Besuch zu verstehen hat.

Nicht immer ging es im Kino der Nazizeit ab 1933 so harmlos zu wie bei Jolanthe. Zum Filmangebot gehörte auch der eine oder andere Propagandafilm der neuen Machthaber. Ein Beispiel: der Film „SA-Mann Brand“. Er spielt kurz vor der Machtübernahme in München und handelt von einem jungen SA-Mann, dessen Vater Sozialdemokrat und dessen Freundin Kommunistin ist. Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Verletzten, darunter der junge Brand, und einem Toten (auf SA-Seite) wechseln Vater und Freundin das Lager und schließen sich den Nationalsozialisten an. Der Film endet mit dem Wahlsieg der NSDAP.

Zur Vorführung dieses Films in der Schauburg Wedel erschien am 16. September 1933 ein ausführlicher „Aufruf“ in den Norddeutschen Nachrichten: „Dieser Spitzenfilm zeigt uns das Werden des Dritten Reiches. So wie es war, wie es kommen mußte, wie es gekommen ist […] Der Film ‚SA-Mann Brand‘ zeigt uns nochmal, wie Klassen- und Parteiengeist unser Ruin waren.“ Wer noch zögerte, sich das anzusehen, der wurde zum Filmbesuch am Sonntag (um 5.30 Uhr) mit einem günstigen Wochentagspreis gelockt.

Der Sieg des Nationalsozialismus mündete nur wenige Jahr später zunächst in Krieg und schließlich in Zerstörung und Niederlage. Auch das Wedeler Kino blieb nicht verschont. Beim britischen Bombenangriff vom 3. März 1943 ging die Schauburg Wedel in der Bahnhofstraße in Flammen auf. „Der alte Möhl stand verzweifelt vor seinem brennenden Kinosaal, da war nichts mehr zu retten.“ (Augenzeugenbericht in: Stadt an der Elbe, Marsch und Geest – Ein Heimatbuch zur 750-Jahr-Feier, Wedel 1962, S. 42).

Kino im Wiederaufbau nach 1945

Nach dem Krieg lag Wedel wie ganz Deutschland darnieder. Zum Wiederaufbau gehörte der (Wieder)Aufbau von Kinos. Neben der Schauburg entstanden zwei weitere Kinos in der Rolandstadt.

So eröffneten bereits Ende 1950 die Roland-Lichtspiele in der Schauenburger Straße. Dafür war der Tanzsaal von Biesterfeldts Gasthof umgebaut worden. Das moderne Lichtspieltheater bot 300 Besuchern in 20 Reihen Platz, wie die Wedeler Lokalseite der Norddeutschen Nachrichten am 28. Dezember 1950 berichtete: „Man wird bequem an seinen Platz gelangen können, da der Abstand der Sitzreihen anstatt der üblichen 85 cm hier 90 bis 95 cm beträgt. […] Als eine Besonderheit dieses Lichtspiel-Theaters ist eine Gasheizung zu nennen, die auch in dieser kohlenknappen Zeit ein gut geheiztes Haus garantieren.“

Am 15. November 1957 meldete das im selben Jahr gegründete Wedel-Schulauer Tageblatt die eine Woche später geplante Eröffnung eines dritten Kinos in Wedel: die Ufer-Lichtspiele an der Ecke Feldstraße-Galgenberg: „600 Sitzplätze hat das Lichtspieltheater […] Es ist mit Cinemascope ausgestattet und hat eine 13 Meter breite Leinwand. […] Für die Erwachsenen läuft zur Eröffnung der Käutner-Film ‚Monpti‘ mit Romy Schneider und Horst Buchholz. Für die Kleinen ist ‚Kaspers Reise zu den Zwergen‘ vorgesehen.“

Wie vielfältig-einfältig das Wedeler Kinoprogramm in der Blütezeit in den späten 1950er Jahren war, zeigen die drei Kinoanzeigen im Wedel-Schulauer Tageblatt vom 20. Dezember 1957. In der Schauburg lief „Parole Heimat“, ein dreiteiliger deutscher Kinofilm, der vorgeblich heitere Soldatengeschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs erzählt. Die Roland-Lichtspiele boten „Das Mädchen ohne Pyjama“, eine Liebesklamotte um einen Strumpffabrikanten, seine heiratswillige Tochter und eine Studentin, die als Damenstrumpfmodell arbeiten möchte. In den Ufer-Lichtspielen sorgte „Der müde Theodor“ mit Komikerstar Heinz Erhardt für „das große Lachen“.

