Wedeler GeDenkzettel

Dr. Arno Schöppe und Anke Rannegger im Jahr 2013

Jedem ergeht es so: Bestimmte Ereignisse möchte man am liebsten vergessen, von einigen ist man überzeugt, dass die Erinnerung daran erhalten bleiben muss. Die heutige Großelterngeneration erinnert sich an Krieg, Bombardierung, Flucht und Vertreibung. Eingeprägt sind aber auch Zeiten als Pimpf oder BDM-Mädel. Die Elterngeneration erinnert sich vielleicht an politische Demonstrationen, den Mauerfall, aber auch an Demütigungen, Brände oder andere Ereignissen, die das Leben prägen. Ein jeder hat Geschichten zu erzählen. Von persönlichen Schicksalen, aber auch von kollektiven Desastern.

In den Jahren 2013 bis 2019 wurde unter dem Titel Wedeler GeDenkzettel eine wöchentliche Zeitungskolumne publiziert, die von Dr. Arno Schöppe, damals VHS Wedel und Anke Rannegger vom Stadtarchiv Wedel initiierte wurde. Gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach Geschichten, Tagebücher und Abbildungen von prägenden Zeiten und riefen ihre Leser auf, die Erinnerungen zu konservieren, Abbildungen ins Stadtarchiv zu bringen die die Geschichte dahinter zu erzählen. Viele Wedeler folgten diesem Aufruf und trugen zu dieser Zeitungskolumne bei.

 

Die Schwarze Serie Nr.1 - Schwarzmarkt

Vergitterte Fenster, zusätzliche Sicherheitsschlösser und ein ausgeklügeltes Mehraugenprinzip waren nötig, um in der Kriegs- und Nachkriegszeit eine halbwegs gerechte Verteilung der raren Lebensmittel sicherzustellen. In einem "Hochsicherheitsbüro" im Rathaus wurde die Ausgabestelle für die begehrten Lebensmittelkarten eingerichtet. Der Volksgenosse, respektive Untertan der Britischen Militärregierung, sollte nicht in den versehentlichen oder gar kriminell erlangten Genuss der überaus knappen Nahrungsmittel gelangen. Wie aber war es mit der Zuverlässigkeit der Ausgabestellen-Mitarbeiter bestellt?

1942 etwa, als die in der Kartenstelle arbeitende Ehefrau eines Buchhalters zur Verwunderung ihres Ehegatten trotz Kontingentierung immer "reichlich Lebensmittel" mit nach Hause brachte, kam der Veruntreuungs-Verdacht auf. Im Verhör rechtfertigte er sich gegenüber der Polizei: "Wir sind beide sehr starke Esser und ich bin der Meinung, dass es hierauf zurück zu führen ist". Der Polizeichef vermerkte am Rand des Protokolls ein spöttisches "prima". Aber auch die Lebensmittelgeschäfte, die für ihre Kunden Stammkarten zu führen hatte, waren extra gesichert und wurden stichprobenartig überprüft. Dennoch kam es häufig zu Einbrüchen und Marken-Diebstählen, auch dort waren Gaunereien an der Tagesordnung. So nahm die Polizei im Oktober 1945 mehrere Betrüger aus dem benachbarten Hamburg fest, die gleich in etlichen Wedeler Läden tätig wurden, so in den Lebensmittelgeschäften von Paula Behrmann, Hans Körner und Otto Martens. Sie hatten einige Rationen Butter mit gestohlenen Lebensmittelmarken eingekauft.

