Drexel: Frau Fisauli, ist Ihnen der Internationale Frauentag persönlich wichtig?
Fisauli: Der Internationale Frauentag ist für mich viel mehr als ein symbolisches Datum. Er ist ein Moment des Innehaltens. Wir schauen zurück auf das, was Frauen über Generationen hinweg erkämpft haben – oft unter schwierigen Bedingungen. Und wir schauen nach vorne: Was müssen wir noch tun?
Ich denke an die vielen Frauen, die unsere Stadt Wedel tragen – in Unternehmen, in Vereinen, in sozialen Einrichtungen und in den Familien. Ihr Einsatz ist nicht immer laut, aber er ist unverzichtbar. Gleichzeitig wissen wir: Gleichberechtigung ist kein Selbstläufer. Sie braucht Aufmerksamkeit, Mut und manchmal auch die Bereitschaft, unbequeme Diskussionen zu führen.
Drexel: Was bedeutet Gleichstellung für Sie ganz konkret im Alltag?
Fisauli: Für mich bedeutet Gleichstellung, dass Mädchen und Jungen mit denselben Chancen aufwachsen. Dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit gleich bezahlt werden. Und dass Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen nicht automatisch als „Frauensache“ gilt.
Es geht um Respekt. Und darum, Strukturen so zu gestalten, dass niemand benachteiligt wird. Als Verwaltung tragen wir Verantwortung für faire Strukturen, gleiche Chancen und verlässliche Angebote – sowohl intern für unsere Beschäftigten als auch für die gesamte Stadtgesellschaft.
Drexel: Was tut die Stadtverwaltung für die Gleichstellung von Frauen und Männern?
Fisauli: Gleichstellung beginnt bei uns selbst. Deshalb achten wir sehr bewusst auf Chancengleichheit durch strukturierte und transparente Auswahlverfahren. Entscheidungen über Einstellungen oder Beförderungen werden nachvollziehbar getroffen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – für Mütter und Väter gleichermaßen. Wir bieten flexible Arbeitszeiten und Homeoffice an. Außerdem haben wir eine interne Ansprechperson für Fragen rund um das Thema Pflege. Viele Beschäftigte kümmern sich neben dem Beruf um Angehörige – auch das verdient Unterstützung.
In den vergangenen Jahren haben wir zudem große Fortschritte beim Thema Frauen in Führungspositionen gemacht: Inzwischen sind knapp über 50 Prozent unserer Führungspositionen mit Frauen besetzt. Das ist ein starkes Signal – aber auch ein Ansporn, diesen Weg konsequent weiterzugehen.
Drexel: Welche Rolle spielt die Stadt darüber hinaus beim Thema Frauenrechte?
Fisauli: Uns ist wichtig, klar Haltung zu zeigen. Die Politik hat Ende letzten Jahres beispielsweise das Bekenntnis zur Umsetzung der Istanbul-Konvention unterzeichnet – als klares Zeichen, dass Gewalt gegen Frauen in Wedel keinen Platz hat. Wir stehen für Schutz, Unterstützung und das Recht auf ein Leben ohne Gewalt für alle.
Drexel: Der Internationale Frauentag wird von manchen auch als Frauenstreiktag verstanden. Wie bewerten Sie diesen Gedanken?
Fisauli: Ich verstehe diesen Tag als Einladung, Haltung zu zeigen. Es geht dabei weniger um einen klassischen Streik im arbeitsrechtlichen Sinne, sondern um ein gemeinsames Signal.
Dieser Tag soll sichtbar machen, was Frauen täglich leisten – oft selbstverständlich und häufig unbezahlt oder unterbewertet – und zugleich auf bestehende Missstände wie Lohnungleichheit, strukturelle Benachteiligung oder Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen.
Ich finde es richtig und wichtig, wenn Frauen – und auch Männer – diesen Tag nutzen, um klar zu benennen, womit sie nicht einverstanden sind und was sich ändern soll. Fortschritt entsteht, wenn Anliegen sichtbar werden und wir gemeinsam darüber sprechen.
Drexel: An welche Frauen aus Wedels Geschichte sollten wir uns erinnern?
Fisauli: Frauen haben in Wedel auf verschiedene Weisen gewirkt. Mich persönlich beeindruckt Hanna Lucas. Sie wurde 1984 zur Ehrenbürgerin ernannt – für ihr jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement und ihren Einsatz beim Aufbau sozialer Einrichtungen in Wedel. Ihr Lebensweg war von schweren Erfahrungen geprägt: 1945 floh sie mit ihren Kindern aus Schlesien, verlor auf der Flucht eine Tochter – und begann dennoch mit großer Kraft, sich für andere einzusetzen. In Wedel engagierte sie sich in der Kommunalpolitik und in der Arbeiterwohlfahrt. Viele Kinder- und Senioreneinrichtungen gehen auf ihre Initiative zurück. Eine Straße in Wedel trägt heute ihren Namen – eine von wenigen Straßen, die nach Frauen benannt sind.
Drexel: Was wünschen Sie sich für die Zukunft unserer Stadt?
Fisauli: Ich wünsche mir eine Stadt, in der Gleichstellung selbstverständlich ist – im Beruf, im öffentlichen Leben und zu Hause. Eine Stadt, in der Respekt, Fairness und Sicherheit für alle gelten.
Und ich wünsche mir, dass wir uns immer wieder bewusstmachen: Fortschritt entsteht nicht von allein. Er entsteht, wenn Menschen Verantwortung übernehmen. Wenn wir alle an einem Strang ziehen, dann machen wir Wedel jeden Tag ein Stück gerechter.
(Stadt Wedel / Gleichstellungsbeauftragte)