Der gute Film für die Jugend

Neben dem materiellen Wiederaufbau war nach breitem Verständnis auch ein moralischer Wiederaufbau des Landes UND des Kinos geboten. Insbesondere die Jugend sollte von schlechten Einflüssen ferngehalten werden. Für diese Aufgabe ernannte sich der Ausschuss für Kultur- und Jugendpflege der Stadt Wedel am 6. Dezember 1951 selbst zum Filmausschuss. Dessen vornehmste Aufgabe solle es sein, „die hiesigen Lichtspieltheater-Besitzer dahin zu beeinflussen, daß sie für Jugendliche nur gute Filme zeigen“, heißt es im Protokoll der Sitzung.

Was unter „guten Filmen“ zu verstehen ist, was unter „schlechten“ kam laut Protokoll in der Folgesitzung des Ausschusses am 4. Februar 1952 beim „Bericht der Filmbeobachter“ unmissverständlich zur Sprache: „Während die Filme in der Schauburg (Frau Möhl) zumeist als jugendgemäß anzusprechen seien (Märchenfilme u. ä.), handele es sich bei den Jugendvorstellungen der Roland-Lichtspiele nur um Wildwestfilme, Gangsterfilme und andere Reißer, zum Teil sogar um Filme des Abendprogramms, die zur Erhöhung des Kassenerfolges auch noch sonntags für die Kinder gespielt würden.“

Im Ausschuss wird angeregt, von Schulen und Volkshochschule jugendfördernde Filme „ohne Tendenz“ (!?) zu beschaffen und vorzuführen. Den Besitzern der Lichtspieltheater gegenüber sei man ja nicht befugt, irgendwelchen Zwang auszuüben.

Ob guter Film oder schlechter Film, am besten war nach Meinung einiger Ausschussmitglieder „weniger Film“: „Allgemein betonen Ratsherr Hufe und Herr Laufer, daß man es für die Schulkinder nicht mit Filmen übertreiben solle. Eine Mäßigung des Filmbesuches sei durchaus zu erstreben, da sonst für die Kinder die Gefahr bestehe, abzustumpfen.“

Kinosterben von 1962 bis 2003

Weniger Filmbesuch kam in den 1960er Jahren von ganz alleine. Indem sich das Fernsehen verbreitete, versetzte es den Wedeler Kinos, einem nach dem anderen, den Todesstoß.

Als Erstes schlossen die Roland-Lichtspiele ihre Pforten, und zwar im August 1962. „In Kürze wird im ehemaligen Kinosaal eine Strumpffabrik Waren lagern“, heißt es lakonisch zu einem Foto des Gebäudes im Wedel-Schulauer Tageblatt vom 17. August 1962.

Ende der 1960er Jahre war dann die Schauburg in der Bahnhofstraße an der Reihe. Hier fand sich immerhin bald ein würdiger Nachfolger aus dem Kulturbetrieb: die Stadtbücherei. Sie zog zum 1. Dezember 1970 mit 16.000 Büchern ein und blieb dort bis zum August 1999 und dem Umzug in ihr jetziges Domizil im Rosengarten.

Im März 1973 schlossen die Ufer-Lichtspiele, das jüngste der drei Wedeler Nachkriegskinos. Der Kinoinhaber begründete die Schließung in dem Artikel des Wedel-Schulauer Tageblatts vom 14. Februar 1973 mit der rückläufigen Besucherzahl in den letzten Jahren. „Die meisten Wedeler, so meinte der Kinobesitzer weiter, orientieren sich an der Großstadt Hamburg. Das Kinoangebot und das Angebot an Filmen sei dort wesentlich größer, als es jemals in einer Stadt wie Wedel sein könne.“ Wedels Jugend werde sich in Zukunft spannende und unterhaltsame Filme in Hamburg ansehen müssen, stellt der Artikel abschließend fest.

Es folgten letzte Versuche, Kino in Wedel sesshaft zu machen: ab 1975 im Studentenhochhaus und ab 1986 im Geschäftszentrum an der Rissener Straße. Aber weder das HOKI – Kino im Studentenhochhaus noch das Kino-Center an der Rissener Straße konnten sich dauerhaft etablieren. Das letzte Programm des Kino-Centers bot ab 5. September 2003 „Natürlich blond 2“ und „Sinbad – Der Herr der sieben Meere“. Dann ging in den Wedeler Kinos das Licht endgültig aus.  

