Aller Anfang ist schwer - Sozialdemokraten in Wedel

1889 – 1905 Platzagitatoren und Kolporteure der SPD Wedel

Sozialdemokrat der ersten Stunde nach den Akten des Stadtachivs Wedel war der Schneider Heinrich Groth aus Spitzerdorf, der 1889 eine öffentliche Volksversammlung im Lokal von Ramcke in Wedel anmeldete. Redner war der Schuhmacher Klüß aus Elmshorn, der über „Die Thätigkeit des Reichstages und die Interessen der Arbeiter“ referierte. Auch der Schneider D. Siems meldet 1892 eine Versammlung im Lokal von Nievers, Rolandstraße 13 an.
Als erster Vorsitzender der SPD kann August Heinrich Friebe (1865 - 1928) angesehen werden. Friebe kommt erstmals im Mai 1883 aus Lignitz nach Wedel und arbeitet als Knecht bei L. Kock. August 1883 geht er auf Wanderschaft und kehrt im April 1884 zurück, um als Knecht bei Wilhelm Heinsohn zu arbeiten. Ab Mai 1885 ist er Arbeiter und wohnt bei Brauer, im August 1885 heiratet er Anna Magdalena Hamann. Die Ehe bleibt kinderlos.
Friebe ist zunächst Kolporteur der Partei. Heute versteht man unter einem Kolporteur jemanden, der Gerüchte verbreitet. Damals aber hatte der Kolporteur die wichtige Aufgabe, die sozialdemokratischen Idee unter die Leute zu bringen. Das macht er, indem er Leser für Parteizeitungen wirbt und für diese Anzeigen beschafft. Er ist sozusagen für die PR zuständig. Die wichtigste SPD-Zeitungen ist die 1877 gegründete Schleswig-Holsteinische Volkszeitung, die nach dem Verbot durch die Sozialistengesetze 1893 wieder Fahrt aufgenommen hat. Neben dieser Tätigkeit organisiert Friebe die Sitzungen und ist ab 1895 Vorsitzender (Platzagitator) der Sozialdemokratischen Partei des Ortsverein Wedel.
1902 kriselt es in der Partei und wegen verschiedener Probleme mit den Wedeler Genossen tritt Friebe im Juni von seinem Amt zurück. Er überlässt das Feld dem 36-jährigen Zigarrenarbeiter Alexander Siefert, der erst wenige Wochen in Wedel wohnt. Als dieser bereits ein halbes Jahr später nach Ottensen umzieht, ist der Weg frei für den 28-jährigen Zuckerkocher und Kolporteur Heinrich Eichelmann.
Auch dieser ist erst wenige Monate zuvor mit seiner Familie über Schulau nach Wedel gelangt. Aber er erlangt innerhalb kürzester Zeit einen großen Einfluss innerhalb der Arbeiterschaft. So besteht er darauf, dass in den öffentlichen Versammlungen auch die der deutschen Sprache nicht kundigen polnischen Arbeiter Gehör finden. Und er prangert sehr deutlich Missstände in der Zuckerfabrik öffentlich an.
Aber so schnell wie er kam, verschwindet der Platzagitator Heinrich Eichelmann. Im August 1903 macht er sich mit Frau und Kind heimlich vom Acker, nachdem er sich zuvor die prall gefüllte Parteikasse unter den Nagel gerissen hat. Die Parteigenossen besinnen sich nun wieder auf den früheren Agitator Friebe und wählen diesen im August 1903 erneut zum Vorsitzenden. Dieser verbleibt nun bis zum Januar 1905 in diesem Amt und wird dann vom Maurer F. Stoltze abgelöst. Dieser hat das Amt nicht lange inne, sondern tritt es kurz danach an Karl Ketel ab.

