Die steigende Anzahl von Arbeitsunfällen im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung führte Ende des 19. Jahrhunderts Reichsweit zur Gründung des Arbeiter-Samariter-Bundes. Berliner Zimmerleute setzten 1888 den ersten Lehrkursus für Erste Hilfe bei Unglücksfällen durch und gründeten die erste „Kolonne“ des ASB.
Bislang gab es in Wedel noch keinen Sanitätsdienst, sondern nur eine organisierte häusliche Krankenpflege. Dieser widmete sich der 1908 durch Anna Eggers, Gattin des Bürgermeisters von Damen aus eher bürgerlichen Kreisen gegründete Vaterländische Frauenverein. Dieser hatten eine Schwesternstation, half bei der Hauspflege und gab Schulungen in Säuglingspflege. Für diese Arbeit hatten die Damen die Margarethenspende. So nannten sich Schränke, die mit Utensilien für die häusliche Krankenpflege gefüllt waren, die bei Bedarf verliehen werden konnten. 1919 übernahm die Apothekerin Bertha Nelke den Vorsitz des Vaterländischen Frauenvereins.
In den Städten Hamburg und Altona wurde der Arbeiter-Samariter-Bund bereits 1907 gegründet. In Wedel begann man zum Jahreswechsel 1913/1914, also noch vor dem Ersten Weltkrieg, eine Kolonne zu gründen. Die Ausübung der Ersten Hilfe bei Unfällen stand hier im Vordergrund und der Gastwirt Johannes Dose vom Marktplatz und Heinrich Koopmann aus der Moltkestraße trieben das Projekt voran. Der Allgemeinmediziner Dr. Robert Neudörffer, der seine Praxis in der Riststraße hatte, gab regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse und die Gruppe wuchs peu a peu an. Ab 1927 traf sich die Kolonne Wedel beim Genossen Eugen Krabbenhöft in der Spitzerdorfstraße 5. Damals erhielt die Gemeinschaft regelmäßige Zuwendungen der Stadt Wedel, um die Sanitätsausrüstung zu erweitern und die Ausbildung zu finanzieren. Ab 1928 war der Fabrikarbeiter Wilhelm Heinrich Friedrich Müller (1893-1971) aus der Holmer Straße 1 der Vorsitzende der Kolonne. Der Verein absolvierte schon damals regelmäßige Übungen mit der benachbarten Arbeiter-Samariter-Kolonne Altona. So übten sie an einem Sonntag im August 1928 einen Rettungseinsatz nach einer Zugentgleisung an der Ölweiche mit 20 Verletzten. Zahlreiche Schaulustige beobachteten, wie diese durch die Samariter geborgen und versorgt wurde. Ende 1928 war die Organisation mit 22 Mitgliedern bereits so groß geworden, dass es Raumprobleme für die Durchführung von Lehrkursen und Übungsabenden gab. Auch wollte man gern verschiedene Transportgeräte, Sauerstoffapparate und andere Ausrüstungsgegenstände haben, um eine Unfallstation einzurichten, um insbesondere im Sommer bei großem Zustrom von Erholungssuchenden die Sicherheit zu gewährleisten. Dieser Wunsch, und auch der Wunsch, eine Tragbahre und einen Verbandsschrank für Ersthilfe in der Polizeiwache unterzubringen, wird verwehrt mit der Begründung, dass die Polizei selbst auch Verbandmittel hat und in der Nähe mehrere Ärzte zu finden sind. Neben den städtischen Zuwendungen durfte der Arbeiter-Samariter-Bund auch in Wedel in den Jahren ab 1930 auch Straßensammlungen durchführen. Im Sommer 1931 wurde wieder eine Bezirksübung durchgeführt. Im Schwarzbuntpark, auf dem später die Albert-Schweitzer-Schule erbaut werden sollte, fand die Übung eines Explosions-Unglückes statt. Die Verletzten sollten mit Notverbänden versehen werden und zur Arbeiter-Sporthalle an der Bekstraße abtransportiert werden. Beteiligt waren hier Dr. Neudörffer als Kolonnenarzt, der Vorsitzende Wilhelm Müller und 10 ausgebildete Samariter. Sogar auf ein Krankentransportauto konnte der ASB Wedel zurückgreifen. Es wurde für diesen Zweck vom ASB aus Uetersen geholt. Die letzte Straßensammlung für die Tätigkeit des ASB, Kolonne Wedel fand im September 1932 statt. Wenige Monate später wurde reichsweit der ASB als aktiver Teil der Arbeiterbewegung verboten und aufgelöst.
In Wedel wurden im Mai 1933 die Akten, das Vermögen, die Uniformen und die Ausrüstungsgegenstände der Arbeiter-Samariter-Kolonne durch die NSDAP beschlagnahmt. Bei der Beschlagnahmung sollen, so schreiben die Norddeutschen Nachrichten in einem Zeitungsbericht vom 18.05.1933 verächtlich, dass einige „Sanitätsmittel, wie Shampoo, Zahnpasta oder auch Verhütungsmittel, die weiterverkauft werden sollten“ gefunden wurden. Und kommentierte es so: „Ein Urteil über diese Handhabung der Ersten Hilfe bei Unglücksfällen mag sich die Einwohnerschaft selbst bilden.“ In dem Bericht war sogar von darauffolgenden polizeiliche Ermittlungen und Strafverfahren die Rede.
Die beschlagnahmten Ausrüstungsgegenstände und auch die Uniformen wurden anschließend der Freiwilligen Sanitätskolonne des Deutschen Roten Kreuzes übereignet. Und nicht nur das Vermögen des Wedeler Arbeiter-Samariter-Bundes kam in die Hände des DRK, sondern auch das noch gut erhaltene Krankentransportfahrzeug der Sanitätskolonne in Uetersen fand den Weg nach Wedel. Hier wurde es im September 1933 auf dem Gelände der Firma J.D. Möller untergestellt.