Scharpe Eck - Spitzerdorfstraße 3

Gasthaus Scharpe Eck

Genau gegenüber dem Hirtenhaus, in der Spitzerdorfstraße 3, unweit der Kreuzung zur Bahnhofstraße, befand sich noch bis vor einigen wenigen Jahren die Gaststätte „Scharpe Eck“. Das Traditionshaus mit Saalbetrieb, Kegelbahn und einigen Fremdenzimmern wurde 1896, zu Kaisers Zeiten, als Bismarck eben als „Eiserner Kanzler“ abgetreten war,  von Wilhelm Behrmann eröffnet.

Hier tagten politische Parteien, so 1932 die Freiwirtschaftliche Partei Deutschlands, hier trafen sich Vereine und Verbände. Hier wurden Vorsitzende und Schriftwarte gekürt, der „Vereinsmeier“ genoss seinen Grog. Bis 1933 führte Walter Behrmann das Geschäft fort, verpachtete es anschließend an August Rösicke, dessen bisherige Gastwirtschaft, der „Städtische Gasthof“ am Rathausplatz abgebrochen worden war. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Gastwirtschaft großen Schaden, aber Rösicke hielt das Geschäft offen, indem er in seiner Autogarage Getränke ausschenkte. Und so konnten bereits im Sommer 1943 die Gäste wieder im Garten bewirtet werden. Die Tochter Berta Harder setzte nach dem Kriege den Betrieb fort. Sie begeisterte in den 1950er Jahre durch zahlreiche Tanzveranstaltungen die Jugend Wedels, sehr zum Leidwesen der Polizei, die „alle Nase lang“ tanzbegeisterte Minderjährige verwarnte und des Lokals verwies. Ihre Bestrebung, 1963 einen Nachtbar-Betrieb einzurichten, wurde dann aber doch seitens der Polizei und des Ordnungsamtes ein Riegel vorgeschoben. Die Zeiten waren ungünstig für Wirtshäuser und als auch die Kegelbahn keine Gäste mehr anzog, wurde der Kegelbetrieb geschlossen und die Bahn 1969 abgebrochen. Berta Harder betrieb das Scharpe Eck noch bis in die 1970er Jahre hinein, zog sich dann aber immer mehr zurück. So richtig in Fahrt kam der Betrieb nicht mehr. Als auch die Vermietung von Fremdenzimmern ausblieb, wurde die Gaststätte 1981 verpachtet. Pächter Zavrakis brachte neuen Schwung in die alten Mauern, indem er hier bis Mitte der 1990er Jahre das griechische Restaurant Thasos betrieb. Im Jahr 2000 dann aber wurde das Gebäude abgebrochen und durch das heutige Wohn- und Geschäftshaus ersetzt.

Hotel Stadt Hamburg - Rolandstraße 13

In der verkehrsreichen Rolandstraße, neben der Einfahrt in die Rudolf-Höckner-Straße, stand Jahrzehnte lang ein alter Hof, in dem der Gastwirt Johann Hinrich Kröger 1874 eine Schankwirtschaft einrichtete. Seine Tochter Maria Elise Nievers war das alles nicht repräsentativ genug. Sie ließ den alten Hof abreißen, um dort um die Jahrhundertwende ein Gebäude mit Tanzsaal und Kegelbahn zu erbauen.

