Ans Licht gezerrt

Kuriose, nachdenkliche und traurige Geschichte[n] aus dem Stadtarchiv Wedel

Vertrieben aus der Ukraine - Neues Heim in Wedel

Barackensiedlung am Galgenberg 1950. Foto G. Schumacher

Nördlich des Schwarzen Meeres, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, siedelten sich im 18. Jahrhundert Deutsche Auswanderer an. Die meisten kamen aus dem Südwestdeutschen Raum. Den Schwarzmeerdeutschen wurde dort der privilegierte Status von Kolonisten und bessere Lebensbedingungen versprochen. Sie gründeten zahlreiche Ortschaften und lebten zunächst in wirtschaftlichem Wohlstand. Das änderte sich ab 1871. Nach dem Wegfall von Privilegien und der Einführung der Wehrpflicht entschlossen sich über 100.000 Nachkommen der Einwanderer dazu, ihre Zelte abzubrechen und in die USA, Kanada, Australien oder nach Süd-Amerika zu ziehen.
Das Leben der zurückgebliebenen Deutschen wurde zunehmend erschwert. So sahen sie sich während des Ersten Weltkrieges damit konfrontiert, als Feinde Russlands zu gelten. Nach der Oktoberrevolution waren die Lebensverhältnisse in der Ukraine instabil und nach der Installation der Sowjetmacht wurde das kulturelle Leben der Deutschen weitgehend unterbunden. In den 1930er Jahren nahmen die Repressalien für die rund 330.000 noch dort lebenden Deutschen weiter zu. Es gab Verhaftungen, die Deutschen Schulen wurden geschlossen und Ukrainisch als Unterrichtssprache eingeführt.
Mit dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion änderte sich die Lage. Zunächst wurden die Ukrainedeutschen dem Gebiet Transnistrien unter rumänischer Verwaltung zugeschlagen, sie behielten aber ihr Autonomie über den bewaffneten „Volksdeutschen Selbstschutz“ bei. Sie waren erneut eine privilegierte Gruppe und ihre Lebensumstände waren deutlich verbessert. Begeistert von der nationalsozialistischen Propaganda taten sich Ukrainedeutsche als Kollaborateure hervor. Dadurch ging der „Volksdeutsche Selbstschutz“ 1941 mit der SS-Einheit „Einsatzgruppe Süd“ ein unheiliges Bündnis ein und beteiligte sich aktiv an der Ermordung und der Ausplünderung von Tausenden von Juden aus Odessa.
Mit dem Rückzug der deutschen Truppen durch den Kriegsverlauf verließen sehr viele Ukrainedeutschen ihre Heimatorte, um den erwarteten Vergeltungsmaßnahmen durch die zurückkehrende Sowjetmacht zu entgehen. Die SS-Dienststellen begannen in mehreren Aktionen die Volksdeutschen „Heim ins Reich“ umzusiedeln. Die 135.000 Transnistriendeutschen wurden ab Februar 1944 Richtung Westen und zunächst ins Warthegau transportiert. Von dort aus flüchteten sie mit anderen Heimatvertriebenen weiter gen Westen.
Auch die Gruppe der 36 Volksdeutschen Familien, die Wedel im Juni 1944 zugewiesen wurde, kamen mit diesen Transporten. Deren Weg führte über Łódź (Litzmannstadt) und hatte im November 1943 einen Zwischenstopp in einem Lager in Sachsen. Von dort aus ging es nach Wedel. Viele von ihnen kamen aus der Umgebung von Saporischschja. Die Familien wurden zunächst im Barackenlager Rosengarten untergebracht, bis die kleinen Baracken am Galgenberg bezugsfertig waren. Diese Behelfsunterkünfte wurden ab 1944 von der Kieler Baufirma „Bauhilfe“ der DAF (Deutsche Arbeitsfront) erbaut. Manche dieser Holzbaracken waren um einen steinernen Mittelbau erweitert. In diesen Fällen hatten die etwa 24 m² großen Baracken zwei Räume und eine Küche mit einem gemauerten Herd. Strom war in den Baracken vorhanden. Frischwasser musste von einer der zwei Pumpen der Siedlung gezapft und zum Haus transportiert werden. Ein Plumpsklo stand in dem Garten, in dem auch Vieh und Hühner gehalten wurden. Die schlichten Lebensverhältnisse beschreibt der Artikel der Norddeutschen Nachrichten vom Juli 1950: „Eine achtköpfige Familie bewohnt z. B. zwei Schlafzimmer und eine kleine Küche (für 12,00 DM) und fühlt sich dort wohl. Auch wenn der Mann arbeitslos ist, läßt man in dieser kleinen Baracke nicht den Kopf hängen. Dafür ist auch wenig Zeit, denn das Vieh will versorgt und das Land der Baracke bearbeitet sein. Für die Schweine, die jede Familie hält, reichen die im Herbst gestoppelten Kartoffeln, und für die Hühner wurde eine Fläche mit Korn bestellt. Um die Eltern tollen die Kinder herum, deutsche und russische Worte wechselnd. Auch die hierin Deutschland geborenen Kinder wachsen in zwei Sprachen auf. Bis auf zwei Ausnahmen sind die Gärten und die Vorgärten bearbeitet, teilweise sind Blumen gepflanzt.“
Für einige der Ukrainedeutschen wurde Wedel so eine neue Heimat, für andere war Wedel nur ein weiterer Durchgangsort auf dem Weg in Richtung USA, Australien oder auch Südamerika. Die Familie Herasimenko zog bereits 1949 weiter nach Alberta in Kanada. Im Jahr 1951 verließen die Familie Baranik Wedel Richtung Australien und Familie Martens ging mit vier Kindern in die Vereinigten Staaten. Der Familie Barth war ab 1953 Salem in den USA die neue Heimat. Die Familie Giesbrecht zieht 1947 gleich weiter nach Hannover und war Jahre später in der Mennonitische Kolonie Volendam in Paraguay beheimatet. Einem Bericht der Norddeutschen Nachrichten vom 8. Juli 1952 nach, gingen auch 16 Familien wieder zurück nach Russland, weil dort noch die engsten Angehörigen, der Ehemann oder die Kinder wohnten. 