Das Deutsche Rote Kreuz Wedel führt seine Anfänge direkt auf die Gründung des Vaterländischen Frauenvereins vom November 1909 zurück. Von einem „Vaterländischer Frauenverein vom Roten Kreuz“ ist in Wedel erstmals 1924 die Rede, eine freiwillige Sanitätskolonne lässt sich in den Akten erst Anfang der 1930er Jahre finden. Nachdem 1933 der ASB verboten wurde, tritt sicherlich auch in Wedel der ein oder andere Sanitäter der Sanitätskolonne des DRK bei.
Das Deutsche Rote Kreuz passte sich der NS-Ideologie an, wurde politisch gleichgeschaltet und in die militärischen Strukturen des NS-Staates integriert. Die Sanitätskolonne des DRK stand zunächst unter der Leitung des Kolonnenführers und Dentisten Richard Möhl, als Schriftführer fungierte der Gastwirt Carl Rathjen. Ab 1938 hatte Heinrich Ehlers aus dem Rollberg 11 die Führung des Sanitätshalbzuges, der Krankenwagen war im Spritzenhaus in der Bekstraße stationiert und wurde vom hauptamtlichen Feuerwehrmann Haß gefahren.
Der Krankenwagen war noch in der Nachkriegszeit einige Jahre in der Feuerwache Bekstraße stationiert und wurde zuletzt durch den Gerätewart Karl Kunke gefahren. Allerdings gehörte der Wagen und der Einsatz des Krankenwagens seit mindestens 1952 in den Zuständigkeitsbereich des Kreises Pinneberg.
Das DRK führte seine Arbeit nach dem Krieg unverändert fort. Der Arbeiter-Samariter-Bund Wedel hingegen wurde erst zum 5. Mai 1983 wieder gegründet.
Geschichte[n] über Krankenhäuser und soziale Einrichtungen
Vom Schützenhof zum Wedeler Krankenhaus
Holmer Straße 155
Eröffnung 15.01.1930
Übertragung an den Kreis Pinneberg 14.07.1971
Übertragung an Klinikbetreiber Sana
Schließung des Krankenhauses 2020
Grundlage der Artikel über das Krankenhaus ist der Vortrag "Als die Schwestern noch Hauben trugen: Vom Schützenhof zum Krankenhaus" von Marion Tuck im Rahmen der Vortragsreihe des Stadtarchivs Wedel im Jahr 2013 . Dafür sei ihr herzlich gedankt!
Im Juli 1928 begannen die Ausbauarbeiten zum Krankenhaus am ehemaligen Schützenhof des Dänischen Schützenvereins zum Krankenhaus. Eröffnet wurde die Klinik an der Holmer Chaussee 155 am 15. Januar 1930. Damit verwirklichte Bürgermeister Friedrich Eggers (Amtszeit 1902 bis 1932) zusammen mit dem Stadtverordnetenkollegium das seit Mitte der 1920er Jahre geplante Projekt einer wohnortnahen medizinischen Rundum-Versorgung für die Wedeler Bürger.
Welche Möglichkeiten der Krankenversorgung gab es bis dahin? In aller Regel wurden die Kranken in den Familien versorgt oder sie waren auf Nachbarschaftshilfe angewiesen. Die Mittel der Wahl waren Haus- und Naturheilmittel. Erkrankte Wedeler, die nicht zuhause versorgt werden konnten oder mittellos waren, fanden Hilfe im Armen- und Werkhaus (1854-1945). Für Fremde hatte die Stadt von 1873 bis 1889 eine weitere Krankenstube in der Hinterstraße, der heutigen Reepschlägerstraße, eingerichtet. Man wollte – vermutlich aus Kostengründen – die Erkrankten so schnell wie möglich wieder in ihren Heimatort schicken.
Eine wichtige Position in der Versorgung nahmen Hebammen ein. Sie verfügten über eine sehr gute Ausbildung und waren durch ihre Berufsverordnung zur ständigen Fortbildung verpflichtet. Sie arbeiteten auf Honorarbasis und waren nicht nur für Hausgeburten zuständig, sondern kamen auch in Krankenhäusern zum Einsatz. Die erste Apotheke in Wedel wurde 1903 in der Mühlenstraße eröffnet. Hier erhielten die Wedeler Medikamente zu Tagespreisen.
Auch Kirchengemeinden, Betriebe und Vereine beteiligten sich an der Gesundheits- und Krankenversorgung. So wurde 1908 der „Vaterländische Frauenverein vom Roten Kreuz“ gegründet, der Wedel in neun Bezirke aufteilte, jeweils eine verantwortliche Bezirksfrau einsetzte und somit einen guten Überblick über den Gesundheitszustand der Bürger hatte.
War ärztliche Hilfe erforderlich, wurde zunächst der „Doktor“ zu einem Hausbesuch gerufen. War jedoch eine Krankenhausbehandlung erforderlich, mussten die Wedeler erhebliche Strapazen auf sich nehmen und das für Wedel zuständige, 1906 errichtete Landrat-Scheiff-Krankenhaus in Dockenhuden oder das 1866 erbaute und mehrfach erweiterte Kreiskrankenhaus in Pinneberg aufsuchen. Gründe die für die Einrichtung eines Krankenhauses sprachen, gab es in den 1920er Jahren viele: die beschwerlichen Fahrten, die wachsende Einwohnerzahl und die Ansiedlung von immer mehr Industriebetrieben, sowie der zunehmende Fremdenverkehr. Dazu kam, dass das Landrat-Scheiff-Krankenhaus in Dockenhuden im Jahr 1927 nach Altona eingemeindet wurde. Für auswärtige Kranke aus Wedel erhöhten sich dadurch die Pflegesätze um 50%. Die Patienten wurden daher vermehrt ins Kreiskrankenhaus Pinneberg eingewiesen, aber dort stieß die Bettenkapazität an ihre Grenzen.