Das Lokal entwickelte sich zu einem wichtigen Versammlungsort für SPD und KPD. Und da der Tanzsaal auch eine Bühne hatte, konnten hier sogar Theater gespielt werden. 1925 übernahm der Gastwirt Franz Biesterfeldt die Gaststätte. Noch im Januar 1933 trafen sich in dem Lokal die Funktionäre von SPD und KPD und organisierten den Protestaufmarsch der Erwerbslosen zur Stadtverordnetenversammlung. Über 300 Personen klagten damals die Missstände in der Volksküche und die verspätete Verteilung von Briketts an. Dann wurden die Parteien verboten – und ein neuer Wind drehte die Fahne, die nun ein Hakenkreuz trug. Wirt des SA-Marine-Sturmlokals Stadt Hamburg wurde Karl Liebsch, Obertruppführer des SA-Marinesturms. Erst zum Jahr 1942 lassen sich wieder Hinweise auf die Gaststätte finden. Mittlerweile ist der Tanzsaal zum Schlafsaal umfunktioniert. Der Wirt verpachtete die Schankwirtschaft an das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition, Abteilung Rüstungsbau. Für das „Lager der Stadt Hamburg in Wedel“, wurde die Nebenstraße Hörnstraße von der Rolandstraße abgeriegelt, Holzwände wurden eingezogen und eine Waschbaracke errichtet. Zwangsarbeiter zogen ein, unter ihnen auch 140 russische Zwangsarbeiterinnen, die im Jahr 1943 bei J.D. Möller arbeiten mussten. Nach dem Krieg wurde die Gaststätte zunächst durch die britische Militärregierung genutzt, dann aber wurde in diesem Tanzsaal ein Kino eingerichtet. Der Eigentümer verpachtete Kino und Lokal, der neue Pächter änderte den Namen 1962 in „Zum Spinner“ und schloss kurz danach das Kino. 1977 endet die Geschichte des Lokals Stadt Hamburg. Zunächst wurde der Tanzsaal abgebrochen, dann das Gebäude entkernt und anschließend hinter der alten Stuckfassade Wohnungen erbaut.

Gaststätte „Im Versteck“ am Hellgrund

Da wo noch heute im Winter die Kinder in Schussfahrt mit dem Schlitten den Hang herunterdüsen, ist die Stelle noch immer erkennbar. Gleich unterhalb des Elbwanderweg, in Höhe des Durchwegs zum Hellgrund stand in einer Senke eine Hütte. Hier errichtete 1957 das Ehepaar Wilhelm und Frieda Mahlow aus der Goethestraße einen Verkaufspavillon.

In der einfachen Holzhütte wurden zur Erfrischung Eis, Bonbons und Limonaden angeboten. Da das Geschäft gut lief, wurde wenig später das Häuschen befestigt und zu einer kleinen Schankwirtschaft ausgebaut. Hier nun konnte der müde Wanderer ein wenig Pause einlegen und sich laben. Was aber des einen Freud, kann für die Anwohnerschaft zum echten Leid werden. Bereits wenige Jahre nach der Einrichtung – die Wirtsleute waren längst andere – beschreibt die Bürgerinitiative „Schutzgemeinschaft Gartenstadt-Elbhochufer e.V.“ 1965 in einer Beschwerde an den Bürgermeister die Zustände dort folgendermaßen. „Die Anwohner fühlen sich durch den Lärm, der mit dem Betrieb verbunden ist und insbesondere durch angetrunkene Gäste im verstärkten Maße gestört. Spaziergänger auf dem Elbwanderweg werden zu später Stunde durch Angetrunkene belästigt und angerempelt. Schon mehrfach musste die Polizei um Hilfe gebeten werden.“ Ein Grund zur Stilllegung des Betriebs, der sich mittlerweile im Eigentum der Stadt Wedel befand, war das sicher nicht. Erst am 2. Januar 1979, es gab wiederholt Ärger mit unterschiedlichen Pächtern, beschloss die Stadt endgültig, das Gebäude niederzureißen. Sechs Tage später allerdings, noch bevor die Bagger rollen konnten, passierte das, was die Anwohner längst kommen sahen: jugendliche Randalierer legten Feuer in der Gaststätte. Aus der Politik aufkeimende Überlegungen, die Wirtschaft doch noch wiederaufzubauen oder durch einen Neubau zu ersetzen, zerschlugen sich aus wirtschaftlichen Gründen. Im Juni 1980 wurden die Reste der Ruine beseitigt.

Zum Holsteinischen Haus - Rolandstraße 9

Holsteinisches Haus

Als im Mai 1973 in der Rolandstraße 9 die Bagger anrückten um das Lokal „Zum Holsteinischen Haus“ abzureißen, starb ein Wedeler Traditionsbetrieb. Bereits 1884 wurde hier durch die Familie Körner eine Schankwirtschaft betrieben, die 1928 auf Martha Harder und ihren Mann Ludwig überging. Neben der Gaststube hatte das Lokal ein Esszimmer und ein großes Klubzimmer zu bieten. Im Dachgeschoss konnten Gäste beherbergt werden, die direkten Blick in den gut besuchten Kaffeegarten hatten.