1905 – 1918 Aktive Sozialdemokraten bis zur Beendigung des Dreiklassenwahlrechts

Der dann agierende Vorsitzende war Karl Friedrich Ernst Hellmuth Ketel (1866 - 1930) Der junge Maurer kommt im Oktober 1891 nach Wedel und heiratet vier Monate später die vier Jahre ältere Händlerin Catharina Elise Goetjens, mit der er drei Kinder haben wird. Im August 1905 – er ist bereits Kaufmann - übernimmt er den Vorsitz des sozialdemokratischen Wahlvereins. In der gleichen Zeit lässt er sich zur Wahl in die Stadtvertretung aufstellen. Seine Beweggründe, den Vorsitz zu übernehmen, so schreibt der Bürgermeister Friedrich Eggers an den Landrat, seien allein darin zu suchen, „bei der Gründung eines Arbeiter-Konsumvereins Aussicht eine Anstellung als Lagerverwalter zu erhalten“. Wenn dies so sei, so gehen diese Pläne nicht auf.
Bereits ein Jahr später wird an den Landrat gemeldet, dass es in der Partei kriselt. Die Rissener Arbeiter, die bislang dem Wedeler Verein angeschlossen waren, haben einen eigenen Verein gegründet und die Einigkeit der Partei wird „nur durch Prügel aufrecht gehalten“. Zudem soll Ketel sich sowohl mit dem Vorstand in Altona, als auch mit dem Kolporteur Friebe von Anbeginn an überworfen haben. In der Mitgliederversammlung am 13.07.1906 im Lokal von Wiesberger in der Bahnhofstraße, die von 90 der rund 400 Mitglieder besucht war, geht es hoch her. Ketel wird vorgeworfen, seine Gesinnung sei eher in der Bürgerlichen Partei zu finden und er darüber hinaus nicht das „ABC der Partei“ kennen würde. Daraufhin hält Ketel sich nicht mehr im Amt, der Maurer Müller übernimmt wenige Monate die Parteiarbeit, dann versucht ab Dezember 1906 Georg Gonda, Kolporteur aus Sülldorf ein wenig Ruhe in den Verein zu bekommen.

Es folgt dann Max Hermann Ansorge (1882 - 1966). Der Maurer Ansorge kommt 1904 von Westerland aus nach Wedel und heiratet ein Jahr später in Wedel Henni Folkers, mit der er drei Kinder haben wird. Er ist seit 1903 Mitglied der SPD, übernimmt in Wedel 1906 den Posten des Kassierers und wird 1909 Vorsitzender des sozialdemokratischen Vereins für den 6. schleswig-holsteinischen Reichstagswahlkreis, Ortsverein Wedel. Zu dieser Zeit versuchte die SPD einen weiteren Sitz in der Stadtvertretung zu erhalten. Aber wegen des weiterhin geltenden Dreiklassenwahlrechts wurde der Anspruch vor dem Königlich Preußischen Oberverwaltungsgericht in Berlin zurückgewiesen. Ansorge ist in verschiedenen Partei-Organisationen aktiv, so arbeitet er in der Gewerkschaft und für die Siedlungsgenossenschaft Eigenheim. Während der NS-Zeit scheint er sich nicht politisch engagiert haben, in den Akten wird er nicht genannt. Erst zur Kommunalwahl am 15. September 1946 tritt er wieder als Kandidat für die SPD an. Er wird Mitglied der Ratsversammlung, ist u.a. im Finanzausschuss, im Bauausschuss und im Wohnungsausschuss aktiv. Im März 1950 kehrt er Wedel den Rücken und zieht nach Blankenese.

Ein weiterer wichtiger Akteur ist Gustav Alfred Pauder (1878 - 1969). 1903 zieht der Arbeiter von Dresden nach Schulau, 1908 heiratet ein viertel Jahr später in Wedel Emma Mathilde Possiwan, mit der er drei Kinder haben wird. 1904 zieht sein jüngerer Bruder Karl Otto auch nach Wedel, in gleiche Jahr tritt Alfred Pauder dem Sozialdemokratischen Wahlverein bei. Sein Bruder folgt ihm ein halbes Jahr später. Otto wird am 06.09.1905 zum Distriktführer des Vereins für Schulau ernannt, Alfred hingegen erhält 1906 das Amt des Schriftführers. Im Juni 1912 ist er zeitweilig Vorsitzenden des Sozialdemokratischen Wahlvereins, eine Stellung die er aber bald an Hermann Augustin abgibt. Er arbeitet aktiv in der Partei, konzentriert sich auf die Leitung der Versammlungen. Ab 1918 erwartete ihn eine weitere wichtige Aufgabe. Er wird Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates und von 1919 bis 1932 hat er ein Mandat in der Stadtvertretung Wedel inne. Zeitweilig ist er auch Mitglied im Kreistag Pinneberg. Während der NS-Zeit hatte auch er unter den politischen Gegebenheiten zu leiden, musste u.a. zur täglichen Meldung auf die Polizeiwache. Nach dem Zweiten Weltkriege, ab 1946 war er in der Hilfsgemeinschaft Wedel sehr aktiv.

1919 – 1933 Für die SPD in der Stadtvertretung

1919 – 1933 Für die SPD in der Stadtvertretung

Aktive Sozialdemokraten in den Jahren 1919 - 1933 waren:
Johann Heinrich Martin Kleinikauf (1856 - 1943). Der Altonaer Böttcher Kleinikauf war seit 1882 verheiratet mit Johanna Maria Catharina Junge aus Uetersen, mit der er acht Kinder hatte. Er war das erste sozialdemokratische Mitglied der Stadtvertretung. Er gehört zunächst der Gemeindevertretung Schulau von 02.03.1909 - 01.07.1909 und nach der Zusammenlegung der Orte auch der Stadtvertretung Wedel von 1910 - Februar 1924 an. Außerdem ist er der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrates.