Im Jahresbericht der Stadt von 1927 findet sich der folgende Hinweis: Ein „besonders gut geeignete[r] Bauplatz“, der bei Stadtvätern und Gutachtern für Begeisterung sorgte, war ein Grundstück an der Holmer Chaussee 155. Das ehemalige Schützenparkgelände hatte die stattliche Größe von 7,5 ha und einen Blick in die Marsch bis zur Elbe. Hier hatte der Wedeler Schützenverein von 1901 bis 1919 auch ein Fremdenpensionat betrieben und erfreute sich als Ausflugsort und Treffpunkt für Tanzveranstaltungen einer großen Beliebtheit.
Anfang der 1920er Jahre verpachtete der Eigentümer, der Holmer Dietrich Möller, dieses Grundstück an den Hamburger Naturheilkundigen Gustav Ernst Otto Bergmann, der die gute Lage für Heilzwecke erkannt hatte und auf dem Gelände eine Erholungsstätte mit Lufthütten einrichtete, der er den Namen „Heilborn“ gab. Nach jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen um Pachtzinsschulden musste Bergmann das Grundstück jedoch räumen – ein Glücksfall für die Stadt: Sie kaufte daraufhin das Grundstück für 75.000 RM plus 5.000 RM für Inventar. Weil die Finanzierung für den geplanten Krankenhausneubau mit 42 Betten noch nicht vollständig geklärt war, richtete die Stadt „für eine Reihe von Leuten, die nicht mehr des kostspieligen Apparates eines modernen Krankenhauses bedürfen“, das bestehende Gebäude vorübergehend als Genesungsheim ein. Die umliegenden Krankenhäuser, die meistens überfüllt waren, sollten als Zulieferer dienen. Ein für damalige Zeiten sehr fortschrittliches Konzept, das heute in der Kurzform auch Reha genannt wird. Nachdem der geplante Krankenhausneubau durch ein Darlehen in Höhe von 420.000 RM gesichert war, begannen erste personelle Planungen. „Damit“, so die Stadtväter, „der Krankenhausbau von Anfang an unter ärztlicher Aufsicht steht“, wird Dr. Hans Holzweißig aus Hainichen in Sachsen eingestellt.
Die Einrichtung des Genesungsheimes wurde der Diakonisse Johanna Grund übertragen. Sie trat am 1.12.1928 ihren Dienst in Wedel an, verlangte für sich ein Fahrrad, für die Station eine Pflegeschwester und für den Betrieb eine Kochschwester.
Johanna Grund, 1893 in Leubnitz/Sachsen geboren, ging nach acht Jahren Volksschule für ein Jahr „in Stellung“, wie es zur damaligen Zeit üblich war, und kehrte anschließend in ihr Elternhaus zurück, um bei ihrer Mutter das Nähen zu lernen. „In dieser Zeit“, so schrieb sie in ihrer Bewerbung, „wurde ich auf den schönen Dienst der Diakonie aufmerksam. Ich habe meinen Weg zu Gott gefunden und möchte mich ganz in seinen Dienst stellen.“ In einem Empfehlungsschreiben ihrer Heimatgemeinde an das Diakonissenhaus Tabea heißt es „sie ist zwar noch etwas jung, aber von so kräftiger Gestalt, dass sie mir für den Beruf geeignet erscheint. Auch ihr Wesen, ruhig, bescheiden, still scheint für den Beruf einer Diakonisse zu passen.“ Das Schreiben endete mit den Worten: „und nun habe ich den Wunsch, dass die Schwester ein recht brauchbares Werkzeug des Herrn werden möge.“ Sie erhielt eine sechsmonatige praktische Ausbildung in Altona und arbeitete in den nächsten Jahren in unterschiedlichen Fachbereichen in Hamburg, Leipzig, Wesselburen und Schleswig, sowie in der Privatpflege und als Näh- und Hausschwester im Diakonissenhaus. Im Oktober 1928 Alter legte sie im Alter von 35 Jahren in Kiel ihr staatliches Krankenpflegeexamen ab. Mit dieser Qualifikation und ihren vielfältigen pflegerischen Erfahrungen trat sie ihre Stelle in Wedel an. Der Betrieb im Genesungsheim wurde am 15.Februar 1929 aufgenommen. 25 Betten standen zur Verfügung und der Aufenthalt kostete täglich 4 RM.
Gleichzeitig begannen die Bauarbeiten für das neue Krankenhaus. Am 15.Januar 1930 – Wedel hat zu diesem Zeitpunkt etwa 7.200 Einwohner – erfolgte nach nur zehn Monaten Bauzeit die Schlüsselübergabe durch Bürgermeister Eggers an Dr. Holzweißig. Das Krankenhaus hatte 60 Betten: eine Männerstation, eine Frauenstation, eine Entbindungs- sowie Säuglingsstation und eine Isolierstation. Es verfügte über moderne OP-Säle, diagnostische und therapeutische Röntgeneinrichtungen, Kardiographie, Diathermie, sowie umfangreiche Sterilisier- und Desinfektionsanlagen. Ein Tag Aufenthalt im Krankenhaus kostete in der 1.Klasse 15 RM, in der 2.Klasse 10 RM und der 3.Klasse 6,30 RM.
Personell war das Krankenhaus zunächst mit einem Arzt, neun Diakonissen, die die Stadt Wedel über einen Gestellungsvertrag mit dem Diakonissenhaus Tabea in Altona erhielt, und weiteren 25 Angestellten für Haus und Garten ausgestattet. Gestellungsverträge waren zur damaligen Zeit üblich. Verbände stellten die gewünschte Anzahl der Schwestern zur Verfügung; Modalitäten wie Urlaubsregelung, Vertretungsfrage, Vergütung, Unterstellungsverhältnis wurden vertraglich für die „gestellten“ Schwestern festgelegt.