Gutbürgerlich ging es zu, in den 1920er Jahren versammelten sich im Klubzimmer Vereine und Verbände. Das blieb auch so, nachdem im April 1933 Ludwig Harder Mitglied der NSDAP wurde und dem Sturm 35/R 31 als Scharführer vorstand. Für große Versammlungen fehlte hier zwar der Platz, aber es tagten hier z.B. der Handwerker- und Gewerbevereines Wedel und auch der Auktionator Andreas Huck, nach 1945 kurze Zeit in Wedel Bürgermeister, hielt hier seine Versteigerungen ab.
Den Krieg überstand das Gebäude unbeschadet, danach übernahm Ludwig Harders Sohn Hans das Lokal. Mit Tanzveranstaltungen und dem Einbau einer Bar versuchte er, am Puls der Zeit zu bleiben. Hin und wieder verlor der Wirt den Überblick, so fielen der Polizei doch hin und wieder mal tanzende und alkoholisierte 15-Jährige auf, die den Eltern zugeführt werden mussten. 1967 verpachtete Harder den Betrieb an Kalliopi Ahlemann. Die Fremdenzimmer wurden an Gastarbeiter vermietet. In den Gasträumen standen jetzt Tischkicker, Geldspielautomaten und eine Jukebox. Viele Jugendliche verbrachten hier ihre Abende, spielten an den für sie verbotenen Daddelautomaten, vergaßen die Zeit und ihre häuslichen Probleme mit den Eltern. Die Speisezubereitung war auf Currywurst reduziert. Alkohol - Ende der 1960er Jahre Cola mit Whisky oder Perry mit Korn - machte ein ums andere Mal die Runde. In mindestens einem Fall auch über den Durst hinaus, zum Glück retteten herbeigerufene Sanitäter das Leben der 17jährigen Hamburger Küchenhilfe. Unter anderem wegen solcher Vorfälle war das Lokal der Polizei ein echter Dorn im Auge.
„Ich möchte den Versuch unternehmen, in Wedel für Unterhaltung und Vergnügen nach 22 Uhr zu sorgen“, schrieb die Wirtin 1970. Die Beantragung der Bewilligung von Striptease-Vorführungen und einer Dauertanzerlaubnis wird sicherlich auf der Polizeiwache kurzfristig zu erhöhtem Blutdruck geführt haben. Der Antrag, dem eine lange Liste mit Unterschriften der Gäste beilag, konnte rein formal abgelehnt werden. Zum einen lag das Lokal in einem gemischten Wohngebiet, wo solche Vergnügungsstätten nicht möglich waren, zum anderen fehlten ausreichend Parkplätze. Bei der anschließenden Besichtigung des Etablissements durch Polizei und Ordnungsamt aber fielen derart viele, auch bauliche Mängel auf, dass ein Verkauf an den Wedeler Bauunternehmer Wilhelm Kuhrt vielleicht die beste Lösung für alle war.

Strandbadgaststätte

Strandbadgaststätte

Der Dentist und Barbier Gustav Möhl aus der Bahnhofstraße war ein umtriebiger Mann. Als Fleischbeschauer im Nebenjob war er zeitweilig auch für den Krankentransport zuständig. Und das Kokain, für das er 1923 als 52jähriger vor Gericht stand, fand vielleicht nur zur Schmerzbetäubung bei Zahnbehandlungen Verwendung und war gar nicht für den Handel gedacht, so wie der Richter dies annahm.