Hermann Johannes Schwartz
Der 1875 in Mönkenbrook/Stormarn geborene Lagerhalter zieht am 24.09.1906 von Hamburg nach Wedel zu. Er wurde gewählt ab 18.11.1910, aber er zieht mit seiner Familie am 25.06.1912 nach Altona. Für ihn rückt Peter Diederich Franz Hinrich Oehlrich * 1874 nach, der aber als Soldat einrücken muss und im Januar 1919 an Thyhus und Lungenentzündung im Kriegslazarett in Kiew stirbt. Der Arbeiter Friedrich Koopmann (1957 – 1946) übernimmt von 1914 – 1920 das Mandat.

Nach dem Ersten Weltkrieg endet das Dreiklassensystem und die Karten werden ganz neu gemischt. Bei der Neuwahl am 23.02. 1919 kommen daher vom „Wahlvorschlag Kleinikauf“ gleich 13 Mandatsträger in die Stadtvertretung: Neben dem Böttcher Heinrich Kleinkauf und dem Arbeiter Friedrich Koopmann sind es: Der Zimmerer Karl Brauer, der Zimmerer Michael Karp, Kesselschmiedemeister Hermann Einbrodt, der Vollziehungsbeamter Franz Kegel, der Kesselschmied Josef Schuld, der Briefträger Hermann Witt, der Gastwirt Edmund Wiesberger, der Arbeiter Hermann Klinder, der Maurer Paul Bröker, der Maler Franz Mahlmann und der Bauarbeiter Alfred Pauder.

Bei der Wahl 1924 erreicht die SPD weniger, nämlich nur sechs Sitze im Stadtparlament: Es sind der Kesselschmied Josef Schuld, der sein Amt sofort niederlegt, der Bauarbeiter Alfred Pauder, der Geschäftsführer Heinrich Schacht der auch sein Mandat sofort niederlegt, der Polizeibetriebsassistent Adolf Schaller, der Arbeiter Hermann Klinder -- Sofortige Nachberufung: für den Maurermeister Hinrich Ramcke und Zigarrenmacher Karl Behrens.

Besonders ist, dass die SPD erstmals eine Frau in die Stadtvertretung entsenden kann. Pauline Bröker geb. Roszak (1889 – 1943) ist die Ehefrau des Maurers und SPD-Abgeordneten Paul Bröker. Der politische Gestaltungswille in dieser Familie ist hoch. Nicht nur ihr Mann, sondern auch deren Kinder, Mathilde Luise Marta Bröker später verh. Damkowski und Willy Paul Otto Bröker werden aktive Sozialdemokraten und waren zeitweilig sogar im Widerstand aktiv. Pauline Bröker war von 1924 bis 1933 Mitglied der Stadtvertretung Wedel und ab 1939 auch Abgeordnete des Kreistags Pinneberg.

Bei der Wahl 1929 sind es acht Sitze die mit Sozialdemokraten besetzt werden: der Geschäftsführer Heinrich Schacht (Mühlenstraße 20), die Ehefrau Pauline Bröker, der Arbeiter Bernhard Mahlow, der Polizeimeister Adolf Schaller, der zurücktritt und durch den Maurer Wilhelm Bock ersetzt wird, der Händler Alfred Pauder, der Maurer Bendix Koopmann, der Schlosser August Kudlik und der Zimmerer Karl Brauer.

Das Ergebnis der Kommunalwahl am 12.03.1933 erbringt folgende Sitzverteilung in der Stadtvertretung: Von den 18 Sitzen fallen sieben Sitze auf die NSDAP, sechs Sitze auf die SPD, zwei Sitze auf die KPD und drei Sitze auf die Kampffront Schwarz-weiss-rot. Bereits zur konstituierenden Sitzung der Stadtvertreter wurden die beiden gewählten KPD-Mitglieder, die Arbeiter Hermann Oppermann und Johannes Rehder nicht geladen. Die Mandatsträger der SPD konnten noch an drei Sitzungen teilnehmen, dann erreichte auch sie am 24.06.1933 die Mitteilung, dass sie entweder in Schutzhaft zu nehmen sind, oder für sie eine tägliche Meldepflicht bei der Polizei angeordnet ist. Die Mandatsträger waren: Geschäftsführer Heinrich Schacht [der die Wahl nicht annahm, und an seiner Stelle Walter Teichmann (1895 – 1946) nachrückte], der Arbeiter Bernhard Mahlow (1890 – 1973), der Maurer Wilhelm Bock (1886 - 1963) der Schlosser August Kudlik (1898 – 1940) der Maurer Bendix Koopmann (1881 - 1956) und der Maurer Jochim Heinrich Ferdinand Müller (1882 – 1956).

Mit freundlicher Unterstützung von...