Vergitterte Fenster, zusätzliche Sicherheitsschlösser und ein ausgeklügeltes Mehraugenprinzip waren nötig, um in der Kriegs- und Nachkriegszeit eine halbwegs gerechte Verteilung der raren Lebensmittel sicherzustellen. In einem "Hochsicherheitsbüro" im Rathaus wurde die Ausgabestelle für die begehrten Lebensmittelkarten eingerichtet. Der Volksgenosse, respektive Untertan der Britischen Militärregierung, sollte nicht in den versehentlichen oder gar kriminell erlangten Genuss der überaus knappen Nahrungsmittel gelangen. Wie aber war es mit der Zuverlässigkeit der Ausgabestellen-Mitarbeiter bestellt?
1942 etwa, als die in der Kartenstelle arbeitende Ehefrau eines Buchhalters zur Verwunderung ihres Ehegatten trotz Kontingentierung immer "reichlich Lebensmittel" mit nach Hause brachte, kam der Veruntreuungs-Verdacht auf. Im Verhör rechtfertigte er sich gegenüber der Polizei: "Wir sind beide sehr starke Esser und ich bin der Meinung, dass es hierauf zurück zu führen ist". Der Polizeichef vermerkte am Rand des Protokolls ein spöttisches "prima". Aber auch die Lebensmittelgeschäfte, die für ihre Kunden Stammkarten zu führen hatte, waren extra gesichert und wurden stichprobenartig überprüft. Dennoch kam es häufig zu Einbrüchen und Marken-Diebstählen, auch dort waren Gaunereien an der Tagesordnung. So nahm die Polizei im Oktober 1945 mehrere Betrüger aus dem benachbarten Hamburg fest, die gleich in etlichen Wedeler Läden tätig wurden, so in den Lebensmittelgeschäften von Paula Behrmann, Hans Körner und Otto Martens. Sie hatten einige Rationen Butter mit gestohlenen Lebensmittelmarken eingekauft.
Florierender Handel in Privatwohnungen
Die entwendeten Buttermarken-Bögen waren auf dem Schwarzmarkt in Hamburg für 200 Reichsmark beschafft worden. Die Hamburger Behörden hatten zwar nach dem Diebstahl die Marken für ungültig erklärt, für die Nachricht aus Hamburg war die Wedeler Provinz aber zu weit abgelegen. Einen "richtigen" Schwarzmarkt, wie in der Großstadt, soll es in der Rolandstadt nicht gegeben haben. Dazu lag Hamburg mit den mannigfaltigen Angeboten wiederum viel zu nahe. Polizei und Verwaltung hatten aber durchaus Kenntnis davon, dass es einen florierenden Handel von Schwarz- und Tauschwaren in Wedeler Privatwohnungen gab. Auch in dem Barackenlager an der Rissener Straße sollen nach dem Kriege umfangreiche Tauschgeschäfte stattgefunden haben. Unter britischer Verwaltung, aber nicht mehr unter Bewachung, waren dort ehemalige Zwangsarbeiter untergebracht. Die "starke Esserin" und unersättliche Mitarbeiterin der Kartenstelle hatte ihren Griff in die Karten-Kasse bitter zu bereuen. Sie wurde in Haft genommen und dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Zuvor wurden alle Lebensmittel beschlagnahmt. Von da an war wieder Schmalhans Küchenmeister, wie anderswo auch. Text: Arno Schöppe