Der Fall Simon

Das Trauzimmer 1937 mit dem Standesbeamten Rohwedder

Im Oktober 1937 nahm der 25-jährige Gärtnergehilfe Paul Simon all seinen Mut zusammen. Seit gut einem Jahr wohnte der junge Mann aus Leipzig nun bereits in der Schillerstraße 26 und hatte sich unsterblich in die 22-jährige Anna Maria Kunst aus der Feldstraße 27 verknallt. Und nun wollte er Nägeln mit Köpfen mache, schnappte sich seine Braut und marschierte ins Wedeler Rathaus. Dort wurde dem Beamten Jürgen Wilhelm Rohwedder, als Vertreter des Standesbeamten der Wunsch nach einer Eheschließung mitgeteilt. Dieser nahm alle erforderlichen Daten auf, schrieb das Aufgebot und hängte dies vom 23. Oktober an 14 Tage in den Aushangkasten des Rathauses.

Dann aber kamen die Zweifel. Nicht dem Bräutigam, sondern dem Standesbeamten Karl Hinz. Wie der Zufall es wollte, hatte dieser nämlich drei Tage nachdem die Verlobten im Standesamt das Aufgebot bestellt hatten, eine Schulung der Standesbeamten des Kreises Pinneberg in Elmshorn besucht. Und dort stellte er dem Referenten den „Fall Simon“ aus Wedel dar.

Bevor wir der Frage nachgehen, warum das Brautpaar zunächst nicht getraut wurde, werfen wir zunächst einen Blick auf den maßgeblich verantwortlichen Standesbeamten Karl Hinz. Karl Wilhelm Eduard Hinz war zwar 1900 in Kiel als Sohn eines Maurers geboren, aber seine Kindheit verbrachte er bereits in Wedel. Der Lehrer Schultz regte den 15-jährigen an, eine Bürolehre in der Stadtverwaltung zu machen. Wenige Jahre später, 1922 wurde er zum Steuerassistenten ernannt. Ein Jahr später heiratete er Janneke Bassiner. 1928 absolvierte Hinz einen Kursus an der Verwaltungsbeamtenschule, konnte aber die Prüfung nur mit der Note „ausreichend“ bestehen. Auch gesundheitlich geht es ihm nicht so sehr gut, da er ein immer wiederkehrendes Augenleiden hat. Die Ausübung seines Dienstes im Steueramt fordert ihn. So meldet er sich mit Schreiben vom 21.01.1929 krank: „Wegen übermäßiger Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit während der ganzen letzten Nacht, hervorgerufen durch bei der Lustbarkeitssteuerkontrolle festgestellte Übertretungen und der damit zusammenhängenden Auseinandersetzung mit dem Veranstalter, fühlte ich mich heute morgen nicht dienstfähig.“