Die leitende Schwester Johanna Grund nahm im Krankenhausbetrieb eine exponierte Stellung ein: Nicht nur die Führung des Krankenpflege- und Hauspersonals gehörte zu ihren vielfältigen Aufgaben, sondern bis 1953 auch die Leitung der Verwaltung, die Verantwortung für die Krankenpflegeschule, das Assistieren bei Operationen, das Führen der „Krankenhausapotheke“, des Küchenbetriebes und der Wäscherei sowie die Verantwortung für den krankenhauseigenen Gartenbetrieb. Und die Viehwirtschaft: Um in der Lebensmittelversorgung für die Kranken und die Mitarbeiter weitgehend autark zu sein, wurden auf dem Gelände Hühner, Gänse und Schweine gehalten, zudem wurde und Obst und Gemüse angebaut.
Die Fülle der Aufgaben verlangte eine straffe Organisation und Mitarbeiterführung. Schnell wurde Johanna Grund im Krankenhaus zur Respektperson. Sie kümmerte sich um alles, traf ihre Entscheidungen in erster Linie nach praktischen Gesichtspunkten und handelte dabei oft „abteilungsübergreifend“. Beispielsweise ist bekannt, dass die Viehfütterung auch durch Schwestern übernommen wurde.
Im ersten Betriebsjahr war das Haus durchschnittlich mit 33 Betten belegt, es wurden 200 große und 500 kleine Operationen vorgenommen. Als erstes Kind kam Gerd Karolewicz am 27.01.1930 im Krankenhaus zur Welt, der erste Kaiserschnitt (Thea Kleinwort) wurde am 6.02.1930 durchgeführt.
1932 beendete Bürgermeister Eggers nach 30 Jahren Amtszeit seine Tätigkeit als Bürgermeister und übergab seinem Nachfolger Dr. Harald Ladwig damit auch das Amt als oberster Dienstherr des Städtischen Krankenhauses.
Steigende Patientenzahlen belegten, dass das Krankenhaus von den Bürgern gut angenommen wird. Aus Protokollen geht allerdings auch hervor, dass die Ansichten und die Auslegung der Kompetenzen zwischen der leitenden Schwester und dem Chefarzt nicht immer übereinstimmten. So ist Dr. Holzweißig eine Klärung und die folgende Feststellung auf höchster Ebene wichtig: „Es wird festgestellt, dass die Oberschwester kein Entlassungsrecht hat.“ (32. Sitzung, 11.Juli 1932)
Im Herbst 1933 kündigte Dr. Holzweißig. Staatliche Sparverordnungen auf der Grundlage der Brüning´schen Notverordnungen haben bereits zu Gehaltseinbußen von insgesamt fast 40% geführt (459,27 RM). Weil sein Vertrag eine Vollbeschäftigung ohne Nebentätigkeit vorsah und das darin mögliche Liquidationsrecht für ihn ungünstig war, scheiterten sämtliche Versuche, seine finanzielle Situation zu verbessern. Seine Kündigung führte bei Bürgermeister Dr. Ladwig zu Unverständnis, denn er hielt das noch verbleibende Chefarztgehalt für durchaus angemessen. Dr. Holzweißig kehrte 1934 nach Hainichen zurück und trat dort die Nachfolge seines Vaters als niedergelassener Chirurg am dortigen Krankenhaus an.
Sein Nachfolger in Wedel wurde am 1.04.1934 Dr. Edmund Müller. Müller wurde im Jahr 1900 in Ulm geboren, studierte Medizin in Tübingen und besaß eine chirurgische und gynäkologische Ausbildung. Er arbeitete als Schiffsarzt und hatte bereits seit mehreren Jahren Chefärzte in Krankenhäusern und niedergelassene Ärzte in deren Praxis vertreten. Durch diese Tätigkeit kannte er bereits das städtische Krankenhaus und auch den niedergelassenen Arzt Dr. Thießen. In seinem Bewerbungsgespräch, das am 11.03.1934 im Städtischen Gasthof Rösicke stattfand, verneinte er die Frage nach einer Mitgliedschaft in der NSDAP. Er erklärte ferner, dass er „auf dem Boden des Nationalsozialismus stehe“ und gab – vermutlich, um seine Einstellung nicht zu gefährden – damit Auskünfte in gleicher Weise wie sein Mitbewerber über seine politische Einstellung.
Zum Zeitpunkt der Übergabe, nur vier Jahre nach der Eröffnung, wies das Krankenhaus bereits eine durchschnittliche Belegung von 65 Betten und eine steigende Anzahl der Geburten und Operationen auf. Seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mussten offizielle Schreiben mit „deutschem Gruß“ oder „Heil Hitler“ unterzeichnet werden. Hinweise, die Rückschlüsse auf die persönliche Haltung der Verantwortlichen zum Nationalsozialismus und den Umgang mit Vorgaben zulassen, gibt es nur wenige. Ob Schwester Johanna Grund offiziell Vorgaben aus dem Diakonissenhaus Tabea im Umgang im Patienten oder unterstellten Schwestern erhielt, ist nicht bekannt. Zu bezweifeln ist allerdings, dass Dr. Müller seinen Verpflichtungen als Leiter einer städtischen Einrichtung parteigetreu nachkam, wie aus einem Schreiben des Bürgermeisters Dr. Ladwig hervorgeht. Was war geschehen? Trotz der dienstlichen Aufforderung, Mitarbeiter zur Maikundgebung 1938 zu schicken, ist Dr. Müller dieser nicht nachgekommen und hatte sich dadurch den Unmut seines Vorgesetzten zugezogen. Vorrang hatte für ihn das Befinden der Patienten. Auch vermied er bei Begegnungen nach Möglichkeit den „deutschen Gruß“ und grüßt stattdessen mit „Grüß Gott“. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren erlebte das Krankenhaus eine stürmische Entwicklung. Bereits 1939 wurde das Genesungsheim „mit einer barackoiden Zwischenlösung“, wie es Dr. Müller später formulierte, notdürftig als Hilfskrankenhaus mit 100 Betten eingerichtet. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der niedergelassene Arzt Dr. Karl Sölter zur Tätigkeit im städtischen Krankenhaus notdienstverpflichtet.
