Wenn man den Sozialdemokraten Helmut Plüschaus wegen seines gesegneten Alters anfrotzelte, er müsse doch August Bebel noch persönlich gekannt haben, dann erwiderte er grienend, "Den nicht ganz, aber andere wichtige Sozis." Und das war nicht übertrieben Heide Simonis, Peer Steinbrück, Helmut Schmidt, dessen Bruder Wolfgang ebenfalls in Wedel wohnte, und viele weitere hatten mehr oder weniger großen Kontakt zu ihm. Denn es war ein pralles Polit-Leben, das er führte. Es ist jetzt zuende gegangen. Helmut Plüschau starb im Alter von 90 Jahren.
Seine Kindheit in der Nazi-Zeit prägte den in Hetlingen geborenen Plüschau stark. Als Mitglied einer baptistischen Famile war er Anfeindungen ausgesetzt. Und in die Schule wollte er schon nach dem ersten Tag nicht mehr, weil er die hochdeutsch sprechende Lehrerin nicht verstand - bis zu dem Tag hatte er nur Plattdeutsch gesprochen.
Helmut Plüschau lernte den Beruf des Textilkaufmanns im Bekleidungsgeschäft Lüchau, verkaufte danach Anzüge bei Marxen, sorgte später als Vertreter für Pfefferminz-Bonbons und Bier für das Einkommen für sich und seine Frau Christel, einer Krankenschwester aus dem Krankenhaus Wedel, die er 1957 heiratete.
Der Bierverkäufer Plüschau brachte es bis zum Prokuristen der Bavaria-Brauerei und verwirklichte so das damalige Verprechen der Sozialdemokratie vom Aufstieg durch Leistung und Fleiß. 1965 trat er in die Partei ein - und mischte sie seitdem das eine oder andere Mal auf. "Ich kniee nicht vor Königsthronen", war eines der Bekenntnisse, die man oftmals von ihm hörte.
1966 begann seine kommunalpolitische Karriere, als er in den Sparkassenausschuss einrückte, 1969 wurde er Ratsherr und wirkte in verschiedenen Ausschüssen. Ämter in der Partei und in der AWO kamen in den nächsten Jahrzehnten dazu.
Ein deftiger Skandal sorgte Anfang der 70er-Jahre bundesweit für Schlagzeilen: die "Hasch-Affäre" am Johann-Rist-Gymnasium, als der damalige Schulleiter die Polizei rief, nachdem Drogen bei Schülern entdeckt worden waren - der Rektor alarmierte die Ordnungshüter, ohne die Eltern zu informieren. Plüschau zog gegen den Rektor zu Felde, weil er sich an die repressiven Jahre seiner Kindheit erinnerte, wollte seine Entlassung erwirken, doch scheiterte er nicht nur daran, sondern vielmehr wurde der Rektor entlastet.
Als das in den 70er-Jahren marode Reepschlägerhaus abgerissen werden sollte, war Helmut Plüschau einer der Aktivisten, die das verhinderten. Persönlich nahm er das Landesdenkmalschutzamt in die Pflicht - auch Plüschau ist es zu danken, dass dieses architektonische Juwel heute noch steht.
Nachdem er 1978 als Ratsherr ausschied und lediglich als bürgerliches Mitglied weiter in Wedel Politik machte, widmete er sich stärker dem Beruf, übernahm eine Firma für Sicherheitstechnik. Das große Comeback kam 1996, als er als Nachfolger seines Genossen Jens Vollert in den Landtag gewählt wurde - und zwar direkt. Bis 2005 wirkte er dort, lernte viele der ehemaligen sozialdemokratischen Hochkaräter kennen und sorgte auch für Rabatz, notfalls auch mit klarer Erpressung. Als einmal der Fachhochschule Wedel die Landeszuschüsse gestrichen werden sollten, drohte er Ministerpräsidentin Heide Simonis deutlich mit seinem "Nein" zum kompletten Haushalt, was wohl ein Scheitern des Etats bedeutet hätte. Plüschau bekam das Geld für die FH.
Die größte Popularität erntete er jedoch als "IHK-Verweigerer", er mochte nicht einsehen, dass Unternehmer als Zwangsmitglieder in der Industrie- und Handelskammer geführt wurden. "Aus der Kirche kann ich austreten - aus der IHK nicht." Das fand er unmöglich und organisierte bundesweit Widerstand mit Tausenden von Gleichgesinnten. Er wurde im Wirtschaftsausschuss des Bundestages angehört, zog vors Bundesverfassungsgericht - und verlor den Zwangsgebührenprozess.
Ein letztes Mal geriet Helmut Plüschau in die Schusslinie, als er im Streit über einen Kredit mit der Stadtsparkasse brach.
Helmut Plüschau wurde für seinen Einsatz vielfach ausgezeichnet von seiner Partei und der Republik. So wurde ihm beispielsweise das Bundesverdienstkreuz verliehen. Als „links, dickschädelig und frei“ bezeichnete Plüschaus Nachfolger im Landtag, der Haseldorfer Abgeordnete und SPD-Kreisvorsitzende Thomas Hölck, seinen einstigen Mentor. „Helmut Plüschau ist ein aufrechter Sozialdemokrat, der sich nie hat verbiegen lassen.“ Auch als Landtagsabgeordneter sei er nie abgehoben gewesen, sondern ein Volksvertreter auf Augenhöhe".
In seinen späten Jahren schenkte er seine Zeit seiner Ehefrau Christel und seinen zwei Söhnen und deren Familien - etwas Wiedergutmachung für jene Jahre, in denen er sie wegen der Politik zu selten sah. Helmut Plüschau spielte leidenschaftlich gern Schach, Skat und golfte. Dass ihn Genossen wegen des damals elitären Spiels bekrittelten, war ihm selbstverständlich völlig egal.
Mit Helmut Plüschau starb ein Vertreter der guten, alten Sozialdemokratie. Streitbar, profiliert, kantig, aber auch mitfühlend, solidarisch, menschlich. (Jörg Frenzel/kommunikateam GmbH, 14.7.2025)