Dennoch fühlt sich Hinz zu Höherem berufen. Und er versucht, nach dem überraschenden und tragischen Tode des Oberstadtsekretärs und Büroleitenden Beamten Otto Heinrich Wilhelm (ihm war beim Holzhacken ein Splitter ins Gesicht gefahren und es hat sich daraus eine Blutvergiftung eingestellt) am 26.07.1933 auf dessen Stelle zu rücken. Denn mittlerweile war „eine neue Zeit angebrochen“. Hinz hatte sich in der Ortsgruppe der NSDAP einen Namen gemacht und versuchte sich beim jungen neuen Bürgermeister Dr. Harald Ladwig unentbehrlich zu machen. Da er aber die geforderten Leistungen nicht erbringen konnte, wurde er verwarnt. Und es wurde ihm zudem mit Gustav Maushake ein neuer Büroleitender Beamter vor die Nase gesetzt.

Ob sich Hinz mit der Meldung an den Referenten beim Seminar nur wichtigmachen wollte, oder ob er tatsächlich Zweifel an den Angaben des 25-jährigen Leipziger Bräutigam hatte, kann nicht mehr ermittelt werden. Aktenkundig aber ist ein Brief des komm. Bürgermeisters Jessen an den Landrat nach Pinneberg vom September 1945. Hier bittet er diesen darum, Hinz in ein Amt außerhalb des Kreises Pinneberg zu versetzten, da dieser in der Bevölkerung stark umstritten sei. Die Bürger würden ihm sein „angeblich aktives, von Gehässigkeiten nicht freies nationalsozialistisches Auftreten“ verübeln. Hinz wird daraufhin zum Dezember 1945 entlassen. Nach dem Änderungsgesetz zum Entnazifizierungsgesetz zum März 1951 aber musste erneut in der Stadtverwaltung zum Beamten ernannt werden. Er blieb dann bis zum Renteneintritt am 31.12.1962 in städtischen Diensten.

Zurück zum Jahr 1937 zu Paul Simon. Dieser fiel vermutlich aus allen Wolken, als ihm das Standesamt mitteilte, dass keine Trauung vorgenommen werden würde, bevor der Bräutigam nicht einen „ordentlichen Abstammungsnachweis“ erbringen könnte. Den Aufschlag zu einer langen Wartezeit machte der Standesbeamte Hinz mit einem Schreiben an die Reichsstelle für Sippenforschung in Berlin. Seine Zweifel über die Abstammung des unehelich geborenen Gärtnergehilfe Paul Simon begründete er wie folgt: „Gegen die deutschblütige Abstammung der Mutter, die als Fotografin am Theater und als Schauspielerin tätig war, bestehen keine Bedenken. … Wegen des Vorhandenseins von pechschwarzem, lockigem Haar und tiefbrauner Augen habe ich hiergegen jedoch Bedenken.“ Für den Bräutigam bedeutete dies, dass er ab Januar 1938 zahlreiche Fragen beantworten musste, weitere Unterlagen einzureichen und verschiedene Lichtbilder abzugeben hatte. Der „Lebenswandel der Mutter sei nicht einwandfrei gewesen“ lautete die Beweisführung. So hätte es 1912 eine Vaterschaftsfeststellungsklage gegen den jüdischen Zahntechniker Paul Zuckermann gegeben, der aber „wegen Mehrverkehrs der Mutter“ auch mit „deutschblütigen Männern“ abgewiesen wurde. Erst am 26.04.1941 und nach einer aufwändigen erb- und rassekundlichen Untersuchung von Paul Simon im Berliner Anthropologischen Institut kam die Behörde in Berlin zum Ende ihrer Prüfung. Und sie bescheinigten Paul Simon seine „Deutschblütigkeit“. Daraufhin konnte die Ehe dann am 31. Mai 1941 nach einer bald 4-jährigen Wartezeit endlich geschlossen werden. Nach dem Kriege waren die Umstände der verspäteten Eheschließung Gegenstand in einem Wiedergutmachungsverfahren, dass das Ehepaar angestrebt hatte. Dafür musste eine Abschrift des Abstammungsbescheides im Rathaus in Wedel beglaubigt werden. Und wie der Zufall es will: Der Beamte, der dies Dokument beurkundet hat, war kein anderer als Karl Hinz.