Ehrenamtlich engagierte er sich für das Strandbad, arbeitete in der Badekommission. 1926 übernahm er den durch die Stadt Wedel am Strandbad aufgestellten Kiosk. Hier verkaufte er nun im Sommer Süßigkeiten und Limonade. Errichtet worden war das Strandbad 1911 auf einem Gelände des Schiffbauers Clasen. Die Stadt baute es aus, zeitweilig gab es bis zu 50 Umkleidekabinen, natürlich nach Geschlechtern getrennt. Der Zustrom von Gästen stieg stetig an. Strandfeste, die auch zahlreiche Hamburger anlockten, wurden veranstaltet. Aber ein richtiges Zugpferd wurde 1936 mit der Wasserrutsche geschaffen. Ein Kiosk allein mit Brause reichte für die Ankurbelung des Fremdenverkehrs nicht aus. Bürgermeister Dr. Harald Ladwig setzte sich daher persönlich vehement dafür ein, dass der neue Pächter Johannes Rösicke, Wirts der „Scharpen Eck“, die Konzession für alkoholische Getränke erhielt.
Im Zweiten Weltkrieg gab es zunächst wenige Einschränkungen des Badebetriebs. Das Bauprojekt Wenzel im Jahr 1943 nahm Strand weg und erst nach Sandaufspülungen im Jahr 1949 war ein richtiger Badebetrieb wieder möglich. Die Umkleideräume und die Strandbadgaststätte wurden wieder hergerichtet. Der Pächter Rösicke nahm sein Geschäft wieder auf und baute das Lokal aus. Nun fanden hier größere Veranstaltungen statt. Tanz-Abende, z.B. des Jazz-Klub Blankenese mischten Jugendliche ordentlich auf und sorgten prompt für Ärger mit der Polizei, deren Aufgabe es war, die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes zu kontrollieren. Buchstäblich hinweggespült wurden diese Probleme, als im Jahr 1962 eine Sturmflut Strandbad und Gaststätte zerstörte. Noch einmal machte sich der Gastwirt auf und errichtete im August 1964 eine größere und schönere Strandbadgaststätte. Große Prominenz hielt ein Jahr später hier Hof: Der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß eröffnete am 10.08.1965 den CDU-Bundestagswahlkampf. Gesellschaften, wie Sparklubessen oder Jahreshauptversammlungen der Feuerwehr wurden veranstaltet. Doch in den 1970er Jahren ging es mit dem Betrieb bergab. Beschwerden über kaltes Essen oder unfreundliche Bedienung häuften sich. Eine weitere Sturmflut beendete die Geschichte der Strandbadgaststätte. Im Januar 1976 zerstörten tobende Wassermassen das Lokal, die Ruine wurde 1978 abgebrochen.
Der umtriebige erste Wirt am Strandbad aber, Gustav Möhl, sollte das schon nicht mehr erleben. Er, der 1930 mit fast 60 Jahren noch einmal heiratete und zwei Kinder hatte, fand noch im fortgeschrittenen Alter ein neues Betätigungsfeld: 1927 erbaute er Kino in der Bahnhofstraße. Aber das ist eine andere Geschichte.

Tanztempel Mr. Pommeroy

Mr. Pomeroy

Am 03.04.1986 eröffnete an der Rissener Straße der 2.000 m²-Tanztempel unter dem Namen „Mr. Pommeroy“.
Zu jener Zeit war das Diskotheken-Bierdorf einer der größten Musikschuppen in der Bundesrepublik und zog von Anbeginn an Hunderte von Tanzwilligen jedes Wochenende an die Grenze der Rolandstadt. Für 6 DM Eintritt und einem Bierpreis von 3,50 DM konnten sich diese an 21 Tresen mit vielfältigen Dekorationen amüsieren.

Auch Live-Bands traten im Laufe der Jahre in Wedel auf. Weniger amüsieren konnten sich allerdings die Anwohner an Rissener Straße und Rosengarten. Seit der Inbetriebnahme des Mr. Pommeroy, das im Laufe der Jahre sowohl Besitzer- als auch Namenswechsel über „M“ „Secret“ und „Denta Maxx“ durchmachte, kam es immer wieder zu Lärmbelästigungen und zu Verschmutzungen ihrer Grundstücke. Das Ende der Disko begann schleichend. Groß-Diskotheken waren nicht mehr Zeitgeist und zogen immer weniger Besucher an. Ein Betrieb war daher kaum mehr rentabel, der große Tanzpalast nur noch selten geöffnet.
An Himmelfahrt 2018 ging das Gebäude, in dem sich auch ein Restaurant und eine Spielhalle befanden, bei einem gewaltigen Großbrand in Rauch auf. Hunderte von Feuerwehrleuten halfen dabei, den Brand unter Kontrolle zu bringen, anschließend suchten verschiedene Sachverständige und die Staatsanwaltschaft der Frage nachzugehen, ob und wer an dem Feuer die Schuld trägt. Für den zunächst der Brandstiftung verdächte ehemalige Betreiber der Diskothek endete der Prozeß ein Jahr später mit einem Freispruch. Letzlich konnte keine Brandursache festgestellt werden. Die Brandruine wurde dann abgebrochen. 

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