Nicht nur die zusätzliche Unterbringung der zahlreichen Verletzten nach den Luftangriffen im März 1943 bereitete große Schwierigkeiten. Es herrschte Personalknappheit und auch die Versorgungslage, insbesondere mit Medikamenten und Verbandstoffen, war katastrophal. Beengte Wohnraumverhältnisse, Brennstoffknappheit und eine schlechte Nahrungsmittelversorgung führten zu einem Anstieg der Infektionserkrankungen (TBC, Diphtherie, Masern, Scharlach, Keuchhusten). Auch einige Typhusfälle wurden bekannt. Im November 1945 wurde deshalb eine auf dem benachbarten Retelstorff´schen Grundstück gelegene Wohnbaracke für Flüchtlinge geräumt und zusätzlich für Patienten mit Infektionskrankheiten eingerichtet; die „Seuchenbaracke“. Für 80 Patienten stand je eine Männer- und eine Damentoilette, eine Badewanne und für das gesamte Gebäude ein Wasserhahn mit Waschbecken zur Verfügung. Die Bettenkapazität des Krankenhauses wurde damit notdürftig von 60 auf 240 Betten erweitert.
Viele Patienten hatten kein Zuhause mehr, Kälte und Hunger führten vermehrt zu Einweisungen ins Krankenhaus und längeren Aufenthalten. Die durchschnittliche Verweildauer der Patienten erhöhte sich dadurch von 20 auf 31 Tage. 1946 wurden bis zu 260 Patienten versorgt, damit erreichte das Haus die Höchstbelegung in seiner Geschichte. Zwar verbesserte sich die Versorgung mit Arzneimitteln in den Nachkriegsjahren, doch immer noch gab es zu wenig Verbandstoffmaterial. In einem Bericht des Gesundheitsausschusses für die britische Militärregierung vom 22.01.1947 heißt es: „Die Versorgung mit Verbandstoffen wird sich auch in absehbarer Zeit nicht verbessern, weil die Verbandstofffabriken fast alle in russisch besetzten Gebieten liegen.“
Dr. Sölter beschrieb die Situation so: „Die benutzten Binden mußten gewaschen, sterilisiert und neu verwendet werden. Wir haben im Krankenhaus nur einen Pfleger gehabt, der gleichzeitig Heizer war. Während der Bombenangriffe mußten die Ärzte die Patienten in den Keller bringen. Wir haben 24 Stunden am Tag Dienst gehabt… Nach Kriegsende haben die Engländer ein großes Depot mit Verbandstoffen und Röntgengeräten aus dem Kreis Pinneberg bei J.D. Möller eingerichtet. Dort wurde alles hingebracht und gehortet. Die Arbeiter bei J.D. Möller mußten für mich aus dem Depot Verbandstoffe stehlen.“
Auch von pflegerischer Seite liegen Zeitzeugenberichte vor. Die Diakonissen, Schwester Jutta Matthies und Schwester Christel Sylla erinnern sich an ihren Einsatz in den Nachkriegsjahren im Wedeler Krankenhaus: „Es gab zwei Baracken mit je 80 Betten, eine stand direkt hinter dem Krankenhaus und hatte einen Verbindungsgang zum Haupthaus und eine stand auf dem Retelstorff´schen Gelände. Unser Dienst ging offiziell von 6.00 Uhr bis 20:00 Uhr, dazwischen hatten wir 1,5 Stunden Pause. Wir hatten einen Nachmittag in der Woche frei, später war es ein Tag im Monat. Nachts machten wir alleine Dienst, auch die Schwesternschülerinnen. Um für das Krankenhaus zu sparen, haben vor dem Dienst Obst und Gemüse geerntet und es nach dem Dienst geputzt. Was fehlte, besorgte Schwester Hannchen mit ihrem Opel P4. Keiner musste hungern. Wenn wir müde waren, hat Schwester Jutta vorgelesen oder es wurde gesungen. Wir mussten alles machen – freiwillig und auch nicht freiwillig.. Schwester Hannchen entging nichts... Später wurden die Baracken nur zur Hälfte mit Patienten belegt, die andere Hälfte wurde notdürftig für die Unterbringung von Schwestern genutzt. Wir wohnten damals zu viert in einem Zimmer. Wir haben die Patienten oft dreimal täglich gebettet und „abgeklatscht“ und wenn vorhanden, Wasserkissen oder Luftringe eingesetzt. Die Mittel der Wahl waren damals Vaseline, Zinkpaste und Puder. In unserer Not haben wir viel auf Hausmittel zurückgegriffen, feuchte Wärme zum Beispiel, Wadenwickel oder auch Senfwickel. Es gab ja nichts, aber trotzdem die Pflege alles für uns. In unserer Freizeit besuchten wir Arme oder gingen in die Praxen, um unsere Hilfe anzubieten. Den Weg zum Bahnhof mussten wir meistens zu Fuß laufen, auch wenn wir sonntags zum Gottesdienst nach Altona fuhren. Wedel war für uns eine ganz harte Schule.“
Schwester Johanna Grund sorgte in dieser Zeit weiterhin auf ihre Weise für das Krankenhaus. Um Ausgaben zu sparen, nähte sie die Gardinen für die Patientenzimmer selbst und half auch beim Anstreichen der Zimmer. Aufzeichnungen in den Protokollen des Gesundheitsausschusses lassen keinen Zweifel darüber zu, dass Schwester Johanna unabhängig von geltenden Vorgaben zur Ausschreibung über Einkäufe für das Krankenhaus selbst entschied. Sie überzeugte mit Argumenten und guter Wirtschaft und wurde in ihrem Handeln von Dr. Müller unterstützt. Auch scheute sie sich nicht, in Zeiten der knappen Lebensmittelversorgung Patienten aus der Marsch zu bitten, Gaben von ihren Höfen mitzubringen. Sie hatte gute Verbindungen zu den Geschäftsleuten in Wedel und auch in der Bevölkerung kannte man sie gut. Mit ihrem Opel P4 kaufte sie hier häufig ein. Schwester Johanna und ihr Opel P4 das war für viele Wedeler eine Einheit. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sie in der Presse im Zusammenhang mit ihrem unermüdlichen Einsatz für Patienten und das Krankenhaus anerkennend als „rasende Krankenschwester“ bezeichnet wurde. Aus dieser Zeit existieren bei ihren Mitschwestern Anekdoten, die ihr Fahrkönnen, sowie die Eile, mit der sie die Einkäufe zwischen ihren zahlreichen Verpflichtungen erledigte, in anschaulicher Weise widerspiegeln.