Florierender Handel in Privatwohnungen
Die entwendeten Buttermarken-Bögen waren auf dem Schwarzmarkt in Hamburg für 200 Reichsmark beschafft worden. Die Hamburger Behörden hatten zwar nach dem Diebstahl die Marken für ungültig erklärt, für die Nachricht aus Hamburg war die Wedeler Provinz aber zu weit abgelegen. Einen "richtigen" Schwarzmarkt, wie in der Großstadt, soll es in der Rolandstadt nicht gegeben haben. Dazu lag Hamburg mit den mannigfaltigen Angeboten wiederum viel zu nahe. Polizei und Verwaltung hatten aber durchaus Kenntnis davon, dass es einen florierenden Handel von Schwarz- und Tauschwaren in Wedeler Privatwohnungen gab. Auch in dem Barackenlager an der Rissener Straße sollen nach dem Kriege umfangreiche Tauschgeschäfte stattgefunden haben. Unter britischer Verwaltung, aber nicht mehr unter Bewachung, waren dort ehemalige Zwangsarbeiter untergebracht. Die "starke Esserin" und unersättliche Mitarbeiterin der Kartenstelle hatte ihren Griff in die Karten-Kasse bitter zu bereuen. Sie wurde in Haft genommen und dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Zuvor wurden alle Lebensmittel beschlagnahmt. Von da an war wieder Schmalhans Küchenmeister, wie anderswo auch. Text: Arno Schöppe

Die Schwarze Serie Nr 2 - Schwarze Zukunftsahnungen

Gab es in Wedel wirklich keinen Schwarzmarkt? Das Wesen eines "schwarzen" Phänomens ist die Geheimhaltung. Es existieren in der Regel keine Hinterlassenschaften. Die Akten im Archiv gestatten aber manchmal einen Blick hinter die Geheimniskrämerei. Etwa wenn es in dem Bericht des Verwaltungslehrlings Günter Cohnen heißt: "Ein Mädel sang und spielte Lieder, in denen der schwarze Markt als gute Verdienstquelle hingestellt wurde", Jugendmund tut Wahrheit kund? Besagter Lehrling berichtete im Auftrag des Stadtdirektors und späteren Bürgermeisters Heinrich Gau über eine Veranstaltung der "Freien Deutschen Jugend" am 26. April 1947 abends in Köhlers Gasthof (Spitzerdorfstraße 18). Dort sollen "rund 700 bis 800 Personen" teilgenommen haben. Dem Stadtdirektor scheint diese Zahl prahlerisch vorgekommen zu sein. Mit dicken Bleistift-Fragezeichen markierte er seine Zweifel.

Richtig wohl schien ihm dabei aber nicht gewesen zu sein. Wer waren diese jungen Leute? Die „Wedeler FDJ-Gruppe“, stellte sich den Gästen als eine "überfraktionelle Jugendgruppe" vor. Als Ziel ihrer Aktivitäten zitierten sie aus ihrem Programm: "Die aktive Teilnahme aller Jungen und Mädel beim Wiederaufbau unseres Vaterlandes." In Gedichtform beschuldigten sie die "Alten" der trümmerhaften Nachlässe aus der Nazi-Zeit. Und auf der Bühne demonstrierten 13 bis 18-Jährige rauchend und saufend den elenden Zustand der Lebenswelt, die man ihnen hinterlassen hatte. Eine FDJ in Wedel? War das nicht die Staatsjugend-Organisation der späteren DDR? Richtig. Diese ist allerdings eine Neugründung durch Erich Honecker unter demselben Namen „FDJ“, deren Vorläufer 1936 im Exil entstand. Über die politische Motivation der Freien Deutschen Jugend in Wedel lässt der Verfasser des Berichts keinen Zweifel aufkommen: "Alle mir bekannten Jugendlichen waren überzeugt, dass die FDJ durch die KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) beeinflusst wird. Es waren fast alle KPD-Funktionäre anwesend". Nach dem düsteren Rückblick auf die Nazi-Zeit folgten noch Visionen: "einige kleine Scherze über die Zukunft, ( ... ) in der behauptet wurde, dass die Menschheit im Jahre 1996 bis auf ganz wenige Reste durch Atomzertrümmerung untergehen werde." Diese "schwarzen Aussichten" waren zum Glück nicht zutreffend. Die Jugend versuchte, ihre Zukunftsangst zu verdrängen. So wurde im Anschluss an das Kulturprogramm der Tanz in Köhlers Gasthof in Vorausschau auf die erwartete trübe Zukunft bis 2 Uhr nachts, also deutlich über die Polizeistunde hinaus, ausgedehnt. Text: Arno Schöppe

