Unsere Wirklichkeit. Unsere Verantwortung. Unsere Zukunft
Sehr geehrter Herr Stadtpräsident, lieber Julian,
liebe Ratsfrauen und Ratsherren,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Wedelerinnen und Wedeler,
hinter uns liegt eine eisige Winterperiode. Zwar war für viele von uns der Schnee eine Abwechslung vom Alltag mit wunderschönen Landschaften und fröhlichen Kindern auf dem Schlitten, aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille, die unsere Situation offenbart.
Die Kollegen und Kolleginnen vom Bauhof und vom Ordnungsamt waren im Dauereinsatz und haben ein Vielfaches an Arbeitsstunden geleistet im Vergleich zu den Vorjahren. Es fehlte an notwendigen Geräten. Dächer und Straßen sind beschädigt worden.
Es war ein echter Kraftakt für Wedel und bleibt es. Denn nun müssen kostspielige Reparaturen vorgenommen und Prioritäten verschoben werden, und das, obwohl eigentlich keine finanziellen Mittel zur Verfügung stehen. Die Mangelverwaltung geht weiter.
Diese Kälteperiode und deren Folgen haben einmal mehr verdeutlicht, in welcher katastrophalen, finanziellen Lage sich unsere Stadt befindet.
Vor knapp einem Jahr habe ich mein Amt übernommen. Ich erbte nicht nur einen Schreibtisch, sondern eine Verantwortung. Eine Verantwortung für Zahlen, die erdrückend sind. Für eine Realität, die wehtut. Und für eine Zukunft, die wir nicht verspielen dürfen.
Heute, nach einem Jahr, stehe ich nicht hier, um Ihnen von Herausforderungen zu berichten. Ich stehe hier, um Ihnen unsere gemeinsame Wirklichkeit wiederholt schonungslos aufzuzeigen – aber auch um einen möglichen gemeinsamen Weg zu skizzieren, wie wir die Wirklichkeit verändern können.
Und ich bleibe dabei: Es wird niemand kommen, um uns zu retten!
Die Zahlen, die uns begegnen, sind mehr als Statistiken. Sie sind das Protokoll einer langen Vernachlässigung. 136,5 Millionen Euro Schulden. Das sind keine abstrakten Millionen. Tatsächlich haben wir eine Pro-Kopf-Verschuldung von ca. 3800 Euro in Wedel und gehören somit zu den am höchsten verschuldeten Kommunen in ganz Schleswig-Holstein. Unser Haushalt blutet jedes Jahr. Dieses Jahr mit einem Fehlbetrag von – 10,2 Millionen Euro und in 2027 mit -12,3 Millionen.
Wir halten diese Fehlbeträge mit Kassenkrediten am Leben – ein Teufelskreis, in dem wir neue Schulden aufnehmen, nur um die Zinsen der alten zu bedienen.
Und vor uns türmt sich ein Berg: ein Investitionsstau von ca. 250 Millionen Euro.
Das sind die undichten Dächer über den Köpfen unserer Kinder in der Schule.
Das sind die Straßen, die immer löchriger werden.
Das ist der Sportplatz, auf dem unser Nachwuchs nicht mehr trainieren kann.
Das sind die Spielplätze ohne Spielgeräte.
Das ist die marode Feuerwache, die abgängige Park & Ride Anlage, der Sozialtrakt am Bauhof, sanierungsbedürftige öffentliche Gebäude und vieles mehr.
Manch einer fragt sich wohl eher: Was ist noch in Takt?
Es sind schwierige Zeiten. Das weiß ich. Und ich werde weiter mit anpacken. Das habe ich versprochen und dabei bleibe ich. Aber bitte: Lassen Sie uns weiter gemeinsam, liebe Politikerinnen und Politiker, diese finanziellen Herausforderungen gestalten, bevor das Innenministerium eingreift.
Unser Kompass sollte daher auf einen einzigen Punkt ausgerichtet sein:
Haushaltsausgleich.
Das ist keine Option, es ist die Grundvoraussetzung für jede freie Entscheidung, die wir für Wedel treffen wollen.
Und eines ist klar geworden in den letzten Wochen: Wer bis zuletzt gehofft hat, dass das Sondervermögen uns retten wird, der ist herbe enttäuscht worden.
Seit Jahren ist klar, dass wir ein strukturelles Defizit bzw. eine Unterdeckung haben. So wie viele Städte und Kommunen in ganz Deutschland.
24,8 Milliarden Defizit waren es für alle in 2024. Absoluter Höchststand. Prognose steigend auf 31,6 Milliarden laut Deutschem Städte- und Gemeindebund für 2026. Versprochen wurden uns 100 Milliarden Euro für die nächsten 12 Jahre. Das sind 8,3 Mrd. Euro pro Jahr und reichen bei weitem nicht aus, um aus der strukturellen Unterfinanzierung von fast 25 Mrd. zu kommen.
Heruntergebrochen auf Wedel bleiben 15 Millionen übrig. Auf 12 Jahre verteilt sind es also 1,25 Millionen Euro pro Jahr. Bei den Herausforderungen, die wir haben ein Tropfen auf den heißen Stein und in Wahrheit reine Augenwischerei.
Wir brauchen einen Paradigmenwechsel auf höchster Ebene.
Aber solange das nicht geschieht, wird keiner kommen und uns in dieser Lage helfen.