1947 gab es für das Krankenhaus und die Mitarbeiter zwei besondere Ereignisse: Das Krankenhaus Wedel wurde als einziges Haus in Schleswig-Holstein als Krankenpflegeanstalt anerkannt. Bis zur Einrichtung eines Schulungsraumes wurde fast 15 Jahre lang im Speisesaal des Haupthauses unterrichtet. Es wurden Diakonissen, Verbandsschwestern und später auch freie Schwestern ausgebildet.
Sogar ein Kulturetat stand den Mitarbeitern zur Verfügung, mit der Begründung, dass das Krankenhaus zu weit vom Ort entfernt sei, um an kulturellen Veranstaltungen in Wedel oder Hamburg teilzunehmen und es Aufgabe der Stadt sei, für diesen Teil seiner Mitarbeiter zusätzliche Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen. 1.500 RM werden für literarische und musikalische Veranstaltungen zur Verfügung gestellt. Als Veranstaltungsort dienten die privaten Räumlichkeiten von Dr. Müller.
Die stürmische Entwicklung des Krankenhauses in den Kriegs- und Nachkriegsjahren hat ihre Spuren hinterlassen. Nicht nur die bauliche Situation, auch fehlende Personalunterkünfte, Hygienemängel und die Einführung der 60-Stunden-Woche für die Pflegemitarbeiter bereiteten den Stadtvätern und dem Chefarzt Dr. Müller große Sorgen. In den Jahren 1951 und 1952 wies Dr. Müller mehrfach in Sitzungen und Ratsdebatten eindringlich auf die schlechte bauliche Situation, besonders auf ein fehlendes zentrales Treppenhaus mit Fahrstühlen hin.
Doch ebenso wichtig war für die Stadtväter der Bau eines Schwesternwohnheimes. Sie wollten die katastrophale Wohnsituation der Schwestern beheben und das Haus für die Gewinnung der dringend benötigten Schwestern attraktiver machen. Die Projekte lassen sich finanziell jedoch nicht gleichzeitig realisieren, deshalb wurde das Schwesternhaus durch die Wohnungsbaugenossenschaft „Neuen Heimat“ errichtet. Die Baupläne sahen 30 Einzelzimmer, 10 Dreibettzimmer, einen Wohnraum mit Schlafkabinett für die Oberin und eine Hausmeisterwohnung vor. Nicht nur Schwestern, auch Angestellte und deren Angehörige konnten hier 1954 einziehen.
Bis zur Fertigstellung des dringend benötigten Bettenhauses sollte es noch bis 1957 dauern. Fast täglich, so das Wedel-Schulauer Tageblatt, fuhr Bürgermeister Heinrich Gau zum Krankenhaus, um den Fortschritt der Bauarbeiten persönlich zu überwachen. Mit Stolz wurde das neue Bettenhaus vorgestellt: Es verfügte über drei Stationen mit Elbblick und moderner Zimmerausstattung, wie zum Beispiel Wandlampe, Radio, Telefon und Notruf. Die Uhren auf den Stockwerken hatten eine besondere Funktion. Über einen roten Zeiger konnte im Notfall ein Arztruf erfolgen; das ist der Vorgänger des späteren “Pieper“.
Die vom Kreis Pinneberg geforderte Lungenfachabteilung wurde 1958 fertiggestellt, allerdings durch einen Rückgang der TBC-Erkrankungen nicht mit den geplanten 50, sondern nur noch mit 25 Betten. Nach der Fertigstellung der beiden Gebäude und der Umbauten wurde die letzte Baracke, die bis dahin als Kinderstation eingerichtet war, noch bis Anfang der 60er Jahre für den Krankenpflegeunterricht und zum Teil auch für die Unterbringung von Mitarbeitern genutzt.
Ein besonderes Thema in den 1950er Jahren waren die Arbeitszeiten im Pflegebereich. Um die Einführung einer geforderten 60-Stunden-Woche zu finanzieren, schlug Dr. Müller vor, die offizielle Zahl der Betten von 200 auf 160 zu reduzieren und das ersparte Geld für die Einrichtung der zusätzlich benötigten Schwesternstellen zu verwenden. Trotz dieser Maßnahme wurde die Arbeitszeit immer noch um durchschnittlich 3,5 Stunden in der Woche überschritten. Mehrfach kam es in dieser Zeit zu Verhandlungen mit dem Diakonissenhaus Tabea, das aufgrund von eigenem Schwesternmangel die Zusammenarbeit mit dem Städtischen Krankenhaus Wedel beenden wollte. Eine bereits ausgesprochene Kündigung konnte Dr. Müller rückgängig machen und dadurch eine personelle Notsituation in der Pflege verhindern.