Die Schwarze Serie Nr.3 - Herrenmenschen in Schwarzer Uniform

"Beruhigen Sie sich doch kleine Frau. Sie bekommen einen Schuss und die Sache ist erledigt!". Mit diesen drohenden Worten verabschiedeten sich im Mai 1934 mehrere Hamburger SS-Leute von der 30-jährigen Wedelerin. Am Morgen war die Frau mit einem Fahrrad, das sie von einer Freundin geliehen hatte, zum Hafen geradelt. Die Elbfähre lag im Hafen und aus der Hafenstraße rasten zwei PKW heran. Das erste Fahrzeug, ein Dienstwagen der SS, schnitt der „kleinen Frau“ den Weg ab und brachte die Radfahrerin zu Fall. Das neue Rad hatte nur noch Schrottwert. Die Herren stiegen aus. Es waren der SS-Brigadeführer Henze, Staatsanwalt Kühl, SS- Obersturmbannführer Sommer und SS-Sturmmann Krapp. Diese versuchten, das beschädigte Rad zu reparieren, scheiterten aber daran. Für eine Entschädigung sammelten sie Geld zusammen. Für die Summe von 2,50 Reichsmark wollten sie sich loskaufen.
Da trat SS-Sturmbannführer Brockmann hinzu, der aus dem nachfolgenden Pkw gestiegen war. Dieser jagte auf rüpelhafte Weise die inzwischen hinzugekommene Gruppe von Schaulustigen fort. Er schimpfte, dass "man sehr wohl um die rote Wedeler Bande wisse" und die Wedeler Verhältnisse kenne und kommandierte nun die Abfahrt der Pkw. Bevor sie einstiegen, klopft einer der Männer der Geschädigten jovial auf die Schulter und sprach den eingangs zitierten Satz: "Beruhigen Sie sich doch kleine Frau. Sie bekommen einen Schuss und die Sache ist erledigt!". Vor der schwarzen Uniform hatten die Volksgenossen Respekt.
In Wedel gründete der SS-Hauptscharführer Hans Lau 1937 eine zwölf Mann starke Schar. Bis dahin waren die SS-Männer im Bezirk Altona organisiert. Von 36 Wedelern ist bekannt, dass sie Mitglied der schwarzen Truppe waren. Einige machten dort Karriere, wie etwa Lau, der im SS-Totenkopf-Sturmbann in verschiedenen Konzentrationslagern seinen unrühmlichen Dienst verrichtete. Für die "kleine Frau" dagegen ging es glimpflich aus. Sie ließ sich nicht so schnell einschüchtern und zeigte die überheblichen Herrenmenschen bei der Polizei an. Es ging ihr nun nicht mehr nur um den Schaden an dem Fahrrad, sondern auch um ihre Selbstachtung.
Bürgermeister Harald Ladwig muss gegrinst haben, als er die Anzeige zur Kenntnis nahm. Süffisant schrieb er an den vorgesetzten SS-Brigadeführer Henze, dass dieser doch sicherlich an einem guten Einvernehmen zwischen SS und Bevölkerung interessiert sei und daher wohl kein Interesse an einer strafrechtlichen Ermittlung haben könne. Die 54 Reichsmark Entschädigung für das Fahrrad wurden prompt erstattet. Text: Arno Schöppe

Schüsse auf Marion

Im Januar 1943 freute sich die 10-jährige Marion aus der Bündtwiete über den starken Frost, der die zugefrorenen Gräben in wunderbare Rutschbahnen verwandelte. Plötzlich während ihres Spiels peitschte ein Schuss durch die Feldmark. Getroffen von 10 Schrotkugeln schrie die Schülerin auf. An rechter Schläfe, hinter dem Ohr, an Arm, Bauch und Brust getroffen, wurde sie blutend von den Schützen ins Wedeler Krankenhaus eingeliefert. Dort wurden mehrere Durch- und Einschüsse diagnostiziert, die zwei Wochen später operativ entfernt wurden. Glücklicherweise verheilten die Wunden ohne größere Spätfolgen. Folgen für die Wedeler Jäger, die eigentlich auf der Hasenjagd waren, gab es keine. Marions Vater sah von einer Anzeige ab und die Polizei stellten die Ermittlungen ein. Pikanterweise war unter den schießwütigen Weidmännern der Schulrektor von Marions Schule: Arnold Hufe (siehe Foto).