Identitätsdiebstahl?

Man könnte denken, Identitätsdiebstahl wäre eine Erfindung der heutigen Zeit. Aber nein, wir kennen zahlreiche Fälle auch in der Geschichte. So zum Beispiel das Leben von Anna Anderson, die angab, sie sei eigentlich die verstorbene Anastasia von Russland. Auch manch Hochstapler versuchte sich daran, mit Geschichten, anderen einen Bären aufzubinden, um daraus einen Vorteil zu erlangen. Den nachstehenden Personen, die aus den Wedeler Urkundenbüchern ans Licht gelangen, ging es vermutlich nur darum, ihren Ruf zu wahren. Lesen Sie selbst.

Am 16.11.1912 geht der Ingenieur Johann Heinrich Konrad Döhrmann zum Wedeler Bürgermeister und zeigt die Geburt seiner Tochter Dora Irma an. Die Mutter, so führt er an, wäre seine Ehefrau Auguste Döhrmann geb. Siemsen. Gemeinsam mit ihr hätte er bereits einen Sohn, Helmer Theodor, der am 26.02.1911 in Stockholm geboren wurde. Mit diesen Angaben lügt er den Bürgermeister an. Denn die Dame im Kindbett ist gar nicht seine Ehefrau. Knappe 10 Jahre später, als Chemiker ist Döhrmann mittlerweile in Rostock beschäftigt, fällt ihm seine Aussage vor die Füße. Vor dem dortigen Vormundschaftsgericht muss er zugeben, dass die Mutter dieser Kinder Ida Rehder aus Pölchow ist, mit der er seit Jahren in wilder Ehe lebt. Von seiner Ehefrau lebt er bereits seit 1894 getrennt und weiß auch nicht, ob diese überhaupt noch lebt. Das Standesamt Wedel berichtigt zum 17.02.1922 den Geburtseintrag. Ein knappes Jahr später trägt Bürgermeister Eggers einen weiteren Randvermerk ein: die Eheschließung von Johann Heinrich Konrad Döhrmann mit Ida Marie Sophia Rehder. Geht doch!

Ein weiter skurriler Fall steht bei einem Geburtseintrag im April 1913. Hier kommt der Arbeiter Karl Hartmann, wohnhaft in der Elbstraße 31 zum Bürgermeister und Standesbeamten und meldet, dass seine Ehefrau Marie Hartmann geb. Skurzewska eine Tochter bekommen hat, die den Namen Olga Gertrud erhalten soll. 30 Jahre später trägt der Standesbeamte die Berichtigung zur Urkunde dazu: Die Kindesmutter sei eigentlich die Haushälterin Olga Guse gewesen, die nunmehr in Aumund wohnt. Und weitere sechs Jahre später wird vermerkt, dass die angegebene Kindesmutter Olga Guse in Bremen den Kaufmann Maximilian Edmund Schulz geheiratet hat. Daraus folgte, dass nunmehr das 27-jährige und bereits verheiratete „Kind“ Olga Gertrud nachträglich die rechtliche Stellung eines ehelichen Kindes erhält. Aus Olga Gertrud Hartmann wird also im Laufe der Jahre Olga Gertrud Guse und dann Olga Gertrud Schultz.
Was für ein Kuddelmuddel. Wer war denn nun die Mutter? War Olga Guse die Geliebte von Karl Hartmann, die zu dem Zeitpunkt die Identität seiner Ehefrau stahl? Aber wo war dann seine richtige Ehefrau? Auch die Spur des „verwaisten“ Vaters bleibt rätselhaft. Der aus Russland stammende verheiratete Arbeiter Carl Ludwig Hartmann, geboren am 29.11.1887 in Konstantinowk meldet sich erst am 6.3.1912 in Wedel Elbstraße in Wedel polizeilich an. Ein Jahr später gibt es einen Eintrag im Adressbuch, dass er in der Mühlenstraße 9 wohnt. Dann aber verläuft sich die Spur.