Es kam zu Unruhen und auch zu internen Spannungen, die sich wohl an den unterschiedlichen Berufsauffassungen im Zusammenhang mit der Einführung der 60-Stunden-Woche entzündet hatten. Die gute wirtschaftliche Führung der Oberin und der selbstlose Einsatz der Diakonissen standen jedoch zu keiner Zeit in Frage. „Wir haben damals“, so eine ehemalige Schwester, „gearbeitet bis die Arbeit fertig war. Schwester Johanna war streng, aber auch immer mit hohem eigenen Einsatz für das Krankenhaus.“ In einem Schreiben des Personalrates hieß es später: „Obwohl gerade vom Personalrat wiederholt Praktiken der Oberin kritisiert und beanstandet wurden, muss anerkannt werden, dass sie sich große Verdienste um die Entwicklung des Krankenhauses erworben hat.“
Auch im ärztlichen Bereich gab es in den 1950er Jahren Veränderungen: Die erste Ärztin im Städtischen Krankenhaus Wedel, Dr. Rosemarie Schumacher, beendet nach zwei Jahren ihre Tätigkeit. Sie eröffnet ab 1950 eine eigene Praxis in Wedel.
Der Helgoländer Arzt Dr. Walter Kropatschek, der die Insel wegen der von den Engländern beabsichtigten Sprengung verlassen musste und deshalb seit 1946 im Krankenhaus Wedel als Oberarzt tätig war, übernahm 1950 die Praxis eines niedergelassenen Kollegen in der Mühlenstraße. 1952 konnte er auf die Insel zurückkehren. Die Verbindung zu Dr. Müller und dem Krankenhaus blieb: Wedeler Krankenhausärzte übernahmen die Vertretung von Dr. Kropatschek in der wieder aufgebauten Inselklinik, Patienten von Helgoland kamen zur Behandlung nach Wedel, Notfälle wurden mit dem Hubschrauber gebracht, der auf einem Acker in der Nähe des Wasserwerkes landen konnte. Durch die Zugehörigkeit der Insel zum Kreis Pinneberg war diese Kooperation auf Kreisebene möglich und für die Mitarbeiter nichts Besonderes.
Erstmalig wurden im Städtischen Krankenhaus Anfang der 1950er Jahre Gastfachärzte hinzugezogen. Bis zu diesem Zeitpunkt unterstanden sämtliche Fachabteilungen dem ärztlichen Direktor Dr. Müller. Der niedergelassene Internist Dr. Karl Witt erhielt als erster einen Vertrag als Gastfacharzt. Auf Vorschlag von Dr. Müller wurde ihm nach nur wenigen Monaten die Leitung der Inneren Medizin einschließlich der Station für Infektionserkrankungen übertragen. Somit war die Innere Medizin erstmals ein eigener Fachbereich. Weitere Gastfachärzte gab es für Augenerkrankungen (Dr. Bässler), Hals-Nasen- und Ohrenerkrankungen (Dr. Dennhard) sowie Kinderheilkunde (Dr. Krauss).
1957 beendete Dr. Witt seine Tätigkeit im Krankenhaus, arbeitete jedoch weiterhin gemeinsam mit seiner Frau Wilhelmine in seiner Praxis in Wedel. Neuer Chefarzt in der Inneren Medizin wird Dr. Gustav Schunck. Als dieser bereits 1959 von der Stadt Wedel die fristlose Kündigung erhielt, wird in der Zeitung über den „Fall Dr. Schunck“ berichtet. Es wird gemutmaßt, dass seine Entlassung im Zusammenhang mit seinen öffentlichen Auftritten und seiner Zugehörigkeit zum „Arbeitsausschuss gegen den Atomtod“ stand.
1953 wurde erstmals ein Verwaltungsleiter eingesetzt. Nach mehr als 20 Jahren wird Schwester Johanna endlich von dieser großen Aufgabe entlastet. Sie hatte diese Bürde auf sich genommen, obwohl sie laut Vertrag dazu nicht verpflichtet war. In dieser Zeit wurden auch der eigene Obst- und Gemüseanbau aufgeben. Aus Kostengründen – wie es hieß.
Die 60er Jahre begannen mit einer großen Veränderung im Pflegebereich. Das Diakoniewerk Tabea löste wegen Schwesternmangels den Gestellungsvertrag auf. Im Dezember 1960 verließ auch Schwester Johanna Grund nach 32 Dienstjahren das Krankenhaus. Mit 67 Jahren hatte sie das Pensionsalter längst überschritten. Weitgehend eigenständig hatte sie das Haus erfolgreich durch schwierige Zeiten geführt. Der selbstlose Einsatz der Diakonissen – getreu ihres Leitspruches „Dienen ist Leben“ – hatte in der Bevölkerung zu großer Anerkennung geführt. In einer Feierstunde zum Abschied von Johanna Grund hieß es: „Wir nehmen heute nur amtlich Abschied von ihr – in den Herzen der Bürger unserer Stadt hat sie einen Ehrenplatz für immer“. Nachfolgerin wurde Charlotte Krohn.
Standen in den 1950er Jahren die Bauprojekte, die Arbeitszeiten der Schwestern und die Beseitigung der Hygienemängel im Vordergrund, so waren die 1960er geprägt durch Neuorientierung und Spezialisierung. Freie und Verbandsschwestern bestimmten jetzt das Bild in der Pflege. 1961 trat Dr. Hans Schulze die Nachfolge des entlassenen Dr. Gustav Schunck als neuer Chefarzt in der Inneren Medizin an. Neben den Fachabteilungen Chirurgie und Innere Medizin werden 1965 Gynäkologie und Geburtshilfe (Chefärztin Frau Dr. Tölle) und 1969 die Anästhesie (Chefärztin Frau Dr. Elisabeth Kulgemeyer) zu eigenständigen Fachbereichen.
