Zwischen Grand Hotel und Fährmannssand

in Wedel Marketing

WEDEL/HEILIGENDAMM. Grau und schwer wie Beton liegt der Himmel über der Ostsee bei Heiligendamm. Stahlblau zerbrechen die Wellen an der großen Seebrücke und an den sich auftürmenden Eisschollen am Strand. Nur ein paar Schritte hinter der kargen Strandpromenade trotzen die klassizistischen weißen Fassaden des Grand Hotels der winterlichen Ungemütlichkeit. Vergoldetes Mobiliar und Kronleuchter empfangen die Gäste in der riesigen Empfangshalle. Und inmitten dieses fast schon heimeligen Pomps ragt dieser große Mann mit dem akkurat zurückgelegten schwarzen Haar in die Höhe. Es ist Henning Matthiesen, 39 Jahre alt, Geschäftsführender Direktor des Grand Hotels Heiligendamm - und Wedeler. Matthiesen ist der fleischgewordene Servicegedanke, auch wenn er zum Interview schreitet. Als dem Fragenden langsam das Notizpapier auszugehen droht, springt Matthiesen ebenso zuvorkommend wie emsig auf, läuft in sein Büro und bringt Papier - im Grand Hotel soll sich schließlich jeder wohl fühlen. Das ist sein Job. "Ich freue mich immer, wenn die Menschen bei der Abreise in den Rückspiegel schauen und sich denken: Das war schön. Ich komme wieder" Umso spannender ist es zu beobachten, wie sehr sich der 39-Jährige freut, als ihm selbst eine kleine Aufmerksamkeit zuteil wird: Das Wedel Marketing hat dem erfolgreichen Sohn der Stadt eine Zeichnung mit Widmung des Wedeler Künstlers Ole West mitgeschickt. "Das ist aber toll", sagt Mathiesen. Und dann sprudelt es aus ihm heraus und es ist ein bisschen so, als ob da jetzt nicht mehr der Top-Hotel-Manager Matthiesen sitzt, sondern der kleine Henning: "Bei dem Vater von Ole West bin ich zur Schule gegangen. In die Altstadtschule. Der hat immer so Schiffsmodelle gebaut", erinnert sich Matthiesen. 

Seine Heimatstadt, das merkt man in diesen Momenten, hat den weit gereisten Hotelier nie ganz losgelassen. Noch heute kommt er oft an die Elbe zurück, um seine Familie zu besuchen und mit seiner Frau Nathalie und den gemeinsamen Söhnen Fahrradtouren am Deich zu unternehmen oder Drachen steigen zu lassen am Fährmannssand. So wie er es als Kind selbst getan hat. Wedel, das war in Matthiesens Leben auch der Ausgangspunkt für seinen Auszug in die glitzernde Welt der Luxushotels. Und auch wenn der Start wenig luxuriös war, zielstrebig war auch der junge Matthiesen schon: "Am S-Bahnhof Wedel sind mir um 4.43 Uhr morgens meine Freunde entgegengekommen", erinnert er sich. Die Freunde kamen gerade von langen Party-Nächten zurück und Matthiesen fuhr zu seiner Ausbildung - im renommierten Hotel Prem an der Außenalster. 

Nach der Ausbildung in Hamburg, will der junge Wedeler das Ausland kennenlernen. Er nimmt eine Stelle in einem Hotel bei Verdun an. Küche und Service. Im Gepäck seine Träume - und nur einen Satz auf Französisch: "Ich hätte gern ein Kilo Tomaten." 

Als er bei einem Ausflug nach Paris die pompösen Luxushotels der französischen Hauptstadt sieht, weiß er: "Da will ich hin." Er bewirbt sich in Paris. Und hier ist eine deutsche Ausbildung ein guter Türöffner. Er tritt eine Stelle im Hotel Scribe an: "Ich erzähle meinen Mitarbeitern gern von der unsichtbaren Tasche, die man immer dabei hat und in die man seine Erfahrungen steckt und von deren Inhalt man auch später immer wieder profitieren kann", sagt Matthiesen.

Ein Freund rät ihm, auch einmal das Hotelwesen in England auszuprobieren. Kurz darauf reist Matthiesen mit dem Eurostar zum ersten mal in seinem Leben nach London. In der Tasche ein paar Termine für Vorstellungsgespräche. Matthiesen, der in dieser Zeit auch seine französische Frau Nathalie kennenlernt, startet durch und pendelt zwischen London, Paris, Berlin und immer wieder auch Wedel. Es folgen Stationen im Hotel Vier Jahreszeiten und dem Kempinski in München, er wird stellvertretender Hoteldirektor im Adlon in Berlin. Der Hotelmagnat Sir Rocco Forte wird auf ihn aufmerksam und heuert ihn an, um in Prag ein neues Luxushotel aufzubauen - der Ritterschlag. Drei Jahre lang wirbelt, organisiert und plant Matthiesen in Prag - aber der Deich fehlt ihm. Immer wieder rauscht er an Wochenenden mit seiner jungen Familie nach Wedel. Elbluft schnuppern. Als sich im vergangenen Jahr die Gelegenheit ergibt, die Leitung des Grand Hotels in Heiligendamm zu übernehmen, greift er zu. Seit Juli ist das Hotel, das vor allem durch den G8-Gipfel 2008 Berühmtheit erlangte, der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere: 222 Zimmer, 300 Mitarbeiter, prominente Gäste aus der ganzen Welt und Mitglied im Club der zehn besten Hotels Deutschlands. 

Was macht ein Luxus-Hotel aus? "Perfekter Service, das ist die Basis, aber entscheidend ist das kleine Bisschen obendrauf", sagt der 39-Jährige. Und was ist Luxus? "Zeit!", antwortet Matthiesen. "Wenn ich ein bisschen frei habe, dann verbringe ich die Zeit mit meiner Familie. Ich brauch das nicht, dann alleine auf irgendeinem Golfplatz rumzulaufen", sagt er und lächelt.

Und dann sind da immer wieder die Fahrten nach Wedel an die Elbe. In eine andere Welt. "Es ist immer spannend, wenn ich nach Hause komme. Das ist ein ganz besonderer Ort", sagt er. Dann fährt er manchmal einfach nur durch die Straßen, an die Orte seiner Kindheit. "Und plötzlich ist die Jet-Tankstelle weg", sagt Matthiesen. Veränderung in Wedel - Das passt nicht in Matthiesens Konzept von seiner Heimatstadt: "Es fühlt sich oft so an dass ich, seitdem ich die Stadt verlassen habe, ich mich sehr verändert habe. Und Wedel ist immer gleich geblieben. Das hilft mir, zu meinen Wurzeln zurückzufinden." Und wenn er sich dann wieder in sein Auto von Wedel in Richtung Ostsee setzt, dann schaut er in den Rückspiegel und weiß: Ich komme wieder.

Wedel-Schulauer Tageblatt

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