Der Zeitungsbericht erschien am Freitag, den 20.12.2013 und am selben Tag klingelte im Stadtarchiv das Telefon: "Ich bin die Marion", sagte die alte Dame und lachte. Eine Stunde später waren wir - Anke Rannegger und Arno Schöppe - vor Ort und haben uns ihre Geschichte angehört. "Ich kann mich noch sehr gut an den Vorfall erinnern, denn ich habe bis heute die Schrotkörner im Körper. Ich lag damals eine Woche im Krankenhaus und Herr Dr. Müller hielt es damals für ratsam, die Kugeln nicht herauszuholen." Einer der Jäger brachte die Waffen nach Hause, die anderen brachten Marion per Taxi in Krankenhaus.
Erst der Taxifahrer dachte an die Mutter, die bereits verzweifelt den Blutspuren ihrer Tochter gefolgt war. Er holte sie ab und brachte sie zu ihrem Kind. Die Tage im Krankenhaus waren für Marion angenehm, sie wurde mit Apfelsinen und Schokolade beschenkt. Dinge, die für sie im Krieg wie Weihnachtsgeschenke waren. Die Jäger hatten aber auch allen Anlass, großzügig zu sein. Obwohl der Verdacht im Raum stand, dass zu viel "Zielwasser" im Spiel war, hatte der Vorfall keine juristischen Folgen für sie. Und Marion, die bei dem Gespräch 80 Jahre alt war, amüsierte sich noch immer über die auffällige Bevorzugung durch ihren Klassenlehrer Arnold Hufe. Text: Arno Schöppe

Folgenreicher Fahnen-Fund

Am Sonnabend, den 22.01.1938 erschienen auf der Wedeler Polizeiwache im Untergeschoss des heutigen Rathaus-Altbaus drei Schüler im Alter von 13 Jahren und packten vor dem überraschten Polizeihauptwachtmeister Ernst Fritze eine Fahne aus. Auf dieser Fahne war ein Bild einer Fabrik und die Aufschrift „Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands – Zahlstelle Wedel“ und den Jahreszahlen 1892 und 1914, rückwärtig die Beschriftung „Vorwärts immer – Rückwärts nimmer“ aufgebracht. Daran hingen noch eine Trauerschleife und Schärpen in schwarz-rot-gold. Die Jungen hatten die Gegenstände am Kronskamp zwischen dem Spargelkamp (heute Friedrich-Ebert-Straße) und dem Voßhagen ausgegraben. Sie waren beim Spielen auf eine vergrabene, gelötete Zinkdose gestoßen und hatten diese mit einem Spaten geöffnet. In der Kapsel befand sich auch eine Zeitung vom Juli 1933. Fritze brachte die Anzeige der Jungen sofort der Gestapo in Kiel zur Kenntnis. Diese teilte in einem vertraulichen Schreiben mit „Ich bitte, die in Wedel gefundenen Gegenstände zu vernichten…“. Einen Tag später bestätigte der Bürgermeister die Verbrennung der Fahne. Einer der Jungen, die die Fahne fanden, war Heinz Kegel, Namensgeber der heutigen Musikschule in der ABC-Straße. Text: Arno Schöppe

"Onkel Heinrich aus Amerika"

Es war ein wunderschöner Sommertag im Juni 1935. Die Gruppe der Mädchen des Jungmädelbundes Wedel und Rissen, machte einen Ausflug nach Rissen. Dort spielte die Gruppe der Mädchen im Alter von etwa 10 – 14 Jahren Völkerball. Am Spielfeld erschien ein älterer Herr. Angesprochen, was ihn so fasziniere, bekannt er „Ich bin Onkel Heinrich aus Amerika“. Er käme aus Kalifornien und wäre bei seiner Familie in Rissen zu Besuch. Und weil er das Spiel der Mädchen so hübsch fand, lud er sie alle miteinander zu einer Kaffeetafel in seine Pension ein. Bei schönstem Wetter fanden sich die Mädchen wenige Tage später in einem Garten in Rissen ein und genossen den Nachmittag. Damit alle eine Erinnerung an das Treffen haben, fertigte ein Fotograf ein Gruppenfoto an. „Onkel Heinrich aus Amerika“ mittenmang der Deerns, mit den Fahnen von Amerika und Deutschland in der Hand. Den Kindern wurde das Foto einige Zeit später zugeschickt. Text: Arno Schöppe