Insofern wiederhole ich gern die einzigen drei Wege, die uns zu einem Haushaltsausgleich führen:
Erstens: Der Weg der aktiven Stärkung. Wirtschaftsförderung ist unsere Chance. Jedes neue Unternehmen, jede Expansion, jeder gesicherte Arbeitsplatz ist wie ein Baum, der Wurzeln in unserem steinigen Boden schlägt und uns langfristig Früchte bringt. Daran arbeiten wir. In 2025 gab es den ersten Spatenstich mit Firma Büttner, Firma Hagedorn hat das Xella Gelände übernommen und Fa. Thirteen /Seven GmbH wird es entwickeln. An der Rissener Straße steht DHL in den Startlöchern. Es gibt Investoren, die den Hafen entwickeln wollen. Wir sind dabei einen Citymanager für unsere Stadt auszuwählen, um eine Antwort für und mit unserem Einzelhandel zu finden. Der Umsatz bei Medac, Vincorion und Atlas steigt. Wir sind in guten Gesprächen mit den Unternehmern und müssen sie pflegen. Das alles sind Projekte und Entwicklungen, die Mut machen. An denen wir dranbleiben.
Zweitens: Der beharrliche Kampf um Gerechtigkeit. Ich kämpfe mit meinen Bürgermeisterkolleginnen und -kollegen in Kiel und Berlin für das Konnexitätsprinzip: Wer die Musik bestellt, muss sie bezahlen. 28 % aller staatlichen Aufgaben leisten die Kommunen, wir bekommen aber nur 16 % der Einnahmen. Die Wahrheit ist hart: Wir stehen in der finanziellen Nahrungskette ganz unten. Die jüngste Kreisumlageerhöhung war ebenfalls ein Beweis dafür.
Das führt zum dritten, entscheidenden Weg, vielleicht unserem einzigen Weg, den wir selbst bestimmen können:
Der Weg der schonungslosen Konsolidierung.
Sparen. Sanieren. Priorisieren. Dies ist eine Überlebensstrategie aus drei Gründen:
- Für Generationengerechtigkeit: Wir dürfen die Rechnung nicht unseren Kindern und Enkeln übergeben.
- Für Investitionsfähigkeit: Nur mit einem konsolidierten Haushalt haben wir Luft für die großen, nötigen Investitionen.
- Für Souveränität: Denn ein ausgeglichener Haushalt macht uns frei von der Gnade der Banken.
Und ich sage Ihnen: Es wirkt. Unser Plan zeigt die erste Trendwende seit Jahren: 5,1 Millionen haben wir konsolidiert. Die Zahlen sind im Haushalt 2026 sichtbar umgesetzt.
Ein mühsam erkämpfter Erfolg. Doch jetzt dürfen wir nicht locker lassen! Wir müssen weitermachen!
Dieser steinige Pfad ist nicht unmöglich. Durch kluge Planungen, Sanierung, Beharrlichkeit und – das ist entscheidend – durch den gemeinsamen Willen der Politik und der Bürgerinnen und Bürger schaffen wir es gemeinsam. Und kämpfen uns aus dieser Schieflage wieder nach oben.
Es werden in den nächsten Jahren harte Entscheidungen gefällt werden müssen. Wir müssen der Wahrheit ins Auge schauen. Die Bürgerinnen und Bürger wissen das und erwarten von der Politik und der Verwaltung ein dementsprechendes Handeln.
Eine gelungene Konsolidierung braucht nicht nur Mut in der Politik, sondern auch den festen Willen der Gemeinschaft.
Und diesen Willen spüre ich hier in Wedel! Denn neben dem Weg der Konsolidierung, den die Politik eingeschlagen hat, gibt es weitere flankierende Maßnahmen aus der Mitte der Gesellschaft heraus, die Mut machen. Ich habe bereits in meiner Rede beim Neujahrsempfang Beispiele genannt und möchte einige auch heute als Vorbildprojekte nennen.
Es gibt Wedelerinnen und Wedeler, die sich 2025 bereiterklärt haben, selbst aktiv zu werden:
Sie haben Spielplätze unterstützt und 9.000 Euro für ein neues Spielgerät gesammelt – damit unsere Kinder wieder lachen können.
Sie haben einen Förderverein für die Villa gegründet, um unser kulturelles Erbe zu bewahren.
Sie haben den SC Rist unterstützt und für die nötige Lichtanlage 41.000 Euro eingesammelt.
Dieses Engagement ist Gold wert. Es entlastet nicht nur den Haushalt. Es schweißt uns zusammen. Es schafft Identifikation.
Doch dies ist erst der Anfang. Wir brauchen mehr davon. Deshalb möchte ich eine Idee vorantreiben, die aus diesem Bürgerwillen eine dauerhafte Kraft macht und somit einen vierten Weg zum Haushaltsausgleich ebnen könnte: Den Aufbau einer Wedeler Bürgerstiftung. Ich stehe bereit, einen solchen Prozess zu begleiten.
Die nächsten Jahre werden hart. Es wird wehtun. Aber jede Entscheidung wird mit dem Ziel getroffen, die Zukunft Wedels zu sichern.
Wir stehen an einem Wendepunkt.
Wir können die Last der Vergangenheit einfach weiterschleppen – oder wir können sie ablegen, um uns eine neue Zukunft zu bauen.
Ich benutze nicht oft Zitate, aber möchte heute mit den Worten von Ludwig Erhard schließen, der wusste, dass wahrer Wohlstand auf solidem Grund steht:
„Es geht nicht um das Verteilen des Mangels, sondern um das Meistern der Fülle. Doch die Fülle von morgen erwächst aus der Disziplin von heute.“
Unsere Disziplin ist die Konsolidierung und das Dranbleiben.
Für ein Wedel, das nicht nur überlebt, sondern wieder aufblüht.
Packen wir es an.
Vielen Dank.
Es gilt das gesprochene Wort. Julia Fisauli-Aalto 26.02.2026