Der in Wedel ausgebildete Krankenpfleger Ernst Hitzemann wurde 1968 pflegerischer Leiter der OP-Abteilung einschließlich der Notfallambulanz. Die Vorbereitungen für die dringend benötigten neuen OP-Räume begleitete er mit viel Sachkenntnis und großem Engagement.
Auch die Wohnsituation für Ärzte hatte sich verbessert. 1963 wurden Arztwohnungen auf dem Krankenhausgelände gebaut. Diese Wohnungen auf dem Krankenhausgelände waren deshalb so wichtig, weil Dr. Müller nachts und am Wochenende bei Notfällen die Präsenz der zuständigen Stationsärzte verlangte.
1965 beendete Dr. Müller nach 31 Jahren seine Tätigkeit als ärztlicher Leiter im Städtischen Krankenhaus in Wedel. Er hatte das Krankenhaus als ärztlicher Direktor durch drei bewegte, schwierigste Jahrzehnte geführt. Knapp waren nicht nur die Ressourcen, knapp waren auch stets seine Worte. „Präzise und auf den Punkt genau“, heißt es. Hartnäckig und beharrlich war er in Sitzungen, wenn es um bauliche Verbesserungen und um die Qualität in der Patientenversorgung ging. Vorgaben, die er nicht für wichtig hielt, beachtete er nicht. Persönlich mutig war er, als er den Hamburger Kinderarzt Professor Rudolf Degkwitz aufnahm, der wegen seiner Kritik am NS-Regime vom Volksgerichtshof zu sieben Jahren Zuchthaus in Celle verurteilt war und nach seiner Flucht von dort am 8. April 1945 für die letzten Wochen bis zum Kriegsende im Wedeler Krankenhaus eine Bleibe fand.
Das Wedeler Krankenhaus verließ Dr. Müller mit Wehmut; sein Wunsch, weiterhin Belegarztbetten im Krankenhaus zu führen, wurde ihm nicht erfüllt. Nachfolger wurde sein Oberarzt Dr. Helmut Hummel. Hummel setzt neue medizinische Standards und legte den Grundstein für die Endoprothetik, die später einen Schwerpunkt in der operativen Medizin einnehmen wird.
1967 gab es erneut einen Chefarztwechsel. Dr. Karl Wendl aus der Hamburger Klinik Finkenau wurde Leiter der Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Zahl der Geburten stieg und auch in den folgenden geburtenschwachen Jahrgängen kann das Haus respektable Zahlen vorweisen. Das Krankenhaus genoss bei der Wedeler Bevölkerung und auch bei auswärtigen Patienten einen guten Ruf.
Ende der 1960er Jahre war das Haus stark sanierungsbedürftig – insbesondere der Operationssaal und die Küche mussten dringend renoviert werden – und die Stadtvertretung Wedel sah andere dringliche kommunale Aufgaben. So fand die Stadt Wedel im Kreis Pinneberg einen potenten Verhandlungspartner, der die Einrichtung des Krankenhauses übernahm. Daher begannen die Vorbereitungen für die Übernahme des Krankenhauses durch den Kreis Pinneberg.
Zum 14.07.1971 ging das Krankenhaus an der Holmer Straße unter dem Leitenden Chefarzt Dr. Hummel in die Hände des Kreises Pinneberg. Die bislang von der Stadt Wedel beschäftigen 13 Ärzte und rund 80 Pflegekräfte des damals 185 Betten zählenden Hauses wechselten mit. Zu den Kreiskliniken gehörten dann Elmshorn, Pinneberg, Barmstedt und Uetersen.
Der Kreis Pinneberg betrieb die Krankenhäuser zunächst in Eigenregie, schloss dann 1983 das Krankenhaus Barmstedt und 2004 das zuvor auch städtisch betriebene Krankenhaus in Uetersen. 2009 verkauften die Regio-Kliniken Pinneberg einen Großteil ihrer Anteile an den Klinikbetreiber Sana. In Wedel schrumpfte durch Spezialisierungen im Klinikalltag die Bandbreite der Abteilungen. Es schlossen nach und nach die Kinderabteilung, die Geburtsklinik. Zuletzt wurden in Wedel nur noch die Abteilungen Geriatrie, Pneumologie, Palliativmedizin sowie eine geriatrische Tagesklinik mit insgesamt 200 Mitarbeitern betrieben. Im August 2020 wurde das Krankenhaus Wedel geschlossen, das Personal ging nach Pinneberg und Elmshorn.
Aus Europoint wird ein Senioren-Appartment-Haus
Am 06. Mai 1971 besuchte eine blonde Schwedin das Richtfest des Gebäudes, das nach ihrem verstorbenen Mann benannt werden sollte. Das Senioren-Appartment-Haus sollte nach dem Seeteufel, wie Felix Graf Luckner auch genannt wurde, benannt werden.
Der Weg zum Bau des späteren Graf-Luckner-Heimes an der Elbe war ein steiniger. Hatte doch zunächst der bisherige Eigentümer des Areals, der Investor Kurt Ladendorff, geplant, dort ein Kongresszentrum namens Europoint mit Fähranlegestelle für Tragflächenboote zu errichten. Unter anderem durch massiven Protest aus der Bevölkerung, gebündelt durch die „Schutzgemeinschaft Elbhochufer“, die sich auch auf dem Klagewege gegen das Bauprojekt wehrte, kam der Bau nicht zustande. Diese Bürgerinitiative, gegründet im September 1962, der zeitweilig über 130 Mitglieder angehörten, wurde in den ersten Jahren von Carl Breuer geleitet. Carl Breuer war lange Jahre der Chef der Hamburger Kriminalpolizei. Ihm folgte der Staatsanwalt Reinhold Postelt, der im Juli 1972 den Verein liquidierte. Das vordringliche Vereinsziel, Europoint zu verhindern, war erfüllt. Stattdessen entstand durch die „Aktion Altenbetreuung“ das heutige Heim.