Was Wedeler in Kriegsgefangenschaft erlebten

„Certificate – for PW Nr. M.E 109 132 about course „Verwaltungslehre“ at PW-Camp Nr. 379 in Egypt”, ist der Wortlaut zu Beginn eines Zeugnisses aus dem Jahre 1946. Der Bescheinigung nach war der Soldat zunächst in dem Strafbataillon 999 eingesetzt, geriet in britische Kriegsgefangenschaft und besuchte im britischen Gefangenenlager am Suez-Kanal einige Lehrgänge an einer damals so bezeichneten „Wüsten-Universität“. Von dieser Einrichtung sind keine weiteren Aufzeichnungen oder Abbildungen bekannt. Wohl aber von einem anderen Kriegsgefangenenlager in Kanada, in dem ein Marineoffizier aus Wedel inhaftiert war. Das in der Fotosammlung des Stadtarchiv Wedel vorliegende Album zeigt Theateraufführungen, Eishockeyspiele und Konzerte, die durch die Soldaten veranstaltet wurden. Gefangenenidylle? Wohl kaum, denn auch in kanadischen Kriegsgefangenenlagern gab es Hunger, Entbehrungen, Revolten und es wurden Zwangsmaßnahmen verhängt. Gleichzeitig aber konnten sich die Gefangenen ein Taschengeld verdienen, mit dem sie Zigaretten, Rasierseife und weitere alltägliche Annehmlichkeiten im Kantinenbetrieb erwerben konnten. Wie müssen sich wohl deutsche Kriegsgefangene im sowjetischen Gulag gefühlt haben, als sie nach ihrer Freilassung von derart paradiesischen Zuständen erfuhren? Text: Arno Schöppe

Berühmte Sportler aus der Rolandstadt

Welcher Sportfan geriete nicht ins Schwärmen bei der Nennung des Namens Sepp Herberger? Oder besser bei Erinnerung an das Tor gegen Ungarn, das den Sieg in Fußball-Weltmeisterschaft im Jahre 1954 besiegelte? Doch wer erinnert sich an damaligen Studien-Kollegen Herbergers aus der Handballsparte: Otto-Günther Kaudynia? Kaudynia hätte einen Ehrenplatz in unserem Sportgedächtnis verdient. Er hatte als Handballlehrer und späterer Reichstrainer in den Dreißigern mit der Handball-Nationalmannschaft alles gewonnen, was zu gewinnen war.

Vor einer Rekordkulisse von nie wieder erreichten 100.000 Zuschauern gewann er 1936 in Berlin die erste Olympiagoldmedaille in der Geschichte des Feld-Handballs. 1938 holte sich die Nationalmannschaft  die Weltmeisterschaft im Hallenhandball. Kurze Zeit später gewann er auch die wiederum zum ersten Mal ausgespielte Weltmeisterschaft des Feldhandballs. Diese Leistung kommt einem „Triple“ gleich und ist keinem Handball-Nationaltrainer in Deutschland nach ihm gelungen.
Wer aber kennt Peter Buchholz? Einem undatierten Zeitungsausschnitt entnehmen wir: „Der wichtige Posten des Mittelläufers der Handball-Nationalmannschaft wurde mit einem ehemaligen Wedeler Turner, der jetzt bei der Wehrmacht in Königsberg dient, Peter Buchholz, besetzt.“ Die Nachricht dürfte aus dem Olympiajahr 1936 stammen, als Kaudynia die besten Handballspieler zusammenzog und Peter Buchholz in die Nationalmannschaft berief.
Über Peter Buchholz ist wenig bekannt. Geboren 1913 in Königsberg, wohnte er im Hause seiner Großmutter Grete Struckmeyer in der ABC-Straße 6. 1926 absolvierte er im Wedeler Strandbad ein viertelstündiges Brustschwimmen zum „Freischwimmer“ und gehörte der „Wedeler Turnerelf“ an. Nach der Lehre im Malerbetrieb von Ludwig Walter zog es ihn wieder nach Königsberg und erst seine Kinder sollten nach den Kriegswirren erneut in Wedel eine Heimat finden. Handballtrainer Kaudynia wie auch Peter Buchholz mussten im Krieg ihr Leben lassen. Text: Arno Schöppe

Heiraten für einen Tag auf Wedels Hochzeitsmarkt

Eheliche Pflichten - nur für einen Tag und dann Tschüss? Was nach heutiger Ex- und Hopp-Mentalität anmutet, war in Omas und Opas Jugend einmal im Jahr möglich. Und das in Wedel! Der Heiratsmarkt zog bereits bei der die erste Veranstaltung am Himmelfahrtstag im Mai 1952 rund 30.000 „Hochzeitsgäste“ nach Wedel. Wedels Einwohnerzahl war damit überschritten. In zahlreichen Standesämtern wurde im Sonderangebot „Heiraten für einen Tag“ getraut was das Zeug hielt. Ein Augenzeuge: „die Paare gingen einfach auf die Bühne und wurden für einen Tag getraut. Egal ob die sich schon früher kannten oder nicht. Was die dann gemacht haben, kann man sich ja denken. Am nächsten Tag ging alles wieder auseinander. Aber manche haben sich da auch richtig kennengelernt und nachher geheiratet für´s Leben.“ Dass es drunter und drüber ging, zeigen auch die Berichte der Polizei. Die wenigen Wedeler Ortsgendarmen hatten ihre liebe Mühe, „die durch reichlich Alkoholgenuss undisziplinierten Menschenmassen“ in die richtigen Bahnen zu lenken. Auf dem zweiten Heiratsmarkt, am Himmelfahrtstag 1953 wurde es noch gedrängter. Mit Barkassen und per Bahn reisten rund 60.000 Besucher nach Wedel und ließen die Organisatoren aufstöhnen. Die Belastungsgrenze war überschritten. Dennoch versuchte man 1954 mit großräumiger Verkehrslenkung die Massen zu steuern. Die B 431 wurde für den Durchgangsverkehr bereits in Hamburg-Osdorf umgeleitet, die Bahn fuhr mit Sonderzügen, auch die HADAG rüstete mit Sonderdampfern auf. Wann sah man in Wedel je wieder so viele Menschen? Es kamen 80.000 heiratslustige Personen nach Wedel. Es blieb natürlich nicht aus, dass Horden Betrunkener durch die Straßen torkelten. Sie hinterließen Trümmerfelder, schliefen in den Vorgärten ihren Rausch aus und verrichteten dort auch ihre Notdurft. Von der Austraße bis zur Bahnhofstraße „stank“ es den Anwohnern. Entsprechend auch die Klagen an die Stadtverwaltung. Mancher Wedeler aber witterte ein Geschäft. So gab es in der Bahnhofstraße eine Frau, die ihre Toilette für Heiratslustige zur Verfügung stellte und somit richtigen Umsatz machte, weil sie für den Toilettengang 10 Pfennige verlangte. Nach diesen Erfahrungen verzichtete die Stadt Wedel auf weitere Heiratsmärkte und so endete die Tradition im Jahr 1954. Jahre später erhielten die Stadtoberen noch die Anfragen nach den nächsten Terminen des Heiratsmarktes, sogar aus dem Ausland. Doch dieses Spektakel war fortan Geschichte. Text: Arno Schöppe

Flüchtlingswelle im Februar 1945

„… im Beisein des Bürgermeisters am 07.02.1945 mittags 13 Uhr wurde vereinbart, dass von (…) Bauern für das Stopfen von Strohsäcken Roggenstroh zur Verfügung gestellt wird,…“ Das sind die ersten Hinweise in den städtischen Akten auf die zuströmenden Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands im Jahr 1945. Gemütlich wird es nicht gewesen sein, aber zunächst konnten 120 Personen im Fährhaus und 60 in der Mittelschule einen Schlafplatz finden. Der große Saal, die Bühne und der Nebensaal wurden zum Lager. Als Aufenthaltsraum konnte die Veranda genutzt werden. Wenig später stellte man die Flüchtlinge auf dem Rathausvorplatz in einer Art „Supermarkt“ aus. Nach Angaben einer Zeitzeugin empfanden es die betroffen Flüchtlinge als „Sklavenmarkt“. Hier konnten sich die Wedeler „ihre“ Flüchtlinge aussuchen, die sie bei sich einzuquartieren hatten. Denn nun galt es für alle Einwohner des Ortes zusammenzurücken. So lebten Familien bis auf 4,9 m² zusammengedrängt. Wie niederschmetternd das Zusammenleben auf so beengtem Raum war, kann nur nachempfinden, wer es selbst erlebt hat. Dennoch benahmen sich einige der Alteingesessenen den Flüchtlingen gegenüber sehr unfreundlich. Bekannt sind z.B. erhebliche Konflikte in dem Hause des Apothekers in der Mühlenstraße. Im März 1945 zog hier eine Frau aus Ostpreußen mit ihrer erwachsenen Tochter ein. Beide hatten eine wochenlange Odyssee über das zugefrorene Eis des Kurischen Haffs und einer langen Eisenbahnfahrt von Danzig aus hinter sich gebracht. Den einquartierten Damen wurden zunächst für die Bereitstellung von Federbetten silberne Teelöffel abgeknöpft. Zudem wurde von der jungen Flüchtlings-Frau Dienste im Haushalt erwartet. Verstärkt wurden die schwelenden Konflikte, als zu der bedrängten Enge auch die Unterversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln hinzukam. Daher war es vom Hausherrn besonders boshaft, als er auf der Gartenfläche, die den Flüchtlingen für den Gemüseanbau zugewiesen war, doch tatsächlich Feuerholz abkippte und so die zart aufkeimenden Jungpflanzen zerstörte. Text: Arno Schöppe

Wedeler Rundum-Verteidigung zum Kriegsende

Wenige Tage vor dem Einmarsch der Engländer am 04.05.1945 wurde es noch einmal hektisch in Wedel. Ein paar Unverdrossene, die noch an den Endsieg glaubten, ergriffen ihr Zimmermannsbeil. Ein damals zehnjähriges Mädchen berichtet, dass einige Männer in der Mühlenstraße grobes Baumaterial herbeischafften. Sie verkeilten es in der Absicht, eine Panzersperre gegen die vorrückenden Engländer zu errichten. Der Krieg mit seiner blutigen Seite hatte sich in diesen Tagen ohnehin schon Wedel zugewandt.
Wie im Sterberegister dokumentiert ist, kamen bei einem Artillerie-Beschuss von der Buxtehuder Elbseite aus in Wedel mehrere Menschen ums Leben. Luftangriffe tieffliegender Jagdflugzeuge forderten Opfer. Das Leben in Wedel war kompliziert geworden. Flüchtlinge mussten zusätzlich ernährt werden. Der Kampf um die knappen Lebensmittel und Grundversorgungsgüter forderte Opfer. Vor allem Kinder waren zunächst die Leidtragenden. Auch im Wedeler Krankenhaus verstarben Kleinkinder an Nahrungsmangel. Flüchtlinge aus Danzig starben nach kräftezehrender Flucht an Erschöpfung und Unterernährung.
Einige Dutzend Wedeler, Frauen wie Männer und Jugendliche, waren in den vergangen Wochen mit dem Spaten in der Hand abkommandiert, den Friesenwall zu graben. Dieser sollte Hamburg vor einem Angriff von der Seeseite schützen. Vergeblich, denn jetzt kamen die Engländer aus dem Osten von der Hamburger Seite. Hamburg hatte den Krieg schon hinter sich.
Und in Wedel wurde noch schnell Sprengstoff verbuddelt. Wann das geschah ist nicht zu sagen. Die Stocksbrücke im Autal und die Mühlenbrücke sollten bei Bedarf in die Luft gejagt werden. Es kam nicht mehr dazu. Wenige Tage später war Wedel besetzt und die Bombe unter der Stocksbrücke vergessen. Umso überraschter waren die Arbeiter, die im August des Jahres1952 die Brückenbeleuchtung reparierten und in einer Tiefe von 50 cm auf den 500 kg-Sprengkörper stießen. Was hätte da alles passieren können? Text: Arno Schöppe

Wedeler wird Gastwirt in Tokyo

Er war wie im Kino: Der Spion kam ins Lokal „Rheingold“, bestellte Eisbein mit Sauerkraut. Hier traf er sich mit Kontaktmännern, feierte mit Champagner und Animiermädchen seinen 40. Geburtstag. Das muntere Spiel des sowjetischen Geheimagenten Dr. Richard Sorge fand vor den Augen von Helmuth Ketel, genannt Papa Ketel, Wirt des Lokals in Tokyo statt. Helmuth Ketel war Wedeler Jung und Sohn des Kaufmanns und Maurers Hellmuth Ketel aus der Rolandstraße. Der gelernte Schlachter erlag 1913 dem Ruf der Marine und fuhr als Signalgast, also Matrose, der mittels Flaggen oder Licht Signale weitergibt, auf dem Kreuzer Emden.

Zum Kriegsbeginn 1914 wechselte er zur Marine-Kompanie der Stadt Tsingtau gelegen im Deutschen Schutzgebiet Kiautschou, im Süden der chinesischen Ostküste. Nach der kriegsbedingten Belagerung durch japanische und britische Truppen vom September bis November 1914 kam es zur Kapitulation. Anschließend kam Ketel, ebenso wie alle Reichsangehörigen, die sich zu dem Zeitpunkte in Tsingtau befanden, in ein Japanisches Gefangenenlager bei Tokyo. In diesen Lagern gab es viel Bewegungsfreiheit. So gab es Theater-, Konzert- und Sportveranstaltungen, aber auch regen Handel zwischen den Lagern und der Bevölkerung. Daher ist es nicht verwunderlich, dass nach der Räumung der Gefangenenlager, einige ehemalige Insassen nicht wieder nach Deutschland zurückkehrten, sondern in Japan verblieben. Ketel gehörte zu ihnen und machte sich als Gastwirt selbstständig. Im Jahr 1928 eröffnete er eine Bar, das erwähnte Rheingold direkt im Zentrum Tokyos. Das Etablissement entwickelte sich schnell zum Mittelpunkt der Deutsch-Japanischen Begegnung. Hier gab es neben deutschem Bier auch Tanz, Tee und Liebe. Dafür waren im Erdgeschoss des Lokals kleine Plaudernischen abgeteilt. In diesen konnten sich Männer, u.a. auch der japanische Ministerpräsident, mit den japanischen Animiermädchen, denen der Wirt Papa Ketel deutsche Namen gab, entspannen. Richard Sorge arbeitete seit 1933 offiziell als Korrespondent der Frankfurter Zeitung in Japan. Inoffiziell aber war er seit mindestens 1929 tätig für den sowjetischen Geheimdienst und konnte als Journalist seine guten Kontakt zum deutschen und japanischen Nachrichtendienst nutzen. Ende der dreißiger Jahre avancierte er zum Topspion. Über den Beginn der Kriegshandlungen gegen die Sowjetunion im Jahre 1941 hinaus, lieferte er wertvollste Informationen. Kurz danach wurde er gefangenen genommen und einige Jahre später gehenkt.

Ob der einstige Wedeler Helmuth Ketel wusste, welch umtriebige Ziele sein Gast Dr. Richard Sorge in seinen Wirtsräumen verfolgte, wissen wir nicht. Möglicherweise hätte er es auch nicht begrüßt, denn die patriotischen Auslandsdeutschen, die bereits 1933 in der Tokioter Ortsgruppe der NSDAP organisiert waren, trafen sich stets bei ihrem Kameraden, Helmuth Ketel im Lokal Rheingold. Sie ließen den Führer hochleben und vertrauten sich scheinbar „sorg“-los so manche geheime Information an. Text: